An einigen Zielorten nationalsozialistischer Deportationen aus Hamburg und Norddeutschland war es den Verschleppten erlaubt, Postkarten zu schreiben. Dies war die einzige Möglichkeit der Kontaktaufnahme aus Ghettos und Konzentrationslagern zurück nach Hamburg. Die temporäre Außenausstellung in der HafenCity stellt diese (letzten) Zeugnisse und ihre Geschichten aus. Dabei werden erstmalig Ausstellungsinhalte des künftigen Dokumentationszentrum denk.mal Hannoverscher Bahnhof öffentlich präsentiert.
Wann? Freitag, 8. Juli bis Mittwoch, 31. August 2022
Wo? Lohsepark, 20457 Hamburg (HafenCity)
„Meine letzte Wäsche ist bei Ihnen ja gut aufgehoben", schrieb Maximilian Nagel 1941 auf eine Postkarte im Ghetto Litzmannstadt. Sie sollte an die Familie Chin in Hamburg gehen, die eine Wäscherei betrieb. Es ist eine seiner letzten Nachrichten, bevor die SS ihn ermordete.
Nagel war einer von über 8.000 Menschen, die zwischen 1940 und 1945 als Sintize, Sinti, Romnja und Roma sowie Jüdinnen und Juden aus Hamburg und Norddeutschland in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert worden sind. Für die meisten von ihnen begann der Transport am Hannoverschen Bahnhof in Hamburg.
Heute erinnert ein Gedenkort an die Verbrechen. In unmittelbarer Umgebung wird ein Dokumentationszentrum entwickelt. Teil der kommenden Ausstellung ist eine Präsentation von Postkarten von Hamburger*innen aus Zielorten der Deportationen. Einige dieser Postkarten werden jetzt im Rahmen einer temporären Intervention in der Nähe des damaligen Deportationsortes in der HafenCity erstmals öffentlich zugänglich gemacht.
Dr. Oliver von Wrochem (Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme): „Die Postkarten ermöglichen Einblicke in die Gefühlswelt der verschleppten Hamburgerinnen und Hamburger: Hoffnungen, Ängste und Sehnsüchte. Mit der Intervention beginnt das Ausstellungsteam eine Reihe öffentlicher Präsentationen: Bis zur Eröffnung des Dokumentationszentrums im Jahr 2026 sollen zahlreiche temporäre Projekte das lange vergessene Deportationsgeschehen im Bewusstsein der Hamburger Stadtgesellschaft verankern. Damit tritt das zuletzt durch politische Auseinandersetzungen gekennzeichnete Projekt in ein neues zukunftsweisendes Stadium.“
Sarah Grandke (Kuratorin): „An der Entstehung dieser “Postkarten-Intervention” waren vor allem junge Menschen beteiligt: Sie haben u.a. über 250 Postkarten im Staatlichen Archiv Łódź gefunden und ausgewertet. Uns als Kuratorinnen war es wichtig, dass junge Menschen früh forschend beteiligt sind und mitentscheiden, welche Geschichten erzählt werden, wie Erinnerung aussehen soll.“
Johanna Schmied (Co-Kuratorin): „Im Park werden diese besonderen Zeugnisse für alle zugänglich gemacht und das niedrigschwellig. Über einen QR-Code lassen sich online weitere vertiefende Informationen finden. In Kurzvideos erzählen z.B. Projektbeteiligte von ihren Eindrücken in der Arbeit mit den Karten – und bringen diese dadurch zum Sprechen.“