»Züge nach Ravensbrück«

Die Neue Dauerausstellung auf dem Freigelände der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
08/2006Gedenkstättenrundbrief 132, S. 29-33
Karolin Steinke

Der Güterwagen als das zentrale Symbol für die Deportationen

Zum 60. Jahrestag der Befreiung des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück wurde am 15. April 2005 von der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück die Open-Air-Dokumentation »Züge nach Ravensbrück. Transporte mit der Reichsbahn 1939–1945« eröffnet.[1] Die Dauerausstellung berichtet über die Zugtransporte von dem und in das Konzentrationslager Ravensbrück und ist bisher die einzige Ausstellung in einer deutschen Gedenkstätte, die ausschließlich und in diesem Umfang das Thema der Deportationstransporte behandelt.[2]

Zentrales Ausstellungsobjekt ist ein historischer Güterwagen, um den unter freiem Himmel insgesamt 28 Informationstafeln angeordnet sind. Er erinnert daran, dass die große Mehrheit der insgesamt mindestens 123 000 Häftlinge im Lagerkomplex Ravensbrück[3] – Männer, Frauen und Kinder – ab 1939 mit Zügen in das Konzentrationslager bei Fürstenberg (Havel) verschleppt wurde. Die Deutsche Reichsbahn transportierte zwischen 1941 und 1945 etwa drei Millionen Menschen aus den besetzten Ländern Europas mit Zügen vor allem in die Vernichtungslager im »Osten«. Ohne die willige Mitarbeit der Reichsbahnbeamten hätte das Reichssicherheitshauptamt in Berlin unter Adolf Eichmann Deportationen in dieser Größenordnung nicht durchführen können.

Der in Ravensbrück aufgestellte »Viehwagen« suggeriert, dass alle Häftlinge mit Güterwagen an diesen Ort gebracht wurden. Tatsächlich aber benutzte die Deutsche Reichsbahn, darüber informieren die Tafeln, bis 1943 für Transporte in die Konzentrationslager im »Deutschen Reich« vor allem Personenwagen und vergitterte Gefangenenwagen. Das gilt nicht für die Vernichtungslager im »Osten«, welche meistens von Güterwagen angefahren wurden. Die bekannten geschlossenen Güterwagen rollten auch nach Ravensbrück erst mit den Massendeportationen aus den besetzten Ländern und im chaotischen letzten Kriegsjahr. Ungeachtet dessen ist der deutsche Reichsbahn-Güterwagen spätestens seit 1993, als ein Exemplar im Holocaust Museum in Washington (D.C.) aufgestellt wurde, das zentrale Symbol für die Deportationen im Nationalsozialismus.[4]

Tafeln um einen Güterwagen – die Idee der Ausstellung

Vor und hinter dem Wagen befinden sich über den Gleisen rund um zwei hölzerne Plattformen jeweils 14 Tafeln mit Texten in deutscher und englischer Sprache sowie zahlreichen Bilddokumenten. Die Besucher müssen in die abstrahierten Abteile in der Größe eines Waggons eintreten, um die von der Innenseite beschriebenen Tafeln zu lesen; für Rollstuhlfahrer sind Rampen angebracht. Sie finden dort eine Zusammenstellung aus historischen und eisenbahntechnischen Daten, aber vor allem Augenzeugenberichte von Frauen, die aus allen Teilen Europas nach Ravensbrück verschleppt wurden. Auch Eisenbahner und ehemalige Anwohner kommen zu Wort.

In ihrem ersten Teil gibt die Ausstellung einen Überblick über die Zeitstruktur und Herkunft der Transporte nach Ravensbrück. Sie erklärt die verschiedenen Zugtypen, die Ankunftsorte der Züge und das Verhältnis der damaligen Anwohner zu den im Bahnhof des Kurortes Fürstenberg (Havel) eintreffenden Zügen. Weitere Tafeln informieren über die Gleisanlagen rund um das Lager, über die Rolle der Deutschen Reichsbahn bei den Deportationen und die Aufarbeitung des hier ausgestellten Güterwagens. Im zweiten Teil geht es darum, wie sich die Transporte nach Ravensbrück von 1939 bis 1945 in ihrer Struktur veränderten. Weiterhin erhält der Besucher Informationen zu Beutegut-Transporten, zu Fahrten an Arbeitsplätze außerhalb des Lagers und in Vernichtungslager, sowie zu den Räumungstransporten unter katastrophalen Bedingungen aus anderen Konzentrationslagern. Die letzten beiden Tafeln berichten von den Zügen, mit denen Häftlinge nach ihrer Befreiung zurück in ihren Wohnorte fuhren.

