Vorbemerkung
Im Oktober 2003 fand in der Gedenkstätte Hadamar ein dreitägiger Workshop mit dem Ziel statt, das Bildungsangebot für Menschen mit Behinderungen zu erweitern. Veranstalter waren der Verein zur Förderung der Gedenkstätte Hadamar e. V. (im Folgenden: Förderverein) und das Netzwerk People First Deutschland e. V. (im Folgenden: People First). People First ist eine Selbstvertretungsorganisation von Menschen mit Lernschwierigkeiten. Die in People First organisierten behinderten Menschen werden oft als geistig behindert bezeichnet, sie selbst nennen sich Menschen mit Lernschwierigkeiten.1 Bisher lagen keine geeigneten Informationsmaterialien und Führungskonzepte für Menschen mit Lernschwierigkeiten in der Gedenkstätte vor. Der Workshop war ein Pilotprojekt, denn während der Planung, Organisation und Durchführung arbeiteten die Verantwortlichen von People First und dem Förderverein gleichberechtigt zusammen. Im Folgenden werden die Erfahrungen und erste Analysen beschrieben. Die Finanzierung des Workshops gelang dank Spenden und eine Zuschusses des Landes Hessen.2 Der Text ist mit People First abgestimmt, der Inhalt wird ausdrücklich vom Vorstand getragen. Der Text ist mit Absicht wenig abstrakt und sehr allgemeinverständlich formuliert, um die Übersetzung in »leichte Sprache« für Menschen mit Lernschwierigkeiten zu erleichtern.3
Die Ausgangslage
In der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Hadamar wurden von 1941 bis 1945 circa 15 000 Menschen im Rahmen der NS-»Euthanasie«-Verbrechen ermordet. Bei diesem Massenmord handelte es sich um reichsweite Aktionen4 mit der Zielsetzung, Menschen mit Behinderungen, mit psychischen Erkrankungen und Menschen, die als »asozial« galten, zu töten. Die Opfer waren durch die NS-Ideologie als »lebensunwertes Leben« und »unnütze Esser« diffamiert worden. Seit 1983 erinnert in Hadamar auf dem Gelände des psychiatrischen Krankenhauses eine Gedenkstätte5 an die Opfer. Sie ist zugleich Ort der historisch-politischen Bildung und wird im Jahr von mehr als 12 000 Menschen besucht, Tendenz steigend. Das pädagogische Angebot der Gedenkstätte umfasst zwei- bis dreistündige Führungen sowie Ein- und Mehrtagesveranstaltungen. Die Besuchenden können sich über die Geschehnisse während des Nationalsozialismus informieren und darüber hinaus zu ethisch-moralischen Fragestellungen arbeiten. Träger der Gedenkstätte ist der Landeswohlfahrtsverband Hessen, mit Unterstützung des Landes Hessen.
Bislang gibt es nach unserer Kenntnis in der Bundesrepublik Deutschland kein gedenkstättenpädagogisches Konzept, das sich speziell an Menschen mit Behinderungen wendet. Nach unserem Dafürhalten war die Konzeption eines Angebotes für diese Zielgruppe längst überfällig: Die Opfergruppe der »Euthanasie«-Morde setzte sich zum größten Teil aus Menschen mit Behinderungen zusammen. Auch im politischen Sinne erscheint es überfällig, dass eine Gedenkstätte, wie die Gedenkstätte Hadamar, auch jenen Menschen, die in der NS-Zeit aufgrund ihrer Behinderung Opfer geworden wären, den Zugang zu pädagogischen und bildungspolitischen Angeboten ermöglicht. Das gilt besonders für jene Menschen, die die NS-Zeit in psychiatrischen Anstalten überlebt haben und in Hadamar erfahren wollen, was mit ihren Mitbewohnerinnen und –bewohnern geschehen ist.
