»...wir sind die letzten Zeugen«

Sonderausstellung von Zeichnungen einer französischen Deportierten in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
08/2001Gedenkstättenrundbrief 102, S. 22-25
Johanna Wensch

Ein Forschungsschwerpunkt der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück/Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten liegt auf den verschiedenen »Überlebensstrategien« der Gefangenen unter den unmenschlichen Existenzbedingungen im Konzentrationslager. Um der Entmenschlichung Widerstand entgegenzusetzen, bemühten sich Häftlinge, im Geheimen einander Bildung zu vermitteln, zu musizieren oder sich künstlerisch zu betätigen. So wurde im Frauen-KZ Ravensbrück auch heimlich gezeichnet, in Skizzen das Lagerleben dokumentiert oder mit wenigen Strichen eine Grußkarte gestaltet, um Kameradinnen aufzumuntern.

Solche im KZ Ravensbrück entstandenen Zeichnungen einer französischen Widerstandskämpferin zeigt momentan die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück in der Ausstellung »... wir sind die letzten Zeugen.« Eliane Jeannin-Garreau. Zeichnungen 1944/1989« zum ersten Mal der Öffentlichkeit. Wie der Titel bereits andeutet, ist diese Ausstellung nicht auf die Präsentation von Zeichnungen aus der Lagerzeit beschränkt. Zugleich sind Bilder zu sehen, die von der selben Künstlerin 45 Jahre später in Erinnerung an ihre Zeit im KZ gemalt wurden. Die Thematik der Strategien des Überlebens im KZ wird hier mit der Präsentation einer individuellen Strategie des Lebens mit der Erinnerung an das KZ verbunden.

Die Zeichnungen von 1944 haben eine außergewöhnliche Entdeckungsgeschichte: Sie begann mit einem Brief aus Schweden, der Ende 1995 die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück erreichte. Darin bot Berndt Nathan aus Malmö der Gedenkstätte an, ihr Zeichnungen zu übergeben, die im Frauen-KZ Ravensbrück entstanden waren. Herr Nathan hatte im Frühjahr 1945 in Südschweden ehemalige Häftlinge betreut, die durch das Internationale und das Schwedische Rote Kreuz vorzeitig aus Ravensbrück befreit worden waren. Vor der Rückführung in ihre Heimat übergab ihm eine Französin Bleistiftskizzen, die eine ihrer Kameradinnen heimlich im KZ gemacht hatte. Anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung erinnerte sich Herr Nathan dieser Zeichnungen, die ein halbes Jahrhundert lang vergessen in seinem Schreibtisch gelegen hatten und übergab sie der Gedenkstätte mit der Bitte, sie der Öffentlichkeit zu zeigen. Nähere Angaben zu der Zeichnerin selbst konnte er nicht machen, ging jedoch davon aus, dass sie im KZ umgekommen sei. Einziger Hinweis war somit die vereinzelt auf den Blättern zu lesende Signatur »Eliane« oder »EJ«. Über den Kontakt zu ehemaligen französischen Deportierten gelang jedoch 1997 das fast Unglaubliche: eine französische Ravensbrückerin erinnerte sich an ihre zeichnende Kameradin Eliane Jeannin und hatte zugleich die frohe Botschaft, dass sie noch am Leben sei. So entstand der Kontakt zu einer beeindruckenden Frau.

Eliane Jeannin, 1911 geboren in Bayonne, ehemalige Studentin der Malerei der Ecole Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris, hatte sich - bestärkt durch den Appell General de Gaulles vom 18. Juni 1940 - zum Widerstand gegen die deutschen Besatzer entschlossen. Als aktives Mitglied der »Organisation Civile et Militaire des Jeunes« wurde sie 1943 verhaftet und kam schließlich mit einem »Sondertransport« von 958 Frauen am 3. Februar 1944 in das KZ Ravensbrück. Während der Zeit der Quarantäne gelang es Eliane - heimlich und mit von Kameradinnen »organisierten« Malutensilien - ihre ersten Eindrücke vom Leben im Lager auf Skizzen festzuhalten. Als sie bereits im April 1944 zur Zwangsarbeit weiter in das Außenlager Holleischen transportiert wurde, ließ sie die Zeichnungen bei ihren Kameradinnen in Ravensbrück zurück. Diesen gelang es, die Skizzen über ein Jahr versteckt zu halten, als Zeugnisse zu bewahren und bei der Befreiungsaktion des Roten Kreuzes nach Schweden mitzunehmen. Dort gerieten sie für 50 Jahre in Vergessenheit.

