Ziele und Schwerpunkte
Seit 1996 wird in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück – ebenso wie in zahlreichen anderen Gedenkstätten für ehemalige Konzentrationslager der NS-Zeit – an der namentlichen Erfassung der schätzungsweise 130000 weiblichen und 20000 männlichen Häftlinge von Ravensbrück sowie an der Erforschung ihres Schicksals gear-beitet. Die dabei entstehenden Datenbanken dienen drei Zielen:
Zum ersten müssen die zahlreichen Anfragen überlebender Opfer oder ihrer Angehörigen beantwortet werden. Um ihre Renten- und Entschädigungsansprüche geltend machen zu können, brauchen sie genaue Bestätigungen über ihre Haftzeiten.
Zum zweiten soll auf der Basis der Namensdatenbanken ein Gedenkbuch der Toten von Ravensbrück veröffent-licht werden. Dem System der SS, aus den Menschen eine bloße Nummer zu machen, werden nun biographische Angaben der Opfer entgegengesetzt, die aus den Nummern wieder Namen werden lassen. Dieses von ehemaligen Ravensbrücker Häftlingen schon lange angestrebte Ziel endlich zu verwirklichen, kann von deutscher Seite aus vielleicht auch ein kleines Stück symbolischer Wiedergutmachung sein.
Zum dritten können aufgrund dieser Datenbanken in Zukunft – in gewissen Grenzen – auch quantitative Aussa-gen zur Häftlingsstruktur, etwa dem Durchschnittsalter oder der Aufenthaltsdauer bestimmter Gruppen, gemacht werden.
Folgende Schwerpunkte werden bearbeitet:
• Die Gesamtzahl aller nach Ravensbrück deportierten Häftlinge, aufgeteilt nach einzelnen Jahren sowie nach Frauen- und Männerlager. Wichtigste Basis hierfür sind die in den Ankunftslisten vergebenen Haftnummern.
• Der Umfang des Einsatzes der Häftlinge in der Rüstungsindustrie, in Außenlagern von Ravensbrück, aber auch in Außenlagern anderer großer Konzentrationslager. Wichtigste Basis hierfür sind die Überstellungslisten.
• Die Übersicht über alle Transporte von und nach Ravensbrück.
• Zahl und Schicksal der Toten von Ravensbrück, inklusive der in Bernburg Vergasten, der Opfer der sogenann-ten »Schwarzen Transporte« sowie des zu Kriegsende als Todeslager fungierenden früheren Mädchen-Konzentrationslagers Uckermark. Als Basis dienen hier sehr unterschiedliche Quellen der SS, der Standesämter sowie juristische Ermittlungen über spezielle Tötungsverbrechen.
• Schicksale bestimmter Haftgruppen, etwa der Häftlinge verschiedener Nationalitäten, der Roma und Sinti, der jüdischen Häftlinge, der ZeugInnen Jehovas oder der Kinder.
Die Leitung des Projekts liegt in den Händen von Bärbel Schindler-Saefkow, die von Heike Kirsten und anderen ABM-Mitarbeiterinnen unterstützt wird und darüber hinaus Hilfe bei den EDV-SpezialistInnen der WIDIS GmbH, Berlin, und in anderen Einrichtungen gewonnen hat. Für den Fortgang des Projektes war insbesondere die Zusammenarbeit der KZ-Gedenkstätten bei der namentlichen Digitalisierung von großem Nutzen.
Quellenlage
Originalquellen aus dem KZ Ravensbrück existieren im Gegensatz zu anderen Konzentrationslagern nur in geringem Maße. Die Maßnahmen der SS zur Vernichtung der Zeugnisse ihrer Verbrechen wurden im Falle von Ravensbrück gründlich vollzogen; in den letzten Tagen vor der Befreiung brannten im Krematorium von Ravensbrück die Akten und Karteien. Häftlingszugangsbuch, Häftlingskartei und Totenbuch sind vernichtet. Gerettet wurde immerhin das Zugangsbuch des Männerlagers, das der Gedenkstätte als Kopie vorliegt und rund 20000 Namen enthält. Auch in den meisten Archiven, in denen Bestände mit Originalunterlagen der Konzentrationslager bewahrt werden, ist der Teil über Ravensbrück immer besonders klein, so auch beim Internationalen Suchdienst in Arolsen.
Von großer Bedeutung ist deshalb die Überlieferung von Zugangs- und Überstellungslisten, die im Archiv der Hauptkommission zur Aufklärung der Nazi-Verbrechen auf polnischem Territorium in Warschau bewahrt werden. Die gleichen Listen sind heute auch in Washington, Yad Vashem und anderen Orten vorhanden. In diesen Listen erfasste die SS Namen, Geburtsdatum, Haftnummer, Nationalität, Haftgrund und andere Informationen über die Häftlinge.
