»Dokumentationsstelle Pulverfabrik Liebenau e.V.«

Projektbeschreibung
12/2000Gedenkstättenrundbrief 98, S. 30-32
Martin Guse

Im Sommer 1939 begann die Firma Wolff & Co. aus Walsrode mit dem Bau einer Pulverfabrik in der unmittelbaren Umgebung der Ortschaften Liebenau und Steyerberg (Kreis Nienburg/Weser). In einem ausgedehnten Waldgebiet übernahmen der Reichsarbeitsdienst und über 70 Vertragsfirmen die Planierungsarbeiten, den Straßen-, Hoch- und Tiefbau sowie die Installationsarbeiten. Auf einer Gesamtfläche von ca. 12 qkm errichteten sie insgesamt 336 Gebäude. Die einzelnen, in Stahlbetonskelett-Bauweise errichteten, Gebäude lagen aus Sicherheitsgründen weit auseinander. Die flachen Betondächer waren zur Tarnung mit einer Erdschicht bedeckt und bepflanzt. Zum Betrieb der Anlage wurden 200 Kilometer Kabelleitungen für Licht und Strom, 84 Kilometer Betonstraßen und 42 Kilometer Eisenbahnschienen gebaut. Im Bereich der Kraftwerke und der Nitroglyzerinanlagen waren 21 Bauten unterirdisch angelegt. Ab 1941 produzierte die von Wolff & Co. gegründete Tochterfirma »Eibia« verschiedene Pulvergrundstoffe, Pulver und Raketentreibsätze. Bis in das Jahr 1945 belief sich die Gesamtproduktion in Liebenau auf 40790 Tonnen Pulver. Die Arbeit war durch eine erhöhte Unfall- und Explosionsgefahr und den Umgang mit gesundheitsschädlichen Stoffen gekennzeichnet. Zeitzeugen berichten von entsprechenden Haar- und Hautverfärbungen und erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Für die Arbeit in den verschiedenen Produktionsabschnitten wurden schätzungsweise ca. 10000 Menschen eingesetzt. Neben vergleichsweise wenigen deutschen Arbeitskräften waren dies vor allem Kriegsgefangene, Fremd- und Zwangsarbeiter/innen aus den unterschiedlichsten Nationen sowie die Häftlinge des »Arbeitserziehungslagers« Liebenau. Vor allem die Häftlinge dieses Lagers, die sowjetischen Kriegsgefangenen und die Zwangsarbeiter/ innen aus den osteuropäischen Ländern waren lebensfeindlichen Wohn-, Verpflegungs- und Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Ca. 2000 Todesopfer wurden auf einem Friedhof am Rande des Werksgeländes begraben.

Im Zusammenhang mit der Pulverfabrik existierten zahlreiche Lager, die zum Teil noch heute zum Ortsbild der Gemeinden Steyerberg und Liebenau gehören: zwei Steinlager in Liebenau und Steyerberg, das sog. »Ledigenheim« für deutsche Angestellte in Liebenau sowie diverse Barackenlager, wie zum Beispiel das »Ostarbeiterlager« Steyerberg und das »Arbeitserziehungslager« Liebenau (1940 bis 1943).

Nach Kriegsende wurden die Anlagen von den englischen Besatzungstruppen übernommen, und auch die Bundeswehr nutzte später einige Gebäude als Munitionsdepot. In den 50er und 60er Jahren entwickelte sich die z.T. zuvor demontierte Fabrik zu einem der größten Munitionswerke im NATO-Gebiet. So wurde auf dem Gelände bis in das Jahr 1994 Munition hergestellt – zuletzt durch die niederländische Firma »Eurometaal«.

