Einleitung
Ruth Gabriele Silten (1933-2021) war 5 Jahre alt, als sie gemeinsam mit ihren Eltern 1938 aus Berlin fliehen musste. Sie war die Enkeltochter des jüdischen Apothekers Dr. Ernst Silten, der in der heutigen Reinhardtstrasse in Berlin-Mitte ein großes Unternehmen mit Apotheke, pharmazeutischer Fabrik und Sauerstoff-Centrale für medizinische Zwecke in Kooperation mit den Dräger-Werken Lübeck führte. 1929 war sein Sohn Fritz, der Vater von Ruth Gabriele, in die Geschäfte mit eingestiegen. 1936 verlor die Familie aufgrund der antisemitischen Gesetze des NS-Regimes die Apotheke, 1938 mussten sie sämtliche Geschäftstätigkeit aufgeben und alles verkaufen.
Bis dahin hatte die Familie ein wohlsituiertes bürgerliches Leben assimilierter Juden in Berlin geführt. Sie waren gut eingebunden und vernetzt in wissenschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Kreise der Berliner Gesellschaft. Ruth Gabriele Silten, als einziges Kind ihrer Eltern, wuchs wohlbehütet im Kreis der Familie auf.
Projektbeschreibung
In dem Verkaufsraum der ehemaligen Kaiser-Friedrich-Apotheke in der Reinhardtstrasse 7 in Berlin-Mitte soll dank dem jetzigen Mieter, dem ZIV-Zweirad-Industrie-Verband, ein temporärer Erinnerungsraum vom 27.1. bis 29.1.2023 im Rahmen des Holocaust-Gedenktages schaffen. In einer künstlerisch umgesetzten audiovisuellen Installation sollen den Erinnerungen von Ruth Gabriele Silten Raum gegeben werden, die bei einem mehrtägigen Besuch an ihrem letzten Wohnort, in Pomona (USA) aufgezeichnet wurden. Ruth Gabriele Silten war es aus ihren eigenen Lebenserfahrungen ein ganz besonderes Anliegen, dem Kind, welches sie während der Flucht, Deportation und Krieg war, eine Stimme zu geben. In dem Erinnerungsraum werden Erzählstücke ihrer selbst gesprochenen Erinnerungen hörbar gemacht. Ihre Stimme berührt, gerade an diesem Ort, mitten in Berlin, wo der Holocaust so vielen Nachbarn, Freunden, Geschäftspartnern, Mitmenschen die Zukunft nahm.
Künstlerische Umsetzung
Lorenz Grabow, Schauspieler hat aus den mit Ruth Gabriele Silten aufgezeichneten Gesprächen Erzählstücke herausgearbeitet und hörbar gemacht. In einer Raum-Installation gibt es die Möglichkeit, über Kopfhörer die Texte zu hören und damit Zeug:Innen zu sein, wie sie Erinnerungsstücke ihrer Geschichte mit dem Blick aus Kinderaugen auf das Geschehen um sich herum, in das sie hineingezogen wurde, jedoch mit ihren Ängsten und Gefühlen nicht wahrgenommen wurde, erzählt.
Organisatorische Umsetzung
Anke Grabow, Apothekerin und Heilpraktikerin arbeitet seit fast 40 Jahren in den Häusern, die der Familie Silten gehörten und hat sich intensiv mit der Geschichte der Apotheke beschäftigt. Ihr ist es ein großes Anliegen durch ihr 2013 erschienenes Buch „Luft zum Atmen“, die Verlegung der Stolpersteine im Rahmen einer Festwoche zum 120-jährigen Apothekenjubiläum und nun der Einrichtung eines temporären Erinnerungsraum für Ruth Gabriele Silten die Erinnerungen an die Familie Silten an diesem Ort lebendig zu halten.
Ein herzlicher Dank geht an den Zweirad-Industrie-Verband e.V. für die Nutzung ihrer Räumlichkeiten