Vorab eine Beobachtung, die der Historiker John R. Gillis hinsichtlich der Praxis öffentlichen Gedenkens in den USA notiert: Dort habe in den 60er Jahren ein Ikonoklasmus stattgefunden. Die nationalstaatlichen Formen der Selbstdarstellung seien, wie Gillis bemerkt, als »zu unpersönlich, totalisierend und entfremdend« wahrgenom-men worden. Seitdem haben neue Gruppen die Bühne betreten: ethnische und sexuelle Minderheiten, Frauen, Jugendliche, Vertreter neu entstandener Nationen usw., die nun ihrerseits nach »brauchbaren Vergangenheiten« suchten, um so ihrem angestrebten souveränen Status zum Ausdruck zu verhelfen. Resultat dieses Prozesses sei eine »Demokratisierung der Erinnerung« und, damit verbunden, die Pluralisierung der Formen des Gedenkens.1
Einen ähnlichen Prozeß kann man seit Anfang der 90er Jahre beispielsweise auch in der Gedenkstätte Ravens-brück beobachten. Neben den öffentlichen Gedenkfeiern, in deren Rahmen Politikerinnen und Politiker Anspra-chen halten, gibt es eine Reihe von Gruppen – Frauengruppen, interreligiöse oder christliche Gruppen – die vor Ort eigene Gedenkfeiern auf mitunter unkonventionelle Weise durchführen. Eine Veränderung ist aber auch in den von Politikern vor Ort gehaltenen Reden zu konstatieren: Zunehmend steht hier »der Mensch« an sich im Zentrum der Betrachtung. Der Nationalsozialismus und seine Vernichtungspolitik erscheinen weniger als Teil der deutschen Geschichte, sondern eher als ein anthropologisches Problem.
Handelt es sich bei diesem zunehmenden Rekurs auf den Menschen um einen Ausdruck dessen, was Gillis als »die postnationale Phase des Gedenkens« bezeichnet hat? Oder ist umgekehrt aus dieser Anthropologisierung ein neuer Code des nationalen Selbstverständigungsdiskurses abzulesen?
Bevor ich im folgenden Aussagen bundesdeutscher Politiker an Orten ehemaliger Konzentrationslager skizziere, gilt es, Elemente der nationalen Sprache des Gedenkens in Deutschland genauer in den Blick zu nehmen. In einem dritten Schritt geht es um Aspekte religiösen Gedenkens in den KZ-Gedenkstätten.
I Nationale Gedenkfeiern sind, wie Mona Ozouf für die Französische Revolution gezeigt hat, durch den Wunsch eines Bruches mit der Vergangenheit gekennzeichnet. Nationalen Gedenkfeiern in Europa ist seither ein »cult of new beginnings« eigentümlich: Vor dem Hintergrund kollektiver Gewalterfahrungen und Massentötungen loka-lisiert sich die Nation als am Anfang einer neuen Ära stehend.2 In Deutschland hat sich für diesen Vorstel-lungsgehalt ein Begriff durchgesetzt, der sich von den Befreiungskriegen bis hin zur Deutschen Demokratischen Republik konstant gehalten hat und zwar der Begriff einer nationalen Wiedergeburt. Mit dieser christlich tradierten Metapher ist ein Deutungsmuster verbunden, das Gewalterfahrungen und Massentötungen in eine letzt-lich heilsbedeutende Konstellation überführt: So wurden die Toten der sogenannten Befreiungskriege, die Toten des deutsch-französischen Krieges 1870/71, die sogenannten Märtyrer des 9. November 1923 – um nur einige Beispiele zu nennen – angesprochen als Opfer, die zum Zweck einer »nationalen Wiedergeburt« erbracht worden seien. Auch die Deutsche Demokratische Republik verstand sich zunächst »als das große Vorbild und als Bollwerk für die nationale Wiedergeburt Deutschlands«;3 hier habe sich, wie im Rahmen der Gedenkfeiern in Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen unablässig betont wurde, das Vermächtnis der Toten erfüllt.
