Nach der Ausstellung „Vergessene Kinder“, die die Lebenswege von acht jüdischen Kindern aus Schleswig-Holstein dokumentiert und seit ihrer Eröffnung am 27. Januar 1999 im Jüdischen Museum Rendsburg bereits an mehr als 20 Orten Schleswig-Holsteins mit großem Erfolg gezeigt wurde, ist seit dem 9. November 2000 bis zum 28. Februar 2001 im großen Saal der ehemaligen Rendsburger Synagoge eine Ausstellung zur Emigration, zur Vertreibung und zur Flucht der Juden aus dem nördlichsten Bundesland zu sehen. Es ist die erste Ausstellung dieser Art in Schleswig-Holstein. Inhaltlich wurde die Ausstellung, bei der es sich um eine gelungene Mischung aus Inszenierung und Dokumentation handelt, von Prof. Dr. Gerhard Paul (Universität Flensburg) sowie gestalterisch von Prof. Rolf Rainer Maria Borchard (Muthesius-Hochschule Kiel) konzipiert.
Die am 9. November 2000 vom schleswig-holsteinischen Landtagspräsidenten in Anwesenheit von ehemaligen jüdischen Schleswig-Holsteinern eröffnete Ausstellung verfolgt exemplarisch das Schicksal von acht jüdischen Familien aus Kiel, Lübeck, Schleswig und Rendsburg nach 1933. Soweit heute bekannt ist, konnten von der kleinen jüdischen Gemeinde in Schleswig-Holstein zwischen 1933 und 1941 etwa 1000 Menschen Deutschland noch rechtzeitig verlassen. Dies war etwas mehr als die Hälfte aller hier lebenden Juden. Die andere Hälfte wurde Opfer des Holocaust, unter ihnen auch etliche Juden, die nach 1933 zunächst ins europäische Ausland emigrieren konnten. An das Schicksal beider Gruppen und ihre verwinkelten Lebenswege zu erinnern, ist Sinn und Zweck der Ausstellung, die auf einen Beschluß des Beirats des Jüdischen Museums aus dem Jahr 1998 zurückgeht. Der Titel der Ausstellung „Was aus uns wird, bleibt ein Rätsel“ stammt aus einem Brief einer Rendsburger Jüdin an ihren Bruder aus dem Juli 1938. Diese Zeile, die die Ungewißheit und das Rätselhafte der Situation aus der Wahrnehmung der Betroffenen widergibt, ist zugleich Leitmotto der Ausstellung.
Geschichte als Labyrinth
Zentrales Konstruktionsprinzip der Ausstellung ist das Labyrinth. Die Form des Labyrinths vermittelt nicht nur ein spezifisches, z.T. bedrückendes Raumgefühl, sondern auch ein modernes Verständnis von Geschichte als ein Labyrinth von Ereignissen, Prozessen und Deutungen. Geschichte ist eben keine simple Einbahnstraße, wie sie oftmals in Geschichtsbüchern vermittelt wird. Nur in der Erzählungen der Nachgeborenen folgt sie einer logischen Struktur, nicht in der Realität. Da kennt sie durchaus Alternativen, Sackgassen, Auswege, Windungen und sich überlagernde, ja z.T. widersprechende Deutungen. All dies trifft auch für den Nationalsozialismus im allgemeinen und seinen Rassenwahn im besonderen zu. Es gab eben keine Einbahnstraße von Hitlers Machtergreifung nach Auschwitz. Ein jüdischer Historiker sprach zurecht von der „twisted road“, der gewundenen Straße, nach Auschwitz. Diese Windungen findet man auch in der Ausstellung wieder. Der Weg zu der Opferwand der 1000 ermordeten Juden aus Schleswig-Holstein ist daher kein gerader, sondern ein verschlungener Weg, der immer engere Auswege kennt, wobei allerdings auch die frühe Emigration kein Königsweg der Rettung sein mußte. So zeigt die Ausstellung, daß etliche ins europäische Ausland geflohene Juden dort nach 1939 von der deutschen Besatzung wieder eingeholt und in die Vernichtungslager deportiert wurden. Aber selbst Krieg und Besatzung bedeuteten nicht, daß alle Juden gefaßt und deportiert worden. Sowohl in Deutschland als auch in den besetzten Ländern überlebten immer wieder jüdische Menschen wie die Rendsburgerin Wally Gortatowski oder die Kieler Familie Goldberg.
