Ist es ratsam, mit 10 bis 12jdhrigen Schülern über die nationalsozialistische Verfolgung zu sprechen? Hamburger Lehrerinnen und Lehrer verschiedener Schularten befassten sich auf einem Seminar des Instituts für Lehrerfortbildung (IfL) unter Beteiligung von Historikern, Erziehungswissenschaftlern und Museumspädagogen mit diesem Thema. Das Seminar fand in der Gedenkstätte für die Kinder vom Bullenhuser Damm in der Janusz-Korczak-Schule (Hamburg-Rothenburgsort) statt, wo SS-Aufseher des KZ Neuengamme am 20. April 1945 20 jüdische Kinder erhängt hatten, um die Spuren medizinischer Experimente zu tilgen.
Im Folgenden wird der Versuch gemacht, einige Aspekte dieser wichtigen Diskussion zusammenzufassen.
Obwohl der Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht erst in Klasse 9 behandelt wird, ist es weitgehend üblich geworden, auf einzelne Aspekte schon eher einzugehen. Die meisten Schüler tragen aus Medien und Elternhaus schon früh Informationen und Meinungen in die Schule. Als verantwortungsbewusste Pädagogen können wir nicht umhin, auch mit Schülern der Klassen 5 bis 7 darüber zu sprechen, Fragen zu beantworten und Irrtümer zu korrigieren. Da ältere Schüler oft schon zu fest gefügten Urteilen neigen, liegt es auf der Hand, wichtige thematische Aspekte, insbesondere die Verfolgung von Minderheiten im Nationalsozialismus, schon früher aufzugreifen. Dafür bietet sich z.B. der Deutsch- oder Religionsunterricht an. Die Kinder sind in diesem Alter noch offen und oft begierig danach, mehr über die NS-Zeit zu erfahren. Sie sind bereit, sich in die konkreten Lebenswelten der Menschen damals gedanklich und seelisch hineinzuversetzen, und ihr starkes Gerechtigkeitsempfinden macht sie sensibel gegenüber Unrecht.
Doch es gibt auch warnende Stimmen. Besteht nicht die Gefahr, dass Kinder seelisch Schaden nehmen, wenn wir sie zu früh mit Gewalt und Unmenschlichkeit konfrontieren? Kann eine zu frühe Beschäftigung mit dem Thema dazu führen, dass viele Schüler später, wenn der Nationalsozialismus eingehend und differenziert im Unterricht behandelt wird, abwehrende Reaktionen zeigen?
Mehrere Teilnehmer des Seminars am Bullenhuser Damm äußerten nach der Führung durch die Gedenkstätte, bei der die Verbrechen an den 20 jüdischen Kindern noch einmal in allen Einzelheiten vor Augen geführt wurden, dass sie einen Besuch mit ihren Schülern dort nicht verantworten könnten, weil das Schicksal der Kinder eine zu schwere seelische Belastung darstelle. Schon die Vorstellung, von den Eltern getrennt zu werden und - etwa in einem Lager - ohne sie leben zu müssen, so berichtete eine Kollegin, könne bei einigen ihrer Schüler zu existentiellen Ängsten führen. Die grausamen Erlebnisse der Kinder vom Bullenhuser Damm - der Verlust der Eltern in Auschwitz, der Transport nach Neuengamme, die medizinischen Experimente und schließlich die Ermordung - könne so starke Bedrohungsgefühle hervorrufen, dass bei besonders sensiblen Kindern eine Traumatisierung zu befürchten sei.
Andere Teilnehmer äußerten demgegenüber die Meinung, dass Schüler dieser Altersstufe heute durch Nachrichten und Filme im Fernsehen, manchmal auch durch Erfahrungen im persönlichen Lebensbereich mit Gewalt, Leiden und Tod in Berührung kommen und dadurch auch lernen, mit bedrohlichen, angsteinflößenden Situationen umzugehen und sich seelisch dagegen zu schützen.
Im Verlauf der Diskussion zeigte sich, dass sich in diesen gegensätzlichen Urteilen unterschiedliche Erfahrungen spiegeln, zugleich aber auch der innere Gegensatz, in dem sich die seelische Entwicklung der Kinder dieses Alters vollzieht. Einerseits haben wir es mit Schülern zu tun, die ihren Lehrerinnen und Lehrern oft noch volles Vertrauen schenken und davon abhängig sind, dass sie nicht mit schwer zu verarbeitenden, erschütternden Inhalten überfordert werden. Sie verfügen noch nicht über ausgefeilte Verarbeitungs- und Verdrängungsmechanismen, mit denen sie sich gegen Bedrohungsängste und gegen die Destabilisierung ihres kleinen Selbstbewusstseins schützen könnten. Andererseits sind sie begierig danach, mehr von der Welt zu erfahren, und auch willens, sich aufregenden Themen auszusetzen, besonders dann, wenn sie den Eindruck haben, dass Erwachsenen ihnen etwas vorenthalten, weil sie noch »zu klein dafür« sind. Dazu gehört auch die Begegnung mit Grausamem und Traurigem. Viele der Teilnehmer wiesen auf Gefahren und Probleme hin, die bei der Behandlung des Themas in dieser Altersstufe besonders zu beachten sind.
