Tagber: Nationalsozialismus digital. Die Verantwortung von Bibliotheken, Archiven und Museen sowie Forschungseinrichtungen und Medien im Umgang mit der NS-Zeit im Netz

7. April 2020

Hans Petschar, Österreichische Nationalbibliothek; Markus Stumpf und

Oliver Rathkolb, Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien

27.11.2019-29.11.2019, Wien

Bericht von:

Jutta Fuchshuber, NS-Provenienzforschung, Universitätsbibliothek,

Universität Wien

Während der durchgängig ausgezeichnet besuchten Veranstaltung erörterten

22 Vortragende aus Österreich, Deutschland, der Schweiz und den

Niederlanden in sechs Vortrags- und zwei Diskussionspanels die

zunehmende Digitalisierung von historischen Beständen mit dem Fokus auf

problematischen Inhalten, wie etwa NS-Propaganda. Die Expert/innen

diskutierten, wie Bibliotheken, Archive, Museen und

Forschungseinrichtungen verantwortungsvoll mit dem Thema umgehen sollten

und wie Missbrauch von digitalisierten Inhalten im Netz verhindern werde

könne.

In der Begrüßungsrede sprach die Generaldirektorin der Österreichischen

Nationalbibliothek (ÖNB), JOHANNA RACHINGER (Wien), über die

Wichtigkeit, sich im Rahmen der Tagung mit diesem Thema intensiv

auseinanderzusetzen. Sie ging auf eine Reihe von Projekten und

Forschungen zur Aufarbeitung der NS-Geschichte der ÖNB ein. Besonders

hob sie das virtuelle Zeitungsportal ANNO, den vor kurzem eingeführten

Disclaimer bei der Zeitung "Völkischer Beobachter" und den Aufbau der

digitalen Bibliothek an der ÖNB hervor. Der seit Oktober 2019 berufene

Vizerektor für Digitalisierung und Wissenstransfer der Universität Wien,

ROLAND MAIER (Wien), wies darauf hin, dass Digitalisierung

institutionenübergreifend passieren sollte, und sieht die ÖNB als Modell

dafür. In seiner Begrüßung legte PETER SEITZ (Wien) vom

Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung den

inhaltlichen Schwerpunkt auf den Umgang mit dem Nationalsozialismus. Er

plädierte für eine stärkere Sensibilisierung der Jugend für die

NS-Vergangenheit, da diese wichtig für den demokratischen Grundkonsens

in der Gesellschaft sei.

Den inhaltlichen Auftakt der Tagung machte eine Diskussionsrunde mit

BENJAMIN GRILJ (St. Pölten), FELICITAS HEIMANN-JELINEK (Wien), HANS

PETSCHAR (Wien), ILSE REITER-ZATLOUKAL (Wien) und MARKUS STUMPF (Wien)

über das Thema "Aktuelle Diskurse", welche von OLIVER RATHKOLB (Wien)

moderiert wurde. Sie diskutierten über den Zugang zu

nationalsozialistischen Quellen im Netz und beleuchteten auch die

problematischen Seiten der Digitalisierung, wobei die unterschiedlichen

Positionen zu Kontroversen führten. Auch verlangte STUMPF eine erste

Professur für Bibliothekswissenschaften in Österreich, um sich dem Thema

auch mit bibliothekswissenschaftlicher Perspektive stärker annähern zu

können und eine Kontextualisierung der rassistischen, antisemitischen

und NS-propagandistischen Inhalte sicherzustellen.

Das erste Panel widmet sich dem Thema "Zugänge von

Gedächtnisinstitutionen", welches von der Journalistin MARIANNE ENIGL

(Wien) moderiert wurde. KLAUS CEYNOWA (München) verdeutlichte am

Beispiel des "Fotoarchivs Hoffmann" in der Bayerischen Staatsbibliothek

(BSB) die Erschließung, das Verfassen von Beschreibungen und die Nutzung

der Fotos im Internet. Er argumentierte, dass digitale Inhalte im Netz

nicht kontrollierbar seien und aus diesem Grund eine Kontextualisierung

sowie Metadaten unerlässlich seien. BRIGITTE RIGELE (Wien) ging der

Frage nach, ob Archivgut von öffentlichen Archiven offen zugänglich sei

und wie dieses weiterverwendet werden könne. Sie skizzierte die

Veränderung des Schwerpunktes der Arbeit in öffentlichen Archiven in den

letzten 30 Jahren, welche sich zunehmend an den Bedürfnissen der

BenutzerInnen orientierte. HANS WALTER HÜTTER (Bonn) legte in seinem

Vortrag den Fokus auf die internationale Museumslandschaft und auf die

mit der Digitalisierung einhergehende Veränderung des Sammelns und

Bewahrens sowie des Forschens als auch des Vermittelns und Ausstellens.

