Im NS-Vernichtungslager in Maly Trostenez bei Minsk wurden vermutlich mehr als 100 000 Bürger der Sowjetunion, die meisten von ihnen Juden, und etwa 25 000 vorwiegend deutsche, tschechische und österreichische Juden ermordet.1 Nur wenige Juden überlebten das Minsker Getto. Trotz des gewaltigen Ausmaßes der Verbrechen sind Trostenez und das Minsker Getto weitgehend unbekannt.
Im Rahmen eines belorussisch-deutschen Projekts unter Leitung des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks (IBB) Dortmund und des IBB Minsk, soll in Minsk eine Geschichtswerkstatt eingerichtet werden, um diese Lücke in Belarus und in Deutschland zu schließen.
Das Projekt wurde über verschiedene Mailinglisten bekannt gemacht. Interessierte wurden gleichzeitig aufgefordert, sich für die Teilnahme zu bewerben. Aus über 40 Bewerbungen wurden 17 Teilnehmer ausgesucht, die vom 20. September bis zum 6. Oktober 2002 schließlich, gemeinsam mit belorussischen Wissenschaftlern, am Workcamp in Minsk teilnahmen. Im Folgenden wird der Forschungsgegenstand beschrieben, das Konzept der Geschichtswerkstatt Minsk dargelegt und aus den Arbeitsgruppen berichtet.
Der Veranstalter
Veranstalter der Reise war das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) Dortmund, das sich seit vielen Jahren in belorussisch-deutschen Gemeinschaftsprojekten engagiert. Ferner veröffentlichte das IBB zahlreiche Broschüren zur Geschichte von Belarus während der deutschen Besatzungszeit.
Vor sieben Jahren entstand das IBB Minsk, die Partnerorganisation des IBB Dortmund. Der Schwerpunkt des IBB Minsk liegt bei der Vermittlung von belorussisch-deutschen Industriekooperationen. Das IBB Minsk ist in einem 1994 errichteten Gebäude beheimatet, in dem sich ein Hotel befindet. Im Gebäude werden auch Räume an Organisationen wie die OSZE oder den Volksbund für die Kriegsgräberfürsorge vermietet.
Im Mai 2002 fand in den Räumen der Evangelischen Akademie in Iserlohn die Tagung »Orte der Vernichtung in Belarus - Die Geschichte des Minsker Gettos und des KZ Trostenez« statt, die vom IBB Dortmund in Kooperation mit der Evangelischen Akademie Iserlohn veranstaltet wurde. Dort wurde gemeinsam mit belorussischen Wissenschaftlern ein erstes Konzept für eine Geschichtswerkstatt erarbeitet und diskutiert.
Ein erster Schritt zur Umsetzung der in Iserlohn geäußerten Vorschläge und Ideen war das Workcamp.
Die Zerstörung von Minsk und die Einnahme der Stadt
Die deutschen Truppen besetzten die Stadt Minsk am 28. Juni 1941. Zuvor hatten deutsche Luftangriffe die Stadt zu einem überwiegenden Teil zerstört. Von den ehemals etwa 240 000 Einwohnern blieb weniger als die Hälfte in der Stadt. Juden stellten mit 100 000-120 000 Menschen etwa die Hälfte der Minsker Stadtbevölkerung, von denen es einigen gelang, mit der Roten Armee zu fliehen.
Wenige Tage nach Einmarsch der deutschen Wehrmacht wurden in den meisten größeren weißrussischen Städten sogenannte Zivilgefangenenlager eingerichtet, in denen alle wehrfähigen Männer zwischen 15 und 45 Jahren, Juden und Nichtjuden, interniert wurden. In Drosdy, fünf Kilometer nördlich von Minsk, wurden bis zu 40 000 Zivilisten und 100 000 Kriegsgefangene auf freiem Feld hinter Stacheldrahtzaun gefangen gehalten und von Wehrmachtseinheiten bewacht. Die meisten Gefangenen, auch Juden, wurden bis zum 12. Juli wieder freigelassen. Etwa 10.000 Menschen, die meisten von ihnen Juden, wurden von Kommandos der Einsatzgruppe B in Drosdy ermordet.
Das Lager war die erste Vorstufe des Gettos. Zivilgefangenenlager wie Drosdy dienten der Sicherheitspolizei und dem SD als Instrument zur bevölkerungspolitischen Regulierung. Inhaber bestimmter Berufe, jüdische Kriegsgefangene, Kommunisten, sogenannte Intelligenzler und viele andere Menschen wurden von der Sicherheitspolizei selektiert und erschossen.