Manche Schüler scheinen noch zu unreif dazu, sich mit Gewalt und Verfolgung auseinanderzusetzen. Einige der 10- bis 12-Jdhrigen neigen, zum Teil auch unter »forderndem« Einfluss älterer Geschwister und Freunde, dazu, sich Filme mit schreckenserregenden, scheußlichen Einzelheiten anzuschauen und die Inhalte ausgiebig und mit leuchtenden Augen Schulkameraden zu erzählen. Letzteres dient offenbar vor allem dazu, sich und anderen zu demonstrieren, welche Gefühle sie aushalten können. Dies ist kein neues Phänomen; Erwachsene seien daran erinnert, da zum Beispiel viele Märchen, die ihnen in ihrer Kindheit erzählt wurden, nicht nur Schönes und Seltsames, sondern auch grausame Einzelheiten enthielten. Die Zunahme des Angebots derartiger Filme hat dazu geführt, da Kinder oft früher als noch vor wenigen Jahren in diese Auseinandersetzungsprozesse eintreten. Andererseits lernt eine zunehmende Anzahl von Schülern offenbar erst spät, Fiktion und Wirklichkeit auseinanderzuhalten. Es gibt heute unter den 10- bis 12-Jihrigen Kinder, die, weil sie täglich mehrere Stunden fernsehen, auf Berichte über Verfolgung und Leid im Nationalsozialismus ähnlich reagieren, wie auf einen Horrorfilm, und noch gar nicht in der Lage sind zu ermessen, was die Wirklichkeit damals für die Beteiligten bedeutete. Die Bereitschaft, sich auf Leidvolles und Trauriges einzulassen, erfordert große emotionale Sicherheit. Da die heranwachsenden Kinder sich lieber mit Mut und Stärke identifizieren als mit Belastendem, neigen sie, wenn sie mit Gewalt konfrontiert werden, besonders wenn sie mit ihren Gefühlen allein gelassen werden, manchmal dazu, sich eher in die Rolle der Täter hineinzuversetzen. Offenbar haben Kinder aus schwierigen familiären und sozialen Verhältnissen größere Probleme damit, Gefühle des Mit-Leidens zuzulassen, als solche, die aus wohlbehüteter Umgebung kommen. Ohne vertrauensvolle Gesprächsatmosphäre sollte ein solches Thema nicht behandelt werden; die Art, wie Kinder in der Schule miteinander umgehen, spielt dabei eine große Rolle.
Die Offenheit und Emotionalität der Kinder verleiteten manche Lehrenden dazu, besonders auf die Wirkung von Emotionen zu setzen und sich bei der Auswahl von Materialien darauf zu konzentrieren, da eine möglichst tiefe Betroffenheit erzielt wird.? Dahinter steht die Vorstellung, dass man, wenn die Schüler genügend »gepackte« werden, den besonders guten Motivationsschub für eine eingehende Behandlung des Themas nutzen kann. Doch wer meint, Filme wie »Schindlers Liste« oder »Das Heim- weh des Walerian Wrobel« seien bei geeigneter Nacharbeit für 10 bis 12j4hrige Schüler einsetzbar, überschätzt die Möglichkeiten schulischer Arbeitsformen. Die damit ausgelösten Gefühle können auch bei großem Bemühen nicht bei jedem Schüler aufgefangen werden.
Schüler haben ein feines Gespür dafür, wenn ihre Gefühle vom Lehrenden dirigiert werden. Das bewusste Einsetzen starker Emotionalität als »Motivationsinstrumente führt bei vielen zu Abwehrgefühlen.
