Gegenerinnerungen

AMCHA Deutschland e.V.
6. Oktober 2021

Drei Jahrzehnte nach der deutsch-deutschen Vereinigung, der Friedlichen Revolution und dem Mauerfall haben sich diese Ereignisse im kollektiven Gedächtnis verankert. Jubiläen bieten auch die Möglichkeit, innezuhalten und zu überlegen: Was wird da eigentlich erinnert - und wie? Wer erinnert, wer feiert überhaupt? Und wer nicht?

Jüdische Gegenerinnerungen bieten die Perspektive, sich 1989/90 mit neuen Fragen zu nähern. So prägten die Erfahrungen der Generation, die das nationalsozialistische Deutschland noch erlebt und überlebt hatte, die Sorgen und Herausforderungen, die Jüdinnen*Juden in der Umbruchszeit zu bewältigen hatten. Brennende Flüchtlingsunterkünfte und zerstörte jüdische Friedhöfe verstärkten diese Ängste.

Gleichzeitig änderte sich unter der letzten DDR-Regierung das Verhältnis zu Israel und die Aufnahme von sowjetischen Jüdinnen*Juden sicherte das Überleben vieler Gemeinden - und veränderte sie nachhaltig.

Der Kanon vielfältiger jüdischer Erinnerungen an diese gesellschaftlichen Transformationen hat das Potential, die sich verfestigenden deutsch-deutschen Erfolgserzählungen von 1989/90 zu irritieren, zu ergänzen und herauszufordern. Und das schon durch die Vielfalt jüdischer Lebenswelten in Ost und West, aber auch durch eine kritische Perspektive auf die Mehrheitsgesellschaft.