RECHT UND GERECHTIGKEIT NACH DEM ZIVILISATIONSBRUCH? DIE ERFAHRUNG VON AUSCHWITZ UND DER GRÖNING-PROZESS

Vortrag/Vorlesung
27. November 2015
19:30 - 00:00 Uhr
Ort: Weimar, Tourist-Information Weimar
Veranstalter: Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora

Das Leben Éva Fahidi-Pusztais, Jg. 1925, überschatten

die nationalsozialistischen Verbrechen

noch immer. Sie wurde in Debrecen/Ungarn als

Tochter eines großbürgerlichen Holzhändlers

geboren. 1936 konvertierte die Familie zum

Katholizismus. Seit Ende der 1930er Jahre

galten in Ungarn immer strengere rassistische

und antisemitische Gesetze, die auch die

Fahidis zunehmend aus der Gesellschaft ausschlossen.

Am 27. Juni 1944 wurde die Familie in das Vernichtungslager

Auschwitz-Birkenau deportiert. Bei der Selektion trennte der berüchtigte

SS-Arzt Josef Mengele sie für immer. Mutter und Schwester wurden unmittelbar

durch Giftgas ermordet, der Vater starb an den Bedingungen im

Lager. Mitte August 1944 überstellte die SS Éva Fahidi zur Zwangsarbeit in

der Granatenproduktion in das Buchenwald-Außenlager Münchmühle bei

Allendorf. Bei Kriegsende entkam sie von einem Todesmarsch.

Im November 1945 kehrte Éva Fahidi nach Debrecen zurück. Ihr Elternhaus

bewohnten inzwischen Fremde. In der Hoffnung auf eine bessere

Gesellschaft schloss sie sich den Kommunisten an. Sie lernte ihren späteren

Ehemann kennen, der ihre Ideale teilte. Der Neuanfang gestaltete

sich schwierig und entbehrungsreich. Erst allmählich erhielt sie bessere

Beschäftigungen und war schließlich im Außenhandel für das ungarische

Stahlkombinat tätig.

Heute lebt Éva Fahidi-Pusztai in Budapest. Erst seit den 1990er Jahren

ist es ihr überhaupt möglich, über ihre Verfolgungserfahrungen zu sprechen.

Ungeachtet ihres fortgeschrittenen Alters setzt sie sich unermüdlich

zugunsten der Ahndung und Erinnerung der nationalsozialistischen

Menschheitsverbrechen ein – auch und gerade angesichts der jüngsten

gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in ihrer ungarischen

Heimat. Sie gehört dem Beirat ehemaliger Häftlinge des KZ Buchenwald

an der Stiftung sowie dem Internationalen Komitee Buchenwald-Dora

und Kommandos an. 2011 erschienen unter dem Titel Die Seele der Dinge

ihre Lebenserinnerungen. 2012 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz

am Bande verliehen, 2014 die Ehrenbürgerwürde von Stadtallendorf. Als

Nebenklägerin war sie unmittelbar am gerade zu Ende gegangenen Prozess

gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning vor dem Landgericht

Lüneburg beteiligt. Doch inwieweit lässt sich für Éva Fahidi-Pusztai nach

Auschwitz und Buchenwald überhaupt Gerechtigkeit herstellen?