Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald gibt es »Müllhalden«, die teils noch vor der Befreiung, aber auch im Zusammenhang mit dem Abriß des größten Teils des Lagers Anfang der fünfziger Jahre entstanden sind. Im Zuge der Neugestaltung der Gedenkstätte wurden archäologische Grabungen an diesen Halden und Abraum-Arealen durchgeführt. Hinzu kamen Freilegungen in den zu DDR-Zeiten vernachlässigten oder aus der Gedenkstätte ausgegrenzten Lagerbereichen. Diese Arbeiten haben einen Bestand von etwa 8 000 Objekten erbracht, die auf die Häftlinge des Konzentrationslagers und deren Situation im Lager verweisen. Bei den geborgenen Gegenständen handelt es sich in der Regel um einfache, häufig von Häftlingen selbst verfertigte Gegenstände des Lageralltags wie behelfsmäßige Hygiene- und Sanitärartikel, Werkzeuge, Löffel, Gabeln oder Eßgeschirre, die oft mit Initialen, Häftlingsnummern und -aufnäher, aber auch um Schmuck- oder Spielgegenstände und religiöse Objekte.
Als Sachzeugnisse deuten die Fundstücke auf die Lagerwirklichkeit im Allgemeinen, aber ebenso auf Einzelschicksale wie auch auf konkrete Transporte bzw. andere Lager und Zwangsarbeits-Kommandos, die mit Buchenwald in Verbindung standen. So gesehen sind sie historische Quellen, die über einen realienkundlichen Aspekt hinaus geschichtswissenschaftlich erschlossen werden können und zugleich in einmaliger Weise dazu geeignet sind, Erinnerung anzustoßen und Empathie zu befördern. Die besondere Aura der Fundstücke kommt nicht zuletzt von ihrem Charakter als Original und Fragment einer Lebens- bzw. Verfolgungsgeschichte her. Die Objekte berühren und werfen beinahe wie von selbst Fragen auf. Ereignisse, die sinnlich sonst kaum greifbar würden, scheinen in den Fundstücken wieder, wie zum Beispiel das Massensterben in den letzten drei Monaten der Existenz des KZ Buchenwald. Vor diesem Hintergrund sind die Realien - zumindest in der Wahrnehmung von Überlebenden und Angehörigen von Häftlingen - auch Reliquien.
Unter diesen etwa 8000 geborgenen Gegenständen befinden sich 28 Spiegel. Obwohl die Spiegel von drei unterschiedlichen Fundorten stammen, ähneln sich die meisten in ihrer Erscheinungsform. Neben einem kleinen, runden Handspiegel als Souvenir eines Magdeburger Modehauses, einem noch kleineren, ovalen Spiegel als Teil eines Schmuckstücks sowie Scherben einfacher, runder Taschenspiegel fallen zwei Gruppen besonders auf. Dabei handelt es sich zum einen um aus Glasscheiben unterschiedlicher Stärke teils rechtwinklig herausgeschnittene, teils unregelmäßig herausgebrochene, dann nachträglich angeschliffene und handgerecht gemachte Spiegelfragmente. Die zweite Gruppe ist spezieller: Die meist rechteckigen Spiegelscheiben wurden jeweils in eine metallene Fassung gebettet, die vorderseitig als Rahmen umkragt. Fast möchte man von einer Art serieller Produktion dieser Spiegel sprechen, so sehr gleichen sich Material, Beschaffenheit und Ausführung, auch wenn die Maße variieren. Worin alle Spiegel übereinstimmen ist ihr schlechter Erhaltungszustand. Die Gläser sind zerkratzt, abgerieben, verschmutzt, die Rahmen oft korrodiert, zersetzt oder gar deformiert, die Spiegelschichten befleckt, gelöst, abgeblättert und labil - die Spiegel also größtenteils blind.
Gewohntermaßen sind Spiegel selbstverständliche Gebrauchsgegenstände und im Alltag unverzichtbare Hilfsmittel. Sie sollen das, was vor ihnen ist, möglichst vollständig und regelmäßig wiedergeben. Sie dienen der Wahrnehmung des Eigenen und gleichen ein Manko aus, kann doch der Mensch weder sein Gesicht direkt betrachten noch seinen Körper in einen Blick bekommen. Die Eigenanfertigung von solcherart Gebrauchsgegenständen durch Häftlinge in der Mangelsituation der Konzentrationslager war ungewöhnlich. Häftlinge nahmen - notwendigerweise - offenbar dennoch verschiedene Situationen wahr, um sich Materialreste an Spiegelscheiben, Glasscheiben und Metall zu besorgen, diese nachzunutzen und daraus brauchbare Handspiegel herzustellen.