Minsk unterstand zunächst der Militärverwaltung, bis am ersten September 1941 das Generalkommissariat »Weißruthenien« als Teil des Reichskommissariates »Ostland« eingerichtet wurde. Generalkommissar wurde Wilhelm Kube, der 1936 zunächst seiner Ämter enthoben worden war und für den der Überfall auf die Sowjetunion neue »Karrieremöglichkeiten« bot. Kube wurde am 22. September 1943 durch einen Anschlag sowjetischer Partisaninnen und Partisanen getötet. Sein Nachfolger wurde der SS-Gruppenführer Curt von Gottberg.
Das Minsker Getto
Am 19. Juli ernannte der Feldkommandant der Wehrmacht einen Judenrat und erteilte den Minsker Juden den Befehl, binnen fünf Tagen in das neu bestimmte Getto zu ziehen. Die genaue Anzahl der Juden, die im Minsker Getto zusammengedrängt wurden, lässt sich nicht ermitteln. Uwe Gartenschläger geht von 70 000-80 000 Menschen aus, die auf engstem Raum eingepfercht wurde2. Oft mussten sich über 20 Personen einen Raum teilen. Das Getto befand sich auf einem etwa zwei Quadratkilometer großen Gebiet und war mit überwiegend einstöckigen, vielfach zerstörten Holzhäusern und ungefähr 40 Straßen bebaut. Später wurde das Getto mit Stacheldrahtzaun umfasst. Die Juden aus dem Minsker Umland wurden entweder in das Minsker Getto umgesiedelt oder bis zum Herbst 1941 von Einsatzgruppen ermordet.
Den Gettobewohnern wurde auferlegt, einen großen gelben »Judenfleck« sowie beidseitig die Nummer ihres Wohnhauses auf ihrer Kleidung anzubringen. Die Mehrheit der Minsker Juden musste in deutschen Dienststellen, zahlreichen Firmen sowie bei der Wehrmacht Zwangsarbeit leisten. Tausende Gettobewohner starben an Hunger, Krankheiten und an individuellen Misshandlungen.
Seit August 1941 wurden in mehreren Razzien und »Aktionen« jeweils Tausende aus dem Getto verschleppt und im Wald von Blagowschtschina 13 km südöstlich von Minsk vor offenen Gruben erschossen.
Die jüdischen Widerstandsgruppen im Getto versuchten nicht, einen Aufstand gegen die Deutschen zu organisieren, sondern setzten darauf, so viele Juden wie möglich aus dem Getto zu schleusen, um aus den Wäldern heraus den Deutschen effektiver schaden zu können und jüdisches Leben zu retten. Im Getto wurden viele zum Teil sehr gut getarnte Verstecke, sogenannte »Malinas« eingerichtet. Einigen Juden gelang es so, die Razzien der Deutschen zu überstehen.
Im ersten Jahr des Bestehens des Gettos waren jüdische Partisanengruppen auf materielle und ideelle Unterstützung aus dem Getto angewiesen. Im Verlauf des Jahres 1942 wurden die Partisaneneinheiten sehr viel unabhängiger und schlagkräftiger. Da sich in der Nähe von Minsk dichte und weitläufige Waldgebiete befanden, gelang es Juden, zu den Partisanen zu flüchten oder eigene Partisaneneinheiten zu bilden.
Die Deportation von Juden aus dem »Altreich« und die Massenmorde in Blagowschtschina
Im November 1941 wurden 6 959 jüdische Menschen in sieben Transporten aus den Städten Hamburg, Bremen, Düsseldorf, Frankfurt/M., Berlin, Brünn sowie aus Wien nach Minsk deportiert. Um »Platz für sie zu schaffen« ließ der SD vom 7. bis 11. November 1941 etwa 6 000 weißrussische Juden in Blagowschtschina erschießen. Fortan bestand das vom übrigen Getto abgetrennte »Sondergetto«, in dem die aus dem Reichsgebiet deportierten, überwiegend deutschsprachigen Juden untergebracht waren. Die zwischen Mai und Juli 1942 in mindestens sieben Deportationszügen aus Wien, Theresienstadt, Königsberg, Köln und evtl. aus dem KZ Dachau verschleppten (mindestens) 8 000 Juden wurden am Minsker Güterbahnhof selektiert, fast alle mit Lkws nach Blagowschtschina gefahren und dort erschossen oder auf dem Weg dorthin in Gaswagen erstickt. Die KdS-Dienststelle Minsk verfügte über mindestens drei solcher Gaswagen, die wahrscheinlich seit Juni 1942 im Mordeinsatz waren. Im August 1942 wurde ein Verbindungsgleis fertiggestellt, das zu einer Rampe in der Nähe des SS-Gutes Maly Trostenez führte: die letzten mindestens acht Züge aus Theresienstadt und Wien mit mindestens 7 500 Juden endeten dort. Bis auf wenige Handwerker, die ins Lager des SS-Gutes geführt wurden, trieben die SS-Wachmannschaften die Juden in den nahe gelegenen Wald und erschossen sie dort. Seit Mai 1942 waren die Gruben im Wald von Blagowschtschina die zentrale Mord- und Hinrichtungsstätte der deutschen Besatzer, in der sowohl die Juden aus dem Minsker Getto als auch zahlreiche nichtjüdische Weißrussen ermordet wurden.
