Zug der Erinnerung

08/2007Gedenkstättenrundbrief 138, S. 34-39
Hans-Rüdiger Minow und Renate Dreesen

Zwischen Oktober 1940 und Dezember 1944 deportierten die deutschen Behörden und NS-Dienststellen aus dem Reichsgebiet und den unterworfenen Staaten Europas mehrere hunderttausend Kinder. Unter dem Decknamen DA (»David«) steuerten die Züge die Vernichtungslager an. Auch Kinder der Sinti und Roma wurden deportiert. Durch ganz Europa schleuste die Reichsbahn junge Gefangene, um sie dem Tod auszuliefern. Unter den Opfern warhen mehrere zehntausend Kinder aus Deutschland. Über sie und über ihre Leidensgefährten aus fast sämtlichen Staaten des Kontinents ist in der breiten Öffentlichkeit nur wenig bekannt.

Wie viele der Kinder überlebten, ist bis heute unerforscht. Tausende sind vermisst und verschollen. Fotos aus den Familienalben einer glücklichen Kinderzeit sind oft das einzige, was geblieben ist. Die Lebensläufe und Dokumente tausender Kinder stehen nicht nur stellvertretend für das Los der Millionen, die ermordet wurden. Sie verweisen zugleich auf einen schwerwiegenden Zivilisationsbruch. Spätestens beim Anblick der Kinder hätten die Täter und Helfer, die Mitwisser und Augenzeugen Nein sagen müssen. Manche haben davor zurückgeschreckt, diese letzte Schwelle zur Unmenschlichkeit zu übertreten, kaum einer jedoch hat es aber gewagt, sich der Tat zu verweigern.

Die Verantwortung für Auschwitz und die anderen Mordstätten Nazideutschlands übernehmen heißt, sich diesem Zivilisationsbruch zu stellen und in die Augen der deportierten und ermordeten Kinder zu schauen. Deutsche Bürgerinitiativen lassen einen Zug der Erinnerung durch Deutschland fahren – damit der Kinder und Jugendlichen endlich gedacht werden kann.

Der Zug

Der Zug der Erinnerung fuhr probeweise erstmals am 27. Januar 2007 in Würzburg, um der Kinderdeportationen in Mainfranken zu gedenken. Die historische Lok und wenige Wagen mit Fotos der Kinder und Dokumenten über das regionale Deportationsgeschehen riefen bundesweit erhebliches Medieninteresse hervor. Die ungewöhnliche Darstellungsform und der einfache Bezug zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der im Bahnhof, dem früheren wie heutigen Handlungsort, hergestellt werden konnte, machte die Präsentation gerade für Jugendliche gut nachvollziehbar. Vor dem Hintergrund der in Würzburg gewonnenen Erfahrungen soll der Zug der Erinnerung bundesweit verkehren. Während des Aufenthalts des Zuges der Erinnerung werden zusätzlich vor Ort Veranstaltungen stattfinden und gesellschaftliche Initiativen Gelegenheit zu eigenen, ergänzenden Darstellungen haben. Je nach örtlichen Aktivitäten verlässt der Zug der Erinnerung spätestens am Ende einer Woche die Region und wechselt in die nächste, um dort den Impuls für Erinnern, Forschen und Gedenken weiterzugeben.

Die Ausstellung

Der Zug der Erinnerung besteht aus mehreren Waggons, in denen die Geschichte der europäischen Deportationen, Fotos und Schicksale der Kinder und Filmsequenzen gezeigt werden. Schwerpunkt der Ausstellung ist das Deportationsgeschehen in Deutschland.

In einem der Wagenteile hält der Zug der Erinnerung eine Rechercheneinheit bereit: Computer und Handbibliothek laden zur Spurensuche ein. Hier besteht auch die Möglichkeit, über die Ausstellung zu sprechen und Erfahrungen auszutauschen.

 

 

Die Strecke

Fast sämtliche deutschen Bahngleise waren in das Deportationsgeschehen einbezogen. Die europaweite Logistik der Verschleppung und Vernichtung hätte ohne die Dienste der Reichsbahn nicht funktionieren können. Die Durchgangsstrecken dieser Transporte kreuzten große deutsche Städte: Hamburg, Köln, Frankfurt a. M. oder Dresden. Auf den Bahnhöfen schienen sich die Wartenden an den Anblick der Todeszüge gewöhnt zu haben.

