Nach dem Schweigen
Lesung und Podiumsgespräch
Drückendes Schweigen, bleierne Stimmung: So wuchsen viele Nachfahren von Holocaust-Überlebenden auf. Das Erlittene wog zu schwer und die Kinder sollten in „Normalität“ aufwachsen. Auch die Nachfahren der Mehrheitsgesellschaft im süddeutschen Ulm wuchsen in einem Klima des Schweigens auf. Ihre Eltern verdrängten meist, was sie mitgetragen oder geduldet hatten. Das Leben der nach 1945 Geborenen wurde gleichwohl von der Vergangenheit ihrer Eltern und Großeltern geprägt, oft unbewusst.
Am Abend des 27. Januar 2017 stehen in Ulm die Geschichten der Opfer-Nachfahren im Mittelpunkt.
Der Eintritt ist frei.
Gelesen wird aus dem neu erschienenen Buch:
Nach dem Schweigen
Geschichten von Nachfahren
Hg. von Lillian Gewirtzman und Karla Nieraad.
Autobiografische Erzählungen von zwölf New Yorker und zwölf deutschen Autorinnen und Autoren
Verlag Klemm + Oelschläger, Ulm 2016
14,80 €
ISBN 978-3-86281-105-2
Der jüngste Autor des Buches, Hans Günter, wirft einen zuversichtlichen Blick in seine persönliche Zukunft. Geboren 1996, war er 2016, gleich nach dem Abitur, mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. in Washington, D.C., wo er mit Obdachlosen arbeitete. Er schreibt auch darüber, wie der Freiwilligendienst mit der ASF ihn an seine Verantwortung, aus der Geschichte zu lernen, gemahnt hat.
Die 82-jährige Amerikanerin Lillian Gewirtzman, eine in Polen geborene Jüdin, und die 30 Jahre jüngere Deutsche Karla Nieraad, Leiterin des Ulmer Stadthauses, geben den Sammelband autobiografischer "Geschichten" gemeinsam heraus.
Die Wege der Herausgeberinnen kreuzten sich in der Stadt Ulm, wo die eine vor 70 Jahren als Flüchtling in einem Displaced Persons Lager lebte und die andere heute ein Kultur- und Ausstellungshaus leitet. Zwölf amerikanische und zwölf deutsche Autorinnen und Autoren schreiben über sich als Kinder und Enkelkinder von Überlebenden des Holocaust oder, auf der anderen Seite, von Deutschen. Es sind sehr persönliche Sichtweisen über das Leben mit dem Vermächtnis der Familien. Auf beiden Seiten steht dahinter die Frage, wie frei der Mensch von der Gemeinschaft derer ist, von denen er abstammt. Gibt es eine Wahlfreiheit, Vergangenheit abzustreifen? Ebenso oft steht die andere Frage im Raum: Wie lässt sich das von Vorfahren Erlebte bewahren, damit es niemals vergessen wird? Lebt man deren Geschichte weiter?
Häufig sind die um solche Fragen ringenden Angehörigen der sogenannten Zweiten und Dritten Generationen, hüben wie drüben, in schweigenden Elternhäusern aufgewachsen. Die elterlichen Strategien, die Nachkommen vor dem Horror einerseits zu verschonen oder, bei den anderen, die Last der Schuld zu negieren, sind indes nicht aufgegangen. Mit diesem Buch treffen sich Juden und Deutsche der Zweiten und Dritten Generation, heute, nach dem Schweigen.