Ein kleines Denkmal, vor kurzem errichtet, befindet sich im Wald von Blagowschtschina. Der Weg dorthin führt unterhalb einer städtischen Müllkippe vorbei in den Wald. Hinter dem Denkmal, wo sich die Gruben mit den erschossenen und verbrannten Toten befanden, sind Löcher im Waldboden erkennbar.
Das größte Pogrom im Getto, dem etwa 30 000 Juden zum Opfer fielen, fand vom 28.-30. Juli 1942 statt. Seitdem befanden sich nur noch etwa 9000 Juden im Getto. Der größte Teil von ihnen wurde bei der Auflösung des Gettos am 21. Oktober 1943 ermordet.
Auf dem Gebiet des Minsker Gettos befindet sich heute ein Neubaugebiet. Dort, wo sich einst der jüdische Friedhof befand, ist heute ein Park. Aus dem Boden ragen vereinzelt alte Grabsteine. Ein Denkmal erinnert an die Geschichte des Gettos, ein anderes an die aus Deutschland deportierten Juden. Am Rand dieses Parks befindet sich die Uliza Suchaja mit einem der wenigen erhaltenen Gebäude aus der Zeit des Gettos: die zukünftige Geschichtswerkstatt.
Die »Jama« ist das älteste Denkmal, das an die Ermordung der Minsker Juden erinnert. Es wurde nach dem Krieg von Überlebenden errichtet. Jama bedeutet auf deutsch Grube. In einer Senke am Rande des Gettos erschossen die Deutschen während der Getto-Razzien Juden, unter ihnen die Kinder des Waisenhauses. Diese Grube liegt heute ebenfalls in einem Neubaugebiet. Über Stufen steigt man hinab zu einem schwarzen Obelisken, der an die Toten erinnert.
Das Vernichtungs- und Zwangsarbeiterlager Maly Trostenez
Kurze Zeit nach dem Einmarsch der Wehrmacht übernahm die SS die beim Dorf Maly Trostenez gelegene ehemalige Karl-Marx-Kolchose und betrieb dort ein Mustergut, auf dem Zwangsarbeiter arbeiten mussten. Bis zu 5 000 Juden und russische Kriegsgefangene wurden unter anderem bei der Verwertung des Besitzes ermordeter Juden und bei der Asphaltierung der für den Nachschub der Wehrmacht bedeutsamen Straße Minsk-Mogilev eingesetzt. Diese Straße trennte das Lager vom Wald von Blagowschtschina. An Tagen, an denen es der SS nicht gelang, alle nach Blagowtschina geschafften Menschen bei Helligkeit zu ermorden, wurden die übrig gebliebenen nach Maly Trostenec in einen abgetrennten Teil des Lagers gebracht und mussten dort auf ihre Ermordung am nächsten Tag warten.
Im Oktober 1943 mussten russische Kriegsgefangene des Sonderkommandos 1005 unter SS-Standartenführer Paul Blobel die Massengräber der in Blagowschtschina Erschossenen ausheben und zur Spurenbeseitigung die Leichen verbrennen. Während dieser Zeit benutzte der Minsker SD eine andere Exekutionsstätte im Wald von Schaschkowka, etwa 500 Meter vom Lager entfernt. Die Erschossenen wurden hier sofort auf Eisenbahnschienen verbrannt. Noch kurz bevor sich die Deutschen aus Minsk zurückzogen, ordnete der Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) Heinrich Seetzen die Erschießung aller in Minsk inhaftierten Zivilisten und der übrigen Kriegsgefangenen an. Zu diesem Zweck wurden die Gefangenen nach Maly Trostenez verbracht und in der Scheune des Gutes erschossen. Anschließend wurde das Gebäude in Brand gesteckt. Mehr als 6 500 Menschen sollen auf diese Weise bis zum 30. Juni umgebracht worden sein.
