Mehr als 2.700 katholische, evangelische und weitere Geistliche aus rund 20 Nationen waren während des Zweiten Weltkrieges in den sogenannten „Pfaffenblocks“ 26, 28 und 30 untergebracht. Wie bewährte sich ihre christliche Wertebindung unter den extremen Bedingungen des KZ-Alltags? Ließen sich zum Beispiel deutsche und polnische Geistliche gegeneinander aufzubringen?
Der polnische Jesuit Adam Kozłowiecki kam 1940 ins KZ Dachau. Im Herbst 1945 schrieb er seine Erfahrungen als „Lagertagebuch“ nieder. Das Buch bietet wichtige Analysen zum – in Dachau erfundenen – System des gegenseitigen Fertigmachens. Kozłowiecki ging 1946 als Missionar nach Sambia, wurde später sogar Kardinal und starb 2007 mit 96 Jahren – nicht ohne bei späteren Besuchen in Dachau Versöhnung und gegenseitige Toleranz anzumahnen.
Ähnlich prominent war der deutsche Jesuit Otto Pies, der von 1941 bis März 1945 im KZ Dachau war und dann (wieder) als Novizenmeister der deutschen Jesuiten arbeitete. Über seine Haltung zu den polnischen Mitbrüdern geben sowohl einige Stellen bei Adam Kozłowiecki sowie eigene Aufzeichnungen Auskunft.
Beide haben der Verführung zum Verachten der anderen widerstanden. Heute stecken in Fake News und ideologischer Propaganda ähnliche Verführungen. Was kann uns, die wir ohne äußeren Druck in einer freien Welt leben, dagegen wappnen? Eine demokratische Diskurskultur, aufrichtige und reflektierte Wertebindungen, ein gelebter Universalismus, auch in Kirche?
Referent: Prof. Dr. Rüdiger Funiok SJ, Hochschule für Philosophie München. Emeritierter Professor für Erwachsenenpädagogik und Kommunikationswissenschaft.