Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen in Überlingen am Bodensee

08/1998Gedenkstättenrundbrief 84, S. 3-7
Oswald Burger

Im Sommer 1944 erreichte das KZ-System den idyllischen Ort Überlingen am Bodensee. Dieses Außenkommando des Konzentrationslagers Dachau hing mit den durch die Rüstungsindustrie bedingten Bombardierungen Friedrichshafens zusammen. Der aus der Firmengründung »Luftschiffbau Zeppelin« in Friedrichshafen hervorgegangene Großkonzern hatte sich schon vor dem ersten Weltkrieg in vier miteinander verbundene Firmen aufgeteilt. Zum einen die Mutterfirma »Luftschiffbau Zeppelin«, die Motorenfirma »Maybach«, eine Hallenbaufirma unter der Leitung des Ingenieurs Claude Dornier, die bereits während des ersten Weltkrieges in eine Flugzeugfabrik umgewandelt wurde, sowie die Getriebefirma »Zahnradfabrik«.

Nach dem verlorenen Krieg stellten die Firmen zunächst die Produktion auf Alltagsgegenstände um. Bis zum Ende des Dritten Reiches entwickelten sich alle vier Firmen jedoch zu reinen Rüstungsbetrieben. Es wurden Radar- und Peilanlagen, Fallschirme und Fesselballons hergestellt, und die Firmen beteiligten sich an der Entwicklung von Torpedos und Raketen. Alle Kettenfahrzeuge der Wehrmacht fuhren mit Maybach-Motoren, Dornier produzierte alle Arten von Flugzeugen und die Zahnradfabrik Getriebe sowie artverwandte Produkte. Dies machte Friedrichshafen zu einem wichtigen deutschen Rüstungsstandort sowie zu einem Hauptziel alliierter Bomben.

Von Juni 1943 bis Ende des Krieges wurden fast alle Fabrikanlagen komplett zerstört. 1944 war der Höhepunkt der alliierten Bombardierungen Friedrichshafens. Von den elf großen Angriffen war der wohl schwerste am 28. April 1944. Nach dieser Bombardierung tagte sofort die am 1.3.1944 gegründete Organisation des »Jägerstabes«. Der »Jägerstab« wurde vom Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion unter Albert Speer eingerichtet, um die Verlagerung der Produktion zu beschleunigen und effektiver zu gestalten. Aufgabe war die Umgehung eines langen Bürokratie- und Behördenweges zur Verlagerung oder zum Wiederaufbau beschädigter Werke. In der Nacht zum 1. Mai 1944 wurde, unter Anwesenheit Hitlers, die Verlagerung der Friedrichshafener Betriebe beraten.

Es wurde eine Untertageverlagerung für die Werke der Luftschiffbau Zeppelin beschlossen. Die Suche nach geeigneten Orten dauerte das Spätfrühjahr und den Frühsommer 1944 über an. Es wurden zwei geeignete Orte für Stollenanlagen gefunden. Zum einen Überlingen am Bodensee sowie Hohenems (Vorarlberg). Der Überlingener Stollen war für die Friedrichshafener Betriebe das wohl wichtigere Bauvorhaben. Wie aus einer Zusammenstellung der Projekte unterirdischer Verlagerungen der Rüstungsinspektion Oberrhein hervorgeht, waren für das Überlingener Projekt 40000 Quadratmeter Produktionsflächen vorgesehen.

Trotz verschiedener privater Unternehmen, wie ein Ingenieurbüro, die mit der Planung beauftragt wurden, lag die eigentliche Bauüberwachung und Bauleitung weiterhin beim Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion. Dieses hatte seine Fachleute für den Bau von Rüstungsbetrieben, rüstungswichtigen Straßen und sonstigen Anlagen dafür in Überlingen eingesetzt. Die Gruppe der Fachleute wurde als Mitarbeiter der »Organisation Todt« (O.T.) beim Bau eingesetzt. Die ganze Aktion erhielt den Tarnnamen »MAGNESIT«. Dieser Phantasiename wurde verwendet, damit ein vorzeitiges Bekanntwerden der eigentlichen Absicht des Bauvorhabens vermieden werden konnte.