Starke emotionale Identifikation mit den Opfern von Gewalt und Verfolgung ist oft mit rigorosen moralischen Bewertungen verbunden, die als Handlungsorientierung für die Gegenwart leicht zu stigmatisierenden Rollenklischees und unzulässig vereinfachenden politischen Schlussfolgerungen führen. Wenn etwa Juden stets nur in ihrer Rolle als Opfer gesehen werden, steht dies leicht dem übergreifenden Lernziel im Wege, Juden heute nicht nur durch ihre Geschichte, sondern als Menschen mit eigenen kulturellen und religiösen Traditionen in differenzierender Sicht kennenzulernen. Umgekehrt besteht die Gefahr, Klischeevorstellungen über die Täter zu festigen, wenn 10 bis 12 jährigen Schülern als Beschreibung der Ursachen der nationalsozialistischen Verfolgung stark vereinfachende Lesungen angeboten werden wie etwa: »Hitler war ein besessener Fanatiker« oder »Die Deutschen haben Hitler an die Macht gebracht, weil er versprach, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen«. Derartige Erklärungsmuster prägen sich oft auf lange Zeit ein und führen zu weit verbreiteten Abwehrhaltungen wie zum Beispiel: »Uns Deutschen wird die Schuld gegeben, die sich später als schwer korrigierbar erweisen. Ähnlich verhält es sich, wenn Kindern vereinfachende Parallelsetzungen zur Gegenwart nahegelegt werden wie: »Damals waren es die Juden, heute sind es die Türken«. Damit werden Schüler oft in Konfliktsituationen gebracht, die sie stark verunsichern. Im Umgang mit türkischen Nachbarn und Mitschülern machen die Heranwachsenden differenzierte eigene Erfahrungen, denen gegenüber pauschalisierenden Belehrungen fehl am Platze sind.
Es ist wichtig, sich von überhöhten Zielvorstellungen zu befreien. Die Beschäftigung mit der Verfolgung im Nationalsozialismus ist kein Allheilmittel gegen unmenschliche Einstellungen und Verhaltensweisen heute.
Sollte man angesichts dieser vielen Probleme und Einwände die Verfolgung im Nationalsozialismus denn überhaupt so früh behandeln? Es führt ja kein Weg daran vorbei, dass das Thema sehr belastend ist und das man Schülern dieses Alters die politischen Hintergründe der nationalsozialistischen Verfolgung nur vereinfachend erläutern kann. Dennoch wurden im Verlauf der Veranstaltung immer wieder Beispiele dafür genannt, dass es bei reflektiertem, behutsamem Vorgehen möglich ist, sich mit 10- bis 12-Jährigen angemessen mit dem Thema zu beschäftigen.
Auch wenn Schüler dieser Altersstufe die Welt noch gern in Gut und Böse teilen, ist es Aufgabe eines pädagogisch verantwortungsbewussten Unterrichts, ihnen das damalige Geschehen nicht plakativ zu vereinfachen, sondern komplexe Zusammenhänge so nahezubringen, dass späteres differenzierteres Begreifen nicht beeinträchtigt wird. Dazu geeignet sind vor allem Erzählungen, die die damalige Welt auf verschiedenen Ebenen in möglichst vielfaltiger Weise lebendig werden lassen. Es gilt, nicht nur die Verfolgung, sondern die ganze Lebenswelt der Menschen damals deutlich zu machen. Es ist zu zeigen, dass die Verfolgten »normale Menschen« waren, die nicht passiv blieben, sondern selbst Handlungsspielräume besaßen und dabei in Entscheidungszwänge gerieten, bei denen ambivalente Folgen abzuwägen waren. Eine dieserart vielschichtige und zugleich konkrete Herangehensweise bietet auch die Möglichkeit, daB8 die einzelnen Schüler Anknüpfungspunkte an ihre eigene Lebenswelt finden; denn auch die etwa gleichaltrigen Kinder einer Schulklasse sind in ihrer geistig-seelischen Entwicklung ja meist sehr heterogen und benötigen ihren individuellen Zugang zum Thema.
Diese Bedingungen erfüllen vor allem eine ganze Anzahl von Jugendbüchern. Auch die weite Verbreitung des Tagebuchs der Anne Frank ist sicher unter anderem darauf zurückzuführen, dass Jugendliche darin viele Anknüpfungspunkte zu ihrer eigenen Erfahrungswelt finden. Auf dem Seminar wurde auch über verschiedene Arbeitsformen berichtet. Kaum geeignet sind rationale Gespräche über Hintergründe, historische Ursachen und andere Zusammenhinge, die vor allem kognitive Leistungen fordern. Vielmehr müssen Arbeitsformen gewählt werden, die es den Schülern ermöglichen, ihre Gefühle auszudrücken, zum Beispiel Gespräche, die dicht an der Erzählung bleiben, aber auch das Betrachten von Bildern und Fotos, das individuelle oder gemeinsame Gestalten von Bildern, tagebuchartigen Aufzeichnungen, Briefen oder anderen Mitteilungen. Wichtig scheint, dass Situationen nicht traurig und ausweglos enden, sondern dass auch Tröstendes und Ermutigendes einbezogen wird.
