Am 10. April 2002 wurde die Jugendherberge Ravensbrück – Internationale Jugendbegegnungsstätte eröffnet. Die Einrichtung befindet sich in den ehemaligen Wohnhäusern der SS-Aufseherinnen in unmittelbarer Nachbarschaft der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück in Fürstenberg/Havel. Die Häuser wurden in Trägerschaft des Deutschen Jugendherbergswerkes/Landesverband Berlin-Brandenburg (DJH) saniert und ausgebaut. Die Jugendherberge besteht aus drei Unterkunftshäusern mit 99 Betten, einem Versorgungs- und einem Aufenthaltsgebäude. Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten nutzt ein Seminar- und ein Museumsgebäude für die historisch-politische Bildungsarbeit am Ort des ehemaligen Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück. Die Gesamtkosten für das Projekt betrugen 6,5 Mio. Euro, die durch den Bund (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend), das Land Brandenburg (Ministerium für Bildung, Jugend und Sport sowie das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur), die Europäische Gemeinschaft und das DJH aufgebracht wurden.
Die im April 2002 eröffnete Internationale Jugendbegegnungsstätte Ravensbrück geht in ihrer Arbeit gedenkstättenpädagogisch neue Wege. Als durchaus sinnvoll hat sich dabei die anfangs haushaltstechnisch motivierte Zusammenlegung der Leitungsfunktion für die pädagogischen Angebote der Jugendbegegnungsstätte und für die pädagogischen Dienste der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück erwiesen. Damit ist eine Brücke zwischen den bewährten Führungs- und Projektangeboten der Gedenkstätte auf der einen und den ein- bis mehrtägigen thematischen Seminaren der Jugendbegegnungsstätte auf der anderen Seite geschlagen. Dieser integrative Ansatz gewährleistet eine reibungslose Zusammenarbeit und die gemeinsame inhaltliche Profilierung der Angebote. Gruppen, die nur wenige Stunden in der Gedenkstätte bleiben können oder wollen, können weiterhin das historische Gelände des früheren Frauen-KZ Ravensbrück und die Ausstellungen der Gedenkstätte durch Führungen, Filmangebote und angeleitete Projekte erkunden. Die Projektarbeit, die bereits deutliche Ansätze »forschenden Lernens« zeigt, wird im Seminarbetrieb der Jugendbegegnungsstätte durch neue Projektformen ergänzt. Nicht bereits didaktisierte Projektmappen, sondern die Bestände der Sammlungsbereiche der Gedenkstätte (Archiv, Bibliothek, Mediothek, Fotothek und Depot) werden von den jugendlichen und erwachsenen Teilnehmern genutzt und selbständig unter pädagogischer Begleitung erschlossen. Diese »Langformen« der Projektarbeit ermöglichen eine intensivere Auseinandersetzung mit komplexeren Themen aus der Geschichte dieses historischen Ortes, der Häftlinge und des SS-Personals, der einstigen Täterinnen und Täter vor Ort.
Während die Anforderungen, die Gesellschaft und auch Lehrerinnen und Lehrer an die Gedenkstätten stellen, uns zuweilen überfordern, besinnen sich die pädagogischen Dienste der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück auf ihre »Kernkompetenz«. Ein Gedenkstättenbesuch ist keine »sonderpädagogische« Maßnahme, die Versäumnisse anderer mit Garantie kompensieren könnte. Wir können weder durch eine anderthalbstündige Schocktherapie aus glatzköpfigen, rechts-orientierten und xenophoben jungen Männern tolerante Demokraten und Verfechter einer multikulturellen Zivilgesellschaft machen, noch automatisch in einer betroffenheitspädagogischen Großanstrengung Empathie mit den Verfolgten, Gepeinigten und Ermordeten schaffen. Die gedenkstättenpädagogische »Kernkompetenz« liegt darin, die Geschichte des historischen Ortes und seiner Menschen historisch akkurat und lebendig zu erzählen und so in den historischen Kontext zu stellen, dass bei den Besuchern das Interesse geweckt oder verstärkt wird, sich und uns Fragen zu stellen, oder besser: sich den Fragen zu stellen, die der Ort und das historische Geschehen – auch für die Gegenwart – aufwerfen.
Derzeit entwickeln die pädagogischen Dienste als ein zusätzliches Angebot eine für Ravensbrück neue Form der »Führung«: Nach einem Gespräch über Vorwissen und Erwartungen an den Gedenkstättenbesuch, in dem die Besucher in der Regel selber formulieren, was sie zu sehen erwarten, werden die Gruppen mit dem Auftrag ins Gelände geschickt, nach historischen Spuren der Häftlinge und Täter und nach mit ihnen verbundenen Orten zu suchen und selber Fragen zu entwickeln. Damit wird der Routine-Ablauf eines Ravensbrück-Besuches durchbrochen, der noch oft genug in der Abfolge Einführungsfilm – Führung – (Projektarbeit) Abschlussgespräch besteht. Auf eine selbstständige Begehung des Geländes, die meist eine Dreiviertelstunde dauert und einen viel größeren Radius als die herkömmliche Führung umfasst, folgt dann eine Führung »neuen Typs«, die viel stärker an den Fragen der Teilnehmer orientiert ist. Damit wird die Frontalpädagogik der Führungssituation durchbrochen oder zumindest aufgeweicht, und die pädagogischen Kräfte werden aus der Bredouille entlassen, lauter Fragen zu beantworten, die ihnen keiner gestellt hat. Die besondere Herausforderung dieses Konzepts liegt darin, die durch die Besucher abgefragten Informationen wieder in eine fassbare Struktur zu bringen.