Die Ausstellung folgt so nicht dem einfachen totalitarismustheoretischen Blick auf die Geschichte des Dritten Reiches. Sie macht vielmehr auch auf die Auswege aus dem Labyrinth der judenfeindlichen Verordnungen und Gesetze aufmerksam. Sie zeigt die Differenziertheit von Lebenswegen, die unterschiedliche Deutung des Verfolgungsgeschehens bei jüdischen Jugendlichen und ihren Eltern, bei Zionisten und Assimilanten. Aus der Perspektive privater Fotografien wird deutlich, daß jüdisches Leben nicht plötzlich 1933 zuende war, sondern sich im Gegenteil noch entfaltete, daß es nun auch in Schleswig-Holstein jüdische Schulen und zionistische Einrichtungen gab, dass man weiterhin in Urlaub fuhr, Familienfeste feierte und sogar zum Lachen aufgelegt war. Diese Bilder mögen irritieren, aber sie weisen auf eine vielfach unterschlagene historische Wirklichkeit hin, daß es jüdisches Leben unterm Hakenkreuz gab und sich die Juden keineswegs wehrlos wie Schafe zur Schlachtbank treiben ließen. Wer genau hinschaut, findet so auch Bilder junger jüdischer Männer in alliierter Uniform, die ihren ganz persönlichen Beitrag zum Widerstand der europäischen Demokratien gegen die faschistische Barbarei leisteten.
Vier Themenblöcke
Thematisch geht es in der Ausstellung um vier große Themenbereiche, die sich wie ein roter Faden durch die Inszenierung ziehen. Da ist zum einen die Geschichte von Ausgrenzung, Diskriminierung, Verfolgung und Vertreibung der Juden aus Schleswig-Holstein, beginnend mit dem Boykott vom 1. April 1933 und endend mit dem Auswanderungsverbot und den großen Deportationen vom Herbst 1941. Diese Verfolgungsgeschichte entwickelte sich in der braunen Provinz Schleswig-Holstein kaum anders als anderswo. Auf einer zweiten Ebene schildert die Ausstellung die Emigration und Flucht der acht Familien in die wichtigsten Zufluchtsländer in Europa, Amerika und Fernost und damit das Leben in der neuen Heimat. Auf einer weiteren Ebene geht es um die wenig bekannten Formen des jüdischen Alltags unterm Hakenkreuz in Schleswig-Holstein zwischen 1933 und 1941. Und schließlich wird auf die diversen Formen jüdischer Selbstbehauptung nach 1933 aufmerksam gemacht, angefangen vom jüdischen Schulwesen, über die Aktivitäten jüdischer Jugendgruppen bis hin zur organisierten Vorbereitung auf die Emigration und zu den Kindertransporten 1938/39.
Multiperspektivität des Betrachtens
Es erweist sich als Vorteil des Konstruktionsprinzip des Labyrinths, daß es unterschiedliche Perspektiven und Deutungen zuläßt. Aus dem Innenraum des Dritten Reiches stellt sich das Geschehen anders aus als aus der Au§enperspektive des Auslandes und der Emigration. Und wieder ganz anders ist die Perspektive von oben, von der Frauenempore, aus. Von innen sieht man die Ansichten großer Emigrationszentren wie London, New York, Jerusalem oder Shanghai - Städte, die für viele als Symbole der Freiheit unerreichbar blieben. Der Blick von außen gestattet immer nur partielle Einblicke in den Innenraum des Dritten Reiches. Von oben, aus der Perspektive der Frauenempore, wird nicht nur eine Struktur des geschichtlichen Prozesses deutlich, sondern auch das verheerende Ergebnis des Rassenwahns. Und es wird erkennbar, daß die Barbarei des Nationalsozialismus nicht in einem abgeschirmten, nicht einsehbaren Raum stattfand, sondern unter den Augen der Weltöffentlichkeit, wobei die Frage nach dem Verhältnis von deutscher Judenpolitik und internationaler Immigrationspolitik aufschimmert. Aus jeder Perspektive kommt man so zu unterschiedlichen Deutungen des Themas und zu ganz unterschiedlichen Fragen.