Der Stollen wurde wegen der guten Verkehrsanbindung westlich vom Westbahnhof aus aufgefahren. Da keine Höhlen oder ähnliche Öffnungen im Hang vorhanden waren, mußte die komplette Stollenanlage als Neuschaffung in den Berg gesprengt werden. Hinzu kam noch, daß die Sprengungen unter bebautem Gebiet stattfanden. Die Anlage bestand, im letzten Ausbaustadium, aus drei Längsstollen und 17 senkrecht kreuzenden Querstollen. Sie waren zwischen zwei und 25 Meter breit, sowie zwei und zehn Meter hoch. Die Gesamtlänge der Anlage betrug vier Kilometer.

Als die Planung abgeschlossen war, und die Spreng-, Grab- und Abräumarbeiten beginnen konnten, wurden die Häftlinge aus Dachau herantransportiert. Mit den Häftlingen kam auch die SS mit ihren Wachleuten nach Überlingen. Es wurden mit zwei Transporten etwa 800 Häftlinge zur Zwangsarbeit aus dem KZ Dachau in dieses Außenlager nach Überlingen gebracht. Die Transporte wurden Ende September und  Anfang Oktober durchgeführt. Die Bautätigkeiten konnten aber nicht vor den Alliierten verborgen werden. Am 22.2.1945 kam der Bombenkrieg auch nach Überlingen. Dieser sehr schwere Angriff traf die Bevölkerung wie auch die Verantwortlichen des KZ völlig unerwartet. Wie aus Berichten überlebender Häftlinge hervorgeht, wurde nach diesem Tag nicht mehr mit aller Strenge und Effektivität gearbeitet.

In der Nacht vom 19. zum 20. April 1945 wurden die Häftlinge wieder zurück nach Dachau transportiert, und am selben Tag wurden die Spuren des KZ vernichtet. Die Baracken sind komplett verbrannt worden. Die Häftlinge wurden wegen des völlig überlasteten Lagers Dachau nach Allach weitergeleitet. Hier sind die noch 600 Überlebenden von den Amerikanern befreit worden.

Die Einrichtung der Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen hat über 50 Jahre gedauert und ist nach einigen Schwierigkeiten ermöglicht worden.

Unmittelbar nach Kriegsende begannen Fremdarbeiter mit Plünderungen im Stollen. Die französische Kommandantur konnte dies aber schnell unterbinden. In dieser frühen Phase begann allerdings eine schon recht intensive Auseinandersetzung mit der gerade erst zurückliegenden Zeit. Es bildete sich ein »Anti-Nazi-Comité«, welches über eine eigene Presse, »Das Neue Deutschland«, verfügte und mit einigen aufklärerischen Veranstaltungen versuchte, den Einfluß nationalsozialistischen Gedankengutes aus Kultur und öffentlichem Leben zu verbannen. So fand, mit Billigung der französischen Kommandantur, am 5. April 1946 eine Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer des Überlingener Lagers im Rathaussaal des Ortes statt. Die Anti-Nazi-Organisation wurde allerdings 1947 von den Franzosen verboten, unter anderem, weil sie den gesamtdeutschen Anspruch vertrat.

Eine erste Gedenkstätte wurde von den Franzosen errichtet. Am 9. April 1946 fand eine feierliche Bestattung auf dem, auf Befehl der Franzosen, neu angelegten KZ-Friedhof bei der Wallfahrtskirche Birnau statt. Hier wurden die 97 Opfer begraben, etwa die Hälfte aller Toten des Lagers, die nicht unweit von Überlingen in einem Wäldchen verscharrt lagen. Die ersten Leichen von Häftlingen wurden noch in Konstanz in dem dortigen Krematorium verbrannt, was wohl aus Kohlemangel später eingestellt wurde. An der Bestattung mußte auf Befehl des französischen Kommandanten der gesamte Ort teilnehmen. Die Pflege des Friedhofes übernahm die Stadt Überlingen.