Daß für einige Häftlinge im KZ die Möglichkeit bestand, über den lagerinternen Handel auch an Gegenstände wie Spiegel zu gelangen, beschreibt zum Beispiel Jorge Semprun, als er in seinem Anfang der neunziger Jahre entstandenen Roman »Schreiben oder Leben« versuchte, die Tage unmittelbar nach der Befreiung Buchenwalds rückzuerinnern: »Sie stehen vor mir, mit aufgerissenen Augen, und ich sehe mich plötzlich in diesem schreckensstarren Blick: ihrem Entsetzen. Seit zwei Jahren lebte ich ohne Gesicht. Kein Spiegel in Buchenwald. Ich sah meinen Körper, seine zunehmende Magerkeit, einmal in der Woche, beim Duschen. Kein Gesicht auf diesem lachhaften Körper. Manchmal strich ich mit der Hand über eine Augenbraue, über hervortretende Backenknochen, eine hohle Wange. Ich hätte mir einen Spiegel besorgen können, sicher. Man fand alles mögliche auf dem schwarzen Markt des Lagers, im Tausch gegen Brot, Tabak, Margarine. Bei Gelegenheit sogar Zärtlichkeit.«
Es waren Offiziere der alliierten Armeen, die Mitte April 1945 im befreiten Lager vor dem Buchenwalder Häftling mit der Nummer 44904 - Jorge Semprun - standen. Der 1923 geborene Semprun hatte sich 1941 der kommunistischen Résistance-Bewegung »Franc-Tireur et Partisans« angeschlossen und war im September 1943 verhaftet und als »Politischer Spanier« am 29. Januar 1944 in das KZ Buchenwald deportiert worden. Dieser Transport von Ende Januar 1944 - der 1580 Menschen aus Compiègne nach Buchenwald brachte - endete im sogenannten Kleinen Lager von Buchenwald.
In Folge des Blitzkrieges, dessen Scheiterns im Osten und des Kriegseintritts der Vereinigten Staaten war die Zahl der aus allen besetzten Ländern in die KZ verbrachten Menschen rapide angewachsen. Vollkommen rechtlos und der SS ausgeliefert sollten sie Zwangsarbeit für den totalen Krieg leisten. Die Masse der in Buchenwald neu ankommenden Häftlinge wurde seit Anfang 1943 in einem unterhalb des Hauptlagers angrenzenden Sonderbereich, dem Kleinen Lager, untergebracht. Ursprünglich als Quarantänezone eingerichtet, fungierte das Kleine Lager zunehmend als Puffer, um das Hauptlager vor Überfüllung schützen zu können. Nur so konnte das Hauptlager funktionsfähig gehalten werden. Die Entlastung des Hauptlagers ging allerdings drastisch zu Lasten der Insassen des Kleinen Lagers. In den fensterlosen Unterkunftsbaracken - eigentlich Ställe der Wehrmacht, geplant für fünfzig Pferde - waren teilweise bis zu 1960 Menschen gepfercht. Die hygienischen Bedingungen im Kleinen Lager waren grauenhaft, die Verpflegungssätze reduziert. Anfangs verließen die Häftlinge nach vier bis sechs Wochen das Kleine Lager, um in die Arbeitskommandos der Buchenwalder Außenlager weitergeleitet zu werden. Mit dem Eintreffen der Evakuierungstransporte aus den östlich gelegenen Lagern wie Auschwitz oder Groß-Rosen ab Ende 1944 verwandelte sich das Kleine Lager endgültig in ein Sieche- und Sterbelager.
Jorge Semprun verblieb nach seinem Aufenthalt im Kleinen Lager im Hauptlager Buchenwalds, in Block 40, der Baracke der »Rückfälligen Politischen«. Im Lager hatte Semprun als Kommunist die Funktion eines Schreibers in der Arbeitsstatistik inne und gehörte der illegalen Widerstandsorganisation der Spanier an. So war er im Gegensatz zu den Häftlingen, die in lebensbedrohlichen Arbeitskommandos, wie Steinbruch oder Kommandos der Untertageverlagerung der Rüstungsindustrie, eingesetzt waren, relativ geschützt und nicht von direkter Auszehrung oder permanenter Schikane der SS-Wachmannschaften bedroht.
