Werte gegen Gewalt

Betrachtung einer Soziologin über Auschwitz Rezension
11/2001Gedenkstättenrundbrief 104, S. 45-46
Franz von Hammerstein

Die Verfasserin diese für das Verständnis von Auschwitz wichtigen Buches war von Mai 1943 bis Oktober 1944 Häftling in Auschwitz, vorher, während dieser Zeit und auch nachher aktiv im Widerstand sowohl gegen die Nazis als auch später gegen die Kommunisten. Sie wurde im Mai 1945 nahe Flossenbürg befreit und kehrte nach Polen zurück, wo sie Soziologie studierte. Jochen August hat in einer ausführlichen »Editorischen Nachbemerkung« den Lebensweg der Verfasserin sowohl in dem von den Nazis besetzten Polen als auch später in den kommunistischen Jahrzehnten ausführlich beschrieben. Erst 1973 konnte das Buch mit ermutigender Hilfe des ebenfalls ehemaligen Auschwitz-Häftlings und für die Ehemaligen unerhört hilfreichen Artzes Stanislaw Klodzinski veröffentlicht werden. 1979 erschien eine englische Übersetzung und erst jetzt fast 30 Jahre später auf Initiative des ehemaligen Sühnezeichen Mitarbeiters Jochen August die deutsche Fassung.

Es geht nicht einfach um eine Beschreibung der meist schrecklichen Haft mit überwiegend tödlichem Ausgang, sondern um eine Analyse sowohl der verschiedenen Häftlingsgruppen (Männer/Frauen, Nationalitäten, Religionen usw.) als auch der Bewacher, der »Autorität des Terrors« (Kapitel 1). Welche Häftlinge sind zur Ermordung vorgesehen (Juden, Kinder, Alte), welche Häftlinge haben Überlebenschancen? Wie können sie sich gegenseitig helfen? Welche Kontakte hat es zwischen der Außenwelt und den Menschen im Lager gegeben? Wie war der Terror im Lager organisiert? (Kapitel 2) Der damalige Raum des Stammlagers, des Lagers Birkenau und die heutige Situation. (Kapitel 3) Wie wurde jede Solidarität unter den Häftlingen möglichst zerbrochen? Welche Rolle spielten die »Funktionshäftlinge«? (Kapitel 4) Die Formen des Terrors durch SS-Bewacher, durch »Sonderbehandlung«, durch sofortige Ermordung insbesondere der meisten Juden (ohne jede Registrierung), durch Diskriminierung angeblich »rassisch minderwertiger Slawen« (Polen, Russen, u.a.). Aber auch die Versuche zu überleben, waren vielfältig. (Kapitel 5) Leider entstand auch eine Hierarchie unter den Häftlingen: von Bevorzugten (Elite) zu »Muselmannen«, den Schwächsten, entstanden unüberwindliche Abgründe, die von der SS verstärkt wurden. (Kapitel 6) Die Häftlinge wurden mit verschiedenfarbigen Winkeln gekennzeichnet: Politisch (rot), Sexualtäter (rosa), Bibelforscher/Pazifisten (violett), Kriminelle (grün), Juden (gelber Stern) und mit Buchstaben (Länder/Nationen), sowie Nummern (am Arm tätowiert). Das alles war teils verwirrend, aber auch unterschiedlich hilfreich. (Kapitel 7)

So geht es weiter mit sieben weiteren, wichtigen Kapiteln, in denen interessante Aspekte des KZ geschildert werden, wie die verschiedenen Orte, die Todesfabrik, die Zahlenstärke des Gewaltapparates, Liebe und Erotik, Kämpfe um Macht, organisierten Widerstand und Gegenwehr, Mechanismen der Adaption und Selbstverteidigung, die Menschen und ihre Werte.

Ein Literaturverzeichnis hilft zu weiterem Studium. Jeder bisherige und auch jeder zukünftige Besucher von Auschwitz oder auch eines anderen KZ wird durch dieses Buch vielfältig bereichert.

Im einem kurzen Vorwort betont Wladislaw Bartoczewski, ebenfalls früherer Häftling in Auschwitz, späterer Häftling im kommunistischen Polen und nach der Wende prominenter, erfolgreicher Politiker, wie wichtig diese »Studie des totalitären Systems in seiner qualvollen Form« für uns heute ist, weil die Versuchung überall aufkommen könnte, »den Nächsten zu erniedrigen, ihm seine Würde zu nehmen, ihn zu versklaven und ihn zu vernichten«. Wir kennen Beispiele.

Werte gegen Gewalt – Betrachtung einer Soziologin über Auschwitz

Von Anna Pawelczyinska, aus dem Polnischen von Jochen August

Verlag des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau

287 Seiten, Oswiecim 2001.

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