Landwerk Neuendorf Jüdisches Hachschara- und Zwangsarbeitslager Neuendorf im Sande 1932-1943

Ausstellung
21. Mai 2016 -
1. Juli 2016
Ort: Kulturscheune Neuendorf im Sande e.V. Alte Dorfstr. 42, 15518 Steinhöfel, OT Neuendorf im Sande
Veranstalter: Kulturscheune Neuendorf im Sande e.V.

AusstellungLandwerk NeuendorfJüdisches Hachschara- und  ZwangsarbeitslagerNeuendorf im Sande 1932-1943                                   Ort / Kulturscheune und auf dem Gutshofjährlich Mitte Mai bis Anfang Juliwerktags Gruppenführungen / samstags 11-17 Uhr21. Mai – 01. Juli 2016 Eröffnung: 20. Mai, 18 Uhr (Mitbringbuffet)im Rahmen der KulturTour Geschichten erFahren 2016zwischen/raum

ist der Titel einer Ausstellung über einen besonderen Aspekt der jüdischen Geschichte Brandenburgs: Auf dem ehemaligen Gutshof in Neuendorf im Sande befand sich von 1932 bis1941 eine Ausbildungsstätte für jüdische Jugendliche und junge Erwachsene. Sie bereiteten sich auf die Auswanderung nach Palästina, Argentinien oder sonst wohin vor, um dem Nazi-Terror zu entkommen. Sie gingen ´auf Hachschara´ (hebräisch: Vorbereitung, Tauglichmachung), übten sich in kollektiven Lebensformen und erlernten einen landwirtschaftlichen, gärtnerischen oder handwerklichen Beruf. Als 1941 die Hachschara-Stätten in Folge der Wannsee-Konferenz geschlossen werden, wird das Landwerk Neuendorf Zwangsarbeits- und Sammellager und in den Jahren 1941 bis 1943 für viele deutsche Juden zur letzten Station in ihrer ursprünglichen Heimat. Bis heute sind an Neuendorf Erinnerungen derer geknüpft, die überleben konnten – darunter der Showmaster Hans Rosenthal und die ´Rapperin´ gegen Rechts, Esther Bejarano - und an diejenigen, die nicht überlebt haben – darunter die Reformpädagogin Clara Grunwald und die Familie des Gutsleiters Martin Gerson.

Diejenigen, die auswandern konnten und dadurch dem Grauen entkommen konnten, als auch Überlebende des Holocaust prägen bis heute das Leben in den Kibbuzim. Der Titel einer Schrift des Religionsphilosophen Ernst Simon zur jüdischen Jugend- und Erwachsenenbildung in den dreißiger Jahren „Aufbau im Untergang“ beschreibt diese außergewöhnliche Leistung.



Bis zuletzt fungierte das Landwerk NeuendorfalsInsel „im braunen Meer“, wo auch das alltägliche Leben – wenn auch immer weniger – Platz hatte. Hier wurde gelebt, geliebt, gearbeitet und gefeiert. Hier kreuzten sich Lebenswege unterschiedlichster Menschen, die aus der Not heraus gemeinsame Visionen entwickelten. Deren Biografien beschreiben die fehlende Perspektive jüdischer Menschen im Nationalsozialismus und deren Festhalten am Prinzip Hoffnung. Exemplarisch werden fünfzehn Lebensläufe in der Ausstellung nachgezeichnet. Inspiriert von der Vision des Aufbaus und dessen fotografischer Darstellung schafft die Ausstellung einen Begegnungsraum für die Auseinandersetzung mit der jüdischen (Dorf-) Geschichte. Sie changiert zwischen historischen Fakten, biografischen Perspektiven, anekdotischen Momentaufnahmen und künstlerischer Gestaltung. Im Zentrum der Ausstellung werden großformatige Silhouetten ehemaliger ´Neuendorfer´ gezeigt. Miteinander bilden sie ein fiktives Gruppenbild aus den Jahren 1941-43. Dafür wurden Schwarz-Weiß-Portraits der jüdischen Fotografen Charlotte Joël und Herbert Sonnenfeld sowie weiteres Material aus Archiven und Privatbeständen verwendet. Die indoor-Ausstellung in der Kulturscheune wird um eine outdoor-Präsentation großflächiger Fotografien aus dem Archiv des Museums of the Jewish People Tel Aviv ergänzt. Diese Bilder ermöglichen dem Betrachter auch heute noch eine Zuordnung von Ort und Stelle der fotografische festgehaltenen Momentaufnahmen.