Mit dem Kult des Neuanfangs, der die Massentötungen qua Opfersprache in einen sinnvollen Deutungskontext transponiert, verbindet sich ein zweites Merkmal der nationalen Sprache des Gedenkens: Die extensive nationale Selbstthematisierung im Rahmen von Gedenkfeiern. Ein Beispiel aus der deutschen Nachkriegsgeschichte ist die Rede Kurt Hagers, Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED, anläßlich des 40. Jahrestages der Be-freiung des KZ Ravensbrück am 30. April 1985: Das von ihm in Ravensbrück referierte Leistungsverzeichnis der DDR umfaßt das »dynamische Wirtschaftswachstum«, das »hochentwickelte Bildungssystem«, die außen-politischen Erfolge, die verwirklichte »Gleichberechtigung der Frau« usw.4
Ein drittes Merkmal ist die Formensprache nationaler Gedenkfeiern, wobei sich zentrale Gestaltungselemente auf das deutsche Nationalfest von 1814 zurück verfolgen lassen: Die patriotische Rede, Rezitationen bzw. Lie-der, der Eid oder das Gelöbnis, das Feuer oder die Flamme, die Präsenz der Schuljugend, das Mittragen von Transparenten oder bildlichen Darstellungen.5 Das militärische Zeremoniell, unabdingbarer Bestandteil der Gedenkfeiern in Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen bis 1989, trat erst im Wilhelminismus hinzu.
Deutlich wird, daß die Gedenkfeiern zur Zeit der DDR durch tradierte Elemente nationaler Festkultur strukturiert waren. Dieser Befund wird noch einmal durch die Tatsache unterstrichen, daß die drei großen Gedenkstätten der DDR, Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen, explizit als nationale Einrichtungen gegründet und gekennzeichnet waren.
Daß in der alten Bundesrepublik Gedenkfeiern an Orten ehemaliger Konzentrationslager nicht national codiert waren, ist bekannt. Zahlreiche Gedenkstätten in Westdeutschland sind aus einer gesellschaftlichen Opposition heraus entstanden.6 Die Symbolsprache für die »Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft« war im Westen jahrzehntelang primär christlich geprägt. Ein Beispiel ist der 1986 verhinderte Plan der Bundesregierung, ein Mahnmal in Form einer überdimensionierten, schwebenden Dornenkrone in Bonn zu errichten.7
II Die folgenden Überlegungen zur Frage nationalen Gedenkens basieren auf Reden, die Repräsentanten der Bun-desrepublik Deutschland – des Bundes und der Länder – im Lauf der 90er Jahre in den Gedenkstätten Dachau, Neuengamme, Sachsenhausen, Ravensbrück, Brandenburg-Görden und Neustadt-Pelzerhaken gehalten haben.8 Diese Reden bestehen im wesentlichen aus drei Argumentationsfeldern von allerdings jeweils sehr unter-schiedlicher Gewichtung:
1. Die Thematisierung des NS als Teil deutscher Geschichte: In diesem Teil der Reden wird zunächst mehr oder minder Bezug genommen auf die Geschichte des jeweiligen Ortes. Deutschland wird explizit beim Namen ge-nannt und als »Land des Holocaust«, als »Land staatlichen Mordens« bezeichnet. (Henning Voscherau, Neuen-gamme 1995) »Deutschland hat diesen Krieg über die Völker gebracht. Es ist verantwortlich für unzählige Verbrechen,« so Heide Simonis in Pelzerhaken 1995. Vom Leid, das »vielen Menschen von Deutschen und in deutschem Namen zugefügt« wurde, spricht Hans-Otto Bräutigam in Brandenburg-Görden 1995. Klaus Kinkels Rede in Sachsenhausen 1995 bewegt sich in der bekannten Opposition von »uns Deutschen« einerseits und »den Nazis« bzw. den »Nationalsozialisten« andererseits.