Im Zuge ihrer Evakuierung durch das Internationale Rote Kreuz im April 1945 konnten polnische Häftlinge – nach Schätzung der Beteiligten Wanda Kiedrzynska – rund 35% aller Transportlisten in die Freiheit mitnehmen. Der »Club Ravensbrück« in Warschau sammelte diese und weitere Listen und übergab sie später der Haupt-kommission. Diese mehr als 2000 Blatt starke Sammlung ist die wichtigste und aufschlussreichste Quelle, um sagen zu können, wen die Nazis zu welchem Zeitpunkt nach Ravensbrück verschleppt hatten.
Zur Erschließung weiterer Namenslisten wurde im Rahmen des Projekts »Gedenkbuch« in Moskau, Warschau, Paris, Besançon, Amsterdam, Brüssel, Bad Arolsen und anderen Orten recherchiert. Manche Quellen konnten durch Schriftverkehr erschlossen werden, manche durch persönliche Besuche in Archiven. So entstand aus der ursprünglich schlechten Quellenlage ein reiches Archiv mit vielen Namen aus sehr unterschiedlichen Listen. Sie betreffen meist bestimmte Gruppen, Nationalitäten oder Zeiträume. Manche Aufstellungen sind vor der Befrei-ung am 30. April 1945 entstanden, andere wurden später unter den unterschiedlichsten Aspekten zusammengetragen. Kopien all dieser Listen und Karteien bilden im Archiv der Gedenkstätte einen besonderen Aktenbestand von derzeit etwa 100 Ordnern.
Vorgehen bei der Erschließung
Die gegenwärtig vorliegenden Listen werden nach Herkunft der Quelle abgelegt und durch digitale Übersichten systematisiert, aus denen eine Beschreibung der jeweiligen Liste hervorgeht (Anzahl der Personen, Nationalität, Haftgrund, Herkunft und Signatur der Liste). Diese Übersichten sind die Grundlage für die Computererfassung der Namen. Wir können dadurch Doppelerfassungen von Listen vermeiden und die bestlesbare definieren. Da es sehr unterschiedliche Listen gibt, war es zweckmäßig, Listengruppen zu bilden:
• Serie 01: Ankunftslisten, die die Nummernvergabe dokumentieren (bisher 1581),
• Serie 02: Totenlisten sind alle Listen, die Tote enthalten (bisher 323),
• Serie 03: Überstellungstransporte in andere Lager (bisher 190),
• Serie 04: Sonstige Listen, zum Beispiel Überlebenslisten aus den verschiedenen Ländern, Mitglieder von La-gergemeinschaften u.a. (bisher 59).
Die eigentliche namentliche Erschließung der Ankunftslisten erfolgt durch ein dreiköpfiges ABM-Team in der Gedenkstätte sowie teilweise durch ABM-Kräfte in der Berliner Beschäftigungsgesellschaft AFB. Angesichts der teilweise miserablen Lesbarkeit der Listen leisten diese Eingabeteams Erstaunliches. Als hilfreich erwies sich jedoch eine genaue inhaltliche und technische Vorbereitung der Teams sowie die durch die WIDIS GmbH, Berlin, entwickelten Eingabemasken, die durch Auswahlfelder, Eingabeformate und Standardwerte Flüchtigkeitsfehler vermeiden helfen. Gleichwohl wird noch ein gesonderter Korrekturdurchgang erforderlich sein. Eine ständige inhaltliche Betreuung der Eingabegruppen hat sich sehr bewährt, weil auf diese Weise die Eingaberegeln ständig verbessert und Missverständnisse schnell ausgeräumt werden können. Insgesamt ist keine Quelle wie die andere, und Abkürzungen aus der NS-Zeit können sehr vielfältige Bedeutung haben.
Zwischenstand und Perspektiven
Zwischen 1939 und 1945 wurden rund 130000 Haftnummern vergeben, aber bislang sind nur von 62000 Frauen entsprechende Listen erhalten. Etwa ein Drittel aller Ravensbrücker Häftlinge werden wir wohl nie identifizieren können.
Bisher sind 40000 Frauen aufgrund der Angaben in den Ankunftslisten sowie 20000 Männer aufgrund des Nummernbuches des Männerlagers in der ACCESS-Datenbank erfasst. Die Zugangslisten 1939 bis 1943 und das Nummernbuch wurden bereits 1990/1991 mit DDR-Technik (ROBOTRON) eingegeben und später aus diesen Dateien konvertiert; seit 1998 werden die Zugangslisten von 1944 und 1945 eingegeben. Wir hoffen, dies noch in diesem Jahr abschließen zu können. Dagegen stehen die Überstellungslisten noch aus, auf denen sich weitere 55000 Namen finden (jedoch mit großen Überschneidungen).