Darauffolgend gaben die Vortragenden in dem von CHRISTIAN RECHT (Wien)

moderierten Panels "Fallbeispiele aus Gedächtnisinstitutionen" Einblicke

in den unterschiedlichen Umgang mit der Thematik. CLAUDIA

KURETSIDIS-HAIDER (Wien) skizzierte am Beispiel der am

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW)

angesiedelten "Forschungsstelle für Nachkriegsjustiz" die Erschließung

und Aufbereitung der Volksgerichtsverfahren in Wien für die

wissenschaftliche Forschung. Im Rahmen eines aktuellen Projekts sollen

die Reden Adolf Hitlers von 1933 bis 1945 erstmals vollständig erfasst

und, wie MAXIMILIAN BECKER (München) weiter ausführte, auch kommentiert

zugänglich gemacht werden. EDWIN KLIJN (Amsterdam) skizzierte in seinem

Vortrag den Umgang von Kulturerbe-Institutionen mit der

Wiederveröffentlichung nationalsozialistischer Quellen in den

Niederlanden und gab einen guten Überblick von den 1990er-Jahren bis in

die Gegenwart. RENÉ BIENERT und PHILIPP ROHRBACH (Wien) stellten in

ihrem Vortrag die gesammelten Materialien des "Austrian Heritage

Archive" vor. Die Audio- und Video-Interviews mit

österreichisch-jüdischen Emigrant/innen, welche während des NS-Regimes

aus Österreich flüchten mussten, werden dort in aufbereiteter Form und

in Verbindung mit lebensgeschichtlichen Dokumenten auf der Website zur

Verfügung gestellt.

Das dritte Panel, von der Historikerin INA MARKOVA (Wien) moderiert,

befasste sich mit "Nationalsozialismus audiovisuell und virtuell". In

seinem Vortrag legt der Historiker und Filmemacher ROBERT GOKL (Wien)

den Fokus auf die Spuren von NS-Propaganda im globalen Digital-Stream.

MICHAEL LIENSBERGER (Wien) skizzierte die verschiedenen Projekte des

Österreichischen Rundfunks (ORF) und thematisierte einen bedeutenden

Quellenfundus im Deutschen Rundfunkarchiv. 2019 wurden die

nationalsozialistischen Originaltöne der RAVAG in Form von 180 Trägern

an das ORF-Archiv zurückgegeben. EUGEN PFISTER (Bern) thematisierte die

Darstellung des Zweiten Weltkriegs und der Verbrechen des NS-Regimes in

digitalen Spielen sowie den Umgang mit Bildern und verbotenen Symbolen.

In dem von KLAUS TASCHWER (Wien) moderierten Panel setzten sich die

ReferentInnen mit der Thematik "Nationalsozialismus und

Rechtsextremismus online und in den sozialen Medien" auseinander. In

ihrem Beitrag rekonstruierte KARIN LIEBHART (Wien) visuelle und

diskursive Bezugnahmen ausgewählter Personen der Neuen Rechten. Dabei

analysierte sie vor allem die nationalsozialistische Ästhetik und

Ideologie sowie die Umdeutung von nationalsozialistischen und

rechtsextremen Symbolen. BERNHARD WEIDINGER (Wien) beleuchtete in seinem

Vortrag die Online-Aktivitäten der österreichischen extremen Rechten und

ging auf die Bedeutung des Internets für diese im heutigen Österreich

ein. Seit mehr als 20 Jahren gibt es die Plattform "Stopline -

OnlineMeldestelle" gegen nationalsozialistische Wiederbetätigung.

BARBARA SCHLOSSBAUER (Salzburg) skizzierte ihre bisherigen Aktivitäten

und hob das Spannungsverhältnis zwischen nationalem Recht und der

Internationalität des Internets hervor.

Daran anknüpfend wurde moderiert von HERBERT HAYDUCK (Wien)

"Digitalisierung und Digital Humanities" thematisiert und aus

verschiedenen Perspektiven beleuchtet. HARALD KATZMAIR (Wien) ging in

seinem Beitrag auf die sozialen Medien als "weapon of mass dissemination

of weaponized information" ein. Am Beispiel der Dresdner NS-Zeitung "Der

Freiheitskampf" zeigte THOMAS LINDENBERGER (Dresden) die digitale

Aufbereitung und Nutzungsmöglichkeiten der Quelle auf. In seinem Vortrag

ging NORMAN DOMEIER (Stuttgart) der Frage nach, wo sich die

digitalisierte NS-Presse befindet und wie die NS-Pressefotos

transatlantisch und global zwischen 1942 und 1945 verbreitet wurden.

GÜNTER MÜHLBERGER (Innsbruck) präsentierte das Tool "Transkribus",

welches handschriftliche Texte und Frakturschriften erkennt sowie eine

Suche mittels Keyword-Spotting ermöglicht.

