Sowjetische Kriegsgefangene im KZ Sachsenhausen 1941-1945

Russisch-deutsches Kooperationsprojekt erinnert an den grössten Massenmord im KZ Sachsenhausen
11/2001Gedenkstättenrundbrief 104, S. 38-40
Horst Seferens

Im Mittelpunkt einer Sonderausstellung in der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen steht die Ermordung der sowjetischen Kriegsgefangenen vor 60 Jahren.

Vom Titelfoto einer deutschen Illustrierten lachen fröhliche SS-Männer. Die Angehörigen des Kommandanturstabes des KZ-Sachsenhausen befinden sich auf einer Italienreise, die sie neben Orden und Sonderurlaub als Lohn für die Durchführung der größten Massenmordaktion in der Geschichte des KZ Sachsenhausen erhalten haben. Zwischen Ende August und Mitte November 1941 haben 15 bis 20 SS-Leute unter Leitung der Lager- und Rapportführer mindestens 10 000 sowjetische Kriegsgefangene im Industriehof mit Hilfe einer eigens errichteten »Genickschussanlage« ermordet. Weitere 3.000 Kriegsgefangene starben in diesen wenigen Wochen an Hunger, Krankheiten und Seuchen. An diesem im SS-Jargon »Russen-Aktion«genannten Massenmord waren neuen Konzentrationslager beteiligt, insgesamt wurden mindestens 38 000 Rotarmisten ermordet. In Sachsenhausen wurden nicht nur die meisten von Ihnen getötet, hier, in der »Inspektion der Konzentrationslager« war auch der Ort, wo dieser menschenverachtende Massenmord koordiniert und wo die Tötungsmethode erprobt wurde.

In den Einsatzbefehlen Nr. 8 und Nr. 9 hatte der Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich im Juli 1941 die Gruppe der »politischen Kommissare«, die aus den Kriegsgefangenenlagern auszusondern und exekutiert werden sollten, bewusst vage benannt, so dass die Ausführenden weite Ermessensspielräume hatten. Die Hinrichtungen selber sollten »nicht öffentlich und unauffällig (…) im nächstgelegenen Konzentrationslager durchgeführt werden«. In einer Besprechung unter Leitung von Theodor Eicke, an der die SS-Führen der KZ-Inspektion und des Kommandanturstabes des KZ Sachsenhausen teilnahmen, wurden die Einzelheiten festgelegt. Ein bisher nicht identifizierter Zivilist legte eine Konstruktionszeichnung für die »effiziente« Durchführung eines mechanisierten Tötungsverfahrens durch Genickschuss vor. Nachdem sich diese Anlage bewährt hatte, befahl die Inspektion die Kommandanten aller übrigen Konzentrationslager zur Besichtigung des Tötungsverfahrens nach Sachsenhausen, worauf hin auch in anderen Lager, wie etwa in Buchenwald, identische Anlagen errichtet wurden.

Die Ermordung der sowjetischen Kriegsgefangenen im KZ Sachsenhausen, die vor genau 60 Jahren stattfand, steht im Mittelpunkt einer Ausstellung, die am 18. November 2001 durch den Botschafter der Russischen Föderation in der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen eröffnet worden ist. Die Ausstellung wurde unter Federführung des »Obelisk«-Zentrums in Kooperation mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten erarbeitet. Das Obelisk-Zentrum in Moskau, das in diesem Jahr sein 25jähriges Bestehen feiert, ist eine dem russischen Kulturministerium angegliederte Institution, die sich der Errichtung und Pflege von Denkmälern und Ausstellungen für russische NS-Verfolgte im Ausland widmet. Vor einem Jahr hatten der russische Außenminister Igor S. Iwanow und sein deutscher Amtskollege Joschka Fischer in der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen ein Denkmal für die russischen Opfer eingeweiht.