2. Kontrastiert wird diese Rede – und das ist das zweite Feld – durch die Thematisierung der Bundesrepublik Deutschland: »Wir sollten uns immer wieder in Erinnerung rufen,« so Jutta Limbach in Sachsenhausen 1995, »daß das im Jahre 1949 in Kraft getretene Grundgesetz eine Antwort auf die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten war.« Und Heide Simonis, Pelzerhaken 1995: »Wir stehen unverrückbar zum demokratischen Rechtsstaat.« Das Bekenntnis zum Rechtsstaat verbindet Hans Zehetmair in Dachau 1994 mit einem Lob der deutschen Bevölkerung: »Alle Umfragen zeigen, daß sich an der grundsätzlich ausländerfreundlichen Haltung der Bevölkerung [...] hierzulande nichts geändert hat. Die große Mehrheit der Bevölkerung hat ihre Abscheu gegenüber Extremismus und Gewalt unmißverständlich zum Ausdruck gebracht.« Und Monika Hohlmeier, Dachau 1999: »Im demokratischen Rechtsstaat verwirklicht sich im Grunde das Vermächtnis derer, die in den Konzentrationslagern entsetzlich gelitten haben« – die Wortwahl der CSU-Politikerin erinnert hier eigentümlich an das Abonnement auf das Vermächtnis der Toten, das in den Gedenkansprachen der DDR so überaus verbreitet war.
3. Während der erste Argumentationsstrang den NS als deutsches Problem mehr oder weniger beim Namen nennt und der zweite die Geschichte der Bundesrepublik als Erfolgsgeschichte schildert, liegt die dritte Figur quer zu beiden: Dies ist die Rede vom Menschen, die in gleichsam transhistorischer Geste beide Zeiträume umfaßt. Um deutlich zu machen, welchen Platz die Rede vom Menschen gegenüber den beiden anderen Argumen-tationsfeldern behauptet, seien an dieser Stelle die folgenden Zahlen genannt: In der Rede, die die damalige Präsidentin des Deutschen Bundestages, Rita Süssmuth, anläßlich des 50. Jahrestages der Befreiung am 23. April 1995 in Ravensbrück gehalten hat, kommt der Begriff »Deutschland« gar nicht und »die Deutschen« einmal vor, das Grundgesetz wird seinerseits einmal erwähnt. Die Begriffe Mensch, Menschenwürde, menschlich werden hingegen insgesamt 15 Mal genannt.
Im Rahmen dieses Argumentationsfeldes wird der NS als die Erfahrungsdimension angesprochen, die gezeigt hat, »wozu Menschen fähig sind« (Steffen Reiche, Sachsenhausen 1995). Der NS war das »menschenverachten-de Geschehen«, eine »unmenschliche Maschinerie«, eine »unmenschliche Bürokratie« und damit – so Jutta Lim-bach in Sachsenhausen 1995 – Ausdruck einer »unbegreiflichen Trägheit des Herzens der Menschen« (siehe Lukas 24, 25). Der NS, so Rita Süssmuth (Ravensbrück 1995) habe gezeigt, »daß alles, was wir dem Menschli-chen in seinen ursprünglichen und anerzogenen Formen zurechnen, zusammenbricht, wenn es systematisch im Menschen zerstört und ausgeschaltet wird.«
Gleichwohl, so resümiert beispielsweise Bräutigam, haben »die Leidenserfahrungen so vieler Menschen schließlich doch den Weg freigelegt [...] für eine bessere Zukunft und für ein menschenwürdiges Dasein in den europäischen Ländern.« Und Klaus Kinkel: »Was uns als Menschen verbindet, ist stärker als alles, was uns voneinander scheidet.«
Nun zitiere ich diese Äußerungen nicht, weil ich glaube, daß sie widerlegt werden müssen. Die Frage lautet nicht: Ist es richtig oder falsch, die Geschichte des Nationalsozialismus und der NS-Verbrechen als Geschichte von Menschen zu erzählen. Die Frage ist vielmehr: Auf welche Weise thematisieren deutsche Politiker diese Geschichte nach der Vereinigung und welche Schlußfolgerungen ziehen sie daraus? Denn es zeigt sich, daß sich die scheinbar unpolitische Rede vom Menschen durchaus mit einer sehr spezifischen Interessenslage verbinden läßt:
