Projektbeschreibung:
Tagung der Evangelischen Akademie Tutzing und der Brockhaus Stiftung..„Psychologisch wäre es keine Unmöglichkeit, nach der Tat einzusehen, was wir im Dritten Reich taten...“ (A. u. M. Mitscherlich)..In ihrem Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ beschrieben Alexander und Margarete Mitscherlich 1967 die schwierige Erbschaft des Nationalsozialismus. Was war gemeint mit diesem zum Schlagwort gewordenen Buchtitel? Warum wurde und wird über die NS-Geschichte erbittert gestritten? Wie beziehen wir uns heute auf diese Vergangenheit – in der öffentlichen Gedenkkultur wie im persönlichen und familialen Umgang? Manche Angehörige der jüngeren Generation erklären den Nationalsozialismus inzwischen zu einer fernen Episode unserer Geschichte, die für die Nachgeborenen nur noch wenig Relevanz habe und keine moralischen Probleme mehr aufwerfe..Die Mitscherlichs diagnostizierten im deutschen Umgang mit der NS-Vergangenheit eine intensive Abwehr von Schuld und Scham sowie eine Verleugnung der emotionalen Bindungen an die NS-Ideologie und an Hitler. Diese Abwehr der Trauer habe zu einem politischen und psychosozialen Immobilismus in der BRD geführt und eine demokratische Entwicklung der deutschen Nachkriegsgesellschaft behindert. Wie ist diese Diagnose heute einzuschtzen? Warum löste das Buch neben Zustimmung auch heftige Ablehnung aus? Ist eine persönliche und emotionale Auseinandersetzung mit der Täterschaft der Deutschen erforderlich? Welche Nachwirkungen hat der Nationalsozialismus auf die nachfolgenden Generationen? Wie beziehen sich die Kinder und Enkel auf die NS-Verstrickung von Angehörigen („Opa war kein Nazi!“)?.Seit Erscheinen der „Unfähigkeit zu trauern“ hat sich der gesellschaftliche Umgang mit der Verbrechensgeschichte des Nationalsozialismus verändert. Öffentliches Gedenken ist etabliert und als unverzichtbar anerkannt. Es gerät jedoch in die Gefahr, in Museen oder in ritualisierte Feiern an Gedenktagen abgeschoben zu werden. Schlagworte aus dem Kontext der NS-Verbrechen dienen als Versatzstücke im politischen Tageskampf. Die NS-Geschichte wird zu leicht konsumierbaren Medienspektakeln verarbeitet. Deutsche interpretieren sich als Opfer von Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung. Sehnsucht nach einem ‚unbefangenen’ Patriotismus wird laut. Neue Erfahrungen von Diktatur, Verfolgung und Genozid überlagern die NS-Geschichte. Nach dem Tod der meisten Zeitzeugen wird die Erinnerung immer mehr von den Medien geprägt. Wie wird die Zukunft der Erinnerungskultur aussehen?. . ..Freitag, 30.11.2007..18.00 Beginn der Tagung mit Abendessen..19.00 Begrüßung und Einführung.- Dr. Christoph Meier, Evangelische Akademie Tutzing.- Dr. Gudrun Brockhaus, Brockhaus Stiftung..19.30 Aufarbeitung und Verdrängung - Die Rolle der Zeitgeschichtsschreibung.- Prof. Dr. Hans Mommsen, Historiker, Feldafing..20.30 "Die Unfähigkeit zu trauern“ in der deutschen Erinnerungspolitik - Gesprächsforum zum Buch und seiner Rezeption.- Prof. Dr. Heiner Keupp, Sozialpsychologe, LMU München.- Arbeitsgruppe Sozialpsychologie des Nationalsozialismus, München..Samstag, 1.12.2007..UNFÄHIG ZUR TRAUER? AUSEINANDERSETZUNG MIT EINER KOLLEKTIVDIAGNOSE..9.00 Umgeschriebene Erinnerungen - Psychoanalytische Anmerkungen zu den Erregungen der Erinnerungskultur.- Prof. Dr. Ilka Quindeau, Psychoanalytikerin, Fachhochschule Frankfurt/M...10.00 Waren „wir Deutsche“ unfähig zu trauern? Nutzen und Grenzen einer psychologischen Kollektivdiagnose.- Prof. Dr. Alexander v. Plato, Historiker, Universität Wien..11.30 Ein ganzes Volk auf die Couch? Streit um die 'Bewältigung' der NS-Vergangenheit.- Dr. Gudrun Brockhaus, Sozialpsychologin, München..12.30 Mittagessen..BILDER DES NATIONALSOZIALISMUS HEUTE..14.00 "So war es wirklich“ - Konstruktionen des Dritten Reiches im Geschichtsfernsehen.- Boris Schafgans, Filmautor, Kurator, Berlin und Bonn..16.00 Das Selbstbild der Deutschen in TV-Spielfilmen.- Evelyn Finger, Literaturwissenschaftlerin, Redakteurin „Die Zeit“, Hamburg..17.00 „Richtige“ und „falsche“ Geschichtsbilder - Angst, Projektionen, Authentizitätsbegehren - Eine Interviewstudie.- Dr. Phil C. Langer, Dr. Angela Kühner, Dipl.-Psych. Daphne Cisneros, Forschungsgruppe "Holocaust Education", LMU München..18.30 Abendessen..FAMILIENGESCHICHTEN..19.30 Zwischen Dämonisierung und Entlastung - Nazi-Geschichten in der eigenen Familie.- J. Utz Palußek, Psychoanalytiker, München..20.15 Familiale Tradierung Diskussion eines Filmbeispiels.„War einst ein wilder Wassermann“ (Dokumentarfilm 2001, 43 Min.) von Claudia von Alemann..Sonntag, 2.12.2007..ZUKUNFT DER GEDENKKULTUR..9.15 Jenseits der Erinnerung - Neue Herausforderungen an die Gedenkkultur.- Prof. Dr. Volkhardt Knigge, Historiker, Universität Jena, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald..10.15 Grenzerfahrungen - Bildobjekte der Tat und die Ordnung des Erinnerns.- Dr. Habbo Knoch, Historiker, Universität Göttingen..11.30 Die Unfähigkeit zu trauern im intergenerationellen Dialog.- Prof. Dr. Aleida Assmann, Kulturwissenschaftlerin, Universität Konstanz..Anmeldung und weitere infos unter: www.ev-akademie-tutzing.de/doku/programm/detail.php3?lfdnr=1100∂=detail
Kontakt
Evangelische Akademie Tutzing
Fr. Brosch
Tel.: 08158/ 251-125
Homepage: www.brockhausstiftung.de