Im Lager Holleischen musste Eliane Jeannin Zwangsarbeit für die deutsche Kriegsindustrie leisten. Als sie sich mit deutlichen Worten dagegen wehrte, ihr zeichnerisches Talent in den dortigen Werkstätten ausbeuten zu lassen, wurde sie in eine Straßenbaukolonne strafversetzt, in der ihr Schwerstarbeit abverlangt wurde. Nach der Befreiung des Lagers Holleischen Anfang Mai 1945 kehrte Eliane nach Frankreich zurück und heiratete 1948 Roger Garreau. Aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustandes in Folge der Lagerhaft blieb ihr Kinderwunsch lange unerfüllt. Erst 1954 brachte sie ihre Tochter Anne zur Welt.

Anne Garreau erzählte in ihrer Rede in Ravensbrück zur Eröffnung der Ausstellung am 10. Dezember 2000 von den Nachwirkungen der KZ-Haft ihrer Mutter, den körperlichen Leiden, die sogar dazu führten, dass sie ihre Tochter vor Schmerzen nicht mehr auf den Schoß nehmen konnte. Sie erwähnte, was für sie am schlimmsten war: nicht das, was die Mutter von der Zeit der Deportation berichtete, sondern der Blick, den sie dabei hatte, ein Blick voll tiefer Angst, der vom Unsagbaren sprach. Schließlich bat sie als Zwölfjährige ihre Mutter, nicht mehr davon zu erzählen, und Eliane verschloss ihre Erinnerungen mehr und mehr in sich. Wenn sie malte, dann Blumen- oder Landschaftsbilder.

Ende der 80er Jahre begann Eliane Jeannin-Garreau jedoch, noch einmal Szenen des Lebens im KZ zu malen. Den Antrieb, all die Erinnerung an jene Zeit nochmals aufleben zu lassen, zog sie aus ihrer Empörung über zunehmende »revisionistische« Tendenzen, die Existenz von Konzentrationslagern zu leugnen und die nationalsozialistischen Verbrechen zu relativieren. Eliane empfand die Verpflichtung, öffentliches Zeugnis ihrer Erlebnisse ablegen zu müssen. Zu ihrer Motivation schrieb sie mir 1997 in einem Brief : »Wir sind die letzten Zeugen. Und wir müssen bezeugen, was es uns auch kostet« - hier traf sie also die Aussage, die schließlich zum Titel der Ausstellung wurde. Wieviel Eliane dieses Zeugnis kostete, ist eindrucksvoll in einem in der Ausstellung gezeigten Film zu sehen. Darin spricht sie ausgehend von ihren Zeichnungen von 1989 über ihre Erinnerungen an Widerstand und Deportation.

Im Sonderausstellungsraum der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück »schweben« die 22 kleinen vergilbten Skizzenblätter von 1944 in einer speziellen Hängung zwischen zwei Glasplatten vor der Wand. Ihnen stehen 22 der 45 Jahre später entstandenen Kohlezeichnungen gegenüber. Während die rare Kostbarkeit des »organisierten« Bleistiftstummels und der Papierfetzen im KZ das Format und den sparsamen, oft skizzenhaften Zeichenstil bestimmt hatten, konnte die Zeichnerin 1989 das Malmittel frei wählen und tauchte ihre Bilder in düsteres Schwarz.