»Weil wir mit der Vergangenheit gebrochen haben,« so Kinkel, »werden wir wieder in die Völkerfamilie aufge-nommen.« Und Björn Engholm, der in Neuengamme 1990 explizit vom »Beginn dieser neuen Zeit« spricht, fordert: »Miteinander die Zukunft Europas human gestalten.« Oder Bräutigam: »Leisten wir unseren Beitrag zur Erhaltung des Friedens. Dann wird auch dem vereinigten Deutschland Vertrauen entgegengebracht werden.«
Diese Formulierung vom vereinigten Deutschland, dem Vertrauen entgegengebracht werden soll, ist symptomatisch für das Bemühen bundesdeutscher Politiker, die internationale Sorge über diese neue deutsche Einheit zu beruhigen. Wie Detlef Garbe beobachtet hat, bedarf die offizielle Politik der KZ-Gedenkstätten als »Demonstra-tionsobjekte dafür, daß das ökonomisch und politisch mächtige und nun auch wieder geographisch größere Deutschland« die Abkehr vom »Dritten Reich« sichtbar und glaubwürdig vollzogen hat.9 Vor diesem Hinter-grund gesehen leistet die Rede vom Menschen folgendes:
Sie stiftet einen Konsens, in den nicht nur die Deutschen einbezogen sind, sondern alle Europäer. In den 90er Jahren hat in einer Reihe europäischer Nationen eine kritische Auseinandersetzung mit den nationalen Gründungsmythen der Nachkriegszeit begonnen; Fragen der Kollaboration mit dem »Dritten Reich« unterliegen seither nicht mehr dem strengen Tabu wie in den Jahrzehnten zuvor. Die Rede vom Menschen ist in diesem Kontext geeignet, aus einem gemeinsamen »Europa der Sünder«, wie der Historiker Klaus Naumann formuliert, »ein geläutertes Zukunftsprojekt zu destillieren.«10
Hinzu kommt, daß mit dem Ende des Kalten Krieges auch dessen ideologische Sinnstiftungen erloschen.11 Gefragt waren jetzt Orientierungsgrößen, die die Geschichtsdeutung auf ein neues und zuverlässiges Fundament stellen. Die Rede vom Menschen verspricht ein solches fundamentum; sie steht im Zeichen des Gültigen, Blei-benden und Angemessenen. Im Begriff des Menschen sind die Unterschiede zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen, Tätern und Opfern, Siegern und Verlierern aufgehoben und verschwinden »im existentiellen Dunkel der großen Katastrophe«12 – einem Dunkel, vor dem das Licht der Gegenwart und Zukunft um so heller aufscheint.
Diese Figur eines Neuanfangs – vor dem Hintergrund einer dunklen Vergangenheit, mit der man gebrochen hat – ist nun ein zentrales Merkmal der nationalen Sprache des Gedenkens. Auch der regelmäßige Verweis auf den bundesdeutschen Rechtsstaat in den Gedenkansprachen wäre zumindest strukturell mit dem Hohen Lied auf nationale Verdienste zu vergleichen, auch wenn bundesdeutsche Politiker auf das Referieren ganzer Leistungs-nachweise verzichten. Demgegenüber hat sich die Formensprache nationaler Gedenkfeiern weitgehend verändert: Seit 1990 steht beispielsweise in Ravensbrück keine Jugend mehr Spalier, keine Gelöbnisse finden statt, keine Flamme wird mehr entzündet. Die nationale Geschichte wird in den 90er Jahren als eine Geschichte der Menschheit vorgestellt. Vor diesem Hintergrund erscheint Europa als die Verkörperung eines universellen Pro-gramms, das es der Bundesrepublik Deutschland ermöglicht, sich als Gleiche unter Gleichen in einer versöhnten Gemeinschaft zu verorten.