Menschen mit Lernschwierigkeiten leben in der gleichen (Nachrichten-) Welt wie nicht behinderte Menschen. Neben Darstellungen zum aktuellen politischen Geschehen erreichen sie Berichte über die Zeit des Nationalsozialismus. Individuelle Schwerpunkte werden gesetzt und es entsteht das Bedürfnis mehr zu erfahren, Zusammenhänge zu verstehen um einen Standpunkt einnehmen zu können. Die Hilfe dazu liefern politische Bildungsangebote. Diese kommen in der Palette der Angebote für Menschen mit Behinderungen kaum vor.6
Sätze wie »Bei Adolf wärst du vergast worden« sind behinderten Menschen nicht unbekannt. Sie hören sie immer noch ab und zu auf der Straße. Diese Diskriminierungen treffen Menschen mit Behinderungen doppelt: erstens als Beleidigung und zweitens weil erzwungene Unwissenheit wehrlos macht. Historisch-politische Bildung für Menschen mit Behinderungen sollte ihren Beitrag zur Aufklärung über die Ursachen und Folgen der NS-Verbrechen an Kranken und Behinderten liefern und zu einem offensiveren Umgang mit Diffamierungen beitragen. Vor diesem Hintergrund entwickelten die Autorinnen7 die Idee, im Europäischen Jahr für Menschen mit Behinderungen 2003 dieses Thema zum Schwerpunkt des Fördervereins zu machen und ein Pilotprojekt durchzuführen.
Das Pilotprojekt in Kooperation mit People First
Experten und Expertinnen in eigener Sache
Ein Bildungsangebot für Menschen mit Behinderungen zu entwickeln setzt voraus, sie als gleichwertige Partner und Partnerinnen zu akzeptieren. Das Motto des Europäischen Jahres für Menschen mit Behinderungen lautete »Nichts über uns – ohne uns«. Notwendig waren also »Experten und Expertinnen in eigener Sache«, die mit ihren Erfahrungen, Anforderungen und Wünschen als adäquate Projektpartner angesprochen werden sollten.
Kooperationspartner für das Projekt wurde deshalb das Netzwerk People First Deutschland e. V. Dieser junge Verein (Gründung 2001) ist eine Interessenvertretung behinderter Menschen. In ihm haben sich Menschen mit Behinderungen organisiert. Nur sie haben ein Stimmrecht. Der Verein hat sich im Kontext der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung in Deutschland gegründet.8 Das Netzwerk wird vom Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung gefördert und unterhält eine Geschäftsstelle in Kassel.9 Ein Service des Vereins ist die Übersetzung von Texten in »leichte Sprache«. Dabei werden Texte in einfache, fremdwortfreie Sätze übersetzt und die wichtigsten Botschaften mit Bildern dargestellt.
Denkblockaden abbauen, voneinander Lernen, gegenseitiges Annehmen und Verstehen
Die Kooperation mit einer Selbstvertretungsorganisation von Menschen mit Behinderungen war für die Teamer und Teamerinnen von Seiten des Fördervereins eine Herausforderung. Diese lag allerdings nicht darin, dass Menschen mit Behinderungen besonders komplizierte Kooperationspartner bzw. -partnerinnen wären. Vielmehr war die Herausforderung, den Teamern von People First und den Teilnehmern und Teilnehmerinnen »von gleich zu gleich« zu begegnen. Am Anfang stand deshalb die Auseinandersetzung der Initiatorinnen mit ihren eigenen Denkblockaden und Unsicherheiten: Eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist nicht selbstverständlich in einer Gesellschaft, die Menschen mit Behinderungen die Rolle als Hilfeempfänger zuschreibt und sie häufig immer noch ausgrenzt. Menschen ohne Behinderungen stehen dadurch selbst vor der Aufgabe, eigene Denkmuster und Verhaltensweisen gegenüber Menschen mit Behinderungen aufzugeben. Darunter fallen z. B. ein Blick »von oben nach unten«, das Gefühl, alles besser zu wissen oder die prinzipielle Annahme, für Menschen mit Behinderungen müssten andere entscheiden, was das Beste für sie sei. Um diese Denkmuster aufzubrechen, wurde entschieden, mit einer Selbstvertretungsorganisation zusammenzuarbeiten. Die Kooperation zwischen dem Förderverein und People First war von Beginn an eine echte Kooperation. Im Vordergrund standen dabei gegenseitiges großes Interesse und die permanente Bereitschaft voneinander zu lernen.
Die Vorbereitung
Die Planung und Durchführung des Workshops lag in den Händen des gemeinsamen Teams, das aus je vier Personen von People First und vom Förderverein bestand. Folgende Aspekte, denen beim Workshop eine besondere Bedeutung zukommen sollte, wurden bereits in der Planungsphase diskutiert:
• Das gemeinsame Team war sich darüber im Klaren, dass es ein Wagnis darstellte, die Gedenkstätte Menschen mit Mehrfachbehinderungen zu zeigen, da durch eine eventuelle Identifizierung mit der Opfergruppe massive Ängste und die Furcht vor einer Wiederholung der Ereignisse entstehen könnten. Auch wurde befürchtet, dass es vielleicht nicht gelingen könnte, die schrecklichen Geschehnisse in Hadamar in die Vergangenheit vor 50 Jahren einzuordnen.