Die aus Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Brandenburg, des Landkreises Oder-Spree sowie der Gemeinde Steinhöfel geförderte Ausstellung ist in diesem und in den kommenden Jahren jeweils im Zeitraum Mitte Mai bis Anfang Juli, jeweils sonnabends von 10-17 Uhr und werktags für Schülergruppen nach vorheriger Anmeldung zu erleben. Die Ausstellungseröffnung findet am 20. Mai, um 18 Uhr im Rahmen der vom Netzwerk Kulturtourismus Seenland Oder-Spree anlässlich des Internationalen Museumstages 2016 initiierten KulturTour „Geschichten erFahren“ statt. Ein Mitbring-Buffet bildet im Anschluss den Rahmen für Gespräche und Kulinarisches. In Kooperation mit Kulturerben e.V. werden für Schulklassen eigens Führungen mit Workshops mit einer Programmdauer von ca. 2,5 Stunden angeboten. Interessierte Lehrerinnen und Lehrern sind bereits am 03. April zu einem Ausstellungspreview mit Sonntagsbrunch eingeladen. Eine ausstellungsbegleitende theatralische Lesung aus den biografischen Texten ist für den 11. Juni, 20 Uhr in Vorbereitung.


Jüdisches Landwerk Neuendorf

In der Frühphase der Weimarer Republik erwirbt 1919 der jüdische Geschäftsmann Herrmann Müller aus Berlin den Gutshof Neuendorf. Als dieser 1927 stirbt, hinterlässt er das Gut seinen beiden Söhnen. Der Haupterbe emigriert bereits 1925 in die USA, wodurch das Gut in amerikanisch-jüdischen Besitz kommt und später nicht von den Nationalsozialisten konfisziert werden kann.

Am 15. Juni 1932, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, wird das Landwerk Neuendorf gegründet. Es ist eine der ältesten Einrichtungen jüdischer Berufsausbildung in Brandenburg. Auf dem Gut werden Land- und Viehwirtschaft sowie Gärtnereiwesen gelehrt. Zusätzlich gibt es eine Tischlerei, eine Schlosserei und eine Stellmacherei. In den ersten Jahren der Ausbildungsstätte werden in Neuendorf etwa 30 bis 40 arbeitslose jüdische junge Erwachsene ausgebildet. Träger der Einrichtung ist der Verein Jüdischer Arbeitshilfe e.V.. Durch die in den dreißiger Jahren zunehmende Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung erfährt die Idee der beruflichen Vorbereitung junger Menschen auf die Auswanderung nach und Ansiedlung in Palästina schon bald großen Zuspruch. Es kommt zur Gründung der sogenannten Hachschara-Ausbildungsstätten in ganz Deutschland.

Von 1932 bis 1940 leitet Alexander Moch, von 1941 bis 1943 Martin Gerson die jüdische Ausbildungsstätte. Beide haben ihre Ausbildung in der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem (heutiger Stadtteil von Hannover) absolviert. Letzterer hat sich nicht nur in Neuendorf, sondern vor allem im Ansiedlungsprojekt Groß-Gaglow bei Cottbus und später im Hachschara-Gut Winkel bei Spreenhagen einen Namen gemacht, wodurch im schließlich die Leitung aller Hachschara-Ausbildungsstätten im Deutschen Reich übertragen wird. 1937 leben in Neuendorf bereits bis zu 150  jüdische Praktikanten. Das Neuendorfer Landwerk wird anerkannte Hachschara-Stätte.

