Vortrag "Homosexuelle Männer: ihre Verfolgung während der NS-Zeit" von Rainer Hoffschildt
Zum Vortrag
Ab 1871 bestrafte §175 des Deutschen Strafgesetzbuches die sog. "widernatürliche Unzucht" unter Männern mit einer Gefängnisstrafe.
1897 wurde das "Wissenschaftlich humanitäre Komitee", die weltweit erste Vereinigung überwiegend homosexueller Männer, zum Kampf gegen den §175 gegründet. Mindestens 48 Prominente aus der Region unterzeichneten damals die Petition gegen den Paragraphen. Die Weimarer Republik brachte 1918 neue Freiheiten: Zeitschriften für Homosexuelle erschienen, in vielen Städten Deutschlands bildeten sich Gruppen Homosexueller, die die Abschaffung des §175 forderten. 1933 verboten die Nazis sofort alle Zeitschriften der Homosexuellen verboten, ihre verbrannt ihre Bücher, schlossen ihre polizeibekannten Gaststätten, sie wurden zu "Staatsfeinden" erklärt.
Seit 1987 arbeitet Rainer Hoffschildt an dem Projekt "Namen und Gesichter" und versucht, so viele durch den NS-Staat verfolgte Homosexuelle wie möglich namentlich zu ermitteln. Bis Anfang 2013 hat er bereits rund 17.000 §175-Opfer ermittelt. Unter diesen sind auch 507 mit Bezug zu Rheinland-Pfalz. Sie wurden in Gefängnissen und Zuchthäusern ihrer Freiheit beraubt. Mindestens 191 kamen auch in Strafgefangenen- und Konzentrationslager. Einige wurden kastriert und dienten Menschenversuchen. Nur von 202 Personen ist das Schicksal bekannt. 65 starben, fast alle im KZ. Die NS-Fassung des §175 wurde nach 1945 weiter angewendet. Von einer Entschädigung wurden sie per Gesetz ausgeschlossen. Erst 1969 wurde der §175 abgemildert und 1994 abgeschafft.
Rainer Hoffschildt
1948 geboren, studierte Wirtschaftswissenschaften und arbeitete bis zur Pensionierung als Berater in einer Sozialbehörde in Hannover. 1980 begann er mit der Errichtung des Schwullesbischen Archivs Hannover. 1990 war er Mitbegründer des Vereins zur Erforschung der Geschichte der Homosexuellen in Niedersachsen. 1992 veröffentlichte er "Olivia. Die bisher geheime Geschichte des Tabus Homosexualität und der Verfolgung der Homosexuellen in Hannover" und 1999 "Die Verfolgung der Homosexuellen in der NS-Zeit, Zahlen und Schicksale aus Norddeutschland".