Ohne Zweifel gehörten Spiegel zu den raren Gegenständen im Lager. Ob die fünfzig Jahre später gefundenen Spiegel tatsächlich im Buchenwalder Kosmos des Hauptlagers zirkulierten ist ebenso unklar wie ihr Weg auf die Müllhalden. Nimmt man den Fundkontext einer der Fundorte ernst, so führt die Spur zum sogenannten Desinfektionsmüll und in die Zeit des letzten halben Jahres des Bestehens des KZ Buchenwald. Während der Aufnahme in das KZ mußten die neu ankommenden Häftlinge all ihre Habe vor der Desinfektion abgeben. Das Funktionsgebäude der Desinfektion diente als Schleuse, um Seuchen fernzuhalten. Die Häftlinge wurden geschoren, in eine desinfizierende Lösung getaucht und nackt in das benachbarte Kammergebäude getrieben, wo sie die Lagerbekleidung und die Nummern erhielten. Unter dem Vermerk »Bei Einlieferung abgegeben« wurden alle - als Effekten bezeichneten - Gegenstände auf entsprechenden Karteikarten der Effektenkammer eingetragen. Diese auszufüllenden Vordrucke fragten zwischen Bekleidung und Wertsachen, neben Schlüsseln, Tabakspfeifen und Kämmen auch Spiegel in einer langen Liste von Sachen ab. Was nicht als »Effekten« verwaltet wurde, kam in den Desinfektionsmüll, aber auch Bestände aus der Effektenkammer wurden auf Halden verkippt. Wahrscheinlich gelangten die Spiegel im Zuge der massenhaften Transporte aus anderen Lagern nach Buchenwald, sind also in anderen Lagern gefertigte Produkte, die entweder zu Lagerzeiten gemeinsam mit weiterem Müll oder aber während der Räumung des Lagers auf den Halden landeten.
In Buchenwald »waren Spiegel unterwegs«, erinnerte sich Rolf Kralovitz 2002 in einem Interview. Kralovitz, 1925 in Leipzig geboren, war im Oktober 1943 von der Gestapo verhaftet und als »Ungarischer Jude« zuerst in das Kleine Lager, dann in den »Jüdischen Block« Buchenwalds eingeliefert worden. Vor seiner Verhaftung hatte er ab Herbst 1941 in Leipzig als Gehilfe in der Friseurstube im jüdischen Gemeindehaus gearbeitet - eine Tätigkeit, die er im Lager zeitweise wieder aufnehmen konnte. »Ein Spiegel war ein sehr wichtiger Gegenstand, ein Schatz.« Im Lager bestand Rasurpflicht, und »nicht alle konnten zum Barbier, zum Blockfriseur«, deswegen seien Spiegel notwendig gewesen. »Möglicherweise hingen Spiegel in den Waschräumen und den Räumen des Krankenreviers, in den Räumen verschiedener Kommandos«, aber genau könne er sich nicht mehr erinnern, sei es doch gerade seine Arbeit gewesen, ohne Spiegel auszukommen, »anderen Häftlingen die Haare zu schneiden«, meint Rolf Kralovitz und verweist auf die immens unterschiedlichen (Über-)Lebenssituationen und Möglichkeiten in den beiden Lagerteilen Buchenwalds. Tatsächlich sieht man auf verschiedenen Fotografien, die 1943 im Auftrag der Lager-SS angefertigt wurden, in einigen Funktionsgebäuden Spiegel an den Wänden hängen, so etwa in der Apotheke des Krankenreviers, in der Pathologie neben dem Krematorium und im Keller der Häftlingskantine. Hingegen die Aufnahmen aus den Waschräumen der Unterkunftsbaracken zeigen über den Waschbecken leere Wände.
