Informationen zur Weiterarbeit der AG Gedenkstättenpädagogik

12/2002Gedenkstättenrundbrief 110, S. 31-33
Regina Gabriel, Daniel Gaede, Wolf Kaiser, Thomas Lutz u.a.

Die »Arbeitsgruppe Gedenkstättenpädagogik« hat sich im Jahr 2000 gegründet. Am Ende einer von Wolf Kaiser, Leiter der pädagogischen Abteilung der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, und Bernhard Schoßig, pädagogischer Leiter des Jugendgästehauses in Dachau, initiierten Tagung hat sich unter den damals im Haus der Wannsee-Konferenz etwa 60 Anwesenden eine Gruppe gebildet, die die Diskussion zur Gedenkstättenpädagogik intensivieren möchte. In ihr arbeiten mit: Regina Gabriel (Gedenkstätte Hadamar), Daniel Gaede und Helmut Rook (Gedenkstätte Buchenwald), Wolf Kaiser (Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz), Thomas Lutz (Stiftung Topographie des Terrors), Jens Michelsen (KZ-Gedenkstätte Neuengamme), Gunnar Richter (Gedenkstätte Breitenau) und Bernhard Schoßig (Jugendgästehaus Dachau). Etwas später ist Ulrike Puvogel (Bundeszentrale für politische Bildung) noch hinzugekommen.

Die hier Genannten haben sich im Dezember 2000 zu einem ersten Treffen zusammengefunden. Zunächst wurde eine Bestandsaufnahme der Bereiche, in denen eine übergreifende Zusammenarbeit hilfreich sein könnte, vorgenommen. Drei Bereiche haben sich hierbei herausgeschält:

– Die Planung und Durchführung von bundesweiten Gedenkstättenseminaren, die sich mit Gedenkstättenpädagogik beschäftigen, in etwa zweijährlichem Turnus

– Initiierung und Koordination von Diskussionsforen und Fortbildungsveranstaltungen zu spezifischen Themen

– Lobby für die Gedenkstättenpädagogik und deren inhaltliche Ausrichtung, auch im internationalen Diskurs.

Über dieses Arbeitsprogramm wurde im GedenkstättenRundbrief Nr. 99 (Februar 2001) mit dem ausdrücklichen Hinweis berichtet, dass Anregungen und Mitarbeit willkommen ist. Leider hat es im direkten Anschluss an diese Veröffentlichung nur sehr wenig Resonanz und nur zwei Anfragen zur Mitarbeit gegeben. Diese wurden zunächst zurückgestellt, da die AG sich in der Zwischenzeit mehrmals getroffen und intensiv an der inhaltlichen Vorbereitung des Gedenkstättenseminars gearbeitet hatte.

Nachdem die Mitglieder der AG gemeinsam das bundesweite Gedenkstättenseminar im Mai 2002 in Weimar durchgeführt haben, ist es nun an der Zeit, über die weitere Arbeit und die Zusammensetzung der AG sowie die kontinuierliche oder sporadische Zusammenarbeit mit Gedenkstättenpädagogen nachzudenken. In einem Auswertungsgespräch der Mai-Tagung im September wurden die inhaltlichen Themen beschrieben, die in der Gedenkstättenpädagogik angepackt werden müssten:

1 Wie kann eine Öffnung der Gedenkstätten im Hinblick auf eine menschenrechtsbezogene Bildungsarbeit konkret aussehen, die auch heutige Probleme einbezieht?

Es wurde angeregt, zunächst einmal festzustellen, welche Aspekte Gedenkstätten (und Einrichtungen mit partiell übereinstimmenden Zielen) in eigenen Veranstaltungen aufgreifen oder inwieweit sie andere Organisationen dabei unterstützen. Es solle auch untersucht werden, in welchen Formen sie gegenwärtige Probleme thematisieren und wie sie dabei mit anderen kooperieren. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Programmgestaltung und die Kooperationsformen wesentlich von den lokalen oder regionalen Bedingungen mitbestimmt sind, könnte die Übertragbarkeit der vorliegenden Erfahrungen auf andere Gedenkstätten diskutiert werden.

Daneben wurde vorgeschlagen, die nationalsozialistischen Verbrechen unter dem Aspekt zu untersuchen, welche Menschenrechte der Angehörigen verschiedener Opfergruppen im einzelnen verletzt worden sind und wie sich das auf die Biographien der Betroffenen ausgewirkt hat. Entsprechend könnten Biographien von Opfern rechtsextremer Gewalt heute untersucht werden. Eine solche vom konkreten Fall ausgehende, ihre Kategorien aus dem Menschenrechtsdiskurs beziehende Untersuchung könnte dann in Fragen nach den Verantwortlichen und den Ursachen der Menschenrechtsverletzungen münden, die für die verschiedenen Tatkomplexe vermutlich unterschiedlich beantwortet werden müssten.

2 In welcher Weise können Zeitzeugenberichte verwendet werden, wenn Zeitzeuginnen und Zeitzeugen selbst nur noch selten oder gar nicht mehr in der Gedenkstättenarbeit tätig sein können?