1947 wurde ein Teil der Stollenanlage von den Franzosen gesprengt, um eine mögliche militärische Nutzung zu verhindern. Trotz jährlicher Gedenkfeiern geriet der Stollen in den 50er Jahren, bedingt durch den Wiederaufbau, in Vergessenheit. In den 60er Jahren begann eine planmäßige Sicherung der Stollenanlage in Überlingen, da die Stollenanlage unterhalb einer der besten Wohngegenden Überlingens liegt. Das Gelände und die Landschaft hatte sich gesetzt, und es mußten Schäden für die Häuser befürchtet werden. Aus diesem Grund wurde seit 1968 die Anlage planmäßig abgesichert, abgestützt und mit Beton ausgespritzt.

An Gedenkstätten gab es über Jahrzehnte nur den Friedhof bei Birnau, an der Stollenanlage selbst erinnerte noch nichts an die NS-Vergangenheit. 1984 wurde von der Stadt Überlingen vor der Anlage ein Bronzekreuz, das mit Stacheldraht umwunden ist, aufgestellt, das an die Häftlinge erinnern soll. Bereits 1983 entstand ein Videofilm von der Medienwerkstatt Freiburg mit dem Titel »Unter Deutschlands Erde«, in dem die Geschichte der Stollenanlage dokumentiert wird. Zwischen 1983 und 1989 wurde die Stollenanlage vom Bundesvermögensamt grundlegend saniert, insbesondere durch das Einbringen einer dichten Zementschicht auf allen Oberflächen.

1993 wurde auf eine private Initiative hin eine kleine Gedenkstätte an der Stelle eingerichtet, wo sich das Lager früher befand. Sie besteht aus dem Körper Christi, der an einem Gittergeflecht hängt. In den Jahren 1994 und 1995 kam eine erregte und sehr kontrovers geführte Diskussion auf, als das Bundesvermögensamt eine Nutzung des Stollens als Unterkunft für Wohnwagen und Boote ermöglichte. Die Diskussion ebbte wieder ab, als anläßlich der 50-Jahrfeier ihrer Befreiung im Mai 1995 eine Gruppe ehemaliger Häftlinge anwesend war, die sich für eine verträgliche wirtschaftliche Nutzung des Stollens aussprachen. Die 200 bis 300 Fahrzeuge die im Stollen untergebracht sind und die Fledermäuse, die in entlegenen Stollen leben, beeinträchtigen nicht die Führungen durch die Stollenanlage des KZ-Außenkommandos.

Auch die ehemaligen Häftlinge haben sehr dazu beigetragen, daß die Dokumentationsstätte entstand. Anläßlich der Gedenkfeiern 1995 wurde von ihnen die Bitte und der Vorschlag, den Stollen als Gedenk-, Gedächtnis- oder Dokumentationsstätte einzurichten, vorgetragen. Aufgrund dieser Anregung wurde im Frühjahr 1996 der Verein »Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch in Überlingen e.V.« gegründet. Er besteht aus 20 Überlingener Bürgern. Diese haben das Projekt vorangetrieben. Der Stollen ist mit einem Aufwand von rund 60000 DM zu einer Dokumentationsstätte umgestaltet worden. Die Finanzierung ist mit einem Drittelmodell realisiert worden. Etwa 20000 DM wurden von dem Verein selber aufgebracht. Dieses Geld ist durch die Führungen, die seit 15 Jahren durchgeführt werden, und in Form von Einzelspenden zusammengekommen. Das zweite Drittel wurde durch Gelder der öffentlichen Hand finanziert, wobei der größte Anteil, 5000 ECU (ca. 9600 DM) von der europäischen Kommission stammt. Vom Land kam die volle mögliche Förderung in Höhe von 8000 DM, der Bodenseekreis steuerte 5000 DM dazu bei. Die Beschaffung des letzten Drittels war für uns das spannendste, da die Firmen, beziehungsweise ihre Nachfolgefirmen, für die der Stollen errichtet wurde, direkt angesprochen wurden. Die drei Firmen MTU (Maybach), Dornier und die Zahnradfabrik haben jeweils 5000 DM gespendet. Auch die Zeppelinstiftung, in Verwaltung der Stadt Friedrichshafen, war bereit, einen Zuschuß zu gewähren. Noch bemerkenswerter als diese finanziellen Hilfen wurde die Tatsache empfunden, daß bei der Einweihung der Dokumentationsstätte ein Manager der Firma Dornier vor den Gästen in seiner Rede von der Verantwortung und Mitschuld der Industrie sprach. Dies ist wohl erst durch eine neue Generation von Managern in der Industrie möglich geworden.