Kaum ein Bahngleis, das an die Schicksale der Verschleppten erinnert; wenige Bahnhöfe, in denen ein Ort des Gedenkens besteht.

Der Zug der Erinnerung wird auf seinem Weg durch Deutschland über einen Teil der Deportationsstrecken fahren – an sämtlichen Bahnhöfen zu halten, über die Millionen Deportierte geschleust wurden, würde Jahre dauern. Welche Städte der Zug anfahren kann, hängt von den Bürgerinnen und Bürgern dieser Orte ab: Initiativgruppen, Organisationen, aber auch Netzwerke einzelner Interessierter können den Zug der Erinnerung anfordern.

Die Erinnerung

Warum ist über das Schicksal der Kinder so wenig bekannt? Warum erinnern wir uns nicht?

Prof. em. Dr. Peter Krahulec meint: »In der Tat besteht hier – trotz der bröckelnden Amnesie – eines der letzten Tabus des bundesrepublikanischen Geschichtsbewusstseins.«

Erinnerung ist konkret: Spurensuche nach Menschen und Ereignissen, die vergessen scheinen und beschwiegen werden.

Spurensuche

Von den Deportationsopfern, vor allem aber von den Kindern und Jugendlichen gibt es bisher nur wenige Fotos und Dokumente – ihr Leben war oft sehr kurz.

Der Zug der Erinnerung soll anregen, vor Ort, in den Städten, in denen der Zug hält, nach den Spuren und den Lebenszeugnissen der Kinder und Jugendlichen zu suchen.

Dort, wo sich Interessierte, Gruppen und gesellschaftliche Organisationen für diese Suche einsetzen, wird der »Zug der Erinnerung« halten – an den Bahnhofsstationen eines Leidensweges, der dem Vergessen entrissen werden muss. Besonders sollen Schulen und Schulklassen zur Spurensuche angeregt werden, aber jeder interessierte Bürger, jeder Nachbar kann sich beteiligen.

Die bundesweite Spurensuche wird unterstützt durch die Körber-Stiftung in Hamburg, die seit vielen Jahren den Geschichtswettbewerb ausrichtet (www.koerber-stiftung.de/wettbewerbe/geschichtswettbewerb).

Folgende Fragen geben Anregungen für die Spurensuche:

• Welche Kinder und Jugendlichen wurden aus meiner Stadt deportiert?

• Mit welcher Person will ich mich näher beschäftigen?

• Wo hat das Kind gelebt? Wer waren die Eltern?

• Gibt es noch Familienangehörige?

• Gibt es die Straße, das Haus heute noch?

• Gibt es noch Nachbarn, die sich an die Kinder erinnern?

• Gibt es Fotos, Briefe, Gegenstände, die den ehemaligen Nachbarn gehörten?

• Welche Schulen haben die Kinder besucht? 

• Gibt es diese Schulen noch heute?

• Finden sich im Schularchiv Unterlagen, Schülerkarteikarten, Schülerakten, Zeugnisse, Prüfungsunterlagen, Klassenfotos etc.?

• Welche Erinnerungen haben ehemalige Klassenkameraden?

Didaktische Anregungen

Der Zug der Erinnerung ist ein Projekt deutscher Bürgerinitiativen, die ein Zeichen gegen Geschichtsvergessenheit, Antisemitismus und die extreme Rechte setzen wollen. Deswegen fährt der Zug insbesondere für Jugendliche, die in den Opfern der NS-Deportationen ihresgleichen erkennen können und ermöglicht Empathie.

Für diese emotionale Annäherung stellt der Zug einen Handlungsort zur Verfügung. Er knüpft an die Ereignisse der Vergangenheit an und ist aus alltäglichen Gegenwartserlebnissen vertraut. Deswegen steht im Mittelpunkt unseres didaktischen Konzepts der Zug.

Für die Initialisierung der Spurensuche hält der Zug einen Computer-Arbeitsplatz und eine Auswahlbibliothek bereit. Am Computer kann das digitalisiert Gedenkbuch des Bundesarchivs aufgerufen und nach den Namen der vor Ort deportierten Kinder durchsucht werden. Zusätzliche Ansatzpunkte für die Recherche bietet die Auswahlbibliothek. Dieser Handapparat wird an den jeweiligen Orten um regionale Publikationen ergänzt. Sie werden von den lokalen Initiativen zusammengestellt und im Zug präsentiert – ebenso wie Hinweise auf zusätzliches Material.