Im letzten Panel der Konferenz, welches von ANDERAS BRANDTNER (Berlin)

moderiert wurde, warfen die Vortragenden einen Blick auf das Thema

"Digital Ethics". HANS-CHRISTOPH HOBOHM (Potsdam) setzte sich mit der

Zensur in der Digitalität in Deutschland auseinander und ging in diesem

Kontext der Frage nach, ob die Gesellschaft in vormoderne Verhältnisse

zurückfallen könne. In seinem Vortrag thematisierte HERMANN RÖSCH (Köln)

den Zugang zu nationalsozialistischen Zeitungen in deutschen

Bibliotheken unter ethischen Gesichtspunkten und brachte Vorschläge zum

weiteren Vorgehen. THOMAS BÜRGER (Dresden) hielt in seinem Beitrag fest,

dass bislang NS-Quellen in Deutschland nicht systematisch digitalisiert

wurden - einerseits aus urheberrechtlichen Gründen und andererseits aus

Bedenken vor der Verbreitung verfassungsfeindlicher und

menschverachtender Schriften. In ihrem Vortrag stellte CHRISTA MÜLLER

(Wien) das Online-Tool ANNO vor, in welchem die ÖNB Zeitungen aus den

Jahren 1568 bis 1948 erfasst. Sie ging näher darauf ein, was online

gestellt wird und welche begleitenden Maßnahmen ergriffen wurden, wie

etwa der Disclaimer bei der Zeitung "Der Völkische Beobachter". In

seinem Beitrag skizzierte MARKUS STUMPF (Wien) zunächst den Umgang mit

wissenschaftlichen Bibliotheken und in diesen enthaltenen NS-Schriften

nach 1945 und kontextualisierte die gesetzlichen, politischen und

gesellschaftspolitischen Aspekte. Dabei ging er auf den

unterschiedlichen Umgang zwischen physischer und digitaler Nutzung ein.

Auch ist dem Rollenwechsel von Kultureinrichtungen vom zur Verfügung

stellen hin zu einer Herausgebertätigkeit Rechnung zu tragen: Kein

seriöser Verlag würde NS-Propaganda und NS-Hetze unkritisch und

unkommentiert wiederveröffentlichen. Daher sieht Stumpf für das

Bibliothekswesen eine Chance in der Kontextualisierung und Aufarbeitung

der Inhalte aus der NS-Zeit, in Kooperation mit wissenschaftlichen

Institutionen, die eine entsprechende historische Expertise einbringen

können.

Den Abschluss der Tagung bildete eine Diskussionsrunde über

internationale Vergleiche, Status Quo, Standards und Perspektiven. Am

Podium saßen BRUNO BAUER (Wien), FRITZ HAUSJELL (Wien), CHRISTIAN

MERTENS (Wien), OLIVER RATHKOLB (Wien), MONIKA SOMMER (Wien) und MARGOT

WERNER (Wien). Die Moderatorin TANJA MALLE (Wien) zog ein kurzes Resümee

der Konferenz und fragte die Diskutant/innen, welche Inputs sie

mitgenommen hätten. Ersichtlich wurde einerseits die Relevanz der

Thematik für die verschiedenen Gedächtnisinstitutionen und andererseits

das Fehlen von gemeinsamen Standards. Deutlich wurde in der Diskussion

auch, dass die Kontextualisierung der online gestellten Materialien

relevant sei und mit der Digitalisierung auch immer die Frage nach deren

Finanzierung einhergehe. Künftig müsse auch eine intensivere

Kontextualisierung der Digitalisate vorgenommen und diese auch von

Anfang an mitfinanziert werden. Auch wurde festgehalten, dass

gesellschaftlich mehr Medienkompetenz notwendig sei und die gesetzlichen

Rahmenbedingungen in das digitale Zeitalter geholt werden müssten.

Resümierend muss festgehalten werden, dass die Tagung bei allen

Beteiligten als substantiell empfunden wurde, vor allem auch, weil es

gelang, Bibliothekswissenschaft, Zeitgeschichte, Digital Humanities,

Archiv- und Museumswesen sowie Erinnerungskultur interdisziplinär zu

vernetzen. Einerseits wurden klare Schattenseiten der Digitalisierung

aufgezeigt, andererseits das große Potential für Historiker/innen und

Bibliothekar/innen durch notwendige wissenschaftliche Kontextualisierung

und Quellenkritik herausgearbeitet. Die Ergebnisse werden als

Tagungsband in der Reihe "Bibliotheken im Kontext" bei Vienna University

Press/V&R unipress veröffentlicht.

