Zwei Erinnerungen an Auschwitz
Was in den letzten Tagen des Lagers Buna-Monowitz in unmittelbarere Nähe von Auschwitz geschah, davon hat uns Primo Levi ein erschütterndes Zeugnis überliefert. Er schildert die letzten Tage des Lagers »außerhalb der Welt und Zeit« bis zur Ankunft der russischen Armee. Die Lagerleitung war zusammen mit 20000 Häftlingen geflohen, die auf dem mörderischen Evakuierungsmarsch in großer Zahl umgekommen oder umgebracht worden sind. Übriggeblieben waren die Kranken, Sterbenden und Toten, unter ihnen der an Scharlach leidende Primo Levi. Mit der Evakuierung des Lagers war auch dessen Infrastruktur vollständig zusammengebrochen. Bei minus 20 Grad kümmerten sich die wenigen, die dazu noch in der Lage waren, um Heizung, Beleuchtung und eine notdürftige Verpflegung. Trotz dieser kleinen Schritte einer Rückeroberung von Selbstbestimmtheit und Menschlichkeit blieb das bestimmende Gefühl angesichts des Kots und Schmutzes der Baracken, des Leidens der Sterbenden und der Menge der Leichen Ohnmacht und Selbstverlust. Levis Bilanz lautete:
»26. Januar. Wir liegen in einer Welt der Toten und Larven. Um uns und in uns war die letzte Spur von Zivilisation geschwunden. Das Werk der Vertierung, von den triumphierenden Deutschen begonnen, war von den geschlagenen Deutschen vollbracht worden.«1
Primo Levi hat seinen Bericht mit dem Titel »Ist das ein Mensch?« gleich nach seiner Rückkehr aus dem KZ niedergeschrieben. Dieses Zeugnis ist besonders für uns Deutsche der nachfolgenden Generationen zu einem zentralen Text unseres kulturellen Gedächtnisses geworden. Levi hatte uns als Adressaten im Auge, und er hat sehr genau beobachtet, wie sein Erfahrungsbericht, in die deutsche Sprache übersetzt, auf deutsche Leser einwirkte.
Es gibt eine ganz andere Perspektive auf Auschwitz, die bis vor kurzem im biographischen Gedächtnis verschlossen geblieben ist und keine entsprechende Wirkung auf das allgemeine Gedächtnis gehabt hat. Ich denke an die autobiographische Skizze, die der Historiker Reinhart Koselleck 50 Jahre nach Kriegsende veröffentlichte, und in der er über seine Erfahrungen im Frühjahr 1945 berichtet.2 Der Tag der Befreiung war für den Soldaten Koselleck wie für unzählige andere Wehrmachtsangehörige ein Tag der Gefangennahme. Er beschreibt, wie seine Einheit von den Amerikanern an die Russen übergeben wurde und sich in einer großen Gefangenenkolonne in Richtung Osten in Bewegung setzte. Die Gefangenen marschierten an Birkenau vorbei und erreichten schließlich Auschwitz, wo sie in die Baracken einzogen. Der Name Auschwitz hatte damals für Koselleck noch keine Bedeutung. Von den Russen erfuhren sie dort, daß in Birkenau Millionen vergast worden seien, was viele der Gefangenen für eine sowjetische Propagandalüge hielten. Nicht so Koselleck. Er schreibt, daß er von der Wahrheit dieses Wortes spontan überzeugt war und er schildert die Umstände, unter denen er in Auschwitz die erste Information über diesen Ort erhielt. Ein ehemaliger polnischer KZ-Häftling war zur Überwachung der deutschen Kriegsgefangenen eingesetzt und trieb sie zu schnellerem Arbeiten an. Einmal ergriff er dabei einen Schemel, den er drohend in die Luft hob. Doch bevor er ihn auf Kosellecks Kopf niederschmetterte, hielt er plötzlich inne mit den Worten: »Was soll ich dir schlaggen Schäddel ein, ihr habt ja vergasst – Millionnen«. Der Schemel flog in die Ecke und zerbrach. Koselleck fährt fort: »Schlagartig – wörtlich – war mir klar, daß er die Wahrheit sprach. Vergast? Millionen? Das konnte nicht erfunden sein.«
An dieser Stelle fügt Koselleck eine kritische Reflexion über die Wahrheit seiner eigenen Erinnerungen ein. Er schreibt: »Es gibt Erfahrungen, die sich als glühende Lavamasse in den Leib ergießen und dort gerinnen. Unverrückbar lassen sie sich seitdem abrufen, jederzeit und unverändert. Nicht viele solcher Erfahrungen lassen sich in authentische Erinnerungen überführen; aber wenn, dann gründen sie auf ihrer sinnlichen Präsenz. Der Geruch, der Geschmack, das Geräusch, das Gefühl und das sichtbare Umfeld, kurz alle Sinne, in Lust oder Schmerz, werden wieder wach und bedürfen keiner Gedächtnisarbeit, um wahr zu sein und wahr zu bleiben.«
Von diesen Erinnerungen unterscheidet Koselleck einen anderen Typ: »Freilich gibt es zahllose Erinnerungen, die ich oft erzählt und wiederholt habe, deren sinnliche Wahrheitspräsenz aber längst entschwunden ist. Sie sind selbst für mich nur noch literarische Geschichten, ich kann ihnen, mir selbst zuhörend, nur noch Glauben schenken. Bis zur sinnlichen Gewißheit verbürgen kann ich mich nicht mehr.«