Anschaulichkeit und Nachvollziehbarkeit
Arrangement und Exponate der Ausstellung machen die Prozesse von Emigration, Flucht und Vertreibung anschaulich und nachvollziehbar. Dabei konzentriert sie sich auf die drei Begriffe Region - Alltag - Familie, die für jeden Besucher nachvollziehbare, weil bekannte Erfahrungsräume darstellen. Diese drei Stichworte prägen entscheidend die inhaltliche Konzeption der Ausstellung. Die Reduktion des Geschehens auf den überschaubaren Personenkreis von acht Familien, unter ihnen etliche Kinder und Jugendliche, bietet Möglichkeiten der Identifikation mit Menschen aus der Region sowie mit Gleichaltrigen. Die Geschichte der acht Familien und der einzelnen Familienmitglieder kann in Fotografien und Dokumenten konkret nachvollzogen werden. Dabei wird zugleich deutlich, wie parallel zur Radikalisierung der NS-Judenpolitik diese Familien immer mehr auseinandergerissen und in alle Himmelsrichtungen verstreut wurden. Zahlreiche Fotografien spiegeln Alltagssituationen wider: den Schulbesuch, die Familienfeier, den Urlaub, die Sportverananstaltung usf. Dies soll vor allem jugendlichen Besuchern die Chance bieten, zu erschließen, was der NS-Rassenwahn besonders im Alltag von Kindern und Jugendlichen anrichtete. 90 Prozent der Fotografien beziehen sich auf Schleswig-Holstein. Nur gelegentlich wird auf Fotografien und Dokumente aus zentralen Archiven zurückgegriffen. Textdokumente werden nur wenige herangezogen, insbesondere wenn es darum geht, den bürokratisch-administrativen Charakter der Judenverfolgung zu veranschaulichen.
Die Perspektive der Opfer
Die gewählte Perspektive und die verwendeteten Dokumente lassen die Perspektive der betroffenen Opfer erkennen. Dies wurde m?glich, weil die Ausstellungsmacher auf einen großen Fundus von mehr als 1200 Fotografien zurückgreifen konnten, die zum weit überwiegenden Teil aus jüdischem Privatbesitz stammen. Erstmals kann damit die Geschichte von Judenverfolgung und Emigration in Schleswig-Holstein aus der Perspektive der betroffenen jüdischen Menschen selbst betrachtet werden. Die Seite der Verfolgung bildet sich in diesen Privatfotografien allerdings nur peripher ab, so im Bild des jüdischen Lehrers, der nach der sogenannten Reichskristallnacht mit der versteckten Kamera die Kieler Synagoge fotografierte, oder in dem Bild aus einer jüdischen Wohnung in Kiel, auf der man die bereits wieder aufgeräumte Wohnung am Tage nach dem Pogrom sieht und nur erahnen kann, wie die SA-Horden in jener Nacht auch hier gehaust haben. Auf die Abbildung des Holocaust selbst wird verzichtet. Sie entzieht sich nach Auffassung der Ausstellungsmacher der Darstellung. Am Ende der Ausstellung trifft man so lediglich auf eine überdimensionale schlichte Wand mit den Namen von mehr als 1000 Opfern des Holocaust, an der eindrucksvoll Porträtfotografien der betroffenen Opfer aus den acht Familien lehnen.
Geschichte als Aneignungsprozeß
Geschichte wird in der Rendsburger Ausstellung als aktiver Aneignungsprozeß interpretiert, die sich in erster Linie in den Käpfen der Betrachter vollzieht. Die Ausstellung gibt so keine wie auch immer gut gemeinte volkspädagogische Deutung mit dem moralischen Zeigefinger vor, sondern bietet vielmehr Möglicheiten der offenen Interpretation des Geschehens an. Will man die Geschichte von Emigration, Vertreibung und Flucht verstehen, muß man sie aneignen. Nur wer bereit ist, wirklich Neues zu erfahren, wird Sachverhalte entdecken, die nicht in den Texten vorgegeben sind, wird die Bilder und Geschichten der acht Familien und der mehr als 40 Familienmitglieder zu einer Geschichte zusammenfügen, wird regionale Bezüge herstellen und Zusammenhänge entwickeln.