Bereits ein Jahr später müssen 145 ha Land an das Luftkreiskommando zur Erweiterung des angrenzenden Neuendorfer Flugplatzes abgegeben werden. Von hier aus werden 1939 Luftangriffe gegen Polen geflogen. Die Aufträge zur Erfüllung der Pachtforderungen des Luftkreiskommandos ergehen an den Neuendorfer Bürgermeister und Ortsbauernführer, in dessen Familienbesitz sich der Vierseithof der heutigen Kulturscheune Neuendorf befand.

Die Repressionen gegen die jüdischen Bewohner des Landwerks nehmen mit Kriegsbeginn zu. 1941 wird die Auswanderung von den Nazis verboten. Im selben Jahr wird das Gut an die "Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt" übergeben und von Fürstenwalde aus unter die Aufsicht der SS gestellt. Alle anderen Hachschara-Lager im In- und Ausland werden aufgelöst. Neuendorf wird neben einem weiteren Lager in Paderborn zum Sammel- und Zwangsarbeitslager. Baracken werden für die Unterbringung der aus anderen Lagern eintreffenden Gruppen notdürftig eingerichtet. Neben der Absicherung der notwendigen Arbeiten vor Ort werden die Bewohner nunmehr bei Bauern in Buchholz und weiteren Dörfern der Umgebung eingesetzt oder durch das Fürstenwalder Arbeitsamt an örtliche Behörden, Institutionen und Unternehmen, an die Bahnhöfe Fürstenwalde und Bad Saarow, in der Park- und Friedhofspflege, in ein Blumengeschäft und sogar an eine nahe gelegene Pelztierfarm vermittelt.

Die ersten Deportationen von Neuendorf in die Vernichtungslager finden im März 1942 statt. Bereits ein Jahr später leben nur noch etwa 80 Menschen im Lager. Im April 1943 wird das Landwerk Neuendorf geschlossen und die Bewohner über Fürstenwalde und das Berliner Sammellager Große Hamburger Straße nach Auschwitz deportiert.



Ideenwerkstatt zur Zukunft eines unscheinbaren Ortes mit besonderer Geschichte

Die Geschichte der Hachschara ist – mit Ausnahme der Gedenkstätte der Israelitischen Gartenbauschule Hannover-Ahlem und diverser Fachpublikationen – bis heute nicht im öffentlichen Bewusstsein verankert und das, obwohl sie Aspekte eines jüdischen Lebens jenseits der ausschließlichen Opferperspektive aufweist. Mit Unterstützung von ehrenamtlich agierenden Fachleuten aus Stiftungen und Museen sowie Absolventen des postgradualen Masterstudiengangs Schutz Europäischer Kulturgüter an der Europa-Universität Viadrina sollen etwaige bis heute ungeklärte Erbschaftsansprüche untersucht und Ideen für eine mögliche dauerhafte Sichtbarkeit und inhaltliche Teilnutzung des ehemaligen Gutshofes entwickelt werden. Im ersten Schritt ist es bereits gelungen, das Interesse der Landesdenkmalbehörde zu wecken, so dass inzwischen der gesamte ehemalige Gutshof unter vorläufigen Schutz gestellt wurde. Die Kulturscheune Neuendorf im Sande lädt zu Werkstattgesprächen ein, die den aktuellen Sachstand hinterfragen und gemeinsame Perspektiven entwickeln.




21. Mai – 01. Juli 2016 / werktags Gruppenführungen / samstags 11-17 Uhr (Eintritt frei)

Eröffnung: 20. Mai, 18 Uhr im Rahmen der KulturTour Geschichten erFahren 2016 (Mitbringbuffet)

Internationaler Museumstag: 22. Mai, 11-17 Uhr (zusätzl. Besuchertag)

Lesung zur Ausstellung: 11. Juni, 20 Uhr (5,- / 2,- Schüler)

Führung mit Workshop für Schüler (4,- Schüler)


Kulturscheune Neuendorf im Sande e.V.

Alte Dorfstr. 42, 15518 Steinhöfel, OT Neuendorf im Sande

Kontakt: Arnold Bischinger, 0151-41211566 / f.bischinger@remove-this.gmx.de

Anmeldung Schülergruppen: kontakt@remove-this.kulturerben.com


www.kulturscheune-im-sande.de