Der Begriff »Exodus« steht hier für das Ende einer historischen Epoche: die Entwurzelung und Heimatlosigkeit der Juden in Europa nach dem Holocaust. Fluchtbewegungen, Versuche des Neubeginns in Übersee, die Erfahrung des Exils sind Aspekte des komplexen Themas. Der Flucht nach Shanghai folgte dort kein dauerhafter Aufenthalt, das Zusammentreffen von »Opfern« und »Tätern« in Südamerika – in Gestalt der jüdischen Exilgemeinden unter Präsenz ehemals hochrangiger Funktionsträger des NS-Regimes in Argentinien oder Chile – gehören wie die DP-Lager in Westdeutschland zu den Determinanten jüdischer Nachkriegsexistenz. In den Blick zu nehmen ist schließlich auch die kirchliche Fluchthilfe für NS-Täter (»Rattenlinie«).
Zum Vergleich mit dem jüdischen Schicksal werden drei kulturelle Gemeinschaften exemplarisch betrachtet. Die Bukowinadeutschen, die während der NS-Herrschaft ihre Heimat verlassen mussten, damit annektierte Gebiete wie das »Wartheland« dem Prozess der »Eindeutschung« unterzogen werden konnten, wurden dort zum zweiten Mal vertrieben und mussten sich im besetzten Nachkriegsdeutschland neue Existenzen aufbauen. Im gleichen Zusammenhang ist die Identität von Deutschen und Juden nach dem Krieg in Czernowitz bzw. in Siebenbürgen von Interesse. Die Erfahrungen von Nichtjuden als kultureller und ethnischer Gemeinschaft unter existentiell-katastrophalen Bedingungen, die vergleichend betrachtet werden, schärfen den Blick für die Dimension des Menschheitsverbrechens, ohne zu relativieren.
Veranstaltungsorte:
18. Januar 2017, Botschaft von Rumänien, Dorotheenstr. 62-66, 10117 Berlin (S + U Friedrichstraße), Anmeldung berlin.rsvp[at]mae.ro ,Fax 030 21239399
19. Januar 2017, Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin-Kreuzberg (S+U Potsdamer Platz, S Anhalter Bahnhof), Anmeldung veranstaltungen[at]topographie.de ,Telefon 030 2545091 3
PROGRAMM
Mittwoch, 18. Januar 2017, 18.30 Uhr, Botschaft von Rumänien
SZENISCHE LESUNG: »OHNE BLEIBE UND BESTAND« (mit Anmeldung)
Texte von Alfred Gong und anderen deutsch-jüdischen Autorinnen
und Autoren aus der Bukowina
Begrüßung
S.E. Emil Hurezeanu, Botschafter von Rumänien
Einführung
Professor Dr. Wolfgang Benz, Institut für Vorurteils- und Konfliktforschung e.V., Berlin
Szenische Lesung
Dr. Natalia Blum-Barth, Mainz, Anna Schumacher, Berlin, und Georg Aescht, Bonn
Die Bukowina, am östlichen Rand des Habsburgerreichs gelegen, war ein multiethnisches, multikulturelles und multikonfessionelles Gebiet. Insbesondere in ihrer Hauptstadt Czernowitz entwickelte sich im Laufe des 1 9. Jahrhunderts eine facettenreiche Kultur, zu der die deutsche, jüdische, rumänische, ukrainische und polnische Bevölkerung ihren Beitrag leistete. Die deutsche Sprache war dabei ein Element der Verständigung verschiedener ethnischer Gruppen untereinander. Die kulturelle und sprachliche Vielfalt der Bukowina trug zur Entstehung einer lebendigen, größtenteils jüdisch geprägten Literaturszene bei, deren prominenteste Vertreterinnen und Vertreter Paul Celan, Rose Ausländer, Alfred Gong, Alfred Margul-Sperber und Moses Rosenkranz waren. Die kulturelle Welt der Bukowina wurde durch den Zweiten Weltkrieg vernichtet; die Erinnerung daran wurde zum bleibenden Thema für die Autorinnen und Autoren, die den Holocaust überlebten und ihre nun sowjetisch gewordene Heimat verlassen konnten.
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Donnerstag, 19. Januar 2017, 10.15 Uhr (Einlass ab 10 Uhr), Dokumentationszentrum Topographie des Terrors
KONFERENZ (mit Anmeldung)
10.15 Uhr
Begrüßung
Prof. Dr. Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Berlin
Einführung
Prof. Dr. Wolfgang Benz, Institut für Vorurteils- und Konfliktforschung e.V., Berlin
I . Entwurzelung und Neubeginn: Displaced Persons
Leitung: Prof. Dr. Andreas Nachama
10.30 Uhr
Flucht nach Berlin
Dr. Angelika Königseder, Institut für Vorurteils- und Konfliktforschung e.V., Berlin
11 .00 Uhr
Befristeter Aufenthalt. Lübeck als Transitstation und Ort jüdischen Neuanfangs
Dr. Sigrun Jochims-Bozic, Kiel
11 .30 Uhr
Flucht durch Österreich: Stationen der illegalen Einwanderung nach Palästina
Univ.-Prof. Dr. Thomas Albrich, Institut für Zeitgeschichte, Universität Innsbruck
12.00 – 12.15 Uhr Pause
II . Nach dem Exil
Leitung: Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Berlin
12.15 Uhr
Wo weiterleben? Das Ende des jüdischen Exils in Shanghai
Dr. Miriam Bistrovic, Stiftung Jüdisches Museum Berlin / Leo Baeck Institut
12.45 Uhr
Deutsche Juden in den USA
Dr. Juliane Wetzel, Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin
13.15 – 14.30 Uhr Mittagspause
14.30 Uhr
Deutsche Juden in Lateinamerika
Dr. Patrik von zur Mühlen, Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn
15.00 Uhr
Der jüdische Exodus nach Australien
Prof. Dr. Konrad Kwiet, Sydney Jewish Museum, Australien
III . Die andere Seite: Vertreibung als kollektives Schicksal
Leitung: Dr. Dr. Gerald Volkmer, Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg
15.30 Uhr
Zweimal vertrieben auf der Suche nach Heimat: Deutsche aus der Bukowina
Dr. Markus Bauer, Berlin
16.00 – 16.15 Uhr Pause
16.15 Uhr
Deutsche und Juden in Czernowitz
Dr. Markus Winkler, Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas, Ludwig-Maximilians-Universität München
16.45 Uhr
Deutsche und Juden in Siebenbürgen
Prof. Dr. Ladislau Gyémánt, Babes-Bolyai-Universität Cluj-Napoca, Rumänien
IV. Bittere Bilanz
17.15 Uhr
Christliche Barmherzigkeit für Judenmörder: Flucht der Täter nach Südamerika und die Begegnung mit den Juden des Exils
Prof. Dr. Wolfgang Benz
18.15 Uhr Ende
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Veranstalter:
18. Januar 2017: Deutsches Kulturforum östliches Europa, Potsdam, mit Unterstützung der Botschaft von Rumänien in derBundesrepublik Deutschland
19. Januar 2017: Stiftung Topographie des Terrors, Institut für Vorurteils- und Konfliktforschung e.V., Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg, und Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europa