Ein bescheidenes Denkmal erinnert heute an den Ort. Zur Zeit durchsuchen Mitglieder einer archäologischen Einheit der belarussischen Armee den Waldboden nach Spuren, um die genaue Topographie dieses Ortes zu erforschen. Reste des Verbrennungsofens konnte Mitte November 2002 in drei Meter Tiefe an Hand von Ascheresten und Teerklumpen lokalisiert werden und sollen im Frühjahr dieses Jahres ausgegraben werden.
Noch kurz bevor sich die Deutschen aus Minsk zurückzogen, ordnete der Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) Heinrich Seetzen die Erschießung aller in Minsk inhaftierten Zivilisten und der übrigen Kriegsgefangenen an. Zu diesem Zweck wurden die Gefangenen nach Maly Trostenez verbracht und in der Scheune des Gutes erschossen. Anschließend wurde das Gebäude in Brand gesteckt. Mehr als 6 500 Menschen sollen auf diese Weise bis zum 30. Juni umgebracht worden sein.
Das Konzept der Geschichtswerkstatt
Auf der Konferenz im IBB Minsk am 28. September 2002 entspann sich nach einer Präsentation von Alexej Litvin zum Konzept der Geschichtswerkstatt auf belorussischer Seite eine lebhafte Diskussion über die wissenschaftliche Evaluierung des Projekts. Das Konzept sieht vor, dass der Schwerpunkt der einzurichtenden Geschichtswerkstatt zunächst auf die Memorialisierung der Shoah in Belarus mit dem Fokus auf das Minsker Getto und des Vernichtungslagers Trostenez gelegt wird.
An diesem Konzept wurde deutlich Kritik geübt. Eine Position, die oft geäußert wurde, ist, dass das belarussische Volk als ganzes gelitten habe und aller Gruppen der Verfolgten gemeinsam gedacht werden sollte.
Auch wurde gefordert, das Schicksal der unter Stalin ermordeten Belarussen mit in die Konzeption der Geschichtswerkstatt einzubinden. Aus diesen Gründen ist das Projekt Geschichtswerkstatt von Teilen des interessierten Publikums mit Zurückhaltung aufgenommen worden.
Prinzipiell wird die Einrichtung einer Geschichtswerkstatt als belorussisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt auch von zahlreichen belorussischen Wissenschaftlern begrüßt und als Chance begriffen, von der bisherigen Geschichtsschreibung von Belarus, die sich hauptsächlich mit den Helden der Partisanenbewegung sowie dem Großen Vaterländischen Krieg auseinandergesetzt hat, abzuweichen und neue Akzente zu setzen. Zugleich wird gehofft, dass sich neue Arbeitsfelder erschließen und Kontakte nach Deutschland geknüpft werden können.
Die zukünftige Geschichtswerkstatt soll einen Angelpunkt zwischen deutscher und belorussischer Forschung zur Shoah in Belarus bilden. In den Räumlichkeiten soll eine ständige Ausstellung an das Schicksal der jüdischen Bevölkerung während der Okkupation erinnern.
Mittelpunkt sollen dabei nicht nur Fotos, Archivmaterialien und persönliche Gegenstände von Überlebenden bilden, sondern auch Berichte von Überlebenden des Holocausts in Form eines Oral-history-Archivs sowie eine Handbibliothek. Daneben soll ein »Gedenkbuch« über jüdische Opfer erstellt werden. Alle recherchierbaren Namen und Daten sollen in diesem Buch systematisch zusammengeführt werden.
Auch bei der Darstellung des Holocausts in Minsk soll darauf geachtet werden, die historischen Ereignisse an persönlichen Schicksalen und Lebensläufen erfahrbar zu machen.
Vor allem Jugendliche sollen durch die Ausstellung erreicht werden. Aufsatzwettbewerbe zu historischen Themen und Stipendien sollen Jugendlichen die Möglichkeit bieten, sich auch inhaltlich einzubringen. Das Ziel, junge belorussische Wissenschaftler und andere Interessierte in die Vorbereitung mit einzubinden, ist bislang allerdings fehlgeschlagen.