In Texten, Bildern, Dokumenten und Gegenständen thematisiert die durchgängig dreisprachige (Deutsch, Russisch, Englisch) Ausstellung außerdem das Schicksal von sowjetischen Kriegsgefangenen im KZ Sachsenhausen bis 1945. Anhand zahlreicher Lebensläufe werden Beispiele für die Solidarität unter den Häftlingen und ihren Widerstand gegen den Terror der SS gezeigt. Mit dem Leutnant Aleksander Stoljarow kommt aber auch ein anderer Aspekt in den Blick: Seine eindrucksvollen Gedichte waren 1958 in der Küche des Sonderlagers von Sachsenhausen gefunden worden. Erst 1998 konnte er als Verfasser ermittelt und sein Schicksal geklärt werden. Stoljarow geriet nach der Befreiung als vermeintlicher Verräter in die Fänge des NKWD und kam in einem sibirischen Straflager ums Leben.

An fünf Video-Stationen berichten Überlebende über ihre Erlebnisse im KZ Sachsenhausen.

Erinnerungsstücke ehemaliger Häftlinge, im Lager gefertigte Gebrauchsgegenstände, Häftlingsbekleidung und Zeichnungen runden das Bild über die Situation der sowjetischen Kriegsgefangenen im KZ Sachsenhausen ab. Insgesamt bildeten die Häftlinge aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion eine der größten Häftlingsgruppen im KZ Sachsenhausen. Im rassistischen Weltbild der SS nahmen sie einen unteren Platz innerhalb der Häftlingsgesellschaft ein und waren besonders brutalen Haftbedingungen ausgesetzt.

Zugleich mit der Ausstellung wurde der rechte Flügel des Neuen Museums der Gedenkstätte wiedereröffnet. Der 1961 eröffnete Bau ist während einer gut einjährigen Schließung für rund 3,9 Mio. DM grundsaniert worden. Am 3. März 2002 wird der rechte Flügel mit den beiden Dauerausstellung zur Geschichte des KZ Oranienburg 1933/34 und zur Geschichte der Gedenkstätte 1950 bis 1989 wiedereröffnet. Im hinteren Bereich des Gebäudes und im Innenhof wird in einem 2. Bauabschnitt ab 2004 ein Museumscafé eingerichtet.

Günter Morsch, der Leiter der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen und Direktor der Brandenburgische Gedenkstättenstiftung, wies in seiner Ansprache darauf hin, dass der Massenmord an den sowjetischen Kriegsgefangenen nicht nur Teil des in der Menschheitsgeschichte bis dahin unbekannten, rassistisch motivierten Raub- und Vernichtungskrieges war. Zusammen mit dem Mord an den Psychatriepatienten bilde die »Russen-Aktion« eine Brücke, über die der Weg zur »Endlösung« beschritten wurde. So fanden in Sachsenhausen im Herbst 1941 auch Versuche mit Gaswagen statt, die später im Vernichtungslager Kulmhof eingesetzt wurde. Nicht zuletzt wurde die Bereitschaft der »Konzentrationslager-SS« getestet, auch große Massenmordaktionen durchzuführen.

Morsch dankte vor allem dem Mitglied des internationalen Beirates Mark Tilevitsch, der das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in Sachsenhausen selbst geteilt habe und ohne dessen unermüdliches Engagement die Ausstellung nicht zu Stande gekommen wäre. Tilevitsch, der gemeinsam mit dem ehemaligen Sachenhausen-Häftling Michail Dewjatájew an der Eröffnungsveranstaltung teilnahm, erinnerte sich in seiner Ansprache: »Ich lag halbtot auf der kalten Erde des STALAG X D in Witzendorf und erwartete täglich den Tod. Als man begann, große Gruppen von Gefangenen von dort ab zu transportieren, hatte ich nur den einen Gedanken: Hoffentlich kommst du auch bald dran, schlimmer konnte es nirgendwo sein. Es stellte sich jedoch heraus, dass es noch schlimmer sein konnte. Die Gefangenen wurden zur Erschießung nach Sachsenhausen gebracht. 20 Jahre nach dem Ende des Krieges habe ich das erfahren.«

»Sowjetische Kriegsgefangene im KZ Sachsenhausen 1941-1945« ist eine Sonderausstellung des Zentrums für die Erhaltung von Denkmälern und Soldatenfriedhöfen im Ausland beim Ministerium für Kultur der Russischen Föderation (Obelisk-Zentrum, Moskau) in Kooperation mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten/Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen und mit Unterstützung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg.

Ort: Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Straße der Nationen 22, 16515 Oranienburg, www.sachsenhausen.brandenburg.de

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 8.30 bis 16.30 Uhr (ab 1. April bis 18 Uhr)