• Um diesen Problemen im Ansatz zu begegnen, legte das Team einen besonderen Wert auf die Methodik. Sie sollte abwechslungsreich, nicht rein kognitiv und für Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten geeignet sein.
• Passend zur Methodik wurde vom Team eine angemessene Zeitstruktur festgelegt.
• Während des Workshops sollte »leichte Sprache« verwendet werden. Das war eine Grundvoraussetzung dafür, dass sich alle an den Diskussionen beteiligen konnten.
• Das Team war sich bewusst, dass Gefühle während des Workshops vermutlich eine große Rolle spielen würden. Entsprechende Ausdrucksformen wurden eingeplant.
Die Arbeitsteilung in der Vorbereitung und Durchführung des Workshops sah vor, dass seitens des Fördervereins Inhalte und Methoden angeboten und präsentiert wurden. People First setzte die thematischen Schwerpunkte. Zusammen wurde festgelegt, wie der Zeitplan aussehen und in welchem Tempo und Rhythmus die Inhalte vermittelt werden sollten. Während der Vorbereitung übernahm People First die Ausschreibung und entschied, welche Interessenten und Interessentinnen teilnehmen könnten.
Es meldeten sich ungefähr doppelt so viele Interessenten und Interessentinnen an, wie Plätze vorgesehen waren. Letztlich bestand die Gruppe aus zwölf Teilnehmern und Teilnehmerinnen aus der ganzen Bundesrepublik, zwei Assistentinnen10 und dem achtköpfigen Team. Die Teilnehmenden waren zwischen 20 und 77 Jahren alt; die meisten leben in Einrichtungen der Behindertenhilfe und arbeiten oder arbeiteten in Werkstätten. Vier hatten die Zeit des Nationalsozialismus erlebt.
Programm und Ablauf
Der Workshop fand von Freitag, dem 24. bis Sonntag, dem 26. Oktober 2003 statt. Untergebracht waren alle in der internationalen Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte des Internationalen Bundes, die sich im selben Haus wie die Gedenkstätte befindet. Das Team11 hatte sich bereits am Abend zuvor zusammengefunden, um letzte Absprachen zu treffen. Eine der wichtigsten war, dass jede Arbeitssequenz von einem Teamer von People First und von einem des Fördervereins gemeinsam geleitet würde.
Der erste Tag begann mit einer ausführlichen Vorstellungsrunde. Während des gesamten Workshops stand den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine Wandzeitung zur Verfügung. Sie war integraler Bestandteil des Programms und gut geeignet, Gefühle, Fragen oder Gedanken zu äußern: Diese Ausdrucksmöglichkeit ist für Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten geeignet. Wer nicht in der Lage war, zu schreiben oder malen konnte eine Person um Unterstützung bitten. Am Nachmittag stand das Kennenlernen der Gedenkstätte auf dem Programm. Dazu gab es zunächst eine Einführung in leichter Sprache, anschließend ging die Gruppe durch die historischen Kellerräume, in denen im Jahre 1941 ca. 10 000 Menschen ermordet worden waren. In Einzelgesprächen, aber auch in einem abschließenden Feedback im Plenum wurden Gefühle wie Traurigkeit, Wut und Angst geäußert. Es empfanden alle als eine angemessene Form, den Arbeitstag mit diesem Feedback zu beschließen und in die Jugendbegegnungsstätte (JBS) zu gehen. Die Gespräche am Abend waren teilweise noch vom Gehörten des Tages geprägt, in der Regel allerdings unterhielten sich Teilnehmer, Teilnehmerinnen, Teamer und Teamerinnen über private Dinge.
Der zweite Tag begann mit einer kurzen Rückschau auf den ersten Tag. Einerseits sollte dies Einblick geben, ob die Beschäftigung mit dem Thema NS-»Euthanasie«-Verbrechen doch zu mehr Ängsten und Beklemmungen geführt hatte als zuvor ersichtlich gewesen war, andererseits sollten die Teilnehmenden dadurch wieder auf das Thema eingestimmt werden. Danach teilte sich die Gruppe, je nach Interesse, in Arbeitsgruppen auf:
a) zu dem Film »Der Pannwitzblick«,12
b) zu den Hadamarer Opfern und
c) zu den Hadamarer Tätern.