Mit dieser Ausstellung wird der Wissensstand über den Lagerkomplex Ravensbrück um einige Details bereichert. So ist zum Beispiel nun bekannt, dass ein eigens für das Konzentrationslager an dessen Nordrand erbauter Bahn-Haltepunkt am 15. August 1942 eröffnet wurde. Dort halten heute nur noch Draisinen auf der für den Tourismus genutzten Strecke von Templin nach Fürstenberg. Außerdem werden erstmals einstige Mitarbeiter der nahe gelegenen »Faserstoffwerke«, eines ehemaligen Rüstungsbetriebes, vorgestellt. In jenen Werkshallen auf der dem Lager abgewandten Havelseite mussten auch Ravensbrück-Häftlinge Zwangsarbeit leisten. Die werkseigene Eisenbahnfähre – ein einmaliges technisches Denkmal – ist noch heute vor Ort zu besichtigen. Mit Güterwagen, welche Materialien für die Rüstungsproduktion geladen hatten, sowie Häftlingen und KZ-Personal setzte die Fähre zwischen Werks- und KZ-Gelände über.

Für die Ausstellung berichteten einige »Ravensbrückerinnen« zum ersten Mal über ihren Transport, unter ihnen die Polin Alicja Kubecka, welche zwischen August und Oktober 1944 als eine von rund 12 000 Frauen aus dem aufständischen Warschau in das Frauen-Konzentrationslager transportiert wurde: »Am 3. September wurden wir Frauen und Männer gemeinsam in sogenannte Viehwagen gesteckt. […] Nach einigen Stunden hielt der Zug [in Breslau] an und die Tür wurde aufgeschoben. Leute auf dem Bahnsteig, hauptsächlich Deutsche, begannen, uns Brot, Tomaten und Wasser zu reichen. Das dauerte aber nicht lange, weil die uns eskortierenden Nazisoldaten die Tür zuschoben und der Zug weiterfuhr. […] Am nächsten Tag [nach einem eintägigen Zwischenaufenthalt im Konzentrationslager Groß-Rosen bei Breslau] wurden wir Frauen zu einer anderen Bahnstation geführt und in die Viehwagen gesteckt. Diese Fahrt dauerte wesentlich länger. […] Der Zug hielt mehrmals für längere Zeit an, die Tür wurde aber niemals geöffnet. Am meisten fehlte uns Wasser, einige von uns hatten noch etwas zu Essen und teilten es. Erschöpft gelangten wir ans Reiseziel: Ravensbrück.«

Von »Sammeltransporten« ab Mai 1939 bis zu »Räumungstransporten« 1945

Wann der erste und wann der letzte Zug mit Häftlingen in Ravensbrück eintraf, konnte ebenso wie die Anzahl der Transporte nicht exakt bestimmt werden. Die Häftlingstransporte lassen sich jedoch anhand der erhaltenen Zuganslisten des Lagers in vier Phasen aufteilen: In den ersten Jahren zwischen Mai 1939 bis Dezember 1942 überwogen die »Sammeltransporte«, bei denen jeweils maximal 50 Häftlinge aus mehreren Berliner Gefängnissen mit Zellenwagen und Personenwagen nach Ravensbrück gebracht wurden. 1943 kamen zu den »Sammeltransporten« zunehmend »Deportationstransporte« aus den von Deutschland besetzten Ländern Europas hinzu. 1944 stieg dann die Zahl der neu Eingelieferten sprunghaft an. Neben »Sammeltransporten« aus dem Reichsgebiet hatten in jenem Jahr vor allem »Sondertransporte« aus Gefängnissen in den besetzten Ländern Ravensbrück zum Ziel. Gegen 1944 kamen zahlreiche Transporte aus anderen Konzentrationslagern hinzu: Angesichts der herannahenden alliierten Truppen räumte die SS viele Lager und brachte die Häftlinge zu Konzentrationslagern im Landesinnern. Von Januar bis April 1945 überwogen solche »Räumungstransporte«. Vor allem aus Auschwitz kamen im Januar und Anfang Februar auf diese Weise rund 7000 weibliche Häftlinge ins KZ Ravensbrück, das damals in Brandenburg (Preußen) an der Grenze zu Mecklenburg lag. Nicht wenige der nach Ravensbrück Deportierten mussten im Laufe ihres Lageraufenthaltes mehrmals in Züge steigen – mit der Eisenbahn wurden sie auch zur Zwangsarbeit in Außenlager oder in andere Konzentrationslager gebracht, sowie zu verschiedenen Mordstätten überstellt. Was oft vergessen wird: Die wenigen aus dem Frauen-Konzentrationslager entlassenen Frauen und Männer und viele der 1945 Befreiten fuhren mit Zügen zurück in ihre Heimat, sofern es noch eine gab. Auch für die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Kohle nutzte die Lagerleitung die Eisenbahn.