Gerade erst im Lager angekommen und noch nicht zur Arbeit gezwungen, skizzierte Eliane 1944 unter den Bedingungen der Quarantäne das Zusammenleben in der isolierten Baracke, Szenen des demütigenden Aufnahmerituals im KZ und Ausblicke durchs Fenster auf arbeitende Häftlinge. Ihr Anliegen war es, die individuellen Züge ihrer Kameradinnen festzuhalten. Als Eliane 1997 nach 53 Jahren diese Zeichnungen wiedersah, kommentierte sie den fast heiteren Charakter einiger Skizzen: »Wir kannten den Terror noch nicht«.

Den Terror der KZ-Haft in seinem ganzen Ausmaß zeigen die Kohlezeichnungen von 1989, die Eliane »Schreie der Erinnerung« nannte: Schwerstarbeit, Folter, Hunger und alltägliches Sterben - Erfahrungen, die Eliane erst nach der Zeit der Quarantäne machte. Individuelle Züge stehen auf diesen Zeichnungen nicht mehr im Vordergrund, es geht um die essentiellen Erfahrungen von Tod, menschlicher Grausamkeit und Solidarität. So ergänzen sich die Zeichnungen von 1944 und 1989 in der Ausstellungspräsentation auf unabdingbare Weise und geben in ihrer Zusammenschau gleichzeitig eine Vorstellung von historischem Geschehen und von seiner Nachwirkung. Während die Skizzen von 1944 durch Unmittelbarkeit und Authentizität rarer historischer Zeugnisse beeindrucken, werden die Besucher über die Zeichnungen von 1989 Zeugen individueller Erinnerungsarbeit eines KZ-Opfers. Trotz aller äußerlichen Unterschiede der Zeichnungen zwischen deren Entstehung 45 Jahre liegen, wird den Ausstellungsbesuchern anhand der sich nach so langer Zeit auf manchen Zeichnungen exakt wiederholender Details eines klar: die Erlebnisse waren unauslöschlich ins Gedächtnis von Eliane Jeannin-Garreau eingebrannt.

Die Ausstellung ermöglicht den Besuchern ein »Dahinterschauen« noch anderer Art: Als Zeichengrund dienten Eliane im KZ Ravensbrück unter anderem Druckbögen von NS-Zeitungen. Durch die spezielle Hängung und den Einsatz von Spiegelglas können die Besucher auf die Rückseite der Skizzen vom KZ-Alltag blicken: dort ist mit der NS-Propagnada der Zeitungen - im wahrsten Sinne des Wortes - die andere Seite zu entdecken.

Einige der Exponate werden durch Kommentare ergänzt, die Eliane Jeannin-Garreau zu dem Dargestellten gemacht hat. In ihrem eigenen beeindruckenden Stil erzählt sie von den abgebildeten Situationen und Personen und führt so über die Grenzen der bildlichen Darstellung hinaus. Einige der Briefe, aus denen diese Kommentare ausgewählt wurden, liegen in einer Vitrine aus, in der die Entdeckungsgeschichte der Zeichnungen und der Zeichnerin dargestellt wird. In diesen Briefen lernt man eine sehr freundliche, bescheidene und oft humorvolle Frau kennen. Das Interesse an ihrer eigenen Person wiegelte Eliane Jeannin-Garreau fast peinlich berührt ab. Doch das nun realisierte Ausstellungsprojekt unterstützte sie von Anfang an, da sie von der Notwendigkeit überzeugt war, die Erinnerung an die Zeit der Deportationen aufrechtzuerhalten. Dazu beizutragen ist das Anliegen dieser Ausstellung.

Die Sonderausstellung »... wir sind die letzten Zeugen.« Eliane Jeannin-Garreau. Zeichnungen 1944/1989« entstand unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. habil. Sigrid Jacobeit, Austellungskonzeption und -organisation Johanna Wensch, Gestaltung Norbert Günther.

Sie ist noch bis zum 31. August 2001 in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, Straße der Nationen, 16798 Fürstenberg/Havel zu besichtigen.

Öffnungszeiten: Dienstag-Sonntag, 9-17 Uhr.

Johanna Wensch, Ausstellungskonzeption und -organisation, ist Studentin der Geschichte, Kunstgeschichte und der Politikwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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