In Figline, einem kleinen Ort im Stadtbereich von Prato (ca. 25 km nordwestlich von Florenz in der Toskana), wurde am 10. April 2002 vom Präsidenten der Republik Italien Carlo Azeglio Ciampi das Museo della Deportazione mit anliegendem Dokumentationszentrum eröffnet. Der Komplex ist Teil des kommunalen Bibliothekensystems.
Figline wurde als bedeutender Ort für die Erinnerung der Prateser Bevölkerung ausgewählt, da hier am 6. September 1944, am Tag der Befreiung der Stadt, 29 Partisanen von Einheiten der Wehrmacht auf dem Rückzug erhängt wurden. Es handelt sich um eines der zahlreichen Massaker in der Toskana während der Zeit der deutschen Besatzung, die aber vor allem die Zivilbevölkerung betrafen. Nur in der Toskana gab es ca. 4000 zivile Opfer: eines der bekanntesten Beispiele ist das Massaker von St. Anna di Stazzema bei Lucca, wo Bundespräsident Johannes Rau kürzlich einen offiziellen Staatsbesuch abgehalten hat.
Im Museo della Deportazione, das durch seine besondere innenarchitektonische Gestaltung Finsternis und Haltlosigkeit vermitteln will (Konzeption und Gestaltung ist Werk des Prateser Architekten Alessandro Pagliai), werden Gegenstände ausgestellt – es handelt sich um Arbeitsutensilien für den Stollenbau, Holzschuhe, Häftlingskleidung, kleine selbst gemachte Taschenmesser und Nadeln, Essgeschirr, Gummischläuche als Züchtigungswerkzeuge der »Kapos« sowie ein rekonstruiertes Bettgestell – die Anfang der 70er Jahre von ehemaligen KZ-Insassen aus Prato in den Stollen des ehemaligen KZ Ebensee, eines der größten der 49 Außenlager von Mauthausen, gefunden und sichergestellt wurden. Weitere Gegenstände stammen aus Privatbesitz. Sinn der Ausstellung ist es, symbolhaft zu zeigen, wie scheinbar unbedeutende Gegenstände Überleben oder Tod zur Folge haben konnten. Die Exponate sind begleitet von Fotos und Tafeln mit Zeugenberichten ehemaliger KZ-Insassen, in denen von diesen Gegenständen die Rede ist. In 10 Bildschirmen werden zudem Originalfilme gezeigt (Befreiung des KZ-Ebensee durch US-Armee u.a.). Im Eingangsbereich befindet sich eine Ausstellung mit historischen Angaben und Karten zum Komplex Lagersystem in Deutschland und im besetzten Europa, zum Aspekt »Vernichtung durch Arbeit«, spezifisch zur Deportation aus Prato und Provinz sowie zur Geschichte des KZ-Ebensee.
Das anliegende Dokumentationszentrum besteht aus einem Konferenz- und Videosaal mit etwa 80 Sitzplätzen, einer Bibliothek und Videothek und einem Computerraum. Vorgesehen sind Seminare, Konferenzen, Filmvorführungen etc… Dem wissenschaftlichen Beirat gehören namhafte italienische Historiker wie Enzo Collotti, Brunello Mantelli und Marco Palla an.
Über das KZ Mauthausen wurden in das Außenlager Ebensee (das deshalb entstand, damit riesige Stollenanlagen zur Tarnung von Kriegsindustrie von Tausenden von KZ-Häftlingen in den Berg getrieben werden konnten) auch die meisten der mehr als 100 deportierten Bürger aus Prato eingeliefert (nur 20 überlebten). Es handelte sich vornehmlich um Textilarbeiter, die an einem Generalstreik teilgenommen hatten, der in ganz Nord- und Mittelitalien vom Nationalen Befreiungskomitee Anfang März 1944 ausgerufen worden war, und der überall ausgedehnte Verhaftungswellen in den Betrieben, aber auch von der Straße weg, zur Folge hatte: Der ehemalige Verbündete Italien war nach dem Waffenstillstand mit den Alliierten, am 8. September 1943, zum Großteil besetzt worden und wurde, wie auch andere besetzte Gebiete Europas, zum Arbeitskräftereservoir für die NS-deutsche Kriegswirtschaft. Ca. 44 000, hauptsächlich politisch oder rassisch verfolgte Italiener (ca. 7000 waren Juden), wurden in Konzentrationslager deportiert, oft unter Mithilfe der faschistischen Kollaborationsregierung. Es überlebten nur etwa 5000 Personen.
In den vielen Jahren seit Ende des Zweiten Weltkrieges ist es in Prato auch dem rastlosen Engagement des Überlebenden des KZ-Ebensee Roberto Castellani zu verdanken – er wurde dabei von einigen seiner Leidensgefährten und Familienangehörigen der Opfer sowie von der überzeugten erinnerungspolitischen Haltung der Prateser Stadtverwaltung unterstützt – dass hier die Erinnerung an faschistische und nationalsozialistische Gewaltherrschaft und ihre Folgen wach gehalten wurde und wird; und zwar durch Begegnungen der Zeugen mit Generationen von Schülern, Erinnerungsfahrten zu den Gedenkfeiern vor allem nach Mauthausen und Ebensee, sowie eine Reihe von weiteren Initiativen wie die Realisierung des Dokumentarfilms »Eine Zukunft für die Erinnerung« des Regisseurs Massimo Sani, Bücherveröffentlichungen und Ausstellungen zum Thema. Ein Prozess, der jetzt mit der Entstehung des Museums und des Dokumentationszentrums seinen Höhepunkt findet. Schon mehr als 2500 Menschen haben bisher das Museum besichtigt.
Seit 1987 besteht zudem zwischen der Stadt Prato und der Marktgemeinde Ebensee in Österreich eine Städtepartnerschaft, die bis heute sehr positive Bewertungen und Auswirkungen gehabt hat: Ziel ist der Versuch einer gemeinsamen Erinnerungskultur mit einer ganzen Reihe von Aktivitäten und Projekten. Die KZ-Gedenkstätte Ebensee mit ihrem Zeitgeschichtemuseum (www.ebensee.org) unter der Leitung von Wolfgang Quatember hat sehr zur Bereicherung des Museums und Dokumentationszentrums in Prato mit Fotos, Dokumenten und Listen beigetragen.
Öffnungszeiten des Museo della Deportazione
Mo, Mi, Fr, Sa, So 9.30–12.30 Uhr | Mo, Do 14-17 Uhr
So 15-18 Uhr | Di geschlossen
Öffnungszeiten des Dokumentationszentrums
Mo 14–18 Uhr | Mi 10–14 Uhr | Fr 10–14 Uhr
Führungen auf deutsch möglich
59100 Prato, Ortsteil Figline,
Via di Cantagallo, 250
Tel./Fax 00 39-05 74-46 16 55 (Dokumentationszentrum)
museo.centrodeportazione@comune.prato.it
deportazione.po-net.prato.it