III Öffentliche Akte des Gedenkens, so die Definition des Politologen Peter Steinbach, sind häufig durch eine »gruppenlegitimatorische Funktion« gekennzeichnet. Dieser gruppenlegitimatorische Bezug führe allerdings zu einer »Parzellierung kollektiv-geschichtlich wichtiger Ereignisse« und damit unter Umständen auch zu einer Blockierung des Mitgefühls gegenüber dem Leiden der anderen. Dagegen setzt Steinbach ein gleichsam integra-tives Gedenkkonzept, das darauf zielt, »die Leidenserfahrungen, die die Geschichte der Diktaturen im 20. Jahr-hundert hervorgebracht hat, in ihrer Gesamtheit zu betrachten.«13
Indes stellt sich die Frage, ob öffentliche Akte des Gedenkens ohne diese gruppenlegitimatorischen Bezüge überhaupt möglich sind. Selbst dort, wo im Zentrum des Gedenkens »der Mensch« steht, scheint die Evokation von Bildern einer versöhnten Gemeinschaft – in unserem Zusammenhang: Europa – unvermeidbar. Bereits Nietzsche kritisierte Gedenkfeiern als einen »Effect an sich«, demgegenüber »die Vergangenheit selbst Scha-den« leide: »ganze große Theile derselben werden vergessen, verachtet und fließen fort wie eine graue, ununterbrochene Fluth, und nur einzelne geschmückte Facta heben sich als Inseln heraus.«14
Das Herausheben solcher »geschmückter Facta« ist nun auch Gedenkfeiern eigentümlich, die nicht im Zeichen einer nationalen Selbstverständigung stehen. Beispielsweise ist in der Gedenkstätte Ravensbrück seit Anfang der 90er Jahre eine Zunahme religiöser bzw. christlicher Gedenkveranstaltungen zu beobachten. So findet seit 1993 alljährlich ein Gedenkgottesdienst für die französische Ordensfrau Elise Rivet im Zellenbau der Gedenkstätte statt. Elise Rivet ist am 30. oder 31. März 1945 in Ravensbrück ermordet worden; der Legende zufolge hat sie am Karfreitag 1945 zugunsten eines anderen Häftlings, einer Familienmutter, den Opfertod auf sich genommen. Im Jahr 1991 wurde der Seligsprechungsprozeß für Elise Rivet eingeleitet. Dieser Umstand ist unterschiedlichen Interessenslagen geschuldet:
Zum einen wurden unter Papst Johannes Paul II. bisher weitaus mehr Christen selig und heilig gesprochen als von seinen Amtsvorgängern in den vergangenen vierhundert Jahren.15 In dem vom Papst 1996 in Auftrag gegebenen deutschen Martyrologium des 20. Jahrhunderts stellen die NS-Verfolgten die größte Gruppe unter den Martyrern dar.16 »Diese Blutzeugen belegen,« so der Beauftragte der deutschen Bischofskonferenz Helmut Moll, »die Kraft eines lebendigen Glaubens in gottloser Zeit. Sie nähren die Hoffnung auf eine Zukunft des Christentums auch in säkularer Umwelt.«17 So gesehen handelt es sich bei der drastischen Zunahme von Selig- und Heiligsprechungen um einen Akt der Kompensation aktueller Säkularisierungsprozesse seitens der katholischen Kirche.
Zum anderen haben nicht zuletzt die Heiligsprechungen von Maximilian Kolbe 1982 und Edith Stein 1998 ge-zeigt, daß die Wahl gerade dieser Martyrer nicht ganz frei von weltlichen Interessen war: Die Heiligsprechung Kolbes als »Martyrer der Versöhnung« erhob diesen – verkürzt gesagt – in den Rang einer Mittlerfigur zwischen Deutschland und Polen (und damit auch zwischen der Tätergesellschaft und den Verfolgten), während Edith Stein, als »Martyrerin aus Liebe«, zwischen dem Christen- und dem Judentum vermitteln sollte.18
Ein entsprechendes Partikularinteresse spielt auch in der angestrebten Seligsprechung des Ravensbrücker Häft-lings Elise Rivet eine Rolle: Obgleich der Anteil der Ordensfrauen in der katholischen Kirche schätzungsweise fünfmal höher liegt als der von Männern, scheint die Anzahl der Frauen unter den als Martyrern anerkannten NS-Verfolgten eher gering zu sein. In der gegenwärtigen liturgischen Verehrung Elise Rivets diagnostiziert die Theologin Constanze Jaiser ein deutlich »feministisches Anliegen, nämlich den bislang kaum gehörten, ge-schweige denn verehrten christlichen Häftlingsfrauen Stimme und Würde zu verschaffen.«19 Daß seit Anfang der 90er Jahre vor allem Frauengruppen eigene Gedenkveranstaltungen in Ravensbrück durchführen, bestätigt Jaisers Befund und illustriert darüber hinaus jene »gruppenlegitimatorische Funktion«, die Akten öffentlichen Gedenkens eigen zu sein scheint.
