»Wohin bringt Ihr uns?«

Das »Denkmal der grauen Busse« in Brandenburg an der Havel
04/2009Gedenkstättenrundbrief 148, S. 32-34
Kristina Hübener und Stefanie Endlich

Seit dem 18. Januar 2009 steht das mobile »Denkmal der grauen Busse«, das ein Jahr zuvor in der Berliner Tiergartenstraße 4 aufgestellt wurde, auf dem Nicolaiplatz in Brandenburg an der Havel.

 Horst Hoheisel und Andreas Knitz schufen es im Jahr 2006 für das Zentrum für Psychiatrie »Die Weissenau« und die Stadt Ravensburg, zur Erinnerung an die Todestransporte von Psychiatriepatienten in den Jahren 1940 und 1941. Es besteht aus zwei in Originalgröße in Beton gegossenen begehbaren Bussen des gleichen Typs, wie er von den Pflegeanstalten zu den Vernichtungsanstalten fuhr. Einer der Busse hat seinen festen Platz: Er blockiert die »alte Pforte« des Zentrums für Psychiatrie »Die Weissenau« in Ravensburg. Der zweite graue Bus wechselt seinen Standort, wenn bürgerschaftliche Initiativen sich dafür einsetzen, ihn in eine Stadt zu holen, die damals Schauplatz oder Planungsstätte der »Euthanasie«-Verbrechen war.

Berlin-Brandenburg spielte eine zentrale Rolle für die »Euthanasie« im Dritten Reich. Den Gasmord organisiert eine Zentralstelle in der Berliner Tiergarten Str. 4 (deshalb der Name »Aktion T4«). In sechs Tötungsanstalten – so auch nach Brandenburg an der Havel – wurden die Patienten in den grauen GEKRAT-Bussen verbracht. Im Januar 1940 fuhren die ersten Busse dorthin. Der Massenmord an Psychiatriepatienten wurde als Gelegenheit genutzt, die »Ballastexistenzen« loszuwerden. Die »Lebensunwerten« waren lediglich noch als Forschungsobjekte von Interesse. So richtete zum Beispiel der Reichsauschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter Leiden in der Landesanstalt Brandenburg-Görden die erste Kinderfachabteilung ein, in der reichsweit Schulungen stattfanden.

Für das Land und vor allem für die Stadt Brandenburg an der Havel soll der graue Bus voraussichtlich bis Oktober 2009 ein Denkzeichen am authentischen Ort setzen. Er soll auch darauf hinweisen, dass eine aktiv arbeitende »Euthanasie«-Dokumentationsstätte an diesem Ort schon lange angestrebt, aber immer noch nicht realisiert worden ist. Für ein breites Publikum wird ein anspruchsvolles Rahmenprogramm angeboten. Neben Theateraufführung und szenischer Lesung stellt eine Vortragreihe unter anderem die neuesten Forschungen zur NS-Psychiatrie in Brandenburg vor. Sie sind vor allem Ergebnis eines universitären Projektes, das seit Oktober 2000 am Historischen Institut der Universität Potsdam angesiedelt ist. Seit Oktober 2005 wird es mit erweiterten Zielstellungen durch die dortige Arbeitsstelle Medizin-Geschichte fortgeführt. Ziel des Projektes war und ist auch eine umfassende Aufarbeitung und Dokumentation der brandenburgischen Psychiatrie- und Medizingeschichte, mit besonderem Blick auf die NS-Psychiatrie. Seine Ergebnisse sind in der inzwischen auf 17 Bände angewachsenen Schriftenreihe zur Medizin-Geschichte beim be.bra verlag publiziert und somit auch für eine breite Öffentlichkeit erfahrbar. Allein fünf beschäftigen sich in Form von Grundlagenforschung mit medizinhistorischen Aspekten der NS-Zeit. Sie können die in Brandenburg an der Havel geplante Dokumentationsstelle in deren Arbeit wesentlich unterstützen. Das Projekt der Universität Potsdam ist seit 2002 – hier speziell mit Blick auf die NS-Zeit – zum Anlaufpunkt für Anfragen, Informationen, wissenschaftliche Auskünfte und Hilfestellungen geworden.

Die Zusammenarbeit mit Schulen ist ein weiterer wesentlicher Baustein der universitären Projektarbeit. Ein Ergebnis wird innerhalb des Rahmenprogramms vom 22. April an für mehrere Wochen in der Nicolaikirche gezeigt: das Schülerprojekt »Stolpersteine« mit Ausstellung und Verlegung von Steinen in Neuruppin, Eberswalde, Teupitz, Lübben und Guben. Seit Mai 2003 wurde zunächst von Schülern des Paul-Gerhardt-Gymnasiums in Lübben eine Ausstellung zur NS-Thematik entwickelt, die durch Schülerarbeiten an den Standorten der früheren Landesanstalten erweitert wurde. Ziel des Engagements der Schülergruppen war es, »Euthanasie«-Opfer namhaft zu machen. Die Ausstellung war seit dem 27. Januar 2004 zunächst im Landtag Brandenburg zu sehen, danach ging sie bis Ende 2005 – immer mit Rahmenprogramm – in die Museen der jeweiligen Städte.

Die Ausstellungseröffnung am 22. April ist gleichzeitig der Beginn für neue Vorhaben mit Schülern: Ein Zeitzeugenprojekt unter dem Thema »Euthanasie«-Verbrechen in Brandenburg an der Havel – Gedenken an die Opfer der NS-Psychiatrie wird von Thomas Reichel umgesetzt. Das universitäre Projekt wird mit Schülern des Evangelischen Gymnasiums in Neuruppin und Schülern aus Eberswalde ein Opfergedenkbuch für die früheren Landesanstalten zum Abschluss bringen.

Die Veranstaltungen sind von einer Gruppe gemeinsam erarbeitet worden, an der Prof. Dr. Stefanie Endlich, Dr. Kristina Hübener, Matthias Kube, Dr. Ulrich Niedermeyer und Thomas Reichel mitgewirkt haben. Podiumsdiskussionen, Vorträge des Begleitprogramms und die Vorstellung neuer Projektvorhaben zeigen die Vielschichtigkeit der Themen.

Informationen/Termine: www.brhiko.de/images/stories/brhiko/flyergrauebusse_druck.pdf
 

Dr. Christina Hübener leitet die Arbeitsstelle Medizin-Geschichte am Lehrstuhl Neuer Geschichte der Universität Potsdam, forscht zur »Euthanasie«-Geschichte in Brandenburg und engagiert sich für die Einrichtung einer Gedenkstätte.

Prof. Dr. Stefanie Endlich ist Kunstpublizistin und war Vorsitzende der Jury, die das Denkmal der »Grauen Busse« für Ravensburg und unterwegs ausgewählt hat.