Die Aufarbeitung des NS aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive

Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung
7. Juni 2010

Die Geschlechterforschung zum Nationalsozialismus hat bereits verschiedenePhasen und Paradigmenwechsel hinter sich und ist dabei selbst zum Gegenstandwissenschaftlicher Auseinandersetzung geworden. Die Vorstellung einer homogenenKategorien „Frau“, die vorschnell mit dem Etikett des Unpolitischen versehen wurde,verstellte lange den Blick auf die komplexe Verstrickung und Mittäterinnenschaft vonFrauen im Nationalsozialismus. Sie verstellte aber auch lange den Blick auch auf dieweiblichen Opfer der nationalsozialistischen Politik. Einseitige und kollektivierendeSichtweisen sind mittlerweile einem stark differenzierenden Blick in einemumfangreichen Forschungsfeld gewichen. Zuletzt hat der von Elke Frietsch undChrsitina Herkommer herausgegebene Sammelband „Nationalsozialismus undGeschlecht“ (Bielefeld 2009) diesen Eindruck noch einmal unterstrichen.

Wie verhält es sich jedoch mit der geschlechtersensiblen Erforschung der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und der Erinnerungskultur. Der vorherrschende geschlechterindifferente Blick in den Arbeiten zur Nachgeschichte des NS leistet mystifizierenden Weiblichkeits- und Männlichkeitsbildern Vorschub. Es ist zu konstatieren, dass mit dieser dichotomen Folie die konkreten Lebenszusammenhänge nach 1945 und eine kritische Sicht auf die Ursachen und Bedingungen der Aufarbeitung des Nationalsozialismus’ nicht möglich sind. Darüber hinaus wurde immer offensichtlicher, dass es zu einer Vielfalt an Gedächtniskonstruktionen gekommen ist, die sich auf unterschiedlichen Ebenen(national, regional und lokal) als auch in unterschiedlichen Räumen des Vorpolitischen und Privaten herausgebildet haben.

Ariadne – Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte, ist die Zeitschrift der Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung und erscheint zwei Mal im Jahr. In diesem Heft soll die „zweite Geschichte“ des Nationalsozialismus nach 1945 im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen. Es wird um die Geschlechtermodelle in der(deutschen) Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und um verschiedene Ansätze in den Gedächtniskonstruktionen gehen. Folgende Fragen könnten dabei im Zentrum des Heftes stehen:

 

  • Welche differenziertere Lesart der NS-Aufarbeitung ermöglicht die Analysekategorie Geschlecht?
  • Wie werden der Nationalsozialismus und seine Folgen in der zweiten deutschen Frauenbewegung diskutiert und verhandelt?
  • Welchen geschlechterspezifischen Umgang mit TäterInnen und Opfern gibt es in der deutschen Erinnerungskultur? Welche Unterschiede gab es in Ost- und Westdeutschland und haben diese u.U. heute noch Auswirkungen?
  • Welche Rollenzuschreibungen und -erwartungen gab es in der Nachkriegsgesellschaft, um die NS-Aufarbeit zu gewährleisten bzw. zu verhindern?
  • Die „Trümmerfrau“: ein deutscher Nachkriegsmythos?
  • Wie organisierten sich die weiblichen Überlebenden der KZ? – Zwischen Entschädigungsforderungen und der Friedensforderung „Nie wieder“. Gibt es innerdeutsche / internationale Unterschiede?Wie wird die Repräsentation und der Umgang mit Gewalt – insbesondere auch sexualisierter Gewalt – und Verfolgung in den Medien und den KZ Gedenkstätten hergestellt? Gibt es Erfahrungen mit geschlechterreflektierenden pädagogischen Ansätzen und der Frage nach der(gleichzeitigen) Reproduktion von dichotomen Geschlechtervorstellungen?
  • Wie antwortet die Biografieforschung zu weiblichen KZ-Überlebenden auf die Frage nach dem Geschlecht?
  • Wie werden BDM-Frauen und deren Position in der öffentlichen Erinnerungskultur dargestellt?
  • Wie verlief die Entnazifizierung und Integration von NS-Funktionsträgerinnen,wie zum Beispiel Volksschullehrerinnen, Ärztinnen, Krankenschwestern,Journalistinnen u.a.?
  • Welche Langzeitwirkungen entfaltete die gezielte Ansprache „weiblicher Qualitäten“ und „Lebensbereiche“ durch die nationalsozialistische Ideologie in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR?

Die einzelnen Beiträge sollten einen Umfang von ca. 26.000 bis 35.000 Zeichen, d.h. ca. 9-12 Manuskriptseiten haben. In Ausnahmefällen (zum Beispiel für einen einleitenden Artikel) kann von dieser Maßgabe abgesehen werden.

Redaktionsschluss wird der 1.12.2010 sein, das Heft erscheint dann im Mai 2011.Wenn Sie Interesse an der Abfassung eines Artikels haben, reichen Sie uns bitte bis zum 7.6.2010 ein aussagekräftiges Exposé (1-1½ Seiten) ein. Da sich die genaue inhaltliche Gestaltung des Heftes nach den eingehenden Exposés richtet, reichen Sie bitte auch Aufsatzideen ein, die am Rande des Themas zu liegen scheinen. Sie können sich auch gerne direkt mit uns in Verbindung setzen, wir stehen Ihnen für weitere Informationen jeder Zeit zur Verfügung.

Dr. Kerstin Wolff

Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung

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