In der christlichen Religion ist die Erinnerung an Heilsgeschehen der Vergangenheit von zentraler Bedeutung. Die steigende Zahl der Selig- und Heiligsprechungen von NS-Verfolgten wie auch das wachsende Interesse christlicher Gruppen an KZ-Gedenkstätten zeigen, daß religiöse Deutungsmuster des Nationalsozialismus und der NS-Verbrechen gegenwärtig an Relevanz gewinnen. Gleichwohl ist mit dem universalistisch anmutenden Bezug auf das Heil keineswegs die Aufhebung von Partikularinteressen verbunden, wie nicht zuletzt auch die Auseinandersetzungen um das vor der Gedenkstätte Auschwitz errichtete »Papstkreuz« seit Ende 1998 gezeigt haben. Abschließend sei daher eine Gedenkveranstaltung skizziert, in deren Rahmen sich zwei unterschiedliche Gruppen in einer Art Gedenkkonkurrenz miteinander befanden: Der Kirchentag 1995 begann mit einer Gedenk-feier in der Gedenkstätte Neuengamme. Parallel zu dieser Veranstaltung fand vor Ort eine Demonstration schweigender Moslime statt; die »Gesellschaft für bedrohte Völker«, die die Demonstranten unterstützte, beklagte, »daß an dieser Stelle kein Wort über den Völkermord in Bosnien gesagt« würde. Die Besucher der Gedenkfeier, so schildert die Frankfurter Rundschau das Szenario, seien »schnell und wortlos« an den Demonstranten vorbei gegangen.20 Eine Vermittlung war hier offenbar nicht möglich. Der Eindruck entsteht, daß dort, wo der Geschichte unter der Prämisse des Heils gedacht wird, es immer auch um das Heil der je eigenen Gemeinschaft geht.
Um zu resümieren: An den öffentlichen Gedenkveranstaltungen an Orten ehemaliger Konzentrationslager sind in Deutschland seit Anfang der 90er Jahre zwei Entwicklungen zu beobachten: Erstens der zunehmende Bezug auf den Menschen an sich; die Geschichte des NS und der NS-Verbrechen wird als eine Geschichte der Menschheit erzählt. Und zweitens die Zunahme religiöser Gedenkfeiern: Hier wird der NS in Hinblick auf heilsgeschichtlich bedeutsame Ereignisse erinnert. Beiden Entwicklungen ist gemein, daß sie die Geschichte ins Prinzipielle, fast Zeitlose und deshalb Gültige transformieren.
Gleichwohl zeigt sich, daß selbst Universalkategorien wie die des Menschen oder die des Heils es nicht vermögen, gruppenlegitimatorische Bezüge in Akten des Gedenkens aufzuheben. Die Anthropologisierung des Geden-kens steht, wie die Reden deutscher Politiker zeigen, im Zeichen einer Integration der Bundesrepublik in die europäische Völkerfamilie. Die »Vereinigung« aller, »die ihr angehören [...] in ein und derselben moralischen Gemeinschaft« – so Durkheims Definition von Religion21 – ist auch das offenkundige Anliegen, das sich in christlichen Gedenkfeiern mitteilt.Öffentliche Gedenkfeiern zielen auf Gemeinschaftsstiftung, auf eine Deutung des Vergangenen, die sich für das Selbstverständnis einzelner Gruppen als nützlich erweist.