Etwa 10 Monate später als Rolf Kralovitz, sieben Monate nach Jorge Semprun und drei Tage vor dem Bombenangriff auf die Rüstungswerke direkt neben dem Lager, wurde Robert Antelme nach Buchenwald verbracht. In seinem Bericht »Die Gattung Mensch« - zuerst 1947, dann in einer überarbeiteten Fassung nach weiteren zehn Jahren erneut erschienen - reflektiert Antelme anhand seiner Lager-Erfahrung über Spiegel: »René besitzt ein Stück Spiegel, das er in Buchenwald nach dem Fliegerangriff vom August gefunden hat. Er nimmt es nur zögernd heraus, weil wir uns sofort allesamt draufstürzen und es ihm abverlangen. Wir wollen uns anschauen. Das letzte Mal, als ich den Spiegel hatte, war es schon lange her, daß ich mich nicht mehr angeschaut hatte. Es war an einem Sonntag; ich saß auf meinem Strohsack und ließ mir Zeit. Ich habe nicht sofort nachgeschaut, ob ich eine gelbe oder gräuliche Gesichtsfarbe hatte, wie meine Nase oder meine Zähne aussahen. Zuerst sah ich ein Gesicht auftauchen. Ich hatte es vergessen. Ich trug immer nur ein Gesicht auf den Schultern. Der Blick der SS, ihre immer gleiche Haltung uns gegenüber bedeuteten, daß es für sie keinen Unterschied zwischen diesem und jenem Häftlingsgesicht gab. Beim Appell in Fünferreihen mußte die SS in jeder Reihe fünf Köpfe zählen können. ›Zu fünf, zu fünf‹, fünf, immer fünf Köpfe. Ein Gesicht hob sich aus der Masse nur dann heraus, wenn ihm noch ein Gegenstand beigefügt war: zum Beispiel eine Brille, die sich in dieser Hinsicht als eine Katastrophe erwies. Und wenn jemand hervorgehoben, erfaßt bleiben sollte, damit man ihn nicht aus den Augen verlor, dann zeichneten ihm die Kapos einen roten Kreis und einen weißen Kreis auf den Rücken seiner gestreiften Jacke.«
Robert Antelme schildert hier die Verhältnisse im Buchenwalder Außenlager Gandersheim. Bevor Antelme am 1. Juni 1944 wegen Unterstützung der Résistance in einer Wider standsgruppe um Francois Mitterand von der Gestapo verhaftet worden war, hatte der studierte Jurist unter der Vichy-Regierung als Redakteur im französischen Innenministerium gearbeitet. Als Robert Antelme im August 1944 zusammen mit 1246 weiteren Häftlingen über Fresnes und Compiègne das KZ Buchenwald erreichte, war er 27 Jahre alt. Seine Nummernkarteikarte ist überliefert und vermerkt: »Antelme, Robert / geb. 5.1.17 Sartene / Bücherverleger / Polit. Franz. / 21. Aug. 1944« unter der kräftig aufgestempelten Häftlingsnummer »81474«. Am Vortag des 21. August war bereits ein Massentransport aus Paris mit 1650 Menschen in Buchenwald angekommen, fünf Tage zuvor Transporte aus den Konzentrationslagern Stutthof und Auschwitz mit 1350 und 1999 Menschen. Das KZ Buchenwald war seit langem überfüllt. Im Mai 1944 hatte die SS innerhalb des Kleinen Lagers ein Zeltlager aus fünf Militärzelten aufstellen lassen, ein weiteres Siechenlager in einem solchen. Von dort aus wurde Robert Antelme in das Außenlager Gandersheim deportiert. Über dieses Lager fährt er in »Die Gattung Mensch« fort:
»Auf der anderen Seite hatte niemand durch sein Gesicht der SS gegenüber etwas auszudrücken, das der Beginn eines Dialogs hätte sein können und auf dem Gesicht des jeweiligen SS-Mannes etwas anderes hätte hervorrufen können als diese ständige und für alle gleiche Ablehnung. Da also ein Gesicht in unseren Beziehungen zur SS nicht nur unnötig war, sondern ungewollt sogar gefährlich werden konnte, war jeder von uns bemüht, von sich aus sein eigenes Gesicht zu verleugnen, womit wir uns in Übereinstimmung mit der SS befanden. Verleugnet, zweimal verleugnet, oder aber so lächerlich und provozierend wie eine Maske - etwas von unserem alten Gesicht, der Maske des Menschen, auf unseren Schultern zu tragen, hieße in der Tat, einen Skandal hervorrufen - hatte sich unser