Beispiel einer Spurensuche aus Darmstadt von Renate Dreesen

Facing History and Ourselves

»Seit vielen Jahren arbeite ich mit dem Programm «Facing History and Ourselves».1 Dieses Programm wurde vor fast 30 Jahren entwickelt, um das Rassismus – Problem in Amerika anzupacken. Es bietet meiner Ansicht nach viele gute vor allem methodische Ansätze für den Zugang zur Geschichte des Holocaust. Dabei geht es nicht in erster Linie um das Vermitteln von historischen Fakten, sondern um das Handeln von Personen und unsere heutige Haltung zu diesem Handeln.

Gerade in dem Ansatz «Facing History and Ourselves» sehe ich Möglichkeiten, mit Schülern über die Shoah zu arbeiten und dabei nicht bei der Bekundung allgemeiner Betroffenheit stehen zu bleiben. Ausgehend von der Reflexion der eigenen Identität, auch eigenen Erfahrungen mit Verletzung und Diskriminierung werden eigene Vorurteile bewusstgemacht und damit eine wesentliche Voraussetzung geschaffen, sie zu überwinden.

Für die konkrete Arbeit ist für mich wichtig, an eigenen Bezugspunkten anzuknüpfen, d.h. in der Schule, am Wohnort, aber auch in der Familie und sich besonders einzelnen Schicksalen zuzuwenden. Die Spurensuche knüpft an der Erforschung unserer Schulgeschichte an, die 1998 mit der Publikation »Schule gestern – Schule heute« abgeschlossen wurde.2

Von Darmstadt aus fanden über die Justus-Liebig-Schule in den Jahren 1942 und 1943 Deportationen aus dem ganzen südhessischen Raum statt3, die Schule diente als Sammellager. Die Listen der verschiedenen Deportationen sind erhalten und zugänglich.4 Es lag also nahe, ausgehend von diesen Listen auf Spurensuche zu gehen. Mittlerweile liegen nicht nur die Listen für Darmstadt vor5, sondern auch die Deportationslisten aus dem ehemaligen Volksstaat Hessen.6

Als ich das Projekt den Schülern vorstellte, bat ich sie, aus den Deportationslisten möglichst Namen herauszusuchen, zu denen sie einen Bezug herstellen können: Personen aus ihrem Wohnort (unsere Schule hat ein sehr großes Einzugsgebiet), ihrer Straße etc. Ich regte dazu an, in die Archive zu gehen, in die Straßen, Nachbarn zu befragen. Dennoch wurden die Jugendlichen oft abgewiesen und es bedurfte vieler Ermutigungen, beharrlich weiter zu machen. Auch stellte es sich als hilfreich heraus, den Schülern ein offizielles Schreiben der Schule mitzugeben, in dem das Projekt beschrieben und um Unterstützung gebeten wurde.

Wenn Schülerinnen und Schüler auf Spurensuche gehen und Erinnerungsarbeit leisten, so ist das nicht Selbstzweck. Aus der Geschichte lernen heißt, sich dafür zu engagieren, dass sie sich nicht wiederholt. Indem wir uns erinnern, stellen wir uns den Versuchen der Verdrängung und Leugnung entgegen.

Heute steht für Jugendliche nicht die Frage der Schuld im Mittelpunkt, sondern die der Verantwortung. Empathie für die Opfer und Empfindsamkeit für das Leid anderer ist auch eine Voraussetzung, allen Formen von Diskriminierung und Gewalt gegenüber Minderheiten in unseren Tagen entschiedener und mutiger entgegenzutreten.

Schüler berichten

»Vor Beginn unseres Projektes hatten wir uns immer nur mit der Judenvernichtung im allgemeinen beschäftigt, aber dies ist nicht zu vergleichen mit unseren Gefühlen und Eindrücken, die wir während unserer Recherchen im Rahmen unseres Projektes bekommen haben. Wir beide haben viele Menschen kennen gelernt. Darunter war eine Jüdin, die den Holocaust überlebt hat, aber nicht über ihre grausamen Erlebnisse sprechen wollte. Eine andere Frau wiederum, deren Mutter Halbjüdin war, erzählte uns, dass ihr Vater, der Deutscher war, Mutter und Tochter in dieser Zeit verließ. Die beiden waren also auf sich allein gestellt und so flüchtete die Mutter mir ihrer kleinen Tochter bis zum Ende des Krieges quer durch ganz Deutschland. Während dieser Gespräche waren wir entweder völlig fassungslos oder wie gelähmt, da uns diese Schicksale sehr nahe gingen.