Als die Finanzierung stand, wurde vom Verein »Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch in Überlingen e.V.« die Erinnerung an das KZ und seine Opfer in mehreren Stufen in Angriff genommen. In einer Qualifikationsmaßnahme des Berufsfortbildungszentrums Friedrichshafen erstellten vier junge, arbeitslose Akademiker eine Informationsbroschüre in Form eines Faltblattes. Die vier Männer waren auch an den anderen noch folgenden Projekten beteiligt. Als zweites wurde eine Broschüre gestaltet, die im Stollen und im Buchhandel erhältlich ist und die sich mit der Geschichte des Stollens auseinandersetzt. Das dritte ist die Dokumentationsstätte selbst. Von den anfänglichen Überlegungen eines Museums, das im Stollen eingerichtet werden sollte, wurde durch die kompetente Beratung der staatlichen Museumsberatungsstelle in Stuttgart wieder Abstand genommen. Auch sie vertraten die Ansicht, daß der authentische Ort nicht musealisiert werden darf. Der Ort an sich wirkt durch seine Dimension, Temperatur, die Dunkelheit, die Gerüche, die Geräusche und die grauen Betonwände so stark, daß wir uns darauf beschränkten, Fotografien zu reproduzieren und an fünf verschiedenen Stellen im Stollen auf Tafeln auszustellen. Da den extremen Bedingungen im Stollen nicht jedes Material standhält, sind die Tafeln aus Edelstahl. Daher sind auch die Führungen, die jeden ersten Freitag im Monat vom Verein durchgeführt werden, darauf ausgelegt, diesen Effekt zu erzielen. Es können jederzeit Gruppenbesuche, zum Beispiel für Schulklassen, mit der Dokumentationsstätte vereinbart werden.

Der Stollen, der von KZ-Häftlingen unter unmenschlichen Bedingungen errichtet wurde, wird heute dreifach genutzt: Zum einen ist er Winterquartier für Wohnwagen und Boote vom benachbarten Campingplatz. Die zweite und bescheidenste Nutzung ist die durch die Fledermäuse, die vom Naturschutzbund betreut werden, und die dritte ist die der Dokumentationsstätte.

Als die Dokumentationsstätte fertig erstellt war, kam der Denkmalschutz auf den Verein zu und ließ anfragen, ob das Objekt nicht für ihn betreuenswert sei. Auch wurde die Feuerwehr, durch den großen Erfolg des Projektes in den Medien, auf dieses aufmerksam und bot sich an, einige Loren, die zu Kriegsende im See versenkt wurden und mit denen das Material von den Häftlingen aus dem Stollen geschafft wurde, aus der Tiefe des Sees zu bergen. Die Wasserschutzpolizei, die Feuerwehr und ein Tauchclub holten eine Kipplore aus dem Bodensee, die im Stollen aufgestellt wurde. Die Dokumentationsstätte arbeitet also kontinuierlich weiter, was sich auch in der zunehmenden Beliebtheit, unter anderem durch Medienberichte niederschlägt.

Es bestehen auch noch relativ viele Kontakte zu ehemaligen Häftlingen, die immer wieder nach Überlingen kommen, wo sie einige Freunde gefunden haben. Sie verfolgen mit großem Interesse die Arbeit des Vereins »Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch in Überlingen e.V.«.