Gesicht schließlich auch für uns selbst aus unserem Leben entfernt. Denn selbst in den Beziehungen der Häftlinge untereinander blieb das Gesicht mit diesem Nichtvorhandensein belastet, war fast zu diesem Nichtvorhandensein geworden. Bei den gleichen Streifen, dem gleichen geschorenen Schädel, der fortschreitenden Abmagerung, dem gleichen Lebensrhythmus hier war das, was dem einzelnen von den anderen auffiel, im Grunde tatsächlich nur ein weitgehend kollektives und anonymes Gesicht. Daher diese Art eines zweiten Hungers, der uns alle dazu trieb, uns durch den Zauber des Spiegels wiederzufinden.«
Im Anfang Oktober 1944 eingerichteten Lager Gandersheim als einem von weit über einhundert Außenlagern Buchenwalds mußten etwa 500 Häftlinge in Werkräumen der Bruns-Apparatebau GmbH unter brutalem Regime der SS für die Heinkel-Flugzeugwerke Zwangsarbeit leisten. Das Erscheinungsbild des KZ Buchenwald hatte sich grundlegend geändert. War die SS vor Mitte 1942 noch davon ausgegangen, daß alle zum Arbeitseinsatz ausgesandten Häftlinge nach geleisteter Zwangsarbeit täglich wieder in das Lager kommen mußten, waren seitdem immer mehr Außenlager entstanden. Bereits im Herbst 1943 war fast die Hälfte der Häftlingsbelegschaft Buchenwalds in solchen Außenlagern untergebracht, die durch das Stammlager verwaltet wurden. Buchenwalder Häftlinge arbeiteten für SS-eigene Firmen, für Baustäbe der SS oder der Organisation Todt, für die Wehrmacht, die Polizei, für Firmen der Rüstungsindustrie, für städtische Verwaltungen und vieles mehr. Und noch einmal Robert Antelme:
»An jenem Sonntag hatte ich mein Gesicht im Spiegel. Nicht schön, nicht häßlich, blendete es mich. Es war mitgekommen und lief hier herum. Es war jetzt zwar ohne Beschäftigung, aber es war da, das Gesicht, diese Ausdrucksmaschine. Die Visage der SS verblaßte daneben. Und die Gesichter der Kameraden, die sich ebenfalls betrachten würden, blieben in dem Zustand, den die SS ihnen aufgedrückt hatte. Nur das Gesicht im Spiegel war deutlich. Nur es wollte etwas ausdrücken, das man hier nicht empfangen konnte. Dieses Stück Glas öffnete sich auf eine Zauberlandschaft, eine Fata Morgana. So sahen wir hier nicht aus. So sahen wir nur im Spiegel aus, ganz für sich, und worauf die Kameraden so begierig warteten, das war dieses Stück glänzende Einsamkeit, in dem die SS-Leute und alle anderen ertrinken sollten. Doch man mußte den Spiegel aufgeben, ihn einem anderen weiterreichen, der schon gierig darauf wartete. Man stand Schlange für dieses Stück Einsamkeit. Und während man sie in der Hand hatte, seine Einsamkeit, bedrängten einen die andern. Aber selbst wenn ich den Spiegel nicht an einen anderen hätte abgeben müssen, hätte ich ihn doch weggelegt, weil ich das Gesicht, das drin war, bereits ansteckte, es infizierte; es wurde alt, es glich sich dem der Kameraden an, es hing herab, sah elend aus, so wie die Hände, die man mit leeren Augen anschaut. Und es war auch besser so. Dieser neue, vereinzelte, eingerahmte Gegenstand hatte hier nichts zu schaffen. Er konnte nur eine radikale Hoffnungslosigkeit hervorrufen, auf unerträgliche Weise eine Entfernung ausmessen lassen, die ihrem Wesen nach selber unerträglich ungewiß war: Es handelte sich hier nicht um einen vergangenen Zustand, an den man sich nur zu erinnern gehabt hätte wie an alle anderen vergangenen Zustände, und das ebenso gewesen wäre wie alle andern auch, nämlich einfach herzzerreißend. Es war vernichtend. Es war das, was man morgen wieder werden konnte, und gerade dies war das Unmöglichste.«
