Zwangsarbeit in Berlin 1938–1945

Ein Ausstellungsprojekt des Arbeitskreises Berliner Regionalmuseen
08/2002Gedenkstättenrundbrief 108, S. 24-31
Bernt Roder

Seit Anfang März sind in verschiedenen Berliner Regionalmuseen Ergebnisse eines gemeinsamen Ausstellungsprojektes zur Geschichte der Zwangsarbeit und damit des Schicksals ausländischer Fremdarbeiter, Kriegsgefangener, KZ-Häftlinge und jüdischer Zwangsarbeiter während der NS-Zeit zu sehen. Es haben sich insgesamt elf Stadtbezirke an dieser ersten lokalhistorischen Bestandsaufnahme zur Geschichte der Zwangsarbeit während der NS-Zeit beteiligt.1 In Kooperation mit dem Verein Berliner Geschichtswerkstatt und durch eine finanzielle Förderung des Hauptstadtkulturfond organisierten die beteiligten Museen und Einrichtungen einen Forschungsverbund und erarbeiteten eine Überblickssaustellung, die jeweils an den Ausstellungsorten durch regionale Forschungsergebnisse ergänzt wird. Der Vorsitzende des Vereins ›Gegen Vergessen – Für Demokratie‹, Bürgermeister a.D. Hans Koschnick, hat die Schirmherrschaft für das Ausstellungsprojekt übernommen.

Mit Unterstützung verschiedener Verbände ehemaliger Zwangsarbeiter im Ausland, dem Landesarchiv Berlin und der Entschädigungsbehörde Berlin und weiterer Einrichtungen konnten in den zurückliegenden Monaten umfangreiche Quellen, darunter Dokumente, Verwaltungsakten und Zeitzeugenberichte ausgewertet werden.

Mit der Präsentation der Forschungsergebnisse für die ehemaligen Bezirke Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee unter Mitwirkung des Präsidenten des Deutschen Bundestages Wolfgang Thierse startete am 28. Februar 2002 ein Ausstellungszyklus, der an insgesamt elf Orten in der Stadt bis zum Frühjahr 2003 gezeigt wird.

Lokalhistorische Quellenzugänge und Schwerpunktsetzungen

Zu Beginn der Recherchen im Jahr 2000, konnten die beteiligten Museen auf wenige, bis dahin veröffentlichte Quellen zur Geschichte der Zwangsarbeit während des Nationalsozialismus in Berlin zurückgreifen. Neben den Überblicksdarstellungen von Laurenz Demps, Helmut Bräutigam und Rainer Kubatzki lagen zu diesem Zeitpunkt nur vereinzelte lokalhistorische Beiträge für das Stadtgebiet Berlin vor.2

Im Laufe der vergangenen Monate war es möglich, im Rahmen des Forschungsverbundes der beteiligten Museen, umfangreiche Quellenbestände zu sichten und auszuwerten. Darunter befanden sich Verwaltungsakten im Landesarchiv Berlin, Bauunterlagen im Bundesarchiv, Belege für die Errichtung von Barackenlagern und die Beschäftigung von Zwangsarbeitern in den Archiven der Bezirksämter sowie Angaben über die Mortalität, Eheschließungen und Geburten in den Standesämtern und Friedhofsregistern. Besonderen Aufschluss über den flächendeckenden Arbeitseinsatz ausländischer Arbeitskräfte, insbesondere auch in kleineren Betrieben, ergaben im Landesarchiv überlieferte Listen aus einigen Stadtbezirken, in denen zumeist der Name, die Nationalität und der Aufenthalts- bzw. Arbeitsort von Ausländern in Berlin während des Krieges vermerkt ist. Ende 1945 hatte die sowjetische Militärverwaltung diese Angaben zusammentragen lassen. Erstmals konnten für die Recherchen zur Zwangsarbeiterproblematik im Landesarchiv Berlin Ermittlungs- und Prozessunterlagen der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Berlin ausgewertet werden. Listen über ehemalige Zwangsarbeiterlager in Berlin, die der Belgische Nationale Suchdienst (BNTB) zwischen 1946 und 1951 zusammengestellt hatte, enthielten ebenso wichtige lokalhistorische Hinweise wie ein Sonderfund im Archiv des Internationalen Suchdienstes in Arolsen (ISD) mit Ergebnissen einer Umfrage unter ehemaligen Fremdarbeiterinnen und Fremdarbeitern in West- und Osteuropa.

Eine wichtige Quelle im Zuge der topografischen Rekonstruktion ehemaliger Wohn- und Arbeitsorte im Stadtgebiet sind die heute im Luftbildarchiv Berlin erhaltenen Aufnahmen der britischen und amerikanischen Luftaufklärung während des Krieges.

Von großer Bedeutung für die lokalhistorische Erforschung sind die Erinnerungen der ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Oftmals gaben die Beschreibungen dieser Menschen erste Anhaltspunkte auf ehemalige Stätten der Zwangsarbeit, die dann zu weiteren Nachforschungen und Quellenbelegen führten.

Entsprechend der jeweiligen Quellenzugänge ergaben sich für die beteiligten Bezirke unterschiedliche Forschungsschwerpunkte, von denen hier beispielhaft einige genannt werden sollen. Für den Bezirk Spandau war dies die Beschäftigung mit dem Einsatz von Zwangsarbeitern im Rüstungskomplex Ruhleben, in Friedrichshain die Erforschung der Geschichte einer Reihe größerer Zwangsarbeiterlager und Betriebsstätten, etwa auf der Spreehalbinsel Stralau oder der Firma Osram am Warschauer Bahnhof. Für die Flächenbezirke Hohenschönhausen und Pankow fanden sich Quellen zum Arbeitseinsatz in Gärtnereien und der Landwirtschaft und der Nachweis großer Sammelunterkünfte am Rande der Stadt. Für die Innenstadtbezirke Kreuzberg und Prenzlauer Berg konnten fast flächendeckend Stätten der Zwangsarbeit in Handel und Gewerbe sowie Zuliefererbetriebe für die Rüstungsproduktion dokumentiert werden, in Wedding waren es die Arbeitsstätten in der Lebensmittel- und der Bekleidungsindustrie. Im heutigen Bezirk Marzahn-Hellersdorf stand die Geschichte des Zwangslagers für Sinti und Roma zwischen 1936 bis 1945 sowie die Unterstützung von Zwangsarbeitern in dem Rüstungsbetrieb Hasse & Wrede durch eine Widerstandsgruppe im Mittelpunkt der Nachforschungen.

Stellt eines der beteiligten Ausstellungsprojekte die Geschichte des Zwangsarbeitereinsatzes in einem Betrieb in den Mittelpunkt seiner Darstellung, ist es an anderer Stelle die bürokratische Verwaltung und unterschiedliche Behandlung der ausländischen Fremdarbeiter entsprechend ihrer Herkunft und rassistischen Kategorisierung durch staatliche Stellen, etwa dem Arbeitsamt oder dem Betrieb.

Die an den einzelnen Ausstellungsorten thematisierten Aspekte und Facetten ergeben für Berlin ein erstes Gesamtbild. Insgesamt bilden die inhaltlichen Schwerpunkte der einzelnen Ausstellungen eine differenzierte Arbeits- und Lebensrealität ehemaliger Zwangsarbeiter ab. Die regionale und thematische Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Darstellung macht aber zugleich deutlich, dass es sich bei diesem Ausstellungsprojekt keineswegs um eine umfassende Gesamtbetrachtung der Geschichte der Zwangsarbeit in Berlin während der NS-Zeit handeln kann.

Viele Quellen sind unwiederbringlich verloren, darunter Berichte von Zeitzeugen, bauliche Zeugnisse ehemaliger Unterkünfte und Arbeitsstätten; andere, wie etwa die Einwohnerkartei für Berlin oder die Personalunterlagen ausländischer »Betriebsangehöriger« in Firmenarchiven z.B. der Reichsbahn bleiben der historischen Forschung bis heute weitgehend versperrt.

Zwangsarbeit in Berlin – Ein Überblick

Der gemeinsam erarbeitete Ausstellungsteil mit dem Titel »Zwangsarbeiter in Berlin 1938–1945« wurde von dem Historiker Helmut Bräutigam konzipiert und erarbeitet. Insgesamt elf Kapitel thematisieren im Überblick die Voraussetzungen, Bedingungen und den Verlauf des Zwangsarbeitseinsatzes bis Kriegsende in Berlin. Ergänzt wird dieser Ausstellungsteil durch eine Karte, in der über 1000 Lagerstandorte zur Unterbringung ausländischer Zivilarbeiter, Kriegsgefangener und KZ-Häftlinge in Berlin verzeichnet werden konnten. In der Mehrzahl handelte es sich bei den Sammelunterkünften um kleine Lager, oftmals so genannte Saallager, die in leer stehenden Schulen, Ausflugslokalen oder Fabrikhallen eingerichtet wurden, oder um einzelne Baracken. Größere Barackenlager lagen zumeist in den Außenbezirken, in denen mehrere Hundert und vereinzelt bis zu mehrere Tausend Personen untergebracht waren.

Neben großen Barackenlagern der Reichsbahn, die diese gewinnbringend zur Unterbringung von Zwangsarbeitern an die Arbeitsämter vermietete, unterstanden viele der großen Lagerkomplexe in Berlin dem Generalbauinspektor und Rüstungsminister Albert Speer.

Die einzelnen Kapitel der Ausstellung thematisieren sehr verschiedene Arbeits- und Lebensbedingungen der in Berlin lebenden ausländischen Fremdarbeiter aus West- und Osteuropa, Kriegsgefangenen, KZ-Häftlinge und Juden. Bereits seit Ende 1938 wurden deutsche und staatenlose Juden in Berlin zur Zwangsarbeit herangezogen, zunächst bei kommunalen Stellen und später hauptsächlich in der Rüstungsproduktion.

Polen gehörten nach Tschechen zu den ersten ausländischen Zwangsarbeitern im Deutschen Reich. Die »Polen-Erlasse« vom Frühjahr 1940 grenzten diese Arbeitskräfte rechtlich und sozial aus. Sichtbar hatten sie in der Öffentlichkeit ein Abzeichen in Form eines »P« an ihrer Kleidung zu tragen. Der Einsatz polnischer Zwangsarbeiter steht auch in einem direkten Zusammenhang mit der Deportation der Berliner Juden. Ein Teil der zuvor aus ihrer Heimat im Südosten Polens vertriebenen Menschen wurde als Ersatz für die deportierten Juden zur Zwangsarbeit nach Berlin verbracht.

Wie in anderen Industrieregionen arbeiteten in Berlin überdurchschnittlich viele Arbeitskräfte aus den besetzten Ländern Westeuropas, darunter Franzosen, Niederländer und Belgier, die bis 1942 nicht selten auch freiwillig gekommen waren.

Mit der Erkenntnis eines länger andauernden Kriegsverlaufes begann auch in Berlin verstärkt der Arbeitseinsatz sowjetischer Zivilarbeiter und Kriegsgefangener. Bereits Ende 1942 stellten die »Ostarbeiter« mit annähernd 75 000 Personen die größte Ausländergruppe, Ende 1944 waren es über 100 000 Arbeitskräfte. Bis Kriegsende mussten mehr als 400 000 Zwangsarbeiter, darunter Frauen, Kinder und Greise für die Berliner Wirtschaft arbeiten. Ihr Einsatz umfasste alle Bereiche des Alltags. Nahezu jeder Betrieb beschäftigte Zwangsarbeiter, vom Handwerk bis zum Großkonzern. Städtische Stellen, darunter Bezirksämter, Straßenreinigung, Gaswerke, Reichsbahn und landwirtschaftliche Betriebe, auch Kirchengemeinden und Privathaushalte konnten nur noch mit Unterstützung ausländischer Arbeitskräfte den Kriegsalltag organisieren.

Nur wenig erinnert in Berlin noch an das Schicksal der ehemaligen Zwangsarbeiter während der NS-Zeit. An insgesamt 27 Orten in der Stadt befinden sich heute Gedenk- und Erinnerungszeichen.3 Andernorts verweisen gestaltete Kriegsgräberstätten oder Grabstellen auf Friedhöfen nur generell auf Opfer des Krieges, ohne konkret das Schicksal der ausländischen Zwangsarbeiter zu benennen.

Eine Anzahl erhaltener Unterkünfte und Reste von Barackenlagern konnte im Rahmen dieses Ausstellungsprojektes in mehreren Berliner Stadtbezirken lokalisiert werden. Einzigartig ist im Bezirk Treptow-Schöneweide das an der Britzer Straße gelegene und bis heute erhalten gebliebene Barackenlager, in dem während des Krieges italienische Zwangsarbeiter und weibliche KZ-Häftlinge leben mussten.

»Geraubte Zeit. Zeugen der Zwangsarbeit im Nordosten Berlins 1938–1945«

Von Ende Februar bis Mitte Juli 2002 wurde in den Räumen der Kulturbrauerei im Ortsteil Prenzlauer Berg die Ergebnisse der Forschungen zur Zwangsarbeit für den Nordosten Berlins und damit die Bezirke Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee in einer Ausstellung vorgestellt. Auf dem ehemaligen Brauereigelände der Firma Schultheiß mussten zwischen 1941 und 1945 ausländische Fremdarbeiter und Kriegsgefangene aus Frankreich, der Ukraine, Tschechien, Polen, Italien und Belgien Zwangsarbeit leisten. Der »nationalsozialistische Musterbetrieb« vermietete auch Kellerräume an die Firma Telefunken, in denen ukrainische Frauen elektronische Bauteile zusammensetzen mussten.

Im Eingangsbereich der Ausstellung wurde die allgemeine Überblicksausstellung gezeigt. Innerhalb dieses Ausstellungsteiles dokumentierte eine Dia-Projektion aktuelle Motive ehemaliger Wohn- und Arbeitsstandorte im Nordosten Berlins. Ergänzt wurden die Informationen im Eingangsbereich der Ausstellung noch durch eine Multimediaanwendung, in der weitere Informationen zu den bisher recherchierten Standorten abrufbar waren.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stand eine Auswahl von Lebensgeschichten ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus der Ukraine, den Niederlanden und aus Polen. Die Frauen und Männer beschreiben die unterschiedliche Behandlung als Ost- und Westeuropäer. Sie erinnern sich an ihre Ankunft in Berlin, das Leben im Lager, die Arbeit, das Verhältnis zu Zwangsarbeitern anderer Nationalität und den deutschen Arbeitskollegen, Vorarbeitern, Bewachern und Nachbarn.

In einem weiteren Ausstellungsteil wurden ausgewählte Unterkünfte und Arbeitsstätten dargestellt. Insgesamt konnten für den Nordosten Berlins bisher über 250 Wohn- und Arbeitsorte von Zwangsarbeitern ermittelt werden. Zur Arbeit eingesetzt waren sie in Industrie, Handwerk, städtischen Einrichtungen, Gärtnereien und in Privathaushalten. Eine Reihe thematischer Exkurse ergänzte die Darstellung der Biographien und der ehemaligen Arbeits- und Wohnstätten, darunter Geburten von Kindern der Zwangsarbeiterinnen, dem Zusammenhang von schwerer körperlicher Arbeit – mangelhafter Ernährung – Krankheiten –mangelnder, medizinischer Betreuung –und Tod. Ein weiteres Kapitel behandelte den bereits seit 1938 erfolgten Zwangsarbeitseinsatz von Berliner Juden.

Erinnerungen von Berlinern, darunter ehemalige Nachbarn, Vorarbeiter und Familienangehörige, an ehemalige Zwangsarbeiter wurden ebenfalls in einem Ausstellungsteil dargestellt.

Ergebnisse einer Spurensuche im Spiegelbild von Zeitzeugenbefragungen

Von Beginn an legte das Ausstellungsprojekt einen Schwerpunkt auf die Darstellung biographischer Quellen zu Frauen und Männer, die während des Krieges im Nordosten Berlins Zwangsarbeit leisten mussten. Neben der Recherche in Archiven nach Dokumenten und Abbildungen galt das Interesse der persönlichen Schilderung. Auch die Debatte um die so genannte Entschädigung bestärkte alle Projektbeteiligten, die Menschen, über deren »Ansprüche« verhandelt wurde, in einer Ausstellung selbst zu Wort kommen zu lassen.

Stellvertretend für die vielen Nationen, aus denen während des Krieges Menschen zur Arbeit nach Berlin gebracht worden waren, konzentrierten sich die Nachforschungen in einem vergleichenden Ansatz exemplarisch auf die heutigen GUS-Staaten, die Niederlande und Polen. Beispielhaft sollten die Lebens- und Arbeitsbedingungen der so genannten »Ostarbeiter«, Polen und Niederländer, letztere als Westeuropäer, ermittelt werden.

Hinsichtlich der »Ostarbeiter« gelang es, mit Unterstützung der Moskauer Menschenrechtsorganisation Memorial, erste Hinweise auf ihren Aufenthalt im Nordosten Berlins zu recherchieren. Im Archiv von Memorial liegen etwa 400 000 Schreiben ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter vor, die in der Mehrzahl aus den Jahren 1990 und 1991 stammen. Der Bestand dieser Briefe ist seit einigen Jahren auch in einer Datenbank, die der Berliner Geschichtswerkstatt vorliegt, verzeichnet. Die Schwierigkeit in der Auswertung dieser Quelle liegt darin, dass nur in den wenigsten Fällen die Stadtbezirke Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee vermerkt waren, sondern in der Regel, Beschreibungen der Umgebung, Straßen, Lagerstandorte und Firmennamen in kyrillischer Schrift gehalten, vorliegen. Schließlich konnten 470 Berichte mit einem Bezug zum Nordosten Berlins ermittelt werden. In Vorbereitung der beabsichtigten Korrespondenz wurde ein Großteil dieser Briefe in einem weiteren Arbeitsschritt durch einen Projektmitarbeiter in Moskau eingesehen. Anschließend wurden 200 Personen in Russland, Weißrussland und der Ukraine angeschrieben. Insgesamt 70 Antwortschreiben gingen in den folgenden Monaten ein.4

Die Recherchen nach Erlebnisberichten ehemaliger Zwangsarbeiter aus den Niederlanden und Polen verliefen wesentlich leichter. Eine Suchanzeige im »Nieuwsbrief«, dem Mitteilungsblatt der Vereinigung ehemaliger niederländischer Zwangsarbeiter, und die Unterstützung der »Stichting Holländerei«5 führten zu einem Kontakt mit einer Reihe von Menschen, die über ihren erzwungenen Aufenthalt in Berlin berichten konnten.

Die Recherchen in Polen wurden durch die Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung unterstützt. Diese leitete etwa siebzig Personen einen zuvor entwickelten Fragebogen zu, von denen eine Mehrzahl zum Teil umfangreiche Informationen zu ihrem Aufenthalt in Berlin während des Krieges zurücksandten.

In Vorbereitung der Ausstellung konnten in der Ukraine zwölf, in den Niederlanden vier und in Polen fünf Frauen und Männer interviewt werden.

Die Interviewerhebungen in den drei Ländern waren nicht nur Zeitreisen in die Vergangenheit des Krieges und der Zwangsarbeit in Berlin, sondern zugleich auch Konfrontationen mit der persönlichen Geschichte der Interviewpartner nach dem Krieg und den psychischen und körperlichen Folgen. Die Museumsmitarbeiter begegneten in der Ukraine alten Menschen, die sehr erstaunt über das Interesse der jungen Historiker an ihrer Lebensgeschichte waren. Es waren Frauen und Männer, die zumeist erst seit einigen Jahren öffentlich über ihre Zeit in Deutschland sprechen konnten. Noch bis Anfang der 90er Jahre mussten sie befürchten, von offiziellen Stellen, aufgrund ihres Aufenthaltes in Deutschland während des »Großen Vaterländischen Krieges« Nachteilen und offenen Diskriminierungen ausgesetzt zu werden.

Nachdem während des Besuches in einem Dorf bekannt wurde, dass die deutschen Historiker sich für die Zwangsarbeit in Deutschland interessierten, versammelte sich daraufhin im Garten des Hauses eine Gruppe von Dorfbewohnern, die alle ebenfalls in Deutschland arbeiten mussten und nun ihre Geschichte erzählen wollten.

Viele der Gesprächspartner berichteten auch, dass sie keinerlei Dokumente über die Zeit in Deutschland nach Kriegsende mit nach Hause bringen konnten oder diese nach dem Kriege vernichtet hatten. Nun standen sie vor dem Problem, für einen Antrag auf Zahlung aus dem Entschädigungsfond einen schriftlichen Nachweis zu erbringen und baten die Gäste aus Deutschland um Hilfe.

Nach Rückkehr aus der Ukraine beschlossen die Autoren der Ausstellung, die Lebensgeschichten der Interviewten nicht auf die Zeit in Deutschland zu beschränken, sondern auch über ihre Erfahrungen nach 1945 zu berichten. In Einzelfällen gelang es, durch Bescheinigungen des Museums, den Antrag auf finanzielle Unterstützung aus Deutschland erfolgreich zu unterstützen.

Ausblick

Die erschlossenen Quellen und Ergebnisse des Gemeinschaftsprojektes der Berliner Regionalmuseen zur Geschichte der Zwangsarbeit in Berlin finden nach Projektende Eingang in die Museumsarchive. Darüber hinaus ist mit der Berliner Geschichtswerkstatt vereinbart, dass die erschlossenen Quellen in ein berlinweites Bestandsverzeichnis aufgenommen werden. Im Herbst erscheint im Metropol Verlag Berlin ein Sammelband mit Beiträgen zum Ausstellungsprojekt.

Neben den bisherigen Bemühungen um die Erforschung und Vermittlung der Geschichte der Zwangsarbeit in Berlin haben die Berliner Regionalmuseen mit ihrem Gemeinschaftsprojekt gezeigt, welche Bedeutung und Dimension dieses Thema für die Stadtgeschichte der ehemaligen Reichshauptstadt während des Krieges hatte. Gleichzeitig verdeutlichen die lokalhistorischen Befunde dieses Ausstellungsprojektes, wie vielschichtig und lohnenswert eine kontinuierliche Recherche weiterer Quellen und die Vermittlung des Themas ist.

Der Forderung nach einem zentralen Forschungs- und Informationszentrum zur Geschichte der Zwangsarbeit in Berlin während des Nationalsozialismus stehen zwar alle Verantwortlichen interessiert und wohlwollend gegenüber, aber angesichts der Haushaltslage der Stadt ist die Finanzierung weiterhin ungeklärt.

Vielen der ehemaligen heute noch lebenden Zwangsarbeiter ist die persönliche Anerkennung ihres Zwangsaufenthaltes in Berlin ebenso wichtig, wie die symbolische finanzielle Unterstützung. Oftmals verbinden diese Menschen ihren Wunsch mit der Hoffnung, noch einmal die Stätten ihrer Zwangsarbeit besuchen zu können. Diesem Wunsch folgend, haben sich in den vergangenen Jahren eine Reihe kleinerer und größerer Städte und Gemeinden in Deutschland dazu entschlossen, Besuchsprogramme für ehemalige Zwangsarbeiter zu organisieren. Solange diese Menschen noch reisen können, sollte auch die Stadt Berlin endlich initiativ werden und ein solches Besuchsprogramm auflegen.

Das Projekt der Berliner Regionalmuseen zeigt nicht zuletzt, dass die Begegnung zwischen jungen Berlinern und den ehemaligen Zwangsarbeitern ein wichtiger Beitrag zur politischen Bildung ist.

1    Pankow-Prenzlauer Berg-Weißensee / Neukölln /Steglitz-Zehlendorf / Tempelhof-Schöneberg / Treptow-Köpenick / Spandau 19. 4. - 29. 9. 2002

Friedrichshain-Kreuzberg 3. 9. - 8. 12. 2002 · Mahrzahn-Hellersdorf 3. 9. 2002 – 30. 3. 2003

Lichtenberg-Hohenschönhausen 1. 9. 2002 – 30. 3. 2003

Reinickendorf 11. 10. 2002 – 30. 3. 2003 · Mitte 15. 12. 2002 – 1. 5. 2003

weitere Informationen: www.ausstellung-zwangsarbeit-berlin.de

2    Laurenz Demps, Zwangsarbeiterlager in Berlin 1939–1945, Miniaturen zur Geschichte, Kultur und Denkmalpflege Berlins, Nr. 20/21, Kulturbund der DDR (Hg.), Berlin 1986 / Helmut Bräutigam, Nationalsozialistische Zwangslager in Berlin IV. Fremdarbeiterlager 1939 bis 1945; in: Wolfgang Ribbe (Hg.), Berlin-Forschungen IV, Berlin 1989, S. 235–280 / Rimco Spanjer, Diete Oudesluijs, Johan Meijer (Hg.): Zur Arbeit gezwungen. Zwangsarbeit in Deutschland 1940–1945, Bremen 1999 / Leonore Scholze-Irrlitz und Karoline Noack (Hg.), Arbeit für den Feind. Zwangsarbeiter in Berlin und Brandenburg 1939-1945, Berlin 1998 / Rainer Kubatzki, Standorte und Topographie der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitslager in Berlin und im Umland. Eine Dokumentation, Selbstverlag, Berlin 1999. Inzwischen erschienen unter dem Titel: Rainer Kubatzki: Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager : Standorte und Topographie in Berlin und im brandenburgischen Umland 1939 bis 1945; eine Dokumentation. Berlin 2001

3    vgl. Schönfeld, Martin, Von der Abwesenheit der Opfer zu einer späten Erinnerung. Denkmale für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Berlin, in: Verein Aktives Museum, Mitgliederrundbrief Nr. 47, Berlin Juni 2002, S. 24/25

4    vgl. Jan Krebs, Wegweiser und Stolpersteine. Rahmenbedingungen und Kontext der Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in der Ukraine, in Polen und den Niederlanden, unveröffentlichtes Manuskript, Berlin 2002

5    Die Stichting Holländerei fördert Projekte der deutsch-niederländischen Geschichte, insbesondere zum Schicksal der 500 000 niederländischen Frauen und Männer, die während des Zweiten Weltkrieges in Deutschland lebten.