»Gegen das Vergessen. Häftlingsalltag im KZ Sachsenhausen 1936-1945«

Rezension der CD-ROM
12/2002Gedenkstättenrundbrief 110, S. 39-40
Dietmar Sedlaczek

Bei der CD-ROM handelt es sich um eine Neuerscheinung (s 29,90) aus dem United Soft Media Verlag in München, einem Haus mit Erfahrung auch in der medialen Aufbereitung historischer Themen.

Die CD-ROM entstand in Zusammenarbeit mit der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen. Unter der Bezeichnung »Camp« wurde dort bereits 1998 mit einem von der europäischen Kommission geförderten CD-ROM Projekt begonnen. Damit wählte auch Sachsenhausen den Weg der Produktion einer eigenen CD-ROM, den einmal das Haus der Geschichte in Bonn begonnen hatte und dem inzwischen eine Reihe weiterer Museen und Gedenkstätten gefolgt ist, wie die Stiftung Topographie des Terrors in Berlin und das Dokumentationszentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg. Anders als diese CD-ROMs enthält diejenige der Gedenkstätte Sachsenhausen keine umfassende Darstellung, sondern greift vielmehr einen zentralen Aspekt heraus: den Lageralltag. Den Lebensbedingungen der Häftlinge im KZ Sachsenhausen unter dem totalen Terror der SS ist in der Gedenkstätte auch eine eigene Ausstellung gewidmet.

Nach dem Aufrufen der CD-ROM gelangt man zunächst in das Hauptkapitel »Personen«. Dieses enthält zwanzig Lebensgeschichten verschiedener Häftlingsgruppen, wie Juden, osteuropäische Zwangsarbeiter, Zeugen Jehovas, Geistliche und natürlich auch politische Häftlinge. In der Übersicht der CD-ROM werden bei der Auflistung der Häftlingsgruppen nicht deutsche Widerstandskämpfer, Kriegsgefangene u.a. als »Patriotisch Verfolgte« bezeichnet. Hier hätte man sich einen präziseren und weniger verunglückten Kunstbegriff gewünscht. Beschrieben werden in den lebensgeschichtlichen Kapiteln der Weg der Häftlinge ins KZ Sachsenhausen, die Umstände ihrer Verfolgung und schließlich ihre Verhaftung. Wir erfahren von ihrem Alltag, von Strafen, Schikanen und Zwangsarbeit und, wie sie täglich den Tod vor Augen erlebten. Die ehemaligen Häftlinge kommen dabei selbst zu Wort, sei es in Form von Briefen, persönlichen Dokumenten, Erinnerungstexten oder in Interviews. Und eine weitere Besonderheit der Porträts: die Überlebenden werden über den Zeitraum der Befreiung hinaus vorgestellt. Eindrucksvoll wird die Schwierigkeit deutlich, mit den gemachten Erfahrungen von Verfolgung und KZ-Haft weiter zu leben.

Der Einordnung der Einzelerzählungen in einen historischen Kontext dient das zweite Hauptkapitel »Themen«. Dieses ist in sechs Kapitel zu den Themen »Wege nach Sachsenhausen«, »Häftlingsgesellschaft«, »Raum und Zeit«, »Arbeit«, »Gewalt, Sterben, Tod« und »Leben mit der Erinnerung« unterteilt. Diese verfügen jeweils wieder über drei Unterteilungen. Sie enthalten kurze Texte, zahlreichen Textquellen, Häftlingszeichnungen und Fotos.