Wesentlich für die Geschichtswerkstatt Minsk und ihr Gelingen ist die Mitwirkung des für seine Gedenkstättenentwürfe ausgezeichneten Architekten Leonid Lewin. Er ist zugleich Vorsitzender des Jüdischen Zentrums. Das Jüdische Zentrum Minsk, das hauptsächlich von JOINT finanziert wird, bildet das kulturelle und soziale Zentrum der jüdischen Gemeinde in der Stadt. Ohne die Mitarbeit des Jüdischen Zentrums Minsk wäre der Versuch, die Shoah in Belarus aufzuarbeiten, nicht denkbar.
Die Arbeitsgruppen
Der zweiwöchige Aufenthalt der Teilnehmer des Workcamps sollte als symbolischer Anfang der Geschichtswerkstatt verstanden werden und die Diskussion in Minsk mit anstoßen. Jedoch war die Gruppe bemüht, nicht den Eindruck zu vermitteln, dass junge Deutsche mit der Geschichtswerkstatt im Land der Opfer ihr Geschichtsbild dominant vertreten wollen, sondern stattdessen ein gemeinsamer Weg des Gedenkens und der Geschichtsaufarbeitung verfolgt werden soll.
Jenseits der symbolischen Ebene sollte das Konzept »Geschichtswerkstatt«, wie es in den 1970er und 1980er Jahren in England, Skandinavien und anderen europäischen Ländern entwickelt wurde, auf seine Übertragbarkeit auf Belarus, bzw. Minsk geprüft werden. Macht die Idee einer Geschichtswerkstatt Sinn? Wird man dem Thema und den Opfergruppen damit gerecht? Wie bringt man die Idee einer Geschichtswerkstatt in einem Land, in dem Gedenken bisher nur mittels monumentaler Denkmäler stattfand, den Menschen näher? Wie ist eine Geschichtswerkstatt finanzierbar? Für wen wird sie eingerichtet? Wie unabhängig kann eine Geschichtswerkstatt in Belarus sein? Wie bezieht man die Einwohner von Minsk mit ein? Diese Fragen stellte sich die Gruppe und gab sie an Überlebende aus dem Getto weiter. Auf die wenigsten Fragen gab es eindeutige Antworten. Aufgrund von Gesprächen mit Überlebenden aus den verschiedenen Opfergruppen und der Zeitzeugengruppe kristallisierte sich heraus, dass der Begriff der »Werkstatt« vielen belorussischen Gesprächspartnern zur Aufbewahrung ihrer Erinnerung unwürdig erscheint. Der Begriff »Werkstatt« wird ins Russische mit »Masterskaja« übersetzt und ist auch nur in der ursprünglichen Bedeutung (Handwerk) gebräuchlich.
Durch die Gespräche wurden weitere Kontakte zu Opfergruppen und deren Verbänden geknüpft. Nicht zuletzt gelang es, den Teilnehmern eine Vorstellung von den authentischen Orten zu vermitteln, die unter ortskundiger Führung aufgesucht wurden. Des weiteren wurden erste konkrete Projekte eingeleitet, die eine Grundlage der Geschichtswerkstatt bilden sollen.
Archiv
Der Kontakt zu belorussischen Wissenschaftlern ermöglichte den Teilnehmern den nicht selbstverständlichen Zugang zu den Minsker Archiven. Die Archivgruppe arbeitete in drei von über fünf Archiven in Minsk. Zum Parteiarchiv, in dem sich ein Großteil der Beutedokumente aus dem Zweiten Weltkrieg befindet, hatte sie leider keinen Zugang. Die Gruppe arbeitete hauptsächlich im Nationalarchiv, das im Präsidentenpalast untergebracht ist. Im Nationalarchiv befinden sich, bezogen auf die Themen Trostenez und Minsker Getto, hauptsächlich Dokumente zur jüdischen Intelligenz, Erinnerungsberichte und publizierte Material- und Dokumentensammlungen.3
Im Gebietsarchiv Minsk befinden sich vor allem Unterlagen zum Getto, die u. a. Aufschluss über die Beschäftigungen von jüdischen Ärzten außerhalb des Gettos und über Plünderungen von Apotheken im Getto gaben. Ferner befinden sich dort handgeschriebene Erinnerungsberichte zu Trostenez auf einem Mikrofilm, der noch einer intensiven Auswertung bedarf. Bei sowjetischen Akten handelte es sich entweder um Übersetzungen oder um Zeugenaussagen zu verschiedenen von den deutschen Besatzern begangenen Verbrechen. In den einzelnen Minsker Archiven ist vor allem die Geschichte der Partisanenbewegung während des Zweiten Weltkriegs gut aufgearbeitet: Jede einzelne Handlung von Partisanen ist verzeichnet, die Namen aller Partisanen erfasst. Schwieriger ist die Aktenlage hingegen bei Personen, die nicht offiziell der Partisanenbewegung angehörten, sondern aus dem Untergrund heraus Widerstand geleistet haben. Wesentlich schlechter sind die Akten zu Opfergruppen wie Juden aufgearbeitet, deren Schicksal lange Zeit ignoriert worden ist. Selbst zu jüdischen Partisanen gibt es keinen eigenen Aktenbestand. Im Fotoarchiv des Museums des Großen Vaterländischen Kriegs befinden sich zum Themengebiet der Shoah in Belarus einige Aufnahmen vom Getto und von Trostenez. Die Fotos von Trostenez wurden alle nach der Befreiung aufgenommen. Auf Grund der kurzen Zeit waren weder eine systematische Erfassung noch Auswertung der Dokumente möglich. Die Dokumentation der Kopien der Archivdokumente erfolgte im Januar 2003.