Die von Gedenkstätten erwartete »auratische Wirkung« stellt sich bei Besuchern oft nur schwer ein. Da das Gelände der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück von mindestens drei historischen »Lagen« (engl. layers) überzogen ist – durch die Geschichte des KZ (1938/39–1945), der Nutzung weiter Teile des ehemaligen KZ–Geländes durch die Rote Armee, der DDR-Gedenkstätte (ab 1959) und der nachwendigen Neugestaltung –, gehen die Eindrücke der Besucher manchmal in die Irre, was sich leichter im Gespräch klären lässt als im »Führungsmonolog«. In den nun möglichen länger dauernden Seminaren können wir den Wahrnehmungen der Besucher bei der Rezeption des Ortes genauer nachgehen, Irrtümer markieren und auszuräumen versuchen.
Als ein Kompetenzschwerpunkt der Seminarangebote gilt uns die Arbeit mit »neuen« und »alten« Medien. Zusätzlich zu den ortsbezogenen Seminaren, in denen die Geschichte des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück, des Männerlagers und des Jugendschutzlagers Uckermark von zentraler Bedeutung sind, erlernen Lehrerinnen und Lehrer sowie Jugendliche hier den Umgang mit CD-ROMs und dem Internet mit Bezug auf die Themenfelder Nationalsozialismus und Holocaust. Wie lassen sich CD-ROMs im Unterricht einsetzen, wie im Internet sachbezogen recherchieren, und wie gehen wir mit rechtsextremistischen Websites um, die uns dabei über Suchmaschinen fast unweigerlich auch ausgegeben werden? Wir wollen zeigen, dass sich mit herkömmlicher Quellenkritik und spezifischer Medienkompetenz (»Media Literacy«) auch einiges von der Wucht rechtsextremistischer Propaganda im Internet nehmen lässt. Gleichzeitig erhält die Arbeit mit dem PC Einzug in die Projektarbeit: Jugendliche können bei uns eine interaktive Präsentation oder eine Umsetzung in Form einer Website als Produkt ihrer Arbeit erstellen, die in die Website der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück oder in die Ausstellungen integriert werden können. So hinterlässt die Seminararbeit auch sichtbare Spuren in unserer »alltäglichen« musealen Vermittlung.
Von manchen wurde und wird es als Wagnis wahrgenommen, eine Jugendbegegnungsstätte ausgerechnet in den SS-Aufseherinnen-Häusern zu errichten. Als »Gründungsmythos« der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Ravensbrück wird man vielleicht später bezeichnen, wovon Überlebende als dem Testament der todgeweihten »Kaninchen« berichten: polnische Frauen, die in Ravensbrück zu pseudomedizinischen Experimenten missbraucht wurden, sollen im Angesicht des Todes ein Schriftstück verfasst haben, in dem sie die Forderung aufstellten, dass nach der herbeigesehnten Befreiung des Lagers dort eine Stätte entstehen sollte, wo Jugendliche sich mit der Geschichte des Ortes auseinander setzen sollten. Eine Herausforderung und Chance ist es in der Tat, einen Täterinnen-Ort mit aufklärerischen, positiven Inhalten neu zu besetzen.
Die Annahme, die Jugendherberge könnte vornehmlich von touristisch motivierten Gruppen genutzt werden, hat sich in der Praxis bisher nicht bewahrheitet. Die Belegungssituation der ersten Wochen zeigt, dass kaum eine der gebuchten Gruppen ohne direkten thematischen Bezug zur Geschichte des Frauen-Konzentrationslagers nach Ravensbrück gekommen ist. Fast immer ist dies ein vorrangiges Motiv zur Auswahl dieser Jugendherberge für Gruppenreisen, und immer werden die Angebote der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück mit wahrgenommen.
Dennoch wird uns die Diskussion um die Angemessenheit des Verhaltens der Gruppen vor Ort künftig begleiten. Wenn abends auch einmal Technomusik aus den Fenstern der Jugendherberge schallt und Jugendliche aus Fürstenberg und Umgebung das Terrain auf der Suche nach zugereisten Gleichaltrigen sondieren, entstehen fast unweigerlich Fragen nach einem würdevollen Umgang mit der Geschichte des Ortes. Letztlich sind dies Diskussionen, die im Mitarbeiterkreis der Internationalen Jugendbegegnungsstätte und der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück ebenso fortlaufend geführt müssen wie mit den Jugendlichen selbst, die aber auch in diesen Gesprächen ihren eigenen Bezug zur Geschichte klären und für die Probleme im Umgang mit ihr sensibilisiert werden können.
Kurzinformation: Die Internationale Jugendbegegnungsstätte Ravensbrück befindet sich in geteilter Trägerschaft zwischen der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten (für den thematischen Seminarbetrieb im Haus der Begegnung) und dem Jugendherbergswerk (für die Unterkunft in der Jugendherberge Ravensbrück). Es stehen 99 Betten in Zwei-, Drei- und Vierbettzimmern zur Verfügung. Die Preise liegen für eine Übernachtung zwischen P 15,- (Ü/F) und P 22,20 (Ü/VP).
Nähere Informationen zur Unterbringung erhalten Sie bei der Jugendherberge Ravensbrück telefonisch unter 033 093/605-90. Anfragen und Buchungen können auch per eMail unter JH-Ravensbrueck@jugendherberge.de vorgenommen werden. Das Seminarprogramm kann bei den pädagogischen Diensten der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück telefonisch unter 033 093–608–0 oder per eMail unter mgr@brandenburg.de erfragt und gebucht werden. Es ist auch online auf der Website www.ravensbrueck.de abrufbar.