Koselleck ist nach Auschwitz als ein russischer Kriegsgefangener gekommen, nicht als ein Opfer des NS-Regimes. Von den Verbrechen, die dort verübt worden sind, hat er keine eigene Erfahrung, er kennt nur den Schauplatz des Schreckens nach der Befreiung, er hat Informationen nur aus zweiter Hand. Dennoch entwickelt er seinen Begriff sinnlicher Wahrheitspräsenz ausgerechnet anhand einer Erinnerung, für die er selbst keinerlei sinnliche Wahrnehmung hat. Was sein Bericht jedoch sinnlich bezeugt ist der Schockeffekt, den die plötzliche Einsicht in die Wahrheit der Nachricht über das Ausmaß der NS-Verbrechen bei ihm ausgelöst hat. Anstelle des Schemels traf ihn die Wucht dieser Mitteilung. »Schlagartig – wortwörtlich – wurde mir klar, daß er die Wahrheit sprach. Vergast? Millionen? Das konnte nicht erfunden sein.« Andere Deutsche, die nach Kriegsende auf Anordnung der Alliierten die Tatorte der Verbrechen besichtigen mußten oder durch Filme und Photographien von den Massenmorden erfuhren, haben nicht so eindeutig reagiert. In den meisten Fällen ist trotz der optisch sinnlichen Evidenz, auf der die Informationspolitik der Alliierten beruhte, die Stimme des deutschen Gewissens gerade nicht wachgeworden (um eine Formulierung von Eugen Kogon aufzugreifen) und es scheint, als habe sich dadurch in der Bevölkerung die Abwehr eher noch verhärtet.3
Gedächtnislücken
Inzwischen ist ein einzigartiges Dokument erschienen, das im englischen Original allerdings bereits seit 54 Jahren vorliegt.4 Es ist der Bericht eines 1905 in Wien geborenen amerikanischen Juden, von Beruf Historiker, der als unbewaffneter »intelligence officer« die amerikanischen Truppen begleitete, als sie im Oktober 1944 von Belgien nach Deutschland vorrückten. Sein Projekt bestand darin, im Medium von Interviews die inneren Einstellungen der Deutschen vor Kriegsende in einem möglichst breiten Spektrum zu untersuchen. Sein Dossier, das er für die Abteilung für Psychologische Kriegsführung angelegt hat, enthält die Zusammenfassung und Protokolle von Hunderten von Gesprächen mit Deutschen aller Berufs- und Altersgruppen. Obwohl der amerikanische Offizier die Interviews als Besatzer mit militärisch geschlagenen Deutschen führte, war ihr Ton nicht der eines Verhörs. Padover wollte etwas über die inneren Motive, Haltungen, Hoffungen, Einstellungen seiner Informanten erfahren; er wollte an den ?deutschen Charakter? und die deutsche Mentalität herankommen. So lernte er bald, wie er die Gespräche zu führen hatte, um seine Informanten aus der Reserve zu locken und zum Sprechen zu bringen.
Für die Historiker ist dieses Dokument möglicherweise nicht von großem Interesse. Die Fakten sind gut bekannt und die Interviews dürften kaum den Standards der oral history-Forschung genügen. Als Zeugnis einer deutschen Erinnerungsgeschichte ist Padovers Dossier jedoch äußerst aufschlußreich. Zeigt es doch mit großer Anschaulichkeit die Muster der Verdrängung, mit denen sich die deutsche Bevölkerung wappnete, als absehbar geworden war, daß der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Die Einstellung der überwältigenden Mehrheit war eine einhellige Verdammung des Nationalsozialismus, die allerdings jegliche Perspektive einer eigenen Mitverantwortung kategorisch ausschloß. Padover registriert einen »traumatischen Schock von Stalingrad«, der zu einem radikalen Stimmungswandel führte, ohne damit jedoch einen inneren Gesinnungswandel zu befördern. Er schreibt: Die Neigung der Deutschen, »alle Schuld und Verantwortung auf Hitler zu schieben, sollte aufmerksam registriert werden. Psychologisch gesehen, wollen sich die Deutschen Strafe und moralischer Verantwortung entziehen, indem sie der Welt einen Schuldigen präsentieren, den sie noch vor kurzer Zeit als Halbgott angehimmelt habe«. Diese Abwendung von Hitler war von keinem Schimmer eigenen Schuldbewußtseins begleitet. Niemand, so fährt Padover fort, »kritisierte die Aggression als solche. Kritisiert wurde die gescheiterte Aggression. Hitler wird vorgeworfen, den Krieg verloren, und nicht, ihn begonnen zu haben.« (93–94)
Das einheitliche Profil dieses Selbstschutzes tritt uns in den von Padover aufgezeichneten Gesprächen in immer neuen Variationen gegenüber. Rückblickend stellen wir heute fest, daß es genau dieses Erfahrungs- und Selbstdeutungsmuster der NS-Vergangenheit war, das nach Kriegsende keineswegs revidiert wurde, sondern mit dem man sich in der neugegründeten Bundesrepublik bestens einrichten konnte. Im Zentrum dieser Haltung stehen Klage und Anklage: Man sei belogen und betrogen worden, von den Greueltaten habe man nichts gewußt, unter den Bedingungen der Zwangsherrschaft sei jeder Widerstand ausgeschlossen gewesen, allein die Nazis seien schuldig, die Deutschen seien unschuldig, sie hätten nur Befehle ausgeführt. Padover zog Ende 1944 aus diesen Interviewerfahrungen seine erste sarkastische Bilanz:
»Seit zwei Monaten sind wir hier zugange, wir haben mit vielen Menschen gesprochen, wir haben jede Menge Fragen gestellt, und wir haben keinen einzigen Nazi gefunden. Jeder ist ein Nazigegner. Alle Leute sind gegen Hitler. Sie sind schon immer gegen Hitler gewesen. Was heißt das? Es heißt, daß Hitler die Sache ganz allein, ohne Hilfe und Unterstützung irgendeines Deutschen durchgezogen hat. Er hat den Krieg angefangen, er hat ganz Europa erobert, den größten Teil Rußlands überrannt, fünf Millionen Juden ermordet, sechs bis acht Millionen Polen und Russen in den Hungertod getrieben, vierhundert Konzentrationslager errichtet, die größte Armee in Europa aufgebaut und dafür gesorgt, daß die Züge pünktlich fahren.« (46)
Was er von seinen Gesprächspartnern zu hören bekam, konnte also nicht die ganze Wahrheit sein. Wie aber war an die Wahrheit heranzukommen? Gab es einen Lügendetektor, der diese Maske des Selbstschutzes zerriß? Von einem seiner Informanten, einem gewissen Georg Thesen, der in der Eifel zu den amerikanischen Truppen übergelaufen war, bekam Padover auf seine Frage, wie man einen Nazi enttarnt, eine klare Antwort:
»Sie werden feststellen, daß ein wahrer Nazi keine sozialen Ideale hat. Fragen Sie ihn, was er von Konzentrationslagern wußte und der Behandlung der Juden. Sie werden merken, daß ein wahrer Nazi jedes Wissen oder jede Verantwortung leugnet. Wenn er es leugnet, dann fragen Sie ihn, warum er sich nicht für seine Mitmenschen interessiert. Gibt er sich als unpolitisch aus, dann wissen Sie, daß er lügt – unter den Nazis konnte niemand unpolitisch sein.« (49)
Die Frage ist allerdings, ob das Problem, um das es hier geht, mit Hilfe eines Lügendetektors überhaupt zu lösen ist. Wahrscheinlich liegt das Problem tiefer, weil die Deutschen, die hier über ihre Einstellungen Auskunft geben, nicht nur den amerikanischen Offizier belogen haben, sondern an erster Stelle auch sich selbst. Ihr moralischer Sinn und ihr persönliches Gewissen waren durch Übernahme einer rückhaltlos (kollektiv-) egoistischen Ideologie und durch Verinnerlichung einer funktionalistischen Bürokratie anästhesiert worden. Sie verdrängten ihre Schuld und Verantwortung, indem sie sie externalisierten, d. h. von sich abspalteten und auf eine kleine Gruppe von Verbrechern auslagerten. Mit dieser Lüge, an die sie selber felsenfest glaubten, schränkten sie ihren Wahrnehmunghorizont ein. Was Gegenstand der Kritik, der Empörung, des Abscheus, ja des Traumas hätte sein müssen, wie die schrittweise Demütigung und Entwertung, Ausgrenzung und Vertreibung, Deportation und Ermordung der Juden, wurde aus der Wahrnehmung ausgegrenzt und aus dem Bewußtsein verbannt.
An diesem Punkt setzt das Problem der Erinnerungsgeschichte ein. Was damals nicht wahrgenommen wurde, weil man es nicht wahrhaben wollte, konnte später nicht zu einem Gegenstand der Erinnerung werden. Die Logik der Erinnerung ist ja denkbar einfach: um mich an etwas erinnern zu können, brauche ich eine Gedächtnisspur. Um eine Gedächtnisspur zu haben, muß zuvor etwas wahrgenommen und gespeichert worden sein, was dann später als Erinnerung wieder abgerufen werden kann. An blinde Flecken kann man sich nicht erinnern. Um hier mit Freud zu sprechen, etwas, »was nie ?vergessen? werden konnte, weil es zu keiner Zeit gemerkt wurde, niemals bewußt war«, daran kann man sich hinterher auch nicht mehr erinnern.5 Die kognitive Psychologie, die sich besonders für die Fehlleistungen des Gedächtnisses und Erinnerungslücken interessiert, hat diesem Fall ihre Aufmerksamkeit geschenkt. Der Psychologe David L. Schacter hat ?sieben Sünden des Gedächtnisses? aufgelistet, wobei er zwischen zwei Typen von Fehlleistungen des Gedächtnisses unterscheidet: Fehler bei der Speicherung und Fehler beim Rückruf von Erinnerungen. Die blinden Flecken der Deutschen kommen durch einen Speicherungsfehler zustande, durch ein Aussetzen von Aufmerksamkeit im Akt der Wahrnehmung. »Ein großer Teil des Vergessens ist darauf zurückzuführen, daß zum Zeitpunkt der Aufnahme oder des Rückrufs zu wenig Aufmerksamkeit aufgeboten wurde. Solche Fälle von Vergessen können auf Geistesabwesenheit zurückgeführt werden.«6
Padover hat den Deutschen all die Gewissensfragen gestellt, die sie sich selbst nicht gestellt haben, weil der moralische Nerv in weiten Kreisen der Bevölkerung verödet war. In dieser Haltung der allgemeinen Betäubung hat die Mehrheit der Deutschen ihre Mitverantwortung und Schuld gar nicht wahrgenommen und folglich auch nicht gespeichert, was dazu führte, daß sie sich später auch nicht an sie erinnern konnte. An die Stelle von Erinnerung trat nach dem Kriege die Verfestigung des Rechtfertigungskorsetts, mit dem man sich bereits vor Kriegsende gewappnet hatte. Die Umerziehung der Alliierten konnte diesen Panzer nicht aufbrechen, denn Mentalitäten sind unter der Bewußtseinsschwelle habituell eingefleischt und deshalb durch kognitive Lernprozesse nur schwer zu beeinflussen.