Ein Ansatz, der in unserer stark kognitiv geprägten Schulwelt oft übersehen oder gar geringschätzig abgetan wird, sind Rituale. Gemeinschaftliche Formen des Andenkens, die mit dem Aufstellen von Blumen, Kerzen und anderen Symbolen der Erinnerung, dem Vortragen von Texten und Gedichten, Liedern und Musik verbunden sein können, geben den Schiilern die Gewissheit, dass sie aktiv etwas Positives beitragen können. Auch bei dieser Art des Erinnerns sollte nicht nur Trauer, sondern auch Tröstendes und Hoffnungsvolles ausgedrückt werden: dass es Menschen gab, die den Mut besaßen, gegen den Strom zu schwimmen; dass das Leiden der Menschen damals nicht in Vergessenheit geraten ist und das sich dergleichen niemals wiederholen darf. Wenn Schüler Abneigung gegen solche Formen der Erinnerung zeigen, sollte die Teilnahme freiwillig sein; verordnetes Andenken darf es nicht geben. Um an das Schicksal der 20 jüdischen Kinder vom Bullenhuser Damm zu erinnern, wählte die Bremer Pastorin Jutta Blanke folgenden Weg für den Konfirmandenunterricht:
Beim Besuch einer Gedenkstätte für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung ist zu beachten, dass dort nur begrenzt Zeit vorhanden ist; gerade bei jüngeren Schülern ist gute Vor- und Nachbereitung von zentraler Bedeutung. Wer sich von einem Museumspädagogen oder Mitarbeiter der Gedenkstätte führen lässt, sollte vorher absprechen, welche Schwerpunkte gesetzt werden. Am besten ist es, wenn die Lehrenden zuvor selbst an einer Führung teilnehmen. Selbstverständlich können sie die Führung auch selbst in die Hand nehmen.
Die Gefahr zu starker seelischer Belastung jüngerer Schüler, wie sie von einigen Kollegen auf dem Seminar betont wurde, ist nicht immer von der Hand zu weisen. Doch bei vielen Gedenkstätten - so zum Beispiel in Neuengamme - besteht ein so vielfältiges Angebot, dass auch für diese Schüler geeignete Zuginge zu finden sind. Von zentraler Bedeutung ist es immer, die Geschichte durch gutes Erzählen nahezubringen. Ein Rundgang zu den geschichtlichen Spuren und Überresten innerhalb und außerhalb der noch erhaltenen Gebäude kann Schiilern den Blick dafür öffnen, dass es keineswegs um völlig vergangenes, weit entferntes Geschehen geht, und dass diese Verbrechen unmittelbar vor unserer Haustür begangen wurden.
Zusammenfassend sei festgehalten, dass die Verfolgung im Nationalsozialismus auch im Unterricht der Klassen 5 bis 7 als Thema seinen Platz haben kann und sollte. Voraussetzung ist eine gute Auswahl der Arbeitsmaterialien und behutsames Vorgehen. Oft bietet es sich an, auf Fragen von Schülern einzugehen, aber dies ist keine unverzichtbare Bedingung; denn durch Medien und Elternhaus bringen heute alle Kinder dieses Alters bruchstückhafte Kenntnisse über den Nationalsozialismus mit, an die man anknüpfen kann. Jeder Lehrende muss sich dessen bewusst sein, dass die Behandlung des Themas mit starker emotionaler Beteiligung Verbunden ist. Beklemmung, Wut, Angst und Empörung über das begangene Unrecht sind normale Reaktionen, die durch geeignete Arbeitsformen aufgefangen werden müssen. Aus dem Auftreten von abwehrenden Gefühlen von Schülern gegen Leid und Verfolgung sollte kein Lehrender den Schluss ziehen, er habe etwas falsch gemacht. Auch dies ist ein normales Anzeichen starker emotionaler Involvierung. Es ist weder möglich noch sinnvoll, Kinder gänzlich vor Ängsten zu bewahren. Diese gehören zur seelischen Entwicklung der Heranwachsenden unverzichtbar hinzu. Den Schiilern sollten auch Wege vermittelt werden, mit dem furchtbaren geschichtlichen Erbe umzugehen und aktiv etwas dazu beizutragen, dass das Schicksal der Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung nicht in Vergessenheit gerät.
Jeder Lehrende, der sich in Klasse 5 bis 7 an das Thema heranwagt, muss aber auch im Blick behalten, dass bei unsensiblem Vorgehen und Übersättigung leicht abwehrende Einstellungen bei den Schiilern auftreten können. Ziel muss es sein, das Interesse nicht zu verschütten, sondern möglichst lange wachzuhalten. Letztlich kommt es darauf an, den Kindern im Laufe ihres Schulbesuchs eine breite, differenzierte Beschäftigung mit der Verfolgung im Nationalsozialismus zu ermöglichen.