Natürlich haben wir uns in unserer Recherche nicht nur mit jüdischen Personen beschäftigt. Wir wollten auch wissen, wie ältere deutsche Personen über ihre Vergangenheit reden. Auch hier gab es wieder Unterschiede zwischen einzelnen Personen. Einige versuchten uns zu erklären, dass sie von nichts wussten, andere gaben an, dass sie sich ja selbst in Gefahr gebracht hätten, wenn sie jüdische Menschen bei sich aufgenommen hätten. Und dann gab es auch wieder Leute, die nicht über diese Zeit reden wollten. Bei der Befragung dieser Personen haben wir ganz deutlich gemerkt, dass dieses Thema Jahrzehnte lang tabu war und sie deshalb diese Zeit verdrängt haben.

Für uns waren die Wochen des Erforschens sehr interessant, da wir alle wahrscheinlich die letzte Generation sind, die die Chance hat, mit Menschen zu reden, die den 2. Weltkrieg und den Holocaust erlebt bzw. überlebt haben.« (Lena Schiwek und Christiane Gittel)

»Es gibt, so stellte sich für mich nach diesem Projekt heraus, immer Gründe, der Menschen zu gedenken, die im 2. Weltkrieg starben, besonders der jüdischen Menschen. Oft hatte man sie zu Namen oder gar Nummern degradiert. Nie wird versucht, die Persönlichkeit der Menschen in den Vordergrund zu stellen. Mit meinem Gedenken stirbt die Erinnerung an die Person hinter dem Namen nicht.« (Lisa Fröhlich)

Spenden? Streckenpatenschaften!

Den »Zug der Erinnerung« finanzieren viele Einzelpersonen, Gruppen und gesellschaftliche Organisationen. Die Vorbereitungen auf die Fahrt des Zuges, die mobile Ausstellung, Lok, Waggons und Logistik für den mehrmonatigen Schienenweg durch Deutschland wird 90,– Euro/km kosten. Wir bitten um finanzielle Unterstützung oder die Übernahme von Streckenpatenschaften für einen oder mehrere Kilometer.

Zug der Erinnerung – Streckenpatenschaft
Kreissparkasse Köln
BLZ: 370 502 99
Konto 0352 550 392

 

Rüdiger Minow, Jg. 1944, ist der Vorsitzende des »Zugs der Erinnerung«. Studium in Tübingen (Philosophie, Geschichte), Paris und München (Theaterwissenschaften), Farmarbeiter im Kibbutz Adamit (Israel), seit 1983 Autor, Regisseur und Produzent zahlreicher Dokumentationen (u.a. Dänemark, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien, Russland, Syrien, Vortrags- und Lehrtätigkeit in Philosophie, Geschichte, Theaterwissenschaften.

Renate Dreesen, Jg. 1953, Studium in Frankfurt und Marburg (Germanistik, Politikwissenschaft, Pädagogik). Lehrerin in Darmstadt, Sprecherin der Initiative Gedenkort Güterbahnhof, Vorsitzende des Arbeitskreises ehe ma lige Synagoge Pfungstadt. Als 2. Vorsitzende des »Zugs der Erinnerung« leitet sie die Spuren suche im gleichnamigen Projekt.

 

[1] FHAO ist ein amerikanisches Programm zur Arbeit mit Holocaust und Demokratieerziehung. Das Fritz-Bauer-Institut hat den Ansatz von FHAO in dem Projekt »Konfrontationen« übernommen.

[2] Renate Dreesen u.a.: Schule gestern – Schule heute, Schulgeschichte als Schulprojekt, erhältlich in der Heinrich-Emanuel-Merck-Schule.

[3] Juden-Deportationen aus Darmstadt 1942/42, Darmstadt 1992.

[4] Juden als Darmstädter Bürger, hrsg v. Eckhardt G. Frantz, Darmstadt 1984, S. 381ff, siehe hierzu auch die Homepage der »Initiative Gedenkort Güterbahnhof Darmstadt«: www.denkzeichen-gueterbahnhof.de.

[5] Darmstadt als Deportationsort, Zur Erinnerung an die unter dem Nazi-Regime aus dem ehemaligen Volksstaat Hessen deportierten Juden und Sinti, Darmstadt 2004.

[6] Die Deportationslisten, Veröffentlichung der vollständigen Namenslisten der 1942/43 aus dem ehemaligen Volksstaat Hessen deportierten Juden, Darmstadt 2004.