Offizielles Gedächtnis ohne persönliche Erinnerung
Mich interessiert hier weniger die historische Momentaufnahme, die uns Padovers Bericht vermittelt, mich interessieren die Konsequenzen dieser Momentaufnahme für die bis in unsere Gegenwart reichende deutsche Erinnerungsgeschichte. Diese Erinnerungsgeschichte von 1945 bis heute möchte ich im Folgenden kurz rekapitulieren. Zuvor sind jedoch noch einige allgemeinere Bemerkungen zur Funktionsweise von Gedächtnis und Erinnerung angebracht.
Das Gedächtnis, das bestätigen uns die Psychologen und Neurowissenschaftler, die die Dynamik von Erinnern und Vergessen auf der Ebene des Individuums und seiner Gehirnfunktionen untersuchen, ist kein statischer Behälter, in dem Erfahrungen unverändert konserviert werden. Es ist in der Regel alles andere als Kosellecks geronnene Lavamasse, nämlich ein dynamischer Prozeß, in dem man sich von den Bedingungen und Bedürfnissen der Gegenwart aus immer wieder anders auf die Vergangenheit einläßt und dabei gerade so viel von ihr zuläßt, wie man gebrauchen oder ertragen kann. Eine entsprechende Tendenz zur dynamischen Anpassung bestimmt auch das kollektive Gedächtnis. Die Gesellschaft legt die Bezugsrahmen und Deutungsmuster für die Vergangenheit immer neu fest, die darüber entscheiden, wie und was von der Vergangenheit zur Sprache gebracht wird. Der Wandel dieser Bezugsrahmen ist abhängig von inneren und äußeren Faktoren. Als wichtigste sind zu nennen: – sozial: der Generationswechsel innerhalb einer Gesellschaft, – außenpolitisch: die Beziehung zu anderen Staaten wie Israel, Polen oder die USA, die selbst Opfer deutscher Aggression und Vernichtungsgewalt geworden sind, sowie – innenpolitisch: der Wechsel des politischen Systems, wie er z.B. mit der Wiedervereinigung eintrat.
Meine These ist, daß sich die biographischen Erinnerungen an diesen gesellschaftlichen und politischen Wandel der Erinnerung, dessen einzelne Phasen ich gleich rekapitulieren werde, nicht wirklich angepaßt haben. Dadurch ist es zu einer Diskrepanz zwischen individuellen Erinnerungen und kollektivem Gedächtnis gekommen, die für eine Reihe von Eruptionen und Skandalen verantwortlich zu machen ist. Diese Diskrepanz erklärt auch, warum sich die Erinnerung an die NS-Vergangenheit in Westdeutschland immer in einer Dialektik von Abwehr und Anerkennung bewegt hat. In der Rückschau auf diesen Prozeß lassen sich drei Phasen unterscheiden.
In der ersten Phase spielten Stichworte wie Scham, Schuld, Sühne und Verantwortung im offiziellen Gedächtnisdiskurs der Bundesrepublik eine funktionale Rolle. Dieses offizielle Bekenntnis der Abkehr vom Nationalsozialismus und die Berufung auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung war die Bedingung für die Resozialisierung der Westdeutschen. Sie waren der Sockel, auf dem die BRD errichtet wurde. Die Verurteilung des Nationalsozialismus schloß die historische Verantwortung für die Verbrechen der NS in Form von sogenannten Wiedergutmachungszahlungen ein. Dieses offizielle Gedächtnis der Bundesrepublik war die Bedingung dafür, daß die Deutschen kein – wie Padover oder Thomas Mann 1946 noch mutmaßten – »ausgestoßenes, beispiellos verfluchtes und gefürchtetes Volk« blieben, sondern schon bald wieder in die internationale Völkergemeinschaft aufgenommen wurden (335). Das war aber nur die eine Seite der Medaille, denn der >politischen< Konversion des Gemeinwesens entsprach keine Konversion der Identität der Bürger. Die Stichworte Scham, Schuld und Reue waren aus den biographischen Gedächtnissen weitgehend getilgt. Das offizielle Bekenntnis wirkte entlastend, indem es stellvertretend ein Schuldbewußtsein artikulierte, das die einzelnen Bürger gerade nicht zustande brachten. Und auch nicht zustande bringen mußten, denn das erste Gesetz, das die neue Bundesrepublik verabschiedete, galt der persönlichen Rehabilitation und beruflichen Reintegration der von der alliierten Entnazifizierung Betroffenen, den damals sogenannten >Opfern< der Entnazifizierung. Mit anderen Worten: Der Identitätswandel, den die einzelnen Menschen für sich selbst nicht zu leisten brauchten, wurde ihnen von der Regierung abgenommen.
