In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 wurden im burgenländischen Rechnitz etwa 180 jüdisch-ungarische Zwangsarbeiter/innen erschossen. Auf dem nahe gelegenen Schloss, einem Besitz Iván und Margit Batthyánys fand zeitgleich ein NS-„Kameradschaftsabend“ statt, an dem auch die Täter teilnahmen. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war das „Massaker von Rechnitz“ Gegenstand von Polizeiermittlungen und Gerichtsprozessen. Um die Ereignisse jener Nacht zu rekonstruieren, wurden viele Rechnitzer/innen und andere Zeug/innen befragt. Ihre Aussagen bilden eine wichtige Grundlage für unser heutiges Wissen über das Massaker und sind zugleich Zeugnis eines beredten Schweigens. Im „Fall Rechnitz“ blieben viele Fragen offen. Zeugen wurden ermordert, Angeklagte konnten fliehen und sich ihrem Urteil entziehen. Das Massengrab wurde bislang nicht gefunden. Die Suche nach den Leichen hält bis heute an.
Wissenschaftler/innen unterschiedlicher Disziplinen haben sich den Geschehnissen vom März 1945 analytisch angenähert und sie im Kontext der Besonderheiten der Endphase des Zweiten Weltkriegs (Endphaseverbrechen, Todesmärsche, Bau des Südostwalls) gedeutet. Der „Fall Rechnitz“ hat zudem einen besonderen Stellenwert im kulturellen Gedächtnis Österreichs und darüber hinaus erlangt. Kaum ein anderes Endphaseverbrechen hat so viel politische, publizistische und künstlerische Aufmerksamkeit provoziert.
Ziel der Tagung ist es, die Fülle der (Re-)Konstruktionen, Auseinandersetzungen und Verarbeitungen zusammenzuführen und in ihrer Gesamtheit zu diskutieren, um so besser zu verstehen, worin die Besonderheiten des „Falls Rechnitz“ liegen. Die Tagung hat ferner das Anliegen, neue Fragestellungen und Perspektiven für die Forschung zum Nationalsozialismus, insbesondere zur Endphase des Krieges, und für den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zu entwickeln. Dabei soll „Rechnitz“ auch als Topos des Ungeheuerlichen und des Verschweigens in den Blick genommen werden. Ziel ist, explizit zu thematisieren, worauf sich unser Wissen bzw. unsere Vorstellungen oder Fantasien von „Rechnitz“ stützen und welche Fragestellungen, Erkenntnisinteressen und methodischen Herangehensweisen unseren Blick bislang geprägt haben.
Teilnahme nach bestätigter Anmeldung bis 12. Mai 2014 unter: rechnitztagung@gmail.com
Die Tagung wird gefördert von der Fritz Thyssen Stiftung.
Donnerstag, 15. Mai 2014
9:00-9:20 Uhr Begrüßung und Grußworte
Engelbert Kenyeri (Rechnitz)
Paul Gulda (Wien)
9:20-10:00 Uhr Einführung
Simone Derix (München)
I. (Re-)Konstruktionen
10:00-10:50 Uhr „Ordentliche Evakuierung“ – Planung, Widersprüche, Zufälle
Eleonore Lappin-Eppel (Wien)
10:50-11:20 Uhr Kaffeepause
11:20-12:10 Uhr Die Rechnitz-Rezeption im Lichte der neueren Täterforschung
Frank Bajohr (München)
12:10-13:00 Uhr Der Fall Rechnitz und die österreichische Nachkriegsjustiz
Claudia Kuretsidis-Haider (Wien)
13:00-14:30 Uhr Mittagspause
II. Verarbeitungen
14:30-15:20 Uhr Kriegs- und NS-Verbrechen in Europa vor Gericht. Probleme und Perspektiven vergleichender Länderstudien
Claudia Moisel (München)
15:20-16:10 Uhr Der Gedächtnisort Rechnitz
Christine Teuschler (Oberwart) und Paul Gulda (Wien)
16:10-16:40 Uhr Kaffeepause
16:40-17:30 Uhr Meine Tante Margit – oder: Wie vererben sich schreckliche Ereignisse innerhalb einer Familie über Generationen?
Sacha Batthyany (Zürich)
17:30-18:00 Uhr Geschwätziges Verschweigen. Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“ im Kontext der Rechnitz-Debatte
Teresa Kovacs (Wien)
III. Bilder und Inszenierungen
20:00-22:30 Uhr Öffentliche Abendveranstaltung
Ort: Hochschule für Film und Fernsehen, München
Ausschnitte aus „Rechnitz (Der Würgeengel)“ (Elfriede
Jelinek/Münchner Kammerspiele), „Totschweigen“ (Margareta Heinrich/Eduard Erne) und „… dann bin ich ja ein Mörder!“ (Walter Manoschek), Lesung aus „Kontaminierte Landschaften“ (Martin Pollack)
mit Knut Karger (München), Julia Lochte (München), Walter Manoschek (Wien), Steven Scharf (München)
Freitag, 16. Mai 2014
IV. Fragen
10:00-12:00 Uhr Moderierte Podiumsdiskussion
mit Gudrun Brockhaus (München), Gerhard Paul (Flensburg), Sybille Steinbacher (Wien), Szabolcs Szita (Budapest)
Kontakt:
Dr. Simone Derix
Historisches Kolleg, Kaulbachstr. 15, 80539 München
simone.derix@lrz.uni-muenchen.de