Jahrestage sind Anlässe, an historische, auch an schmerzliche Ereignisse zu erinnern und sie in unsere Gegenwart hereinzuholen. Ausgangspunkte für unser Projekt waren ein Jahrestag, ein »authentischer Ort« und ein vollständiger Negativstreifen mit 30 Schwarzweißfotos von einer Deportation aus Wiesbaden.
Am 30. August 1942 wurden aus Wiesbaden etwa 400 überwiegend ältere jüdische Frauen und Männer, aber auch zwei Kinder, nach Theresienstadt deportiert. Mit dem Mahngang am 30.8.1992, an dem fast 3000 Bürgerinnen und Bürger zur Erinnerung an die 1200 Opfer der Shoah und an die der anderen Verfolgtengruppen teilnahmen, wurde das Datum dieser letzten großen Deportation aus Wiesbaden markiert. Der von uns initiierte örtliche Gedenktag wird jedes Jahr begangen, immer wieder mal auch an diesem Ort. Wir fordern seitdem auch – bisher vergeblich – das namentliche Gedenken an die jüdischen Menschen aus Wiesbaden, die während der Shoah ermordet wurden.
Wir haben uns als Verein mit dem Ort des Abtransportes – dem ehemaligen Schlachthofgelände – seit 1991 intensiv beschäftigt und die öffentliche Aufmerksamkeit darauf gelenkt. Es ist uns wichtig, dass die Wiesbadener Bürgerschaft sich der historischen Belastungen des »authentischen Ortes Schlachthoframpe« bewußt wird. Sowohl der gegenwärtige Zustand – eine Art Niemandsland entlang der Bahn, genutzt nur von Sprayern – als auch die Tatsache, dass das gesamte Gelände überplant werden soll, machen es um so dringlicher, sich dem Thema und seinen Bildern jetzt zu widmen.
Wie am Tag zuvor schon beim »Sammelplatz« in der altisraelitischen Synagoge wurde auf dem Schlachthofgelände Wiesbaden fotografiert, von einem Polizisten, kunstlos und ohne Anteilnahme. Die 30 Bilder zeigen die gepeinigten Menschen an der Verladerampe des Viehgleises, die hier Abschied nehmen mußten von ihrer Heimatstadt. Außerdem sind sichtbar die – ganz ähnlich den heute noch vorhandenen – Viehgatter, die Eisenbahnwagen und natürlich die uniformierten und in Zivil auftretenden Polizei- und Gestapo-Beamten mit ihren Helfershelfern.
Ein Fotocontainer, die von Heinrich Lessing entwickelte Installation im Freien, zeigt innen zwei Tafeln mit je 15 Fotos, man muß hineingehen, um die Bilder anzuschauen. Er wurde im September 1998 neben den Gleisanlagen aufgestellt.
Aus der örtlichen Presse: »Wer den Container betritt, fühlt sich wie ein Stück Vieh auf der Verladerampe« – eine Assoziation, die nicht unbeabsichtigt war.
Weil der Ort abgelegen und schwierig ist, die Fotos aber wichtig und auch ohne ausführliche Erläuterung aussa-gefähig sind, entwickelten wir eine Konzeption, sie vielen Menschen zu zeigen. Wir wollten sie ins Blickfeld der Wiesbadener Bürgerschaft und ihrer Besucher rücken.
Also ließen wir den Fotocontainer ab November 1998 als »Bewegtes Denkmal« durch die Stadt wandern.
Er wurde an sechs verschiedenen Standorten aufgestellt und machte so den Weg der Deportation rückwärts vom Schlachthof über den Bahnhof, durch die Bahnhofsstraße in die Innenstadt nachvollziehbar.
Zusätzlich haben wir an den einzelnen Standorten jeweils konkrete NS-Stadtgeschichte der Umgebung mit ein-bezogen, dazu jeweils eine Informationstafel außen am Container angebracht. Jeder »Umzug« wurde der Presse vorgestellt, damit erreichte auch das neue Thema die Öffentlichkeit. Die Städtereklame ermöglichte zweimal ergänzende City-light-Poster an Bus-Haltestellen. Außerdem forderten wir mit Kommentartafeln die Passanten zu schriftlichen Reaktionen heraus.
Die Themen waren:
• Ehemaliges Schlachthofgelände: historischer Ort
• Hauptbahnhof Wiesbaden: Eisenbahn, Auswanderung, Flucht, Transporte, zuletzt von Wiesbadener Kindern im Februar 1945 nach Theresienstadt; dazu eine Musikveranstaltung am I9.11.98: »Surviving« mit George Dreyfus, dessen Großeltern von Wiesbaden nach Theresienstadt deportiert wurden.
• Bahnhofstraße am Sinti-Roma-Denkmal: Verfolgung der »Zigeuner« am Beispiel einiger Familien aus Wiesbaden; dazu eine Veranstaltung am 30.1.99 im Staatstheater: Lesung aus dem Buch von Anna Mettbach in Anwesenheit der Autorin.
• Geschwister-Stock-Platz/Bahnhofstraße: Wiesbadener Kinder, die als Juden, Sinti, Behinderte verfolgt und ermordet wurden, darunter die beiden Kinder, die mit nach Theresienstadt verschleppt und später in Auschwitz ermordet wurden. Außerdem Gedenken an Rosel (5) und Josef (7) Stock, deportiert nach Lublin/Sobibor, nach ihnen wurde der Platz 1995 auf unseren Vorschlag benannt.
• Bahnhofstraße 25, Haus der Familie Guthmann: Verfolgung der Familie, Denunziation durch Nachbarn, Umwandlung ihres Hauses in ein »Judenhaus« und Schicksale seiner »Bewohner«
• Dern’sches Gelände – mit Blick auf Rathaus, Polizeipräsidium und den »Sammelplatz für Deportationen (Alt-israelitische Synagoge): Bürokratie, Städtische Ämter und zwei Wiesbadener Karrieren, die unmittelbar mit der Mißhandlung und Ermordung der jüdischen Menschen aus Wiesbaden in Verbindung stehen: Walter Bodewig, »Judenreferent« der Gestapo in Wiesbaden und Dr. Wilhelm Stuckart.
Dr. Wilhelm Stuckart, geb. 1902 in Wiesbaden, Abitur am Humanistischen Gymnasium, deutsch-nationale Jugendgruppe, Jurastudium, Richter und Rechtsanwalt, »Alter Kämpfer« in der NSDAP seit 1923 (beteiligt am Hitlerputsch in München), war er aber gleichzeitig mit jüdischen Anwälten in Wiesbaden »befreundet«, um als Spitzel tätig zu sein. Als dies aufflog, verschwand er aus Wiesbaden. 1933 wurde er Gauführer in Pommern. Dann gelang ihm eine steile Karriere bis zum Staatssekretär im Reichsinnenministerium, er war damit auch Himmlers Stellvertreter, außerdem ehrenamtlicher hoher SS-Führer. Verantwortlich für zahlreiche judenfeindliche NS-»Gesetze« und Vorschriften, bemühte er sich, für die »Nürnberger Gesetze« eine möglichst umfassende Definition »Wer ist Jude, wer ›Mischlinge‹ zu formulieren. Zusammen mit Globke verfaßte er den Juristischen Kommentar zu den »Rassegesetzen«.
Im Januar 1942 war Stuckart Teilnehmer an der Wannseekonferenz, die der Koordination der schon begonnenen »Endlösung der Judenfrage« diente. Er leugnete dies später, obwohl er sich mit eigenen Vorschlägen zu Wort gemeldet hatte. Nach Kriegsende verhaftet, erhielt Stuckart eine geringe Strafe und wurde schon 1949 entlassen. Als bloßer Mitläufer »eingestuft«, fand er schnell neue berufliche Chancen, starb aber bei einem Autounfall 1953.
Alle Schritte wurden dokumentiert. Am 30. August 1999 haben wir den Fotocontainer wieder an seinen Ausgangsort auf das Gelände des ehemaligen Schlachthofs zurückgestellt und am folgenden Tag dazu eine Ausstellung in der Spiegelgasse 11 eröffnet: Gezeigt wurden Fotos und Objekte aus einem Jahr des »Bewegten Denkmals«.
Die Ausstellung war bis zum Februar 2000 hier zu sehen.
Seit Sommer 1999 können wir zwei Anliegen verbinden: Die Erinnerung an die Wiesbadener jüdischen Bürger, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts aus ihrer Heimatstadt vertrieben oder in die Vernichtungslager deportiert wurden sowie die Erhaltung und Nutzung des kleinen Hauses Spiegelgasse 11. Das älteste noch vorhandene jüdische Wohnhaus Wiesbadens stammt von 1735 und gehört zum Grundstück des Jüdischen »Badhaus zum Rebhuhn« aus dem 18. Jahrhundert, heute der »Pariser Hof«. Hier lebten einst Rabbiner, traf sich eine kleine Gemeinde zum Gottesdienst, gab es eine Mikwe.
Anschrift:
Förderkreis Aktives Museum Deutsch-Jüdischer Geschichte in Wiesbaden e.V.
Spiegelgasse 7
65183 Wiesbaden
Tel. 0611/305221
HYPERLINK mailto: Aktives.Museum.Wiesbaden@t-online.de.