Die Tradition der militärischen Nutzung mit der damit einhergehenden sicherheitsrelevanten »Abschottung« hat bis dato eine Aufarbeitung der Geschichte der Pulverfabrik verhindert. Der Öffentlichkeit blieben Ausmaß und Bedeutung der Anlage nahezu unbekannt, die Fabrik und der Hintergrund ihrer Entstehung für die Bevölkerung »geheimnisumwittert«. Länger als 50 Jahre hat die militärische Nutzung des Geländes das wirtschaftliche, soziale und politische Leben der Gemeinden Liebenau und Steyerberg maßgeblich bestimmt. Der im Mai 1999 gegründete Verein »Dokumentationsstelle Pulverfabrik Liebenau« wird deshalb ideell maßgeblich von der Gemeinde Steyerberg und der Samtgemeinde Liebenau getragen. Zunächst wird in einem vom Land Niedersachsen geförderten zweijährigen Projekt (Projekttitel: »Recherche, Publikation und museumspädagogische Konzeption zur Geschichte der Pulverfabrik Liebenau 1938–1945«) versucht, die Geschichte der Pulverfabrik und der in diesem Zusammenhang errichteten Lager und Bauten sowie des »Arbeitserziehungslagers« Liebenau möglichst umfassend zu rekonstruieren. Dazu werden bisherige – punktuelle und zum Teil unveröffentlichte – Forschungsarbeiten (Wessels, Espelage, Rohlfing, Tech) berücksichtigt und Archivmaterialien, zeitgeschichtliche Fotos und Zeitzeugenberichte erschlossen und ausgewertet. Die ersten Ergebnisse werden bis zum Oktober 2001

a) in eine Broschüre zur Zwangsarbeit der ukrainischen Familie Derewjanko in Berlin und Liebenau (Kooperation mit Sophie-Scholl-Oberschule in Berlin) und

b) in ein Manuskript zu einer ersten umfangreicheren Publikation zur Geschichte der Pulverfabrik sowie .c) in ein museumspädagogisches-didaktisches Gesamtkonzept für die künftige Dokumentationsstelle münden.

Das Projekt wird vom Autor koordiniert. Die Historiker/innen Jens Mastnak aus Liebenau-Binnen sowie Bernhard Strebel, Renate Riebe und Dr. Andrea Tech aus Hannover ergänzen das Team. Sie forschen auf Honorarbasis zu einzelnen thematischen Schwerpunkten. Neben der Archivrecherche wird zur Zeit die Zusammenarbeit mit interessierten Bürger/innen und Zeitzeug/innen aus der Umgebung und ehemaligen Zwangsarbeiter/innen aus verschiedensten Nationen ausgebaut.

Hervorzuheben ist, dass mittlerweile eine 10-köpfige Jugend-Arbeitsgemeinschaft zur Geschichte der Pulverfabrik etabliert werden konnte, die vom Rechercheteam betreut wird. So begleiteten die 16 bis 21 Jahre alten Jugendlichen (5 junge Frauen und 5 junge Männer) aus Liebenau und der näheren Umgebung im Mai diesen Jahres bereits den Besuch der ehemaligen Zwangsarbeiterin Katerina Derewjanko aus Lwow (Lemberg). Sie fertigen in den nächsten Monaten einen eigenen Videofilm, eine Fotodokumentation bzw. eine Wandzeitung/Ausstellung und wirken bei der Erstellung der erwähnten Broschüre mit. Der weiteren Entwicklung dieses internen Projektes sehen wir sehr gespannt entgegen.

In der Dokumentationsstelle, die ggf. in einem Gebäude des ehemaligen Pulverwerkes eingerichtet wird, sollen interessierte Besucher/innen – vor allem die Schüler/innen der unterschiedlichsten Jahrgänge – die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit der Thematik »Nationalsozialismus« erhalten. Im Anschluß an das zweijährige Forschungsprojekt werden die gewonnenen Erkenntnisse deshalb unmittelbar für die pädagogische Praxis – d.h. für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit – nutzbar gemacht und multimediale Präsentationsformen wie Ausstellungen, Modelle, videotechnische und computergestützte Anwendungen entwickelt. Schwerpunkte der Dokumentationsstelle sollen folgende Themenbereiche sein: Häftlings- und Zwangsarbeit, NS-Wirtschafts- und Rüstungspolitik, »Arbeitserziehungslager« Liebenau.

Wir bitten alle Personen oder Institutionen, die mit Hinweisen, Materialien, Berichten oder Fotografien zur Aufklärung der Geschichte der Pulverfabrik beitragen können, um ihre Unterstützung.

Martin Guse arbeitet in der Jugendhilfe und hat bei verschiedenen Projekten zur NS-Geschichte mitgewirkt, u.a. der Wanderausstellung »Wir hätten gerade angefangen zu leben.« zur Geschichte der Jugend-KZ. Seit 1999 ist er ehrenamtlicher Geschäftsführer der hier beschriebenen Dokumentationsstelle.

Kontakt: Dokumentationsstelle Pulverfabrik Liebenau e.V.

z. Hd. Herrn Martin Guse, Postfach 12 27, 31615 Liebenau

Tel. 05023/1575, Fax 05023/945978, E-Mail: MPGuse@t-online.de