Von Anfang an bestand das Dilemma der deutschen Erinnerungsgeschichte also darin, daß der offizielle Gedächtnisdiskurs des Staates nicht wirklich durch biographische Erinnerungen gedeckt war. Das war signifikant anders in der DDR, wo es gelang, offizielles Gedächtnis und biographische Erinnerung weitgehend zur Deckung zu bringen. In der BRD war dagegen festzustellen, daß das offizielle Gedächtnis nicht sehr tief ging. Handlungskonsequenzen wie Wiedergutmachungszahlungen stießen auf erheblichen inneren Widerstand, ehemals in hoher Stellung befindliche Parteimitglieder wie Globke oder Werner Best kamen wieder zu Amt und Würden. Kein Wunder, wenn angesichts dieser Diskrepanz zwischen offiziellem Gedächtnisdiskurs und individueller Erinnerung das politische Bekenntnis oft hohl klang und in einer dünnen Fassade erstarrte. Über diese Diskrepanz haben sich mehrfach diejenigen Deutschen ausgesprochen, deren biographische Erlebnisse noch tief in die NS-Zeit hineinreichen. Der Historiker Reinhart Koselleck, Jahrgang 1925, kam in der eingangs zitierten biographischen Skizze auch darauf zu sprechen:
»Es gibt eben Erfahrungen, die unaustauschbar sind und unvermittelbar – so furchtbar oder um vieles schlimmer die Erfahrungen anderer sind. Vergleichen lassen sie sich allemal: aber nur von außen. Von der jeweiligen Erfahrung selber her ist alles einmalig. Heute weiß ich weit mehr, als ich damals wissen konnte, und ich weiß anderes, als damals möglich war. Und so geht es den Nachgeborenen. Aber die Unaustauschbarkeit eines primären Erfahrungswissens läßt sich nicht überbieten: Wissen ist besser als Besserwissen.«
Noch wesentlich deutlichere Worte fand Martin Walser, Jahrgang 1928, der dieses Erinnerungsdilemma wiederholt in seinen Texten beschrieben hat. Vor zehn Jahren notierte er:
»Ich habe das Gefühl, ich könne mit meiner Erinnerung nicht nach Belieben umgehen. Es ist mir, zum Beispiel, nicht möglich, meine Erinnerung mit Hilfe eines inzwischen erworbenen Wissens zu belehren. (…) Die Bilder (meiner Erinnerung, A. A.) sind jeder Unterrichtung unzugänglich. Alles, was ich inzwischen erfahren habe, hat diese Bilder nicht verändert. (…) Das erworbene Wissen über die mordende Diktatur ist eins, meine Erinnerung ist ein anderes. Allerdings nur so lange, als ich diese Erinnerung für mich behalte. Sobald ich jemanden daran teilhaben lassen möchte, merke ich, daß ich die Unschuld der Erinnerung nicht vermitteln kann. (…) Ich müßte also so reden, wie man heute über diese Zeit redet. Also bliebe nichts übrig als ein heute Redender. Einer mehr, der über damals redet, als sei er damals schon der Heutige gewesen. (…) Die meisten Darstellungen der Vergangenheit sind deshalb Auskünfte über die Gegenwart.«7
Walser stößt hier an eine Grenze der Nichtmitteilbarkeit seiner Erinnerungen, die nicht darauf zurückzuführen ist, daß sich für solche Erinnerungen keine Worte finden lassen. Es geht ihm nicht um die Artikulierbarkeit seiner Erinnerungen, sondern um ihre Kommunikabilität und soziale Akzeptanz in einer späteren Welt, in der sich alle Voraussetzungen und Einstellungen gegenüber der ursprünglichen Erlebnissituation geändert haben. Er stellt eine enorme Diskrepanz zwischen den Erlebnissen der Vergangenheit und dem Geltungssystem der Gegenwart fest und spürt den Druck, diese Vergangenheit den Normen der Gegenwart anzupassen. Das Ergebnis wäre, wie Walser in seinem letzten Roman formuliert, »eine komplett erschlossene, durchleuchtete, gereinigte, genehmigte, total gegenwartsgeeignete Vergangenheit.«8
Wie kann man die Unschuld von Erinnerungen vermitteln aus einer Zeit, der wir uns retrospektiv nur durch das Tor des Holocaust hindurch nähern können? Schon das Wort »Unschuld« klingt in diesem Kontext skandalös. Gibt es unschuldige Erinnerungen aus einer schuldbeladenen Zeit?
Geschichte und Gedächtnis
Dieses Problem ist vor 13 Jahren schon einmal in großer Ausführlichkeit debattiert worden. Ich denke an den Briefwechsel zwischen den Zeithistorikern Martin Broszat und Saul Friedländer am Rande des Historikerstreits im Herbst 1987. Broszat plädierte damals für eine Form der Historisierung des Nationalsozialismus, die diese Geschichtsepoche zum Zwecke einer gerechteren und differenzierteren Analyse einbringen sollte in einen allgemeinen Rahmen, der Platz für unterschiedliche Perspektiven und Bewertungen belassen sollte. Unterschiedliche Erinnerungen samt ihren begrenzten Perspektiven und Wertungen sollten in einer integrierenden Gesamtschau aufgehoben werden. Geschichte verstand Broszat als eine durch bestimmte Institutionen und ihre professionellen Vertreter gesicherte überindividuelle Letztinstanz historischer Wahrheit, die die Einzelperspektiven neutralisierte, indem sie sie transzendierte.
Dieser Position wurde damals von Saul Friedländer energisch widersprochen. Als Gegenkraft zur abstrakten Geschichte brachte Friedländer die Erinnerungen der Opfer als eine normative Instanz ins Spiel, über die sich eine wissenschaftliche Geschichtsschreibung nicht einfach hinwegsetzen könne. Er plädierte dafür, Geschichte und Erinnerung stärker aneinander anzunähern und der Geschichtsschreibung selbst das Gepräge von Erinnerung zu geben, ein historiographisches Projekt, das in der von ihm mit Dan Diner zusammen zwei Jahre später gegründeten Zeitschrift History and Memory auch zu einem wissenschaftlichen Programm erhoben wurde. Das bedeutete vor allem, daß von der Instanz des Gedächtnisses aus das Ideal einer distanzierten, transzendenten Interesselosigkeit der Geschichtswissenschaft in Frage gestellt und eine stärkere Verpflichtung des Historikers zu einer auch moralischen Beurteilung der von ihm untersuchten Geschehnisse eingeklagt wurde. Die Kontroverse spitzte sich dabei auf eine Gegenüberstellung der Begriffe Geschichte und Gedächtnis zu. Geschichte, vertreten durch Broszat, folge der Verlaufsrichtung der Geschehnisse selbst, indem sie sich von der Vergangenheit in die Gegenwart vorwärts arbeite, Gedächtnis, vertreten durch Friedländer, folge der Verlaufsrichtung der Erinnerung, die notwendig retrospektiv ist und von der Kenntnis des Resultats her sich den Weg zu den Anfängen zurückbahnt. Das Problem, um das es in diesem deutsch-jüdischen Dialog damals ebenso ging wie im Historikerstreit, war die Frage nach der Zentralstellung des Holocaust in der deutschen Geschichte. In dem Maße, wie die Zentralität des Holocaust für die Erfahrung der Opfer immer evidenter, konkreter und bestimmender geworden war, sollte er auch für die Perspektive der Täter und Mitläufer rückwirkend zum allgemeinen Fluchtpunkt und moralischen Maßstab erhoben werden.
Drei Phasen der (west-)deutschen Erinnerungsgeschichte
Doch mit dem Blick aufs Jahr 1987 haben wir vorgegriffen. Kehren wir noch einmal zurück in die erste Phase der deutschen Erinnerungsgeschichte, die Phase der politischen Deklaration. Wir haben die Gesellschaft der fünfziger Jahre in der BRD charakterisiert durch ein offizielles Gedächtnis ohne biographische Erinnerung. Hermann Lübbe hat diesen Zustand als den eines »kollektiven Beschweigens« beschrieben. Da der moralische Überbau des Gedächtnisdiskurses auf keiner tragenden empirischen Basis aufruhte, war es nicht verwunderlich, daß die streng nach Protokoll in politischen Feierstunden ausgesprochenen Deklarationen vor allem für die jüngere Generation oft hohl und aufgesetzt klangen.
Mit dem Heranwachsen dieser zweiten Generation in den 60er – 80er Jahren nahm die deutsche Erinnerungsgeschichte eine neue Wende. Das Verhältnis der Deutschen zur NS-Vergangenheit blieb nicht eine Sache der offiziellen Deklarationen und der Politiker, an die man das Problem delegiert hatte, sondern wurde allgemein zu einem Gegenstand aktiven Fragens, Forschens und Lernens. Diese zweite Phase steht im Zeichen der familialen, juristischen und historischen Aufklärung. Dieser Impuls eines unerbittlichen Nachfragens wurde in die bürgerlichen Wohnstuben, in die Gerichtshöfe und in die Archive getragen. Unter diesem Druck des Fragens wurde die Erinnerung konkret, sie wurde wieder auf Personen bezogen und in Orten verankert. Es entstand ein öffentlich gesellschaftlicher Rahmen für die Auseinandersetzung mit biographischer Schuld und persönlicher Verantwortung. Gleichzeitig verstärkte sich das Engagement der Historiker, die begannen, sich systematisch mit der Aufarbeitung der jüngsten Vergangenheit zu befassen.
Seit dem Ende der 80er Jahre hat sich die Form des Vergangenheitsbezugs noch einmal grundsätzlich verändert. Zwölf Jahre nach dem Historikerstreit und dem Briefwechsel zwischen Broszat und Friedländer können wir sagen, daß sich Friedländer mit seiner Position durchgesetzt hat. Die Zentralität des Holocaust ist für die Geschichtsschreibung und Geschichtserfahrung des 20. Jahrhunderts unbestritten. Das monströse Verbrechen der Deutschen, das zur irreversiblen Zerstörung einer Weltordnung geführt hat, ist mittlerweile nicht nur im deutschen, sondern auch in einem universalen Gedächtnis fest verankert. Nach einer langen Phase der Latenz ist dieses Geschichtstrauma allmählich ins allgemeine Bewußtsein eingedrungen und dort mithilfe von materiellen Zeugnissen und symbolischen Formen gefestigt worden. Wir erleben zur Zeit, wie mit dem absehbar gewordenen Abtreten der Zeitzeugen eine massive materielle Sicherung persönlicher Zeugnisse sowie die Einrichtung von Museen und die Errichtung von Denkmälern einhergeht. Auch die Diskussion um das Berliner Holocaust-Mahnmal und die Walser-Bubis Debatte sind charakteristische Stationen dieser dritten Phase der Formation des kulturellen Gedächtnisses, in der sich die Gesellschaft öffentlich mit der Frage auseinandersetzt, in welchen Formen sie die Erinnerung an den Holocaust annehmen, stabilisieren und an die nachfolgenden Generationen weitergeben will.
Einige deutsche Historiker gingen davon aus, daß sich mit dem Abtreten der Zeitzeugen die Bedeutung der Erinnerungen auflösen und der Diskurs der Geschichtswissenschaft an ihre Stelle treten würde. Koselleck war der Ansicht, daß die mit den Erinnerungen verbundenen Vergangenheitsbewältigungstechniken ihren politisch-existentiellen Bezug verlieren und »zugunsten von wissenschaftlicher Einzelforschung und hypothesengesteuerten Analysen« verblassen werden.9
Wie Broszat, so geht auch Koselleck von einem geradezu naturgesetzlichen Wandlungsprozeß aus, den man in Abänderung einer bekannten Wendung von Freud auf die Formel bringen könnte: – wo es war, soll ich werden – wo Gedächtnis war, soll Geschichte werden. Für einen solchen Wandlungsprozeß gibt es derzeit jedoch wenig Anhaltspunkte. Das hängt zum einen mit dem traumatischen Charakter dieser Geschichte zusammen. Von einem allmählichen Erkalten jener heißen Zone der Geschichte ist nichts zu spüren in einer Zeit, die durch eine intensive Anstrengung der Sicherung persönlicher Erinnerungen – man denke an das Video Archive of Holocaust Testimonies – und eine Verdichtung von Akten des Gedenkens und der Errichtung von Monumenten gekennzeichnet ist. Auch die einfache Gegenüberstellung von Erinnerung und Geschichte reicht nicht mehr aus. Neben biographischer Erinnerung und allgemeiner Geschichtsschreibung tritt immer stärker ein Drittes in Erscheinung, das Jan Assmann und ich das ?kulturelle Gedächtnis? genannt haben. Darunter verstehen wir eine öffentliche und identitätsbildende Form gemeinsamen Erinnerns, die sich auf mediale Träger wie Texte, Bilder, Filme und Videos, materielle Spuren wie Relikte oder Tatorte und symbolische Formen wie ritueller Kommemoration stützt. Wir erleben also keine zwangsläufige Historisierung, sondern eine enorme Vervielfältigung der Formen des Erinnerns.
In dieser Phase, in der es nicht mehr um Vergangenheitsbewältigung, sondern um Vergangenheitsbewahrung geht, treten diejenigen Institutionen in den Vordergrund, die sich mit Fragen der Sicherung, Vermittlung, Darstellung und Aktivierung von Vergangenheit befassen: Gedenkstätten, Museen, Denkmäler, Schulen und Massenmedien. Was ändert sich in dieser Phase? Wie ändert sich die Erinnerung in dieser Phase des ?kulturellen Gedächtnisses?? Was bedeutet dieser Strukturwandel des Gedächtnisses vom Individuellen zum Kulturellen, vom Erlebten zum Erlernten in der dritten Phase der deutschen Erinnerungsgeschichte, die wir gegenwärtig erleben? Zur näheren Charakterisierung dieser Phase möchte ich hier nur drei Aspekte hervorheben. Da ist zunächst:
• Die Universalisierung der Erinnerung an den Holocaust. Seit Ende der 80er Jahre – dafür steht heute der sogenannte Historikerstreit – ist die Zentralstellung des Holocaust im 20. Jahrhundert der Menschheitsverbrechen unbestritten. Am 27. Januar dieses Jahres trafen sich in Stockholm politische Vertreter und Fachleute aus mehr als 40 Ländern, um darüber zu beraten, wie die Erinnerung an den Holocaust übernational bewahrt und wachgehalten werden kann. Auf der Konferenz ging es u.a. um die Koordinierung des Geschichtsbildes, das in Schulbüchern vermittelt werden soll. Mit dieser Universalisierung des Holocaust besteht die Gefahr einer allgemeinverbindlichen Fassung der Geschichte, die die historisch spezifischen Perspektiven und Erfahrungen ausblendet.
• Verbunden mit der Internationalisierung gibt es auch eine Nationalisierung des Gedächtnisses. Die Einführung des 27. Januar als Gedenktag, der Beschluss des Bundestags, in Berlin ein zentrales Holocaust-Denkmal zu bauen und die Erhebung der Gedenkstätten zu einer politischen Verantwortung sind Marksteine auf dem Weg der Nationalisierung des Gedächtnisses. Durch Institutionalisierung in Denkmälern, Gedenkstätten und Jahrestagen wird die Erinnerung nationalisiert und ritualisiert. Als eine politische Aufgabe des Staates und der von ihm eingesetzten Beamten ist sie allerdings in Gefahr, sich von den Individuen abzulösen, die sich durch Delegieren der Erinnerung an staatliche Institutionen entlastet fühlen können. Es besteht die Gefahr, daß sich das Grundproblem, von dem eingangs die Rede war, und das in der ersten Phase der deutschen Erinnerungsgeschichte aktuell war, nämlich »offizielles Gedächtnis ohne individuelle und soziale Erinnerung« unter veränderten Bedingungen wiederherstellen könnte.
• Die Mediatisierung des Gedächtnisses. An die Stelle der aussterbenden biographischen Erinnerungen tritt immer mehr das nachträglich erworbene Wissen. Mit dem Verschwinden biographischer Erinnerungen wird sich auch die Diskrepanz zwischen lebendiger Erfahrung und nachträglichem Wissen auflösen, mit der sich Zeitzeugen wie Koselleck und Walser noch auseinandersetzen mußten. Damit ergibt sich allerdings ein neues Problem: das abstrakte, auf erlerntem Wissen beruhende Gedächtnis bedarf neuer, sekundärer Formen von Erfahrung und sinnlicher Anschauung, um emotional durchdrungen und persönlich angeeignet zu werden. Es könnte deshalb sein, daß in der Zukunft das Gleichgewicht zwischen Wissen und Erfahrung ebenso prekär sein wird, wie es, mit veränderten Vorzeichen, in der Vergangenheit gewesen ist. Nachdem sich mit dem Aussterben der Zeitzeugen der Widerstand des Vergessens, Verdrängens und Verleugnens des Holocaust auflöst, entstehen neue Probleme der Entwirklichung der Erinnerung. Die Erinnerung an den Holocaust ist – abgesehen von minimalen und marginalen Gruppen – nicht mehr umstritten, dafür aber möglicherweise einer zunehmenden Trivialisierung und Verflachung ausgesetzt. Durch Kommerzialisierung in massenmedialen Angeboten wird die Erinnerung auf eine wohlfeile Identifizierung mit den Opfern verkürzt, was eine Auseinandersetzung mit der eigenen Situation und Position in der Geschichte ausschließt. Durch die Aktivitäten von Spielberg und das Holocaust-Museum in Washington wird die Perspektive der amerikanischen Juden nach Deutschland importiert, was leicht zu einer Normierung der Erinnerung führen kann, die universal geteilt wird, aber keine Rückbindung an eigene Geschichtserfahrung in deutschen Familien und an deutschen Orten mehr zuläßt.
Gewiss, nach dem bevorstehenden Abtreten der Überlebenden und Zeitzeugen brauchen wir eine neue Fundierung der Erinnerung an die NS-Zeit und der mit ihr verbundenen Menschheitsverbrechen. Wir brauchen die Historiker, die uns diese Vergangenheit rekonstruieren, und wir brauchen die Künstlerinnen und Künstler, die sie uns re-konkretisieren. Das kulturelle Gedächtnis an den Holocaust muß auf der Basis von Universalisierung, Nationalisierung und Mediatisierung neu gegründet werden. Damit ist aber noch keineswegs gesichert, daß dieses Gedächtnis auch Gegenstand historischer Erfahrung, gesellschaftlicher Auseinandersetzung und persönlicher Aneignung bleibt. Vor allem bedarf es einer Rückbindung an konkrete Lebensgeschichten und authentische Orte, um diese Erinnerung vor Verallgemeinerung, Delegation an Spezialisten und fortschreitender Entwirklichung zu bewahren. Eine wichtige Möglichkeit zur Gegensteuerung sehe ich in der Stärkung der authentischen Orte, an denen die Erinnerung an die NS-Verbrechen in die Nachbarschaft alltäglichen Lebens und in die Bezüge persönlicher Lebensgeschichten eingegliedert ist. Parallel zur Mediatisierung und Monumentalisierung geht es darum, konkrete Erinnerungsorte in der weitverzweigten Topographie deutschen Terrors zu markieren und in die Landkarte unserer Geschichtserinnerung einzutragen. Denn um die Erinnerung lebendig zu erhalten, brauchen wir solche Orte, die uns – um mit Ruth Klüger zu sprechen – auf »das Körnige, das Sandige des wirklich Erlebten« zurückverweisen, anstatt es »bis zur Widerstandslosigkeit in der Nacherzählung« auszufiltern.10
1 Primo Levi, Ist das ein Mensch? Ein autobiographischer Bericht, München 1991, 9. Aufl. 2000, 205–206.
2 Reinhart Koselleck, »Glühende Lava, zur Erinnerung geronnen«, in: FAZ vom 6. Mai 1995.
3 Aleida Assmann, Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit, Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Stuttgart 1999.
4 Saul K. Padover, Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/45, Frankurt a.M. 1999; Originalausgabe: The Experiment in Germany. The Story of an American Intelligence Officer, New York 1946.
5 Sigmund Freud, »Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten«, in: Gesammelte Werke, Bd. 10, hg. v. Anna Freud et al., Frankfurt a. M. 1969, 126–136; hier: 128.
6 David L. Schacter, »The Seven Sins of Memory. Insights from Psychology and Cognitive Neuroscience«, in: American Psychologist, March 1999, vol. 54, No. 3, 182–203; hier: 186.
7 Martin Walser, Reden über Deutschland, Frankfurt a.M.1989, 76–78.
8 Martin Walser, Ein springender Brunnen, Frankfurt a.M. 1998, 282.
9 Reinhart Koselleck, Nachwort zu: Charlotte Beradt, Das Dritte Reich des Traums, Frankfurt a. M. 1994, 117.
10 Ruth Klüger, weiter leben. Eine Jugend, Göttingen 1992, 32.
Prof. Dr. Aleida Assmann ist Anglistin an der Universität Konstanz. Sie hat - häufig in Zusammenarbeit mit Ihrem Mann Prof. Dr. Jan Assmann - durch verschiedene Veröffentlichungen und Diskussionsbeitäge Wesentliches zum Verständnis der Auseinandersetzung mit Geschichte und zur Begriffsklärung beigetragen.