Diese Frage ist auf die möglichen Verwendungszusammenhänge, die pädagogischen Ziele und die Methoden beim Einsatz von Zeitzeugenberichten gerichtet, die in verschiedenen Medien (als Lesetexte, auf Tonträgern, als Videobänder oder als CD-ROM) in großer Zahl vorliegen. Es können sowohl verschiedene Rezeptionsformen als auch Formen der produktiven Aneignung (etwa durch selbst hergestellte Zusammenschnitte und kommentierende Erläuterung) einbezogen werden.

3 Welche Möglichkeiten der Arbeit mit Kindern in Gedenkstätten gibt es und wo liegen die Grenzen solcher Arbeit?

Zu diesen Fragen wurden unterschiedliche Einschätzungen geäußert, doch bestand Einigkeit darüber, dass man ihnen weiter nachgehen und im Hinblick auf die verschiedenen historischen Orte und die Gegenstandsbereiche differenzierte Antworten entwickeln sollte.

4 Welche Notwendigkeiten und Möglichkeiten gibt es in der Gedenkstättenarbeit, Gruppen mit multiethnischer und multikultureller Zusammensetzung besondere Angebote zu machen?

Es wurde angeregt, bei der Bearbeitung dieser Frage die in den Gedenkstätten tätigen internationalen Freiwillige und ausländischen studentischen Hilfskräfte einzubeziehen, da sie aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen Anregungen zu geeigneten Fragestellungen und Vorgehensweisen geben könnten.

5 Inwieweit sind grundlegende didaktische Überlegungen und methodische Konzepte sowohl in Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus wie auch in Gedenkstätten für die Opfer des SBZ/DDR-Regimes sinnvoll und erfolgreich anzuwenden?

Es wurde vorgeschlagen, diese während der Mai-Tagung in der AG Erwachsenenbildung diskutierte Frage nicht nur im Hinblick auf die Angemessenheit bestimmter pädagogischer Konzepte für die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen historischen Vorgängen zu formulieren. Vielmehr sollte auch erörtert werden, welche Auswirkungen die unterschiedlichen pädagogischen Traditionen in Ost und West und die verschiedenen Arbeitsbedingungen in den Gedenkstätten auf die Möglichkeit zur Erarbeitung gemeinsamer Positionen haben können.

6 Welche Formen der Projektarbeit lassen sich in Gedenkstätten realisieren?

In diesem Zusammenhang sollte auch die Frage erörtert werden, welche methodischen Verfahren, die in anderen pädagogischen Zusammenhängen entwickelt worden sind, in der Gedenkstättenpädagogik angemessen sind und welche angesichts der historischen Orte, die ja nicht ausschließlich Lernorte sind, als unangebracht erscheinen.

7 Welche didaktischen Überlegungen und methodischen Erfahrungen können einer genderspezifischen pädagogischen Arbeit in Gedenkstätten zugrundgelegt werden?

8 Wie kann Besucher- und Wirkungsforschung in Gedenkstätten so betrieben werden, dass sie zuverlässige und für die pädagogische Praxis aufschlussreiche Ergebnisse liefert?

(Das vollständige Protokoll ist in der PublicNewsgroup des Online GedenkstättenForums (www.gedenkstaettenforum.de) nachzulesen.)

Es ist die einhellige Meinung der Mitglieder der AG Gedenkstättenpädagogik, dass eine Mitarbeit von weiteren Gedenkstättenpädagogen bei den hier vorgeschlagenen oder noch auszuarbeitenden Themen möglich sein soll.

Um bei dem bestehenden Grad der Professionalisierung inhaltlich voranzukommen, ist es notwendig, dass Interessierte an einer Zusammenarbeit einige Voraussetzungen mitbringen: Erfahrungen in der Bildungsarbeit in Gedenkstätten, ein Arbeitsverhältnis im Zusammenhang mit Gedenkstätten, das eine kontinuierliche Tätigkeit in diesem Arbeitsfeld auch in Zukunft gewährleistet, und die Möglichkeit zur kontinuierlichen Mitarbeit in der AG Gedenkstättenpädagogik bietet.

An Mitarbeit Interessierte werden gebeten zu überlegen, ob sie im Hinblick auf die genannten oder weitere Fragestellungen Vorschläge einbringen wollen und diese in einer kontinuierlichen Form der Mitarbeiter umsetzen können.

Sie werden gebeten, solche Vorschläge an Bernhard Schoßig zu schicken, der sie zusammentragen und den Mitgliedern des Arbeitskreises zugänglich machen wird. Er hat es übernommen, das nächste Treffen zu koordinieren, und wird diejenigen, die Vorschläge eingesandt haben, dazu einladen. Er wird eine Diskussionsrunde, die voraussichtlich am 9. April 2003 im Jugendgästehaus Dachau stattfinden soll, moderieren, in der über die verschiedenen Vorschläge diskutiert und eine Verabredung zur weiteren Arbeit getroffen werden kann. Wir bitten daher, sich bei Bernhard Schoßig zu melden und dabei die eigenen Interessen und Möglichkeiten zu beschreiben:

Dr. Bernhard Schoßig

Jugendgästehaus Dachau

Rosswachtstraße 15 | 85221 Dachau

Tel. (081 31) 322 95-56 | Fax (081 31) 322 95-60

bernhard.schossig@jgh-dachau.de