Robert Antelme gelangte aus Gandersheim mit einem Evakuierungstransport völlig erschöpft in das KZ Dachau, wo er Ende April 1945 von den Amerikanern befreit und von Freunden aus dem Widerstand in einem Haufen toter Häftlinge entdeckt und nach Frankreich zurückgeholt wurde. Über das Wiedersehen in Paris schrieb Marguerite Duras - mit Duras war Antelme seit 1939 verheiratet - in ihrem Tagebuch »Der Schmerz«: »In meiner Erinnerung hören die Geräusche in einem bestimmten Augenblick auf, und ich sehe ihn. Riesig. Vor mir. Ich erkenne ihn nicht wieder. Er sieht mich an. Er lächelt. Er läßt sich ansehen. In seinem Lächeln zeigt sich eine übernatürliche Erschöpfung, die, daß es ihm gelungen ist, bis zu diesem Augenblick zu leben. An diesem Lächeln erkenne ich ihn plötzlich, aber aus sehr weiter Entfernung, als ob ich ihn am Ende eines Tunnels sähe. Es ist ein Lächeln der Verlegenheit. Er entschuldigt sich, daß es so weit mit ihm gekommen ist, zum Abfall heruntergekommen. Und dann erlischt sein Lächeln. Und er wird wieder ein Unbekannter.« Unermeßlich behutsam und beschwerlich holten Duras und Freunde den todkranken Antelme - gezeichnet von acht Monaten KZ-Erleben - ins Leben zurück. 1946 ließen die beiden sich scheiden.1
Im Spiegelbild sieht man sich selbst. Das Hineinsehen ermöglicht die Selbstwahrnehmung, öffnet einen Raum für Reflexion und macht den Spiegel zum Erkenntnismittel. Daß dieser spiegelnde Übersetzungsvorgang massiv gestört und durch eine andere Wahrnehmung gebrochen werden kann ist eine Erfahrung, die Häftlinge bereits bei der Aufnahme-Prozedur in Konzentrationslagern machten. In der Desinfektion nahm man den anderen als Spiegel seiner selbst wahr, in der Gewißheit, daß man selbst auch gleich so aussehen werde - ein durch die SS bewußt erzeugtes Grauen. Primo Levi beschreibt diesen Umstand in seinem autobiographischen Bericht »Ist das ein Mensch?«: »Als wir fertig sind, bleibt jeder in seinem Winkel, und wir wagen es nicht, einander anzublicken. Es gibt nichts, worin wir uns spiegeln könnten, und doch haben wir unser Ebenbild vor Augen, es bietet sich uns in hundert leichenblassen Gesichtern dar, in hundert elenden und schmierigen Gliederpuppen. So sind wir nun in ebensolche Gespenster verwandelt, wie wir sie gestern abend gesehen haben.« Der 1919 in Turin geborene Levi war im Februar 1944 während seines Studiums der Chemie als Jude und Mitglied der Resistenza verhaftet und nach Auschwitz deportiert worden. In diesem KZ arbeitete er bis zur Befreiung des Lagers durch die Rote Armee im Januar 1945 unter extremen Bedingungen in den chemischen Laboratorien.
Sich Spiegeln meint Kommunikation mit sich selbst. Spiegel in Konzentrationslagern stehen für den Versuch, sich in dieser bizarren Welt an der Grenze des Sozialen im Auge zu behalten, mit sich klar zu kommen. So fassen sie sehr intime Momente zwischen Verwahrlosung, Entstellung, Selbstachtung und Selbstdisziplin, zwischen Verzweiflung, Enttäuschung, Selbstbehauptung und Herausforderung. Die Seltenheit solch banaler, alltäglicher Utensilien wie Spiegel in KZ mag auch ein wenig die in Lagern entstandenen Porträts - als Spiegelersatz - begründen: Häftlinge zeichneten oder malten Häftlinge, die sich sehen und zeigen wollten. Pragmatischer und etwas einfacher zu leisten war es möglicherweise, unter entsprechenden Bedingungen richtige Spiegel in den Lagern herzustellen und in Umlauf zu bringen. Bisher bleiben die auf dem Gelände der Gedenkstätte Buchenwald geborgenen Spiegel anonym. Sie weisen nicht auf konkrete Biographien - im Gegensatz zu anderen dort gefundenen Gegenständen. Weitere Funde und Recherchen werden zeigen, ob sich diese Anonymität etwas auflösen läßt.
1 Hinter Marguerite Duras' einfachen Grabstein auf dem Friedhof Montparnasse fand sich Anfang August 2003 ein vergilbter, fast schon zerfallener Fahrschein der Pariser Metro. Auf diesem Zettel stand, klein geschrieben in Tinte und kaum noch lesbar, »Ich liebe dein zerstörtes Gesicht«.