Vor dem Mittagessen unterbrachen die Kleingruppen ihre Arbeit und besuchten gemeinsam den Friedhof der Gedenkstätte auf dem die Toten der Jahre 1942-45 liegen. Am Nachmittag arbeiteten die Gruppen zunächst weiter und stellten abschließend im Plenum die Ergebnisse vor. Abends saßen die meisten Teilnehmenden und das Team im Gemeinschaftsraum der JBS und setzten viele Gespräche des Tages und des Vorabends fort.
Der dritte Tag begann erneut mit einem kurzen Rückblick. Anschließend arbeitete die Gruppe in zwei Arbeitsgruppen. Wie geplant, sollten sowohl ein Faltblatt erstellt als auch ein Führungskonzept für Menschen mit Lernschwierigkeiten erarbeitet werden. Nach der gemeinsamen Arbeit an den beiden Tagen zuvor war das für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen etwas Naheliegendes und Gewünschtes und führte unmittelbar zu konkreten Ergebnissen. Diese Ergebnisse wurden im Plenum präsentiert und verabschiedet.
Am dritten Tag fand auf Wunsch der Teilnehmer und Teilnehmerinnen auch eine Gedenkzeremonie auf dem Gelände der Gedenkstätte statt. Sie wurde als gelungene und notwendige Abrundung des Workshops erlebt. Der Workshop endete mit einem Feedback und einem Abschiedsritual.
Erfahrungen und Ergebnisse
Es gelang, die Kategorie »behindert« oder »nicht-behindert« außen vor zu lassen. Stattdessen waren alle in der Gesamtgruppe bereit, Menschen, die Unterstützung benötigten, diese zu geben, sei es beim Kommunizieren, beim Essen, beim Laufen. Auffallend waren die große gegenseitige Hilfsbereitschaft und Rücksichtsnahme, die den gesamten Workshop durchzogen. Prägend für den Umgang miteinander war gegenseitige Wertschätzung.
Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen berichteten während des Workshops und in privaten Gesprächen von ihrem Alltag, der von mangelnder Mitbestimmung und von Fremdbestimmung geprägt ist. Viele werden im klassischen Sinne behindert, ihren eigenen Willen, ihre eigenen Interessen und Vorlieben durchzusetzen. Sie erleben den Blick einzelner Menschen ohne Behinderungen als abfällig oder geringschätzig.
Alle Teilnehmenden bekundeten am Ende des Workshops, sie würden gerne das Thema vertiefen und wünschten sich eine Fortsetzungsveranstaltung. Sowohl das Verhältnis Arbeitszeit/Freizeit, als auch der Umgang mit dem authentischen Ort wurde als sehr gut beschrieben, wie die folgende Textpassage aus dem Bericht von People First über den Workshop verdeutlicht:
»Die Stimmung bei der Tagung war sehr gut, denn wir hatten uns bei den Gesprächen und zwischen den einzelnen Arbeitsgruppen immer wieder Zeit für Gespräche genommen. Wir sprachen darüber, wie wir alle uns fühlten. Einige von uns waren sehr traurig. Unter den Tagungsgästen waren auch Menschen, die diese schlimme Zeit miterlebt haben. Auch sie haben damals in Einrichtungen gelebt. Sie erzählten ihre persönlichen Geschichten.
Elisabeth Weber wurde zum Beispiel 1926 geboren. Mit 2 Jahren kam sie nach Hephata in Schwalmstadt in Hessen. Das war damals noch eine Anstalt für behinderte Menschen. Frau Weber erzählte uns, wie sie damals als Kind vor den Nazis versteckt werden musste.
[…] Viele Menschen sagen, dass es schlimm ist, was in der Hitler-Zeit mit behinderten Menschen passiert ist. Aber ist das Denken über behindertes Leben wirklich heute anders?
Trotz alledem muss ich sagen, es war eine der besten Tagungen, an denen ich (Stefan Göthling, Geschäftsführer) teilgenommen habe. Und ich kann nur jedem Menschen empfehlen, die Gedenkstätte in Hadamar zu besuchen. Der Besuch stärkt das Selbstbewusstsein und erinnert einen daran, dass man mit offenen Augen verfolgen muss, wie mit behinderten Menschen umgegangen wird und wie über sie geredet wird«.13
Teamer/Teamerinnen und Teilnehmende waren sich einig, dass der erfolgreiche Verlauf des Workshops bewiesen hat, