»Dr. Margarete Blank. Justizmord und Erinnerungspolitik«

12/2000Gedenkstättenrundbrief 98, S. 27-29
Birgit Sack

Die Gedenkstätte Münchner Platz Dresden

Die Gedenkstätte erinnert an die politische Strafjustiz und ihre Opfer im Justizkomplex am Münchner Platz zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur, der sowjetischen Besatzung und der frühen DDR. Seit seiner Eröffnung als Königlich-Sächsisches Landgericht im Jahr 1907 bis 1956 wurde der Ort als Gerichtsgebäude, Haftanstalt und Hinrichtungsstätte genutzt. 1957 übernahm die damalige Technische Hochschule (heute: Technische Universität) Dresden das Gebäude und ließ es zu einem Lehrgebäude umbauen. Die 1959 im Umfeld des ehemaligen Richthofs eingeweihte Mahn- und Gedenkstätte konzentrierte sich bis ins Jahr 1992 auf den kommunistischen Widerstand während der nationalsozialistischen Diktatur. Die abermalige Instrumentalisierung der Justiz am Münchner Platz für politische Zwecke nach 1945 blieb ausgespart. Die Gedenkstätte selbst diente vorrangig politisch-propagandistischen Zwecken.

Heute gehört die Gedenkstätte Münchner Platz Dresden zur Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft.

Bis zur Eröffnung zweier ständiger Expositionen zur Strafjustiz der Diktaturen am Münchner Platz zeigt die Gedenkstätte »Bausteine« der künftigen Dauerausstellungen.

Den Anfang macht der Justizmord an der Ärztin Dr. Margarete Blank.1 Eine Ausstellung in der zweiten Jahreshälfte 2001 wird sich Widerstand und Verfolgung im »Protektorat Böhmen und Mähren« sowie im »Sudetengau« zuwenden, bildeten Tschechen doch die mit Abstand größte Gruppe der etwa 1300 während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft am Münchner Platz Hingerichteten.

»Dr. Margarete Blank. Justizmord und Erinnerungspolitik«

Am 8. Februar 1945, dem letzten Hinrichtungstag am Münchner Platz während der nationalsozialistischen Diktatur, starb Margarete Blank dort unter dem Fallbeil. Ein Oberstabsarzt hatte sie wegen russlandfreundlicher und den »Endsieg« anzweifelnder Äußerungen gegenüber seiner Frau denunziert. Es folgte am 15. Dezember 1944 die Verurteilung durch den 6. Senat des Volksgerichtshofs, der zu diesem Zweck im Landgericht am Münchner Platz tagte, nach Paragraph 5 der Kriegssonderstrafrechtsverordnung (KSSVO) wegen »schwer zersetzender Äußerungen« gegenüber einer Soldatenfrau zum Tod und dauernden Ehrverlust.

Am Anfang der Ausstellung, die gemeinsam mit dem Berliner Gestalterbüro gewerk konzipiert wurde, wird Margarete Blank selbst und ihr Leben, bevor sie in die Mühlen der nationalsozialistischen Justiz geriet, vorgestellt.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht der Justizmord an der Ärztin baltendeutscher Herkunft, die seit 1924 die deutsche Staatsangehörigkeit besaß und eine Landarztpraxis in der unweit Leipzigs gelegenen Gemeinde Panitzsch betrieb. Einem Teil der Einwohner von Panitzsch war die »Russin« suspekt. Unsinnige Gerüchte waren über sie in Umlauf, wie jenes, sie gebe feindlichen Fliegern Blinkzeichen.

Exemplarisch thematisiert wird in diesem Teil der Ausstellung das Widerstehen und das Bewahren der eigenen Würde in der Diktatur einerseits, Fremdenfeindlichkeit, Bereitschaft zu Ausgrenzung und Denunziation sowie die Beteiligung der Justiz an der Verfolgung und Ermordung von »Feinden« der »Volksgemeinschaft« andererseits. So wird das an dem Todesurteil beteiligte haupt- und ehrenamtliche Justizpersonal des Volksgerichtshofs mittels Fotos, Dokumenten und Biogrammen präsentiert.

Anhand eines Prozesses vor dem Leipziger Schwurgericht 1946 gegen zwei Frauen, die an der Denunziation und strafrechtlichen Verfolgung von Margarete Blank beteiligt waren, wird beispielhaft der Umgang der ostdeutschen Justizbehörden mit den nationalsozialistischen Verbrechen thematisiert. Einen Einblick in den Umgang der bundesrepublikanischen Justiz mit NS-Belasteten aus der eigenen Zunft bietet das Anfang der 60er Jahre eingeleitete Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Ulm wegen Beihilfe zur Rechtsbeugung und Totschlags gegen einen ehemaligen Vertreter des Oberreichsanwalts beim Volksgerichtshof. Im Zuge der Ermittlungen wurde auch der Prozess gegen Margarete Blank noch einmal aufgerollt.

Als angebliche Widerstandskämpferin der Gruppe um den ehemaligen kommunistischen Reichstagsabgeordneten Georg Schumann spielte Margarete Blank in der Erinnerungspolitik der DDR eine wichtige Rolle. So fand sie Aufnahme in die vom Institut für Marxismus-Leninismus herausgegebenen biographischen Standardwerke »Erkämpft das Menschenrecht« und »Deutsche Widerstandskämpfer«. Sie avancierte zu einer Ikone des »antifaschistischen Widerstandskampfs« und Pionierin des sozialistischen Gesundheitswesens der DDR. Der Blick auf Margarete Blank in der Erinnerungspolitik der DDR im letzten Ausstellungsabschnitt soll zur Auseinandersetzung mit dem DDR-Antifaschismus anregen, der das äußere Erscheinungsbild der Gedenkstätte Münchner Platz bis heute stark prägt.

Als Ausstellungsfläche dient derselbe Ort, der seit 1986 – bis zu seiner Schließung im Jahr 1996 wegen gravierender inhaltlicher Mängel – das so genannte »Museum des antifaschistischen Widerstandskampfes« beherbergte. Ursprünglich wurde der Raum von der Staatsanwaltschaft bzw. der Rechtshilfeabteilung des Königlichen Amtsgerichts als Asservatenkammer genutzt.

Für die Neugestaltung des Raumes werden dreidimensionale Module, die flexibel auf unterschiedliche Ausstellungsinhalte reagieren können, verwandt. Die Architektur dieser Vitrinen nimmt die Form der aus der Entstehungszeit vorgegebenen Rundbögen auf. Die Fenster der Vitrinen entsprechen dem allgemeinen Gestaltungsraster und sind aus der Fläche ausgeschnitten, um Text- und Bildmaterial austauschen zu können. Der Innenraum der Vitrine kann für die Präsentation dreidimensionaler Objekte oder für Rückprojektionen genutzt und mit einem Beleuchtungssystem versehen werden. Der ursprünglichen Dreiteilung des Raums entsprechen drei Tische mit Dokumenten zum Blättern, die als »aktive« Vertiefungsebene dienen.

Ausstellungsbegleitend erscheint die Publikation: Dr. Margarete Blank (1901–1945). Justizmord und Erinnerungspolitik, bearbeitet und eingeleitet von Birgit Sack, Dresden 2000 (Lebenszeugnisse – Leidenswege. Eine Heftreihe herausgegeben von Norbert Haase und Clemens Vollnhals im Auftrag der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft in Zusammenarbeit mit dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. an der TU Dresden, Heft 11).2

Dr. Birgit Sack ist wissenschaftliche Leiterin der Gedenkstätte Münchner Platz in Dresden.

Anmerkungen

1 Siehe dazu auch unter den Veranstaltungshinweisen am Schluss des GedenkstättenRundbriefs.

2 Zu beziehen zum Preis von 10 DM plus Versandkosten über die Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Altenzeller Straße 19, 01069 Dresden, Tel. 0351/4695540, E-Mail: info@stsg.de