Mit einer Gedenkstunde am Erinnerungsort „Zwangsarbeitslager Anker“ in der Lemker Straße will der Arbeitskreis Gedenken der Stadt Nienburg/Weser am 1. September 2022 den Antikriegstag begehen. Am 1. September 1939 war die Wehrmacht nach einer von deutschen Polizisten fingierten und den Polen in die Schuhe geschobenen Grenzverletzung im östlichen Nachbarland einmarschiert. Damit hatte der 2. Weltkrieg seinen Anfang genommen, der rund 60 Millionen Menschen das Leben kostete. Die Propagandalüge Hitlers vor dem Reichstag – „Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen!“ – ging in die Geschichte ein. Der 1. September wird seit einigen Jahren in vielen Städten Deutschlands als „Antikriegstag“ begangen.
Das „Zwangsarbeitslager Anker“ lag von 1941 bis kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in der Lemker Straße in Nienburg auf dem Gelände eines Reichsarbeitsdienstlagers. Noch heute erinnern auf dem Grundstück zwei wuchtige Pfeiler an den RAD-Standort „Anker“, der sich vor dem Krieg hier befand. Heute macht dort eine Gedenktafel darauf aufmerksam, dass in dem Lager ab 1941 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter interniert waren. Die Inhaftierten stammten vor allem aus den besetzten Gebieten in Polen, der Ukraine und Belarus, von wo sie zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden waren.
Angesichts des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine hat der Antikriegstag 2022 einen besonders bitteren Beigeschmack. Es reicht nicht, einfach nur den Krieg an sich zu verdammen. Die täglichen Kriegsverbrechen in den besetzten Gebieten der Ukraine machen deutlich: weder der Krieg noch die Gegnerschaft dazu sind abstrakte Phänomene. Vielmehr sind sie konkrete Erfahrungen, eingebunden in die jeweilige historische Situation. So edel die Motive eines bloßen Pazifismus auch sein mögen, ein jedes Völkerrecht brechender Angriffskrieg verlangt eine eindeutigere Positionierung. Auch wenn Deutschland keine unmittelbare Kriegspartei ist, sind auch wir, ist auch unsere Demokratie und unsere Freiheit bedroht.
Der Arbeitskreis Gedenken der Stadt Nienburg/Weser will deshalb am Antikriegstag nicht nur der Opfer des von Deutschland verschuldeten Zweiten Weltkriegs gedenken, sondern auch auf die Opfer des Krieges in der Ukraine 2022 Bezug nehmen. Viele der damals zur Zwangsarbeit nach Nienburg Verschleppten waren Angehörige ukrainischer Familien, die heute erneut kriegerischer Gewalt, Verschleppung, Vergewaltigung oder Folter zum Opfer fallen. Die historische Verantwortung für die damaligen Geschehnisse in der Ukraine fordert den Deutschen eine Haltung zu den heutigen Ereignissen dort ab. Menschenrecht ist unteilbar, Menschenrecht kann auch nicht vom Lehnstuhl aus verteidigt werden.
Die Gedenkstunde am Erinnerungsort „Zwangsarbeitslager Anker“, Lemker Straße, 31582 Nienburg, beginnt am Donnerstag, 1. September 2022, um 15 Uhr.