Von diesem Verständnis von Geschichte ist es konsequent, daß sich die Ausstellung auf ein Minimum von strukturierenden Hilfen und Texten beschränkt. Hierzu zählen die durch den Aufbau der Ausstellung vorgegebenen Phasen von Emigration, Vertreibung und Flucht: die Nürnberger Rassengesetzte des Jahres 1935, das Krisenjahr 1938 sowie das Jahr 1941, in dem die bisherige Judenverfolgung in den Massenmord an den Juden Europas umschlug. Diese Jahre bilden gewissermaßen die unsichtbare strukturierende Folie, auf der die Geschichten der acht Familien zu betrachten sind. Durch immer engere Räume und Gänge wird zugleich die Radikalisierung und Dramatisierung des Geschehens unterstrichen.
Bewegt man sich in der Ausstellung nur vorwärts, wird man nur mit der Propaganda und Bürokratie des NS-Rassenwahns konfrontiert. Dreht man sich um und betrachtet die Rückseiten und Seitenwände wird man dagegen etwas vom jüdischen Leben unterm Hakenkreuz erfahren. Didaktisch begleitet wird die Ausstellung von Lehramtsstudierenden der Universität Flensburg.
Ergänzt wird die Ausstellung durch einen Film des NDR, der einen Zusammenschnitt von Interviews der letzten Jahren mit emigrierten ehemaligen jüdischen Schleswig-Holsteinern und Schleswig-Holsteinerinnen enthält. Für interessierte Besucher und Besucherinnen stehen darüber hinaus Mappen mit ergänzenden Texten und Dokumenten zur Geschichte der acht jüdischen Familien zur Verfügung, die zur Vertiefung in die Thematik und die Familienbiographien einladen.
„Hoffentlich klappt alles zum Guten...“
Zeitgleich mit dem Beginn der Ausstellung konnte der …ffentlichkeit der zweite Band der von Prof. Dr. Gerhard Paul herausgegebenen „Quellen und Studien zur jüdischen Geschichte Schleswig-Holsteins“ vorgestellt werden. Der unter dem Titel „‘Hoffentlich klappt alles zum Guten...’ Die Briefe der jüdischen Schwestern Bertha und Dora Lexandrowitz (1939-1941)“ erschienene Band enthält eine Sammlung von 50 Briefen und Postkarten zweier junger jüdischer Frauen aus Lübeck, deren Lebensgeschichte auch in der Ausstellung thematisiert wird. Zwischen Kriegsbeginn 1939 und dem †berfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 berichteten die Schwestern aus Lübeck an ihre Verwandten im fernen Shanghai über die Reste jüdischen Lebens in der Hansestadt und ihre verzweifelten, letztlich tödlich endenden Versuche, Deutschland noch rechtzeitig vor den Deportationen in die Vernichtungslager verlassen zu k?nnen. Heidemarie Kugler-Weiemann (Lübeck) und Hella Peperkorn (Hamburg) haben die Briefe, die sich heute im Original im Archiv des Jüdischen Museums Rendsburg befinden, mit Akribie und großer Sorgfalt bearbeitet und kommentiert.
Prof. Dr. Gerhard Paul ist Professor für Geschichte und Didaktik der Geschichte an der Universität Flensburg. Zur NS-Geschichte, mit Schwerpunkt Gestapo und Polizei, hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht.
Die Ausstellung ist zu sehen im Jüdischen Museum Rendsburg, Prinzessinstraße 7-8 bis zum 28. Februar 2001.
Der Besuch der Ausstellung ist kostenfrei.
Öffnungszeiten: Dienstag - Samstag 11 - 13, 16 - 18 Uhr; Sonntag 15 - 18 Uhr.
Für Gruppen werden Führungen auch außerhalb der Öffnungszeiten angeboten. Auskünfte erteilt: Dr. Frauke Dettmer (Jüdisches Museum Rendsburg 04331 - 252 62) sowie Prof. Dr. Gerhard Paul (Universität Flensburg 0461 31300).