Über die Geschichte des Wagens und seinen jetzigen Standort in Ravensbrück

Der in Ravensbrück ausgestellte bedeckte Güterwagen wurde um 1909 in Frankreich für die Paris-Lyon-Méditerranée-Bahn (PLM) erbaut. Unter Zwang waren französische Güterwagen im Zweiten Weltkrieg von der Reichsbahn massenhaft angemietet und eingesetzt worden. Beim Anstrich und der Beschriftung des Wagens wurde davon ausgegangen, dass die Deutsche Reichsbahn den Güterwagen im besetzten Frankreich erbeutet und als Reichsbahnwagen in den eigenen Bestand eingereiht hat. Allerdings ist nicht erwiesen, dass dies tatsächlich der Fall war. Ebenso ließ sich nicht klären, ob der Wagen jemals nach Ravensbrück fuhr, und ob Häftlinge in ihm transportiert wurden. Später befand sich das Fahrzeug im Besitz der DDR-Reichsbahn, von der er zu einem Bauwagen umgearbeitet wurde. Vor zwei Jahren erwarb die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück/Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten den Güterwagen vom »Eisenbahnverein Hei Na Ganzlin e. V. Röbel«. Für die Open-Air-Dokumentation haben Auszubildende der »Deutschen Bahn AG« den Wagen im Rahmen des bahninternen Wettbewerbs »Bahn-Azubis gegen Hass und Gewalt« im Frühjahr 2005 in Rostock-Seehafen (zusammen mit Handwerkern der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück) aufgearbeitet und dafür den 1. Preis gewonnen.

Der verschlossene Wagen steht mit den Tafeln unter freiem Himmel. Um ihn wetterfest zu machen und seinen weiteren Verfall zu stoppen, mussten die meisten Holzteile des Wagenkastens ausgewechselt und der Anstrich erneuert werden. Obwohl eine historisch plausible Beschriftung von 1943 angebracht wurde, kann man in diesem Fall aufgrund der massiven Umbauten nicht von einer Konservierung oder Wiederherstellung des originalen Zustandes sprechen. Ohnehin war der ursprüngliche Zustand des Wagens durch den Umbau in der DDR zum Bauwagen kaum mehr erkennbar und die Bestimmung seiner Herkunft sehr schwierig. Deshalb fungiert der Güterwagen in dieser Ausstellung nicht in erster Linie als Sachzeugnis, sondern als symbolisches Objekt.

Der Wagen steht direkt vor den historischen »Beutebaracken« in ungefähr 800 Metern Entfernung vom Eingang der Gedenkstätte am südöstlichen Rand des ehemaligen Lagergeländes. Der Standort erinnert an die Anlieferung erbeuteter Sachgüter mit Güterwagen an genau diese Stelle. Auf den dortigen Gleisen, welche nach dem Krieg ersetzt wurden, fuhren damals zahllose Wagen mit ganzen Zimmereinrichtungen bis vor die heute teilweise erhaltenen Steinrampen. Häftlinge mussten die Güterwagen entladen und das Beutegut in die acht angrenzenden Holzbaracken schaffen.

So ideal, wie der Standort der Ausstellung aus historischer Perspektive ist, so problematisch ist er in Bezug auf die Spezifik der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Große Teile des Geländes, darunter das Stück, auf dem sich die Ausstellung befindet, wurden bis Anfang der 90er Jahre von der russischen Armee genutzt. Bis heute sind diese Teile nicht im Besitz der Gedenkstätte und daher weitgehend ungestaltet. Da die Ausstellung recht weit vom Eingang entfernt aufgestellt ist, findet längst nicht jeder Besucher den Weg dorthin. Mit dem Auto kann man nahe an die Ausstellung heranfahren, aber beim Zugang zu Fuß diagonal über das ehemalige Lagergelände muss oft erst ein Mitarbeiter der Gedenkstätte einen Zaun aufschließen. Für das Problem der kostspieligen Erhaltung der verfallenden »Beutebaracken«, auf welche sich zwei Tafeln der Exposition beziehen, gibt es derzeit keine Lösung. Ebenso konnten noch keine finanziellen Mittel für eine Broschüre oder einen Katalog aufgebracht werden, in denen man die umfangreichen Ausstellungstexte nachlesen könnte.
 

Karolin Steinke studiert an der Humboldt Universität Berlin Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie und arbeitet parallel als freie Journalistin. 2005 konzipierte und realisierte sie im Auftrag der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück die Ausstellung »Züge nach Ravensbrück. Trans porte mit der Reichsbahn 1939–1945«.
 

[1] Weitere Informationen über die Ausstellung finden sich auf der Homepage der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück (www.ravensbrueck.de) unter dem Punkt »Sonderausstellungen«.

[2] Vgl. die Ausstellung »›Judendeportationen‹ 1941–1945« im Deutschen Technikmuseum Berlin über die Deportationstransporte aus Berlin.

[3] Zur unklaren Anzahl der Häftlinge in Ravensbrück siehe: Bernhard Strebel: Das KZ Ravensbrück: Geschichte eines Lagerkomplexes, Paderborn 2003, S. 113.

[4] Vgl. Alfred Gottwaldt: Der deutsche Güterwagen. Eine Ikone für den Judenmord?, in: Museumsjournal Nr. I, 13. Jahrgang, Januar 1999.