Fortbildung „Multiperspektivität, Handlungsorientierung, Deutungsoffenheit und Kreativität in der Vermittlung von Diktatur- und

Fort- und Weiterbildung
3. Dezember 2021
10:30 - 16:30 Uhr
Ort: Im Kraftwerk, 17449 Peenemünde
Veranstalter: Historisch-Technischen Museum Peenemünde

Fortbildung für Museums-/Gedenkstätten-Pädagoginnen im Historisch-Technischen Museum

Peenemünde

3. Dezember 2021

Anmeldung bis 26.11.2021 an htm@peenemuende.de

Gedenkstätten, Dokumentationszentren und Geschichtsmuseen vermitteln an authentischen Orten

historische Bildung über das NS- und SED-Regime und halten das Gedenken an das Unrecht und die

Opfer dieser Diktaturen aufrecht. Durch das Herausarbeiten des Entstehens, Funktionierens und

Wirkens von diktatorischen, militaristischen und rassistischen Gesellschaftsstrukturen sensibilisieren sie

für die Werte einer offenen Gesellschaft, der Demokratie und der Menschenrechte, weisen aber auch

auf deren Bedrohungen hin.

Eine zentrale Methode der Vermittlung ist es, die Geschichte durch zeitgenössische Berichte und

individuelle Erinnerungen zu konkretisieren. Je weiter die Geschichte zurückreicht, desto abstrakter

wirken jedoch auch Zeitzeugen, insbesondere wenn sie nicht mehr direkt, sondern oft nur noch medial

berichten. Gerade jüngere Generationen und migrantisch geprägte Bevölkerungsgruppen haben keinen

persönlichen Kontakt zum Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg und immer weniger zur DDR. Die

Geschichte wird generell abstrakt.

Die zeitliche und inhaltliche Distanz zur Geschichte können Lernangebote überbrücken, wenn die

Teilnehmerinnen solcher Formate ihre persönlichen Bezüge zur Geschichte aktiv reflektieren und diese

kreativ herausarbeiten. Eine solche eher künstlerische als historiographische Form der Vermittlung hat

zwei Dimensionen. Zum einen können die Teilnehmer bestehende Kunstwerke analysieren, die

Diktaturen reflektieren. Zum anderen können sie einen eigenen ästhetischen, assoziativen, spekulativen

oder emotionalen Ausdruck für ihre Gedanken finden. Durch den künstlerisch-kreativen Zugang kann

eine intensivere Lernerfahrung entstehen. Zudem fungiert Kunst als Instrument, das gewohnte Sehen

und Verstehen experimentell infrage zu stellen. Eine stringente, vorhersehbare Rezeption der

Geschichte wird gebrochen, die Teilnehmer werden geistig ins Stolpern und dadurch zum Nachdenken

gebracht.

Die Fortbildung will die Möglichkeiten und Grenzen multiperspektivischer, handlungsorientierter,

deutungsoffener und kreativer Ansätze in der Vermittlung von Diktatur- und Kriegsgeschichten ausloten.

Zunächst wird ein akademisch-theoretischer Input erfolgen, dann werden praktische Beispiele

vorgestellt, und zuletzt sollen die Mitarbeiterinnen aus den Erinnerungseinrichtungen in einem

moderierten Austausch über eigene Ideen, Pläne und mögliche Hindernisse reflektieren.

Programm:

10.30 - 10.45

Dr. Philipp Aumann (HTM Peenemünde): Begrüßung

10.45 - 11.30

Prof. Dr. Oliver Plessow (Uni Rostock): Chancen und Herausforderungen kreativ-handlungsorientierter

Lernansätze in der Gedenkstättenarbeit

11.30 - 12.30

Dr. Constanze Jaiser (RAA Neubrandenburg): Kunst als Werkzeug für eine Pädagogik "nach Auschwitz"

Künstlerische Zugänge zur Geschichte bergen ein vielfältiges Potential, um im Sinne einer

(selbst-)kritischen Pädagogik "nach Auschwitz" zu wirken. Gleichwohl sind aufgrund der Offenheit und

Selbstwirksamkeit künstlerischer Prozesse genau hier auch Fallstricke. Dabei gilt es,

geschichtsdidaktische, gedenkstättenpädagogische und künstlerische Lernwege im Vorfeld und in der

Prozessbegleitung zu reflektieren: Worin bestehen die Besonderheiten und Notwendigkeiten der

gewählten pädagogischen Formate und Methoden? Woran können wir ein gelungenes Projekt messen?

Wie vermeiden wir Klischees und Kitsch? Wie stiften wir, gerade auch mit künstlerischen Mitteln,

Verstehenszusammenhänge? Mit praktischen Beispielen soll diesen Fragen nachgegangen werden.

12.30 - 13.15 Mittagspause

13.15 - 14.15

Franz Wanner (München): "Mind the Memory Gap".

In Ottobrunn im Süden Münchens wird auf dem Gelände einer ehemaligen NSLuftfahrtforschungsanstalt

bis in die Gegenwart militärisch geforscht und produziert. Die Überreste eines

Zwangsarbeitslagers, das für den Bau der Anlagen eingerichtet wurde, werden dagegen unter

behördlicher Beteiligung entsorgt. Anhand seiner Arbeiten "From Camp to Campus" (2019), die den

Ludwig-Bölkow-Komplex untersucht, und "Mind the Memory Gap" (2022) über den künftigen

Erinnerungsort des NS-Dokumentationszentrums München in Neuaubing spricht Franz Wanner über

zeitgenössische Kulturen des Bereinigens, Verdrängens und Vergegenwärtigens.

14.15 - 15.15

Renate Schürmeyer (Jeese): Lieber vergessen. Vorstellung einiger künstlerischer Rechercheprojekte

zur jüngeren deutschen Geschichte und Schülerprojekte des Gymnasiums Gadebusch

15.15 - 15.30 Kaffeepause

15.30 - 16.30

Dr. Martin Buchsteiner (Uni Greifswald): Handlungsorientierung und historisches Lernen

Handlungsorientierung fasst unterschiedliche Formen des Bearbeitens und Berührens zusammen und

eröffnet damit weitere Zugänge in der Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Geschichte. Anhand

konkreter Beispiele wird das Potential handlungsorientierter Verfahren für historisches Lernen und ihre

Übertragung auf Lehr-Lern-Settings im Rahmen von Gedenkstättenarbeit diskutiert.