Oral-history
Eine Gruppe aus sechs Teilnehmern führte während des Aufenthalts rund ein dutzend Interviews mit Überlebenden aus dem Minsker Getto durch. Die Fragen konzentrierten sich vor allem auf den Alltag im Getto. Wie war Überleben unter diesen Umständen möglich? Die Interviews geben einen umfassenden Überblick über das Leben im Minsker Getto. Daher möchte die Zeitzeugengruppe die Gespräche über das Oral-history Archiv der Geschichtswerkstatt Minsk hinaus öffentlich machen und plant die Publikation ausgewählter Interviews bei einem deutschen Verlag. Darüber hinaus strebt die Zeitzeugengruppe eine Kooperation mit einer bereits bestehenden Interviewgruppe aus Minsk an, die bereits einen Band mit Zeitzeugeninterviews publiziert hat.
Ausblick
Die Sichtung der Akten muss nun durch weitere Recherchen in deutschen und auch in belorussischen Archiven fortgeführt werden. Das IBB Dortmund beauftragte ebenfalls einige Teilnehmer des Workcamps, den Stand der Wissenschaft zum Vernichtungslager Trostenez und zum Minsker Getto aufzuarbeiten.
Der Architekt Leonid Lewin und seine Tochter Galina sowie einige Teilnehmer des Workcamps, darunter der Journalist Paul Kohl, der seit langem zu den Verbrechen der deutschen Wehrmacht auf belarussischem Gebiet recherchiert,4 wurden vom IBB beauftragt, die geplante Ausstellung räumlich und inhaltlich zu konzipieren. Die Zeitzeugengruppe hat im Auftrag des IBB vom 16. bis 23. März 2003 bereits eine weitere Reise nach Minsk unternommen, um die begonnenen Arbeiten abzuschließen. Auch die grundlegenden Renovierungsarbeiten im Haus in der Suchaja-Straße wurden mittlerweile beendet, so dass die Geschichtswerkstatt Minsk am 22. März 2003 ihre Eröffnung feiern konnte. Das IBB Dortmund versucht nun in Deutschland, einen Förderkreis aufzubauen, der für das Projekt wirbt und die weitere Finanzierung gewährleistet.
1 Die von 1943-1948 bestehende Außerordentliche Staatskommission zur Untersuchung der deutsch-faschistischen Verbrechen bezifferte die Zahl der Ermordeten in Trostenez auf 206 500. Christian Gerlach geht von 60 000 Menschen aus, die bei Trostenez vernichtet worden sein könnten (Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Hamburg 1999, S. 770).
2 Uwe Gartenschläger: Die Stadt Minsk während der deutschen Besetzung. Dortmund 2001.
3 »Geiseln der Wehrmacht«, G. D. Knatko, M. I. Bogdan, A. I. Ges (Hg.), Minsk 1999, »Holocaust in Belarus. 1941-1944. Materialien und Dokumente.«, zusammengestellt von E. G. Joffe, G. D. Knatko, W. D. Selemonev, Nationalarchiv der Republik Belarus, Minsk 2002
4 Paul Kohl: Der Krieg der deutschen Wehrmacht und der deutschen Polizei 1941-1944. Sowjetische Überlebende berichten. Frankfurt/Main 1995.