Seit September 1983 werden in halbjährlichem Rhythmus »Bundesweite Gedenkstättenseminare« durchgeführt, die dem Kennenlernen von Gedenkstätten und ihren Mitarbeitern, dem Erfahrungsaustausch, der Weiterbildung und der Kooperation dienen sollen. Haben an der ersten Tagung knapp 30 Personen teilgenommen, hat sich die Zahl in den achtziger Jahren langsam gesteigert, bis sie bei ungefähr 60 Teilnehmenden angelangt war. Seit der Wende ziehen die halbjährlich durchgeführten Seminare zwischen 75 und 125 Personen an.
Von Anfang an gab es eine Diskussion um die inhaltliche und methodische Gestaltung der Seminare sowie deren Zielgruppen. Bereits im GedenkstättenRundbrief Nr. 11/1985 waren hierzu Beiträge von Thomas Lutz, Andreas Ruppert und Angela Genger erschienen. Andreas Ruppert beklagte die zu große Spannbreite der Interessen der Anwesenden. Ihm war vor allem an einer Verknüpfung von Theorie und konkreter Arbeit, besonders der Gedenkstättenpädagogik gelegen. Allerdings sah er die mangelnde Vermittlung auch durch einen Mangel in der konkreten Arbeit bedingt und konstatierte »das Desinteresse und/oder die Unfähigkeit einer Reihe von Teilnehmenden, sich auf neue, d.h. vor allem ihren bisherigen Erkenntnis- und Diskussionssträngen parallel laufende Gedankengänge einzulassen«. Angela Genger hat von ihr besuchte Seminare reflektiert und gerade die Behandlung der didaktischen Frage, wie weit der Ort selbst zum Ausgangspunkt von Gedenkstättenarbeit gemacht werden kann, begrüßt. Für sie sollte Zielrichtung der reflektierte Erfahrungsaustausch der entwickelten Praxis in den Gedenkstätten sein, in dem von außen herangezogene Referate eine untergeordnete Rolle spielen könnten.
Kurz vor der Durchführung des 36. Seminars in der Reihe der bundesweiten Gedenkstättentreffen stellt sich die Frage, in wie weit sich die in der Zwischenzeit herausgebildete Struktur für den Austausch und die Zusammenarbeit der Gedenkstätten- Mitarbeiter/-innen bewährt hat oder wo und wie diese weiterentwickelt werden könnte.
Vorbemerkung
Mit Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger Jahre setzte auf lokaler und regionaler Ebene sowie auf Länderebene eine Phase der Neugründungen von Gedenkstätten ein. Thomas Lutz bzw. sein Vorgänger Thomas Vogel, der seit 1983 für die Aktion Sühnezeichen-Friedensdienste e.V. arbeitet, erkannten die Notwendigkeit und den Sinn eines Austausches und einer Reflexion über die in Gedenkstätten wirksamen Prozesse und führten die »bundesweiten Gedenkstättenseminare« ein. Es wurden die Mitarbeiter und Initiatoren der ihm bekannten Einrichtungen und Initiativen angesprochen, und Ort und Thema wurden in Absprache von Thomas Lutz mit der jeweiligen Einrichtung gefunden. Sehr früh hat sich Thomas Lutz Geldgeber für diese Seminare gesucht, die ihrerseits auch bestimmte Interessen damit verbanden; dies waren die Friedrich-Ebert-Stiftung und die Bundeszentrale für politische Bildung.
Die Beschreibung der Funktion der Gedenkstättenseminare im Jahre 2001 bleibt notwendigerweise subjektiv. Einmal, weil ich nur von den Seminaren, an denen ich teilgenommen habe, ausgehen kann – und ich habe nicht an allen 34 Seminaren teilgenommen. Dies hat außer Thomas Lutz wahrscheinlich niemand, obwohl eine Handvoll von uns schon 20 Jahre und länger Gedenkstättenarbeit betreiben. Unsere Einrichtungen erlauben das aber nicht: In der Regel sind wir nach wie vor so minimal ausgestattet, dass, wenn die Termine z.B. im November liegen, eine Teilnahme der lokalen Gedenkstätten, die in der Regel auch eine Aufgabe im Rahmen des Gedenktages zum 9. November 1938 übernehmen müssen, unmöglich wird. Oder es stehen politische Entscheidungen an, für die die Leitung des Hauses vor Ort sein müssten. Zum anderen, weil ich mit bestimmten Erwartungen zu den Seminaren fahre: Einfach ausgedrückt, sollen sie meinen Horizont erweitern, indem ich in einen reflektierten Erfahrungsaustausch mit Kolleginnen und Kollegen von anderen Gedenkstätten trete.
Die Gedenkstättenlandschaft hat sich verändert
Im GedenkstättenRundbrief Nr. 12 vom September 1985 erschienen unter der Rubrik »Zur Diskussion« drei Beiträge, die sich mit den Inhalten und Formen der Gedenkstättenseminare auseinandersetzten. Der Initiator und Koordinator von damals, Thomas Lutz, hat die Vorbereitung, Ausführung und Dokumentation der bundesweiten Gedenkstätten bis heute weiter geführt. Hinzugenommen hat er regionale und internationale Seminare. In seinem Beitrag 1985 schlug er vor, einen »Arbeitskreis der Gedenkstätten« zu bilden, der der Zusammenarbeit und den Seminaren eine Struktur zu geben imstande sein könnte. Er nannte drei Fragekreise, die in Bezug auf diese Seminare bearbeitet werden sollten:
L Wer nimmt teil? Nur Mitglieder/Mitarbeiter von Gedenkstätteninitiativen und Gedenkstätten oder andere Personen als »Gäste«?
L Inhalte: Geht es um einen Erfahrungsaustausch und/oder inhaltliche Themenschwerpunkte?
L Anzahl und Dauer der Seminare.
Der zweite Beitrag stammte von Andreas Ruppert, damals Mitarbeiter des Kreismuseums Wewelsburg, der in »Drei Tornados« einen »Rundschlag am Mittag« nach vier Gedenkstättenseminaren formulierte; und die Verfasserin nahm ihrerseits zu diesem »Rundschlag« Stellung.
Seither sind 16 Jahre vergangen, in denen weitere über 30 Gedenkstättenseminare in halbjährigem Rhythmus stattgefunden haben. Vieles hat sich entwickelt. Nicht nur sind aus vielen Initiativen Institutionen geworden, die über die ganze Republik an historischem Ort oder auf bestimmte Ereignisse bezogen Forschungs- und Vermittlungsarbeit leisten, die im Westen in der Regel von engagierten Einzelnen ins Leben gerufen und mit Leben erfüllt worden sind. Sondern der Fall der Mauer hat eine zweite, z.T. ganz andere Entwicklungslinie eröffnet: Die großen staatlichen Mahn- und Gedenkstätten der ehemaligen DDR wurden auf Bundesebene einbezogen in die Empfehlungen der so genannten Enquete-Kommission zur Aufarbeitung des DDR-Unrechts. Sie erhielten zunächst für 10 Jahre staatliche institutionelle Förderung und standen im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Dies war ein völliges Novum in der Geschichte der Bundesrepublik. Hier hatten nicht nur die kleinen Initiativen, die sich dann etablieren konnten, mit minimalen personellen und finanziellen Ressourcen auskommen müssen. Auch Stätten wie Dachau und Bergen-Belsen, die immerhin in Landesträgerschaft standen, führten ein finanzielles und personelles Schattendasein, obwohl z.B. die KZ-Gedenkstätte Dachau mit bis zu 750000 Besuchern pro Jahr weltweit zu den bekanntesten Orten Deutschlands gehörte.
Nicht nur die Zahl, auch die Heterogenität der Teilnehmer wächst
Es gibt selbstverständlich nach 16 Jahren die »alten Hasen«, die von Anfang an oder jedenfalls sehr lange dabei sind und möglichst regelmäßig an den Seminaren teilnehmen. Manchmal delegieren sie die Teilnahme an Mitarbeiter, die an einem bestimmten Thema arbeiten. Andere Einrichtungen sind nie präsent, es sei denn, sie sind selbst Gastgeber. Die Zahl der Teilnehmer, das hat Thomas Lutz einleitend zu diesem Beitrag geschrieben, wuchs seit den 90er Jahren kontinuierlich. Diese Teilnehmer/-innen brachten unterschiedliche Lebens- und Berufszusammenhänge mit ein. Während die meisten Teilnehmer und Teilnehmerinnen bis 1990 aus den Bürgerbewegungen Westdeutschlands kamen und/oder das Thema des Nationalsozialismus als wesentlichen Teil ihrer Biographie bewusst in ihre Berufsperspektive aufgenommen hatten, kamen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus den Gedenkstätten der früheren DDR aus Institutionen, die entweder zu DDR-Zeiten schon bestanden und jetzt vor einer Neustrukturierung als Aufgabe unter enormem Legitimationszwang standen und biografisch das Thema als selbstverständlichen Teil eines Staatsverständnisses präsentierten. Oder die DirektorInnen oder Stiftungsgeschäftsführer der auf dem Gebiet der ehemaligen DDR angesiedelten Einrichtungen, die aus dem Wissenschaftsbetrieb oder anderen Institutionen des Westens kamen. Sie sind in der Regel nicht durch die Bürgerbewegungen in ihre Institutionen gekommen, und sie sehen und verhalten sich auch anders. Die LeiterInnen der Einrichtungen nehmen nur als ReferentInnen kurzfristig an den Seminaren teil.
Teilnehmer sind auch immer Studierende oder andere Interessierte. Und es gibt immer wieder Initiativmitarbeiter und die Einzelkämpfer und -kämpferinnen, die um die Durchsetzung ihrer Idee noch kämpfen und sich auf sehr unsicherem Boden bewegen. Und sich zum Beispiel einer Frage nach der Organisationsstruktur auf Bundesebene noch gar nicht stellen müssen. Sie haben manch andere Probleme und Fragen als die schon etablierten Einrichtungen, aber auch gemeinsame Ziele und Vorstellungen.
Trotz dieser Heterogenität gibt es ein gemeinsames Interesse am Thema und gemeinsame Formen seiner Bearbeitung. Missverständnisse und Spannungen gab und gibt es immer wieder mit Außenstehenden, weil mancher Konsens und manche Kürzel der Insider von Gästen nicht verstanden werden können. (Ausdruck davon ist z.B. der Beitrag von Susanne Urban-Fahr (Anneliese Rabun) »2000. Deutsches Kaleidoskop III« in der Tribüne – Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, 39. Jahrgang, Heft 155: S. 14–30, hier S. 28 ff.)
Um mit der Heterogenität und den unterschiedlichen Voraussetzungen besser umgehen zu können, könnte den Seminarprotokollen eine wichtige Rolle zukommen. Diese sollten nicht nur an die Teilnehmer verschickt werden, sondern an den Gesamtverteiler der Institutionen und Initiativen und auch an die sich für das nächste Seminar Anmeldenden. Damit wäre zumindest der Diskussionszusammenhang des letzten Seminars auch für neu Hinzugekommene ansatzweise nachvollziehbar.
Themenfindung als gemeinsamer Prozess
Themen und Struktur der Seminare werden gemeinsam mit der jeweils ausrichtenden Institution von Thomas Lutz gesetzt. Die Themenbandbreite war immer vielfältig und sowohl historisch bezogen als auch didaktisch ausgerichtet. Beide Facetten bieten Weiterbildungsmöglichkeiten und Anlass zu reflektiertem Erfahrungsaustausch. Die Themen reichten von der Struktur der SS, dem System der Konzentrationslager, der Rolle der Polizei, der jüdischen Geschichte etc. über die Funktion von Kunst in Gedenkstätten bis zu Fragen der Gedenkstättenpädagogik.
Allerdings ist ihre Präsentation in der Regel eher konventionell und wenig innovativ. Ich habe so gut wie nie eine Präsentation mit Folien erlebt oder in den Gruppen mehr als eine Wandzeitung als Ergebnis gesehen. Dies hängt auch von den Referenten und Arbeitsgruppenleitern und -leiterinnen ab, die die Methoden ihrerseits ja in der Hand haben.
Gerade vor dem Hintergrund der Heterogenität der Teilnehmer fände ich es nach wie vor sinnvoll, wenn eine Vorbereitungsgruppe, bestehend aus Thomas Lutz, der Gasteinrichtung und Vertretern und Vertreterinnen von drei bis vier unterschiedlichen Institutionen an der Vorbereitung und Durchführung von zwei bis vier Seminaren beteiligt wären. Damit wäre einerseits gesichert, dass ein möglichst weites Spektrum an vorhandenem Know How über Themen und Entwicklungen eingebracht werden kann, andererseits lässt die gemeinsame Arbeit auf ein bestimmtes Ziel hin die Verschiedenartigkeit der Institutionen und ihrer Repräsentation für einen gewissen Zeitraum zumindest partiell überspringen.
Dauer und Anzahl der Seminare sind konstant, auch die Methoden
Es finden zweimal jährlich dreieinhalbtägige Seminare statt. So hat Thomas Lutz sie von Anfang an ein- und durchgeführt. Dreieinhalb Tage reichen aus, um mit alten und neuen Kollegen in einen Dialog treten, neue Wissensbestände vorstellen und Orte in Augenschein nehmen zu können. Ihre Ausrichtung auf einen Ort bzw. den jeweils für den Mitveranstalter typischen Ansatz und die thematische Ausrichtung der Einrichtung haben sich bewährt.
Die Gedenkstättenseminare: Ein zentrales Medium der Verständigung
Alles in allem ist und bleibt es ein besonderes Verdienst von Thomas Lutz, die Initiative ergriffen zu haben, die Seminare zu etablieren. Sie bringen heterogene Institutionen und Teilnehmer in einen Dialog und bieten ein Podium zur Weiterbildung. Sie sind in manchen Bereichen eindeutig professioneller geworden, z.B. in der disziplinierteren Zeiteinhaltung und den Tagungsorten.
Ihre bessere Dokumentation, z.B. in Form eines Kurzberichtes in den jeweils nächsten GedenkstättenRundbriefen über zentrale Beiträge und eine weitere Verteilung des Protokolls, könnte helfen, den Dialog aufrecht zu erhalten und weiterzuführen, auch wenn nicht jeder oder jede an jedem Seminar teilnehmen kann. Sie sind auch geeignet, Fragen nach Organisationsstrukturen gemeinsam zu beraten. Nutzen wir sie!