Eben das meint Gillis mit dem vielleicht etwas krassen Begriff von den »usuable pasts«, den »brauchbaren Vergangenheiten«, die sich Gruppen und Gemeinschaften zu eigen machen, um mit Hilfe dieser Vergangenheit ihren souveränen Status zu manifestieren. Zur Zeit der DDR verbürgten die Gedenkfeiern die eine und einzige Vergangenheitsdeutung, neben der keine anderen geduldet waren: Oppositionelle Gruppen, Lesben und Schwule, kirchliche Gruppen, die in den 80er Jahren nun ihrerseits Kränze in Ravensbrück niederlegen wollten, wurden von Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit observiert, Kranzschleifen abgeschnitten, unliebsame Einträge in den Besucherbüchern entfernt.22 Für diejenigen, die das antifaschistische Erbe als einen heiligen Text betrachten, kommt die »Demokratisierung der Erinnerung« einer Profanisierung gleich.23
Pluralistische Gesellschaften sind hingegen kaum in der Lage, einheitliche Geschichtsbilder zu generieren und streben das ihrem Selbstverständnis nach auch nicht an. (24) Die gegenwärtige Praxis öffentlichen Gedenkens in Ravensbrück zeigt, daß verschiedene Gruppen der KZ-Geschichte aus unterschiedlichen Interessen heraus begegnen: Die Lagergeschichte wird als Geschichte des Menschen erinnert, als Vorgeschichte eines vereinigten Europas, als Heilsgeschichte, als Geschichte der Frauen usw. Die Sprache des Gedenkens – als eine Sprache des »Effects an sich« – scheint mir indes wenig geeignet, zwischen diesen unterschiedlichen Interessen zu vermitteln. Eine solche Vermittlung leistet in erster Linie eine aufklärende Selbstreflexion und eine genaue und kenntnisreiche Auseinandersetzung mit der Realgeschichte – diesseits der Universalisierungen.
Anmerkungen
1 John R. Gillis: Memory and Identity: The history of a relationship, in: Ders. (ed.): Commemorations. The Po-litics of National Identity. Princeton University Press 1994, S. 3–24, hier S. 19
2 Zit. ebd. S. 8
3 Zit. Monika Gibas und Rainer Gries: Die Inszenierung des sozialistischen Deutschland. Geschichte und Dra-maturgie der Dezennienfeiern in der DDR, in: Dies. u.a. (Hg.): Wiedergeburten. Zur Geschichte der runden Jah-restage der DDR. Leipzig 1999, S. 11–40, hier S. 33
4 Vgl. Kurt Hager: Die DDR ist ein stabiler Faktor, in: Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der Deutschen Demokratischen Republik (Hg.): Die Geschichte lehrt: Alles für den Frieden. 30. April 1985: 40. Jahrestag der Befreiung des faschistischen Konzentrationslagers Ravensbrück. Berlin o.J., S. 7–19
5 Vgl. u.a. Dieter Düding: Das deutsche Nationalfest von 1814: Matrix deutscher Nationalfeste im 19. Jahrhun-dert, in: Ders., Peter Friedemann, Paul Münch (Hg.): Öffentliche Festkultur. Politische Feste in Deutschland von der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg. Reinbek 1988, S. 67–88
6 Vgl. Thomas Lutz: Ende des Gedenkjahres – Was bleibt? Thesen zur aktuellen und zukünftigen gesellschafts-politischen Bedeutung und inhaltlichen Arbeit der KZ-Gedenkstätten, in: Ministerium für Wissenschaft, For-schung und Kultur des Landes Brandenburg (Hg.): Erinnerung und Begegnung. Gedenken im Land Brandenburg zum 50. Jahrestag der Befreiung. Potsdam 1996, S. 55–59
7 Vgl. Insa Eschebach: Denkmal/Gedenkstätte, in: Metzler Lexikon Religion: Gegenwart – Alltag – Medien, hrsg. v. Christoph Auffahrt u.a. Stuttgart, Weimar 1999, Bd. 1., S. 242–246