Der übersichtliche Eröffnungsbildschirm informiert über den Aufbau der CD-ROM: Im unteren Bilddrittel geben einzelne nebeneinander angeordnete Begriffe Auskunft über das Menü. Die Begriffe »Personen« und »Themen« weisen auf die inhaltliche Zweiteilung des Mediums in einen biographischen und einen thematisch orientierten Bereich hin. Fünf weitere Begriffe vermitteln dem Benutzer die Existenz von Zusatzfunktionen. Diese strenge Übersichtlichkeit wird bei der Gestaltung der Kapitel beibehalten, die wie ein Informationsfließband organisiert sind. Der Nutzer bestimmt durch Verschieben des Cursors, der Dank der Verbindung mit einem vertikal über den Bildschirm laufenden Faden schnell gefunden ist, die Geschwindigkeit dieses Bandes, das sich auch anhalten läßt, um die angebotenen Quellen und Dokumente aufrufen zu können. Darüber hinaus enthält es kurze einführende und Überblick schaffende Texte, wobei sich die weiße Schrift gut vom blauen Hintergrund abhebt.

Das Informationsfließband nimmt nicht die gesamte Bildschirmfläche ein. Unter ihm bleibt das Menü sichtbar und über ihm steht die jeweilige Kapitelüberschrift. Damit ist die Orientierung zu jeder Zeit gegeben und ein Verirren unmöglich. Auch die Organisation von Text und Zusatzangeboten auf einer zusammenhängenden Ebene, dem Informationsfließband, unterstreicht die Übersichtlichkeit und beugt zudem der Gefahr des Zappens vor.

Darüber hinaus verfügt die CD-ROM über medientypische Zusatzangebote wie eine Lesezeichenfunktion und ein Lexikon mit Literatur- und Quellenangaben sowie einem Glossar zu Einträgen von A wie Aktion T4 bis Z wie Zwangssterilisation.

Blickt man auf die erste Generation von CD-ROM zum Themenfeld Geschichte und Nationalsozialismus, so waren hier etliche Schwächen zu konstatieren. Diese waren zum Teil inhaltlicher Natur. Die frühen Medien waren allzu oft täterzentriert in der Darstellung; die Opfer selber kamen hingegen kaum vor und häufig nur als anonyme Masse. Einen alltagsgeschichtlichen Ansatz und somit eine Perspektive, die sich an den Handlungsspielräumen und Nöten der Menschen orientierte, suchte man in ihnen vergeblich. Die CD-ROM zum Lageralltag in Sachsenhausen ist inhaltlich den Häftlingen gewidmet. Hier haben die Opfer ein Gesicht und eine Stimme. Es werden Bild- und Textdokumente der Häftlinge herangezogen, nicht nur allseits aus Geschichtsdarstellungen bekannte Fotos marschierender SS- oder SA-Trupps und unbenannte Opfer in erniedrigenden Situationen. Die vorgestellten Lebensgeschichten werden Dank der angebotenen Einführungs- und Überblickstexte in einen historischen Kontext gestellt. Damit gewinnt die CD-ROM die Qualität eines informativen und komplexen Geschichtswerks zum Alltag der Häftlinge im KZ Sachsenhausen. Großes Lob verdienen auch Design und Ästhetik – angemessen und unaufdringlich – sowie die Navigation der CD-ROM – klar und funktional. Die Möglichkeiten des Mediums, die Verknüpfung unterschiedlicher Medien, werden gekonnt genutzt. Die CD-ROM »Gegen das Vergessen. Häftlingsalltag im KZ Sachsenhausen 1936-1945« setzt in mehrfacher Hinsicht Maßstäbe.

Doch auch einige kritische Anmerkungen seien hier gestattet. Dazu gehört nicht nur der Begriff der »patriotisch Verfolgten«. Unverständlich ist beispielsweise die Einordnung von Ruth Klügers Buch »Weiter leben. Eine Jugend« im Literaturteil als Sekundärliteratur. Ausgesprochen schade ist auch, das in dem biographischen Kapitel zu Werner Koch kein O-Ton von ihm selbst herangezogen wurde, da Werner Koch ein hervorragender und sehr reflektierter Erzähler war. Kritisch angemerkt sei schließlich zur Hintergrundmusik, dass sie – will man sich wirklich auf die CD-ROM konzentrieren und mit ihr arbeiten – als äußerst störend bezeichnet werden muss. Bedauerlich ist auch, dass unter den ausgewählten Biographien nur eine von einer Frau stammt. Das Fazit jedoch ist ein eindeutig positives.