Seit der Jahrhundertwende gibt es eine deutliche Tendenz unter Historiker:innen, das sogenannte »Dritte Reich« als eine »Konsensdiktatur« darzustellen. Der kanadische Historiker Robert Gellately argumentiert z. B., dass die sogenannte national-sozialistische Machtergreifung in Realität keine war. Gewalt sei nur gegen kleine, sozial marginale Minderheiten angewendet worden, und ab Mitte 1933 sei das System der Konzentrationslager rapide abgebaut worden, so dass sich dort zwei Jahre später weniger als 4 000 Gefangene befanden, ein Zeichen dafür, dass die Nationalsozialisten die Bevölkerung überhaupt nicht mehr einzuschüchtern brauchten. Die Gestapo, so Gellately und auch der Historiker Götz Aly, sei eine sehr kleine Organisation gewesen: sie war kein allesüberwachender Terrorapparat, sondern verarbeitete von einfachen Bürgern eingesandte Denunziationen. Die deutsche Gesellschaft sei deshalb eine »selbstüberwachende Gesellschaft«
gewesen. Die Mitte der 1990er Jahr von Eric A. Johnson und KarlHeinz Reuband durchgeführte Befragung von älteren Deutschen, die das »Dritte Reich« miterlebt hatten, ergab, dass sich die überwiegende Mehrheit der Befragten im Rückblick
nie gefürchtet hatte, von der Gestapo verhaftet oder in ein Konzentrationslager verschleppt zu werden. Auf der anderen Seite wird argumentiert, dass das Bild einer totalen Integration der Arbeiterschaft in die rassistisch bedingte national-sozialistische »Volksgemeinschaft« ebenso einseitig sei; die Begriffe einer »sichselbst überwachende Gesellschaft« oder einer »Zustimmungsdiktatur« (Götz Aly) unterschätzten sehr stark die terroristischen Elemente der nationalsozialistischen Herrschaft. In seinem Vortrag unternimmt Richard J. Evans eine kritische Auseinandersetzung mit beiden Seiten der Kontroverse und versucht, zu einem abgewogenen Ergebnis zu kommen.
Vortrag von Richard J. Evans.