Die "Gegenwart der Vergangenheit" ist ein vielbemühter Ausspruch. Gerade in Bezug auf den deutschen Krieg gegen die Sowjetunion von 1941 bis 1945 trifft er jedoch den Kern der Sache – zumindest in der heutigen Russischen Föderation. "Erinnerungslücken" müssen stattdessen dem deutschen Gedächtnis hinsichtlich des Vernichtungskriegs gegen die Sowjetunion attestiert werden – und mit Blick auf die Belagerung der Millionenstadt Leningrad sogar eine 'doppelte Lücke'.
Vor 75 Jahren, am 8. September 1941, schloss die Wehrmacht den Belagerungsring um die Stadt von Zar Peter dem Großen, die nun Leningrad hieß – Auftakt einer Blockade, die 871 Tage andauerte. Am Ende waren mehr als eine Million der dreieinhalb Millionen Bewohnerinnen und Bewohner im deutschen Kessel an Hunger zugrunde gegangen.
In der Sowjetunion wurde Leningrad noch vor Kriegsende, gemeinsam mit drei anderen Städten, der Ehrentitel "Heldenstadt" verliehen, "für das massenhafte Heldentum ihrer Verteidiger im Großen Vaterländischen Krieg". Über die tatsächliche Situation während der Belagerung wurde ein Schleier des Schweigens gelegt – nur kurz gelüftet während der Phase der Perestroika und der Glasnost.
In der (west-)deutschen Erinnerung hat die Blockade indes keinen Platz – präsent im kulturellen Gedächtnis ist hierzulande allein die Schlacht um Stalingrad als der "Opfergang der 6. Armee". Groß war entsprechend die (kurzzeitige) Aufregung, als die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" des Hamburger Instituts für Sozialforschung die Belagerung Leningrads in den Mittelpunkt rückte und klar als Verbrechen benannte.
Über die fehlende deutsche Auseinandersetzung mit den Kriegsverbrechen während der Blockade, die Erinnerungslücken im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik sowie die Mythen und die Erinnerungspolitik um die "Heldenstadt" auf sowjetischer beziehungsweise heute russischer Seite diskutieren:
Marieluise Beck, Politikerin der Partei Bündnis 90/Die Grünen und langjährige MdB, ist Sprecherin für Osteuropapolitik ihrer Partei und Mitglied im Lenkungsausschuss des deutsch-russischen Petersburger Dialogs.
PD Dr. Jörg Ganzenmüller, Vorsitzender der Stiftung Ettersberg und Autor des Standardwerks "Das belagerte Leningrad 1941 bis 1944" (Paderborn, 2005).
Dr. Ulrike Jureit, assoziierte Historikerin am Hamburger Institut für Sozialforschung und Leiterin der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944" (2000-2004).
Dr. Ekaterina Makhotina, wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für osteuropäische Geschichte der Universität Bonn, die unter anderem zur Belagerung Leningrads als Ereignis und Erinnerungsort forscht.
Moderation: Dr. Jacqueline Boysen, Journalistin mit Themenschwerpunkten auf Deutsch-Deutsche Vergangenheit und Erinnerungspolitik.
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bis 7. September 2016 bei:
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