„trotzdem da! – Kinder aus verbotenen Beziehungen zwischen Deutschen und Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter*innen“

7. Dezember 2024
15:00 Uhr
Ort: Greftstraße 3, 27446 Sandbostel
Veranstalter: Gedenkstätte Lager Sandbostel

Während der Zeit des Nationalsozialismus waren freundschaftliche und intime Kontakte zwischen Deutschen und Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter*innen unerwünscht. Zum Teil waren sie streng verboten. Doch sie sind „trotzdem da“: Kinder, die aus solchen Beziehungen hervorgegangen sind. Ihre Geschichten wurden lange tabuisiert. Sie sind wissenschaftlich wenig erforscht und in der Erinnerungskultur kaum präsent. Die in der Gedenkstätte Lager Sandbostel erarbeitete Wanderausstellung „trotzdem da! – Kinder aus verbotenen Beziehungen zwischen Deutschen und Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter*innen“ ist ihren Lebensgeschichten gewidmet. Sie wird vom 7. Dezember 2024 bis zum 14. März 2025 in der Gedenkstätte Lager Sandbostel erstmals präsentiert und danach in verschiedene Städte in Deutschland wandern.

Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges mussten rund 13 Millionen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter*innen im Deutschen Reich arbeiten. Bei freundschaftlichen oder intimen Kontakten mit Deutschen konnten beiden Seiten hohe Strafen drohen. Sie reichten von Gefängnisstrafen über die Einweisung in ein Konzentrationslager bis zur Todesstrafe. Dennoch wurden Kinder aus solchen Beziehungen geboren.

Viele Kinder aus verbotenen Beziehungen wussten lange nicht, dass ein Elternteil Kriegsgefangener oder Zwangsarbeiter*in gewesen war. Häufig wurden sie dennoch als uneheliches Kind und nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechend stigmatisiert. Immer wieder wurden sie rassistisch beleidigt und diskriminiert. Viele suchten Jahrzehnte nach einem unbekannten Elternteil – in manchen Fällen mit Erfolg.

Mehr als 20 Kinder aus verbotenen Beziehungen aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden konnten ausfindig gemacht und für das Projekt „trotzdem da!“ gewonnen werden. Zwei Treffen in der Gedenkstätte Lager Sandbostel waren für viele die erste Begegnung mit Menschen, die eine ähnliche Biografie haben wie sie. Für einige war es auch das erste Mal, dass sie mit Fremden über ihre Geschichte sprachen. Mit ihren Erinnerungen, Dokumenten und Fotos haben die Teilnehmer*innen die entscheidende Grundlage zur Verwirklichung der Ausstellung gelegt.

Eröffnungsveranstaltung am 7. Dezember 2024, 15 Uhr: Erstmalige Präsentation der Wanderausstellung mit thematischer Einführung durch das Ausstellungsteam und Rede von Projektteilnehmerin Ingelore Prochnow. Ingelore Prochnows Mutter wurde im Dezember 1943 schwanger in das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück eingewiesen. Der Vorwurf: »Verkehr mit einem Polen«. Ingelore Prochnow wurde in Ravensbrück geboren und verbrachte ihr erstes Lebensjahr in KZ-Haft.

Anschließend Rundgang durch die Ausstellung mit den Kurator*innen und Empfang. Außerdem Premiere der Filmdokumentation „The Lion is Telling the Story of the Forest“, für die ein gemeinsamer Workshop des Projekteilnehmers Gerd A. Meyer, Sohn einer Deutschen und eines sowjetischen Kriegsgefangenen, begleitet wurde.

Kurator*innenführung am 8. Dezember, 14 Uhr: Rundgang durch die Wanderausstellung mit Lucy Debus und Jan Dohrmann aus dem „trotzdem da!“-Ausstellungsteam.

Zur Ausstellung:
Die in der Ausstellung zentralen Biografien zeigen exemplarisch Gemeinsamkeiten, aber auch die Vielfältigkeit in den Lebensläufen der Projektteilnehmer*innen auf. In Ausschnitten aus Video-Interviews kommen die Protagonist*innen dabei selbst zu Wort. Auch die Geschichten der (leiblichen) Eltern werden nachvollzogen. Ergänzend wird in jeder Biografie ein mit der Lebensgeschichte verbundenes historisches Thema vertiefend behandelt.
Zahlreiche Lebensgeschichten von Kindern aus verbotenen Beziehungen können nicht erzählt werden. Eine zusätzliche „Biografie“, die des „unbekannten Kindes“, greift diese Leerstellen auf.

Eine historische Begleitebene bettet die Lebensläufe der Kinder aus verbotenen Beziehungen und ihrer Eltern in den Kontext der jeweiligen Zeit ein: Von dem Strafbestand des „verbotenen Umgangs“ während des Nationalsozialismus, über das Aufwachsen in der Nachkriegszeit, der Suche nach unbekannten Elternteilen und Familien bis zur Aufarbeitung und Erinnerung an die Verfolgungsgeschichten. Schließlich wird auch der Verlauf des Projekts „trotzdem da!“ in der Ausstellung dargestellt.

Zum Projekt:

„trotzdem da! – Kinder aus verbotenen Beziehungen zwischen Deutschen und Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeiter*innen« ist eine Wanderausstellung der Gedenkstätte Lager Sandbostel in Niedersachsen. Die Gedenkstätte steht seit vielen Jahren in Kontakt mit Menschen, die während des Zweiten Weltkrieges aus Beziehungen zwischen deutschen Frauen und Kriegsgefangenen aus dem Stalag X B Sandbostel hervorgegangen sind. Angeregt von ihren Lebensgeschichten hat sie 2023 das überregionale Forschungs- und Ausstellungsprojekt „trotzdem da!“ ins Leben gerufen.