Weitere Teilschritte wurden unternommen: So erstellte der österreichische »Gedenkdiener« Günther Heilmayer eine Datenbank mit rund 1000 in Ravensbrück inhaftierten ZeugInnen Jehovas. In Vorbereitung ist eine rund 2000 Datensätze umfassende Namens- und Adressdatenbank aller noch lebenden RavensbrückerInnen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Teildatenbänke über verstorbene Französinnen, Polinnen, deutsche Häftlinge und Jüdinnen aus bereits veröffentlichten Gedenkbüchern liegen vor.
In Angriff genommen wurde die Erschließung der beim Wirtschaftsverwaltungshauptamt geführten Kartei der Häftlinge im Arbeitseinsatz. Bei diesen maschinenschriftlichen Karteikarten werden gemeinsam mit der WIDIS GmbH neue Verfahren der interaktiv gesteuerten, halbautomatischen Schrifterkennung getestet.
Um Zwischenergebnisse des Großprojekts vorzustellen und Möglichkeiten einer Verifizierung durch andere auszuschöpfen, werden »Vorläufige Gedenkbücher« zu einzelnen Themen erarbeitet. Solche Broschüren liegen bislang vor zu den im Rahmen der Mordaktion »14 f 13« in Bernburg Getöteten sowie zu den französischen, polnischen und deutschen Toten Ravensbrücks.8 Das Gedenkbuch zu den Opfern von Bernburg aus Ravens-brück stellt ein Forschungsergebnis besonderer Art dar. Durch die Zusammentragung der Todesdaten wurde das nicht überlieferte Sterbebuch des Standesamtes Ravensbrück II der SS-Kommandantur gewissermaßen rekonstruiert. Bis heute ist dieses nicht vollständig, aber mehr als 50% der Opfer können genannt werden. Die bisher digitalisierten Namen (insgesamt etwa 80000 in verschiedenen Datenbanken) haben die Forschungs-möglichkeiten über NS-Verbrechen enorm erweitert. So konnten Todestransporte und andere Ereignisse vielfach verifiziert und mit Namen belegt werden.
Das Gedenkbuch befindet sich gegenwärtig in der Erarbeitungsphase; noch sind nicht alle vorhandenen Quellen eingegeben. Es gibt auch Bestände, die für eine Digitalisierung nicht zur Verfügung stehen. Schließlich gestaltet sich der Prozess der Verifizierung sehr schwierig, da über manche Personen unterschiedliche Informationen vorliegen. Dennoch ist die Erarbeitung eines Gedenkbuches trotz fehlender Originalunterlagen möglich geworden. Wie in anderen Gedenkstätten auch, wird es mit Sicherheit immer nur den jeweiligen, ständig zu verbessernden Wissensstand darstellen können. Ein solches Gedenkbuch wird auch in gedruckter Form erscheinen.
Forschungsdatenbank Jüdische Häftlinge
Eine weitere Datenbank wurde entwickelt im Rahmen des von der German-Israeli Foundation geförderten deutsch-israelischen Kooperationsprojekts »Victims and Survivors. Jewish Women Prisoners in Ravensbrück Concentration Camp During and After World War II: A Historical and Sociological Research«.9
Auf Initiative der am Forschungsprojekt beteiligten Sozialwissenschaftlerinnen Linde Apel und Sabine Kittel wurde die Erarbeitung einer Forschungsdatenbank mit Daten von jüdischen Häftlingen des KZ Ravensbrück begonnen. Die durch eine finanzielle Zuwendung von Daimler-Chrysler ermöglichte Entwicklung der For-schungsdatenbank wurde beratend begleitet von Dr. Rita Meyhöfer, einer ausgewiesenen Kennerin von Daten-banken (Berliner Gedenkbuch, Gedenkbuch Theresienstadt). Monika Schnell, die als Mitarbeiterin am Kalenda-rium der Ereignisse im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück einschlägige Kenntnisse der Archivbestände wie der Datenverarbeitung erworben hat, gab die Daten ein.
Die Datenbank ist als Forschungsdatenbank und nicht als Quellendokumentation konzipiert. Sie ist personenbezogen aufgebaut und soll durch die Möglichkeit strukturierter Recherchen dazu dienen, systematische Erkenntnisse über die jüdischen Häftlinge in Ravensbrück zu gewinnen.
Zwischen dem Wunsch, möglichst viele Daten zu einer Person zu erfassen und der Notwendigkeit, möglichst viele Datensätze aufzunehmen, musste ein ver-nünftiger Mittelweg gefunden werden. Daher wurden die Angaben zur Person beschränkt und inhaltlich auf Fragestellungen des genannten Forschungsvorhabens sowie eines beantragten Folgeprojektes zugeschnitten.
Als Programm wurde ebenfalls ACCESS ausgewählt. Zunächst wurde wegen der knappen finanziellen Mittel lediglich ein Teil der im Rahmen des deutsch-israelischen Projekts in mehreren europäischen Ländern recher-chierten Dokumente erfasst. Die Datenbank besteht zur Zeit aus 1092 Datensätzen. Diese Datensätze bestehen aus fünf miteinander verknüpften Datenblättern: biographische Grunddaten (Mastertabelle); Haftdaten in Ravensbrück; Haftdaten über weitere Deportationsstationen; Inhalte, d.h. Stichworte vor allem zu den projektspezifischen inhaltlichen Schwerpunkten wie etwa Freundschaften, familiäre Beziehungen, Kontakte zu anderen Häftlingen; Nachkriegsdaten.
Um im sozialwissenschaftlichen Sinn solide und repräsentative Aussagen machen zu können, ist eine ausrei-chende Zahl von abgesicherten Datensätzen erforderlich. Die ungenauen Angaben in vielen vorliegenden, z.T. sehr disparaten Quellen stellten daher ein erhebliches Problem dar, dem jedoch teilweise durch die Aufnahme ergänzender Quellen begegnet werden konnte. Das Problem der Quellenhierarchie bei abweichenden Angaben, die Beurteilung der Quellen und die Entscheidungsfindungen über die jeweils angemessene Quelle werden si-cherlich Gegenstand weiterer Diskussionen sein. Die Weiterfinanzierung der Einarbeitung weiterer Bestände in die Datenbank ist dringend erforderlich.
Fazit
Im Rahmen dieses Artikels konnte nur ein Ausschnitt der vielfältigen Forschungs- und Sammlungs-Projekte der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück vorgestellt werden. Zwar stehen die hier präsentierten Projekte mitten in der Erarbeitungsphase und sind daher noch verbesserungsfähig. Doch erschien es uns sinnvoll, gerade auch die Überlegungen und Schwierigkeiten dieser Phase offen zu legen und anderen Einrichtungen damit Anregungen zu geben.
Alle Digitalisierungs-Vorhaben können eine archivalische Neuordnung und kontinuierliche Betreuung der Be-stände nicht ersetzen. Sie leiden zudem immer wieder unter der nach wie vor rein projektgebundenen Finanzie-rung. Immerhin ist aber begonnen worden, die neuen technischen Möglichkeiten der Datenaufbereitung so zu nutzen, dass die Forschung besser arbeiten und die Geschichte des Konzentrationslagers Ravensbrück besser vermittelt werden kann.
Anmerkungen
8 Gedenkbuch Ravensbrück – Bernburg. Vorläufiges Verzeichnis der Opfer des Konzentrationslagers Ravens-brück, die im Februar und März 1942 in Bernburg/Saale durch Gas ermordet wurden, Berlin – Fürsten-berg/Havel, Oktober 1998 (751 Namen). Gedenkbuch Ravensbrück (Frankreich). Vorläufiges Verzeichnis der in das Konzentrationslager Ravensbrück deportierten und dort oder an anderen Orten von 1942 bis 1945 verstorbe-nen französischen Frauen und Männer, Berlin – Fürstenberg/Havel, April 1999 (1413 Frauen und 93 Männer). Gedenkbuch Ravensbrück (Polen). Vorläufiges Verzeichnis der in das Konzentrationslager Ravensbrück depor-tierten und dort oder an anderen Orten von 1940 bis 1945 verstorbenen polnischen Frauen und Männer, Berlin – Fürstenberg/Havel, Juni 1999 (1346 Frauen und 486 Männer). Gedenkbuch Ravensbrück (Deutschland), Vorläu-figes Verzeichnis der im Konzentrationslager Ravensbrück gefangen gehaltenen und dort oder durch Todes-transporte von 1939 bis 1945 verstorbenen deutschen Frauen und Männer, Berlin – Fürstenberg/Havel, Oktober 1999 (1810 Frauen und 738 Männer). Die vorläufigen Gedenkbücher sind zu Forschungszwecken oder zur per-sönlichen Information in der Gedenkstätte einsehbar, jedoch nicht käuflich.
9 In den Jahren 1997 bis 1999 haben Prof. Claudia Ulbrich von der FU Berlin, Dr. Dina Porat und Dr. Hanna Herzog von der Universität Tel Aviv und PD Dr. Sigrid Jacobeit, Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück, dieses Forschungsprojekt betreut.