8 Aus folgenden Reden wird zitiert: Rita Süssmuth, Präsidentin des Deutschen Bundestages, in: Erinnerung und Begegnung a.a.O., S. 70–74; Steffen Reiche, Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Bran-denburg, in: ebd. S. 83–85; Jutta Limbach, Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, in: ebd. S. 85–87; Klaus Kinkel, Bundesminister des Auswärtigen, in: ebd. S. 90–92; Hans-Otto Bräutigam, Minister der Justiz und für Bundesangelegenheiten des Landes Brandenburg, in: ebd. S. 116–118; Hans Zehetmair, Stellvertretender Mi-nisterpräsident und Bayerischer Staatsminister für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst. Grußwort anläßlich der Jahresfeier der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau am 1.5.1994. Archiv der Gedenkstätte Dachau; Monika Hohlmeier, Bayerische Staatsministerin für Unterricht und Kultus, Rede anläßlich des 54. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau am 2.5.1999. Archiv der Gedenkstätte Dachau; Hen-ning Voscherau, Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, Rede aus Anlaß des 50. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Neuengamme am 4.5.1995. Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme; Björn Engholm, Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein, Rede auf der Internationalen Manifestation zum 45. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Neuengamme und des Untergangs der KZ-Schiffe »Cap Arcona« und »Thielbek« am 3.5. 1990 in Neustadt/Holstein. Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme; Heide Simonis, Ministerpräsidentin des Landes Schleswig-Holstein, Rede aus Anlaß des Untergangs der KZ-Schiffe »Cap Arcona« und »Thielbek« am 3.5.1995 in Neustadt-Pelzerhaken. Archiv der Gedenkstätte Neuengamme
9 Detlef Garbe: Gradmesser der Glaubwürdigkeit. Gedenkstätten im 51. Jahr der Befreiung, in: Erinnerung und Begegnung, a.a.O., S. 52–55
10 Klaus Naumann: Der Krieg als Text. Das Jahr 1945 im kulturellen Gedächtnis der Presse. Hamburg 1998, S. 307
11 Vgl. ebd. S. 323
12 Helmut Dubiel: Niemand ist frei von der Geschichte. Die nationalsozialistische Herrschaft in den Debatten des Deutschen Bundestages. München Wien 1999, S. 269
13 Peter Steinbach: Von der Vielfältigkeit der Erinnerung – oder: Verschwindet die Erinnerung im Gedenken? In: Insa Eschebach, Sigrid Jacobeit, Susanne Lanwerd (Hg.): Die Sprache des Gedenkens. Zur Geschichte der Gedenkstätte Ravensbrück 1945 bis 1995. Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Bd. 11. Berlin 1999, S. 127–148
14 Friedrich Nietzsche: Unzeitgemässe Betrachtungen. Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben (1874), in: Ders.: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe. München 1980, Bd. 1, S. 262
15 Alexander Groß: Gehorsame Kirche, ungehorsame Christen im Nationalsozialismus. Mainz 2000, S. 76
16 Vgl. Markus Hesselmann: Das Buch der Märtyrer. Der Tagesspiegel vom 31.10.1999
17 Zit. ebd. S. 68
18 Vgl. Constanze Jaiser: Heiligenlegenden der Nachkriegszeit. Geschlechterstereotypen im christlichen Gedenken. Unveröff. Vortragsmanuskript 1999
19 Ebd.
20 Vgl. Karsten Plog: »Was auch immer in der Welt geschieht, ich staune nicht mehr.« Überlebende bei Gedenkfeier im KZ Neuengamme. Frankfurter Rundschau vom 16.6.1995; vgl. auch: Jürgen Wandel: Opfer durch Taten ehren. Das Sonntagsblatt vom 15.6.1995
21 Emile Durkheim: Die elementaren Formen religiösen Lebens. Frankfurt am Main 1994, S. 75
22 Vgl. Insa Eschebach: Jahrestage. Zu den Formen und Funktionen von Gedenkveranstaltungen in Ravensbrück, 1946–1995, in: Die Sprache des Gedenkens, a.a.O., S. 69–107.
23 Vgl. Gillis, a.a.O., S. 19
24 Vgl. Klaus Naumann, a.a.O., S. 316.