Konferenzübersicht:

Johanna Rachinger (Wien) / Ronald Maier (Wien) / Peter Seitz (Wien):

Begrüßung

Diskussionspanel: "Aktuelle Diskurse"

Oliver Rathkolb (Wien): Moderation

Benjamin Grilj (St. Pölten) / Felicitas Heimann-Jelinek (Wien) / Hans

Petschar (Wien) / Ilse Reiter-Zatloukal (Wien) / Markus Stumpf (Wien):

Diskutant/innen

Panel I: Zugänge von Gedächtnisinstitutionen

Marianne Enigl (Wien): Moderation

Klaus Ceynowa (München): "Problematische Inhalte" als Open Data? Das

Beispiel des "Fotoarchivs Hoffmann"

Brigitte Rigele (Wien): Alles für alle? - Offener Zugang und

Weiterverwendung von Archivgut in öffentlichen Archiven

Hans Walter Hütter (Bonn): Objekte der Diktatur. Der Nationalsozialismus

in musealen Zeugnissen

Panel II: Fallbeispiele aus Gedächtnisinstitutionen

Christian Recht (Wien): Moderation

Claudia Kuretsidis-Haider (Wien): Die elektronischen Findhilfsmittel,

Mikrofilme und Digitalisate der Zentralen österreichischen

Forschungsstelle Nachkriegsjustiz am DÖW - Nutzungsmöglichkeit und

Anwendung

Maximilian Becker (München): Die Edition der Reden Adolf Hitlers

1933-1945. Ein Projekt des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin

Edwin Klijn (Amsterdam): Dutch nazi heritage online. Perspectives on how

heritage institutions deal with publishing national socialist source

materials on the internet

René Bienert (Wien) / Philipp Rohrbach (Wien): Die Materialien des

Austrian Heritage Archive online und im Archiv des Wiener Wiesenthal

Instituts für Holocaust-Studien (VWI)

Panel III: Nationalsozialismus audiovisuell und virtuell

Ina Markova (Wien): Moderation

Robert Gokl (Wien): Auf den Spuren von NS-Propaganda im globalen

Digital-Stream

Michael Liensberger (Wien): Nationalsozialistische Originaltöne - ein

bedeutender Quellenfundus

Eugen Pfister (Bern): "Man spielt nicht mit Hakenkreuzen!" Zur

Darstellung der Shoah in digitalen Spielen

Panel IV: Nationalsozialismus und Rechtsextremismus online und in den

sozialen Medien

Klaus Taschwer (Wien): Moderation

Karin Liebhart (Wien): Nationalsozialismus "light" - visuelle und

diskursive Verweise in Social Media Auftritten der Neuen Rechten

Bernhard Weidinger (Wien): Online-Aktivitäten der österreichischen

extremen Rechten

Barbara Schloßbauer (Salzburg): Stopline - Online-Meldestelle gegen

nationalsozialistische Wiederbetätigung im Internet

Panel V Digitalisierung und Digital Humanities

Herbert Hayduck (Wien): Moderation

Harald Katzmair (Wien): weapon of mass dissemination of weaponized

information

Thomas Lindenberger (Dresden): Die Dresdner NS-Zeitung "Freiheitskampf"

Norman Domeier (Stuttgart): Fotos in Zeitungen der NS-Zeit als Quelle

Günter Mühlberger (Innsbruck): Wie man mit Transkribus ein umfassendes

Digitalisierungsprojekt durchführt. Eine kurze Einführung in die

Erkennung von handschriftlichem Text und der Suche mittels

Keyword-Spotting

Panel VI: Digital Ethics

Andreas Brandtner (Berlin): Moderation

Hans-Christoph Hobohm (Potsdam): Zensur in der Digitalität. Eine

Überwindung der Moderne?

Hermann Rösch (Köln): Informationsfreiheit versus Strafrecht? Benutzung

und Digitalisierung nationalsozialistischer Zeitungen aus ethischer

Sicht

Thomas Bürger (Dresden): Aufklärung durch NS-Zeitungen in

Bibliotheksportalen? Ein Plädoyer für den Zugang auch zu problematischen

Inhalten

Christa Müller (Wien): Zeitungen der NS-Zeit in ANNO, dem digitalen

Zeitungslesesaal der Österreichischen Nationalbibliothek

Markus Stumpf (Wien): Sinnvoll, angemessen und gerecht? Anmerkungen und

Fragen zur digitalen Veröffentlichung von NS-Schrifttum durch

Bibliotheken

Abschlussdiskussion: Internationaler Vergleich, Status Quo, Standards

und Perspektiven

Moderation: Tanja Malle (Wien): Moderation

Bruno Bauer (Wien) / Fritz Hausjell, (Wien) / Christian Mertens (Wien) /

Oliver Rathkolb (Wien) / Monika Sommer (Wien) / Margot Werner (Wien)