Die Erinnerung an das Reich der mittelalterlichen Könige und Kaiser nahm in der nationalsozialistischen Geschichts- und Kulturpolitik eine herausragende Stellung ein. Das Reich Karls des Großen und die Jahrhunderte der "deutschen Kaiserzeit", die Zeit der Ottonen, Salier und Staufer, galten als erste Phase "deutscher Größe" und als Vorwegnahme und historische Rechtfertigung des von den Nationalsozialisten angestrebten "großgermanischen Reiches". Von dieser völkisch-nationalistischen Deutung des Mittelalters, deren Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, blieb auch die Sicht auf die mittelalterliche Kunst nicht unbeeinflusst. Im Mittelalter wurde der Anfang "deutscher Kunst" gesucht, in der mittelalterlichen Kunst sah man einen frühen Ausdruck des deutschen Nationalcharakters, und entsprechend konnte sie sowohl als Vorbild für eine neu zu schaffende, nationale und "volksverbundene" Kunst in Anspruch genommen als auch gegen die "Entartungen" der Moderne ins Feld geführt werden. Im Zentrum der Tagung steht die Praxis der Mittelalter-Kunstgeschichte im Nationalsozialismus, ihre Vorgeschichte und unmittelbare Folge. Es geht um eine Analyse der Gegenstände, Begriffe, Methoden und Deutungsmuster, mit denen die damalige mediävistische Kunstgeschichte operierte. Ein zweiter Themenschwerpunkt liegt auf der Popularisierung des Mittelalterbildes in Schrifttum, Film und Veranstaltungen.
Donnerstag, 30. September
15:00 Uhr
Begrüßung und Einführung
Bruno Reudenbach und Maike Steinkamp
15:30 Uhr
Die Kunst der „deutschesten Epoche“ bei Wilhelm Pinder
Bruno Reudenbach, Hamburg
16:15 Uhr
Die „Deutsche Malerei der Gotik“ (1934 - 1961): Kunstgeographie - Schicksalserfüllung - territorialer Anspruch
Iris Grötecke, Bochum/Dresden
17:00 Uhr Kaffeepause
17:30 Uhr
Der gotische Mensch will sehen. Schaufrömmigkeit als Topos in der NS-Zeit
Gia Toussaint, Hamburg
Im Anschluss Empfang
Freitag, 1. Oktober
9:30 Uhr
„Eine Epoche ähnlich jener des zu Ende gehenden Mittelalters“. Die kulturkritische Auseinandersetzung mit dem Mittelalter in der Weimarer Republik (1918-1933)
Debbie Lewer, Glasgow/Bonn
10:15 Uhr
„Urgestalt deutschen Formerlebnisses“ – Mittelalter und Moderne in der Kunstkritik nach 1933
Maike Steinkamp, Hamburg
11:00 Uhr Kaffeepause
11:30 Uhr
Veit Stoss in der Kunstgeschichte des Nationalsozialismus und nach 1945
Barbara Schellewald, Basel
12:15 Uhr
„Die Frucht wächst im Gewitter“. Ein Beitrag zur Riemenschneider-Rezeption
Jeannet Hommers, Hamburg
13:00 Uhr Mittagspause
15:00 Uhr
Überblendungen: Das Mittelalterbild im Kulturfilm des Nationalsozialismus
Nicola Weber, Hamburg
15:45 Uhr
Mittelalterbilder im Kulturfilm – Filmprogramm I
Über uns der Dom, 1934 (Regie: Rudolf Bamberger)
Das steinerne Buch, 1938 (Regie: Walter Hege)
16:45 Uhr Kaffeepause
17:15 Uhr
Mittelalterbilder im Kulturfilm – Filmprogramm II
Riemenschneider – Der Meister von Würzburg, 1937 (Regie: Walter Hege)
Peter Parler – Dombauermeister zu Prag, 1941 (Regie: Werner Buhre)
Steinmetz am Werk , 1941 (Regie: Walter Hege)
Samstag, 2. Oktober
9:30 Uhr
The Middle Ages on Display in the Exhibition "Deutsche Größe" (1940-1942)
William Diebold, Portland
10:15 Uhr
Bildhafte Zeichen der Macht als sakrale Symbole in der atheistischen Diktatur: Zur Funktionalisierung der Reichskleinodien durch die Nationalsozialisten
Annelies Amberger, München
11:00 Uhr Kaffeepause
11:30 Uhr
Nürnberg – die „deutscheste aller deutschen Städte“? Das Bild des spätmittelalterlichen Nürnberg in Wissenschaft und Propaganda zur Zeit des Nationalsozialismus
Alexander Schmidt, Nürnberg
12:15 Uhr
Ordensburg und Völkermord. Zur Kunstgeschichtspolitik der SS
Christian Welzbacher, Berlin
Aufgrund der begrenzten Räumlichkeiten wird um eine Tagungsanmeldung gebeten.
Die Tagung wird gefördert durch die Fritz Thyssen Stiftung und den Verein der Freunde und Förderer des Kunstgeschichtlichen Seminars e.V.
Kontakt:
Dr. Maike Steinkamp
Universität Hamburg, Kunstgeschichtliches Seminar
Edmund-Siemers-Allee 1, 20146 Hamburg
040-42838-3261/65 (Geschäftszimmer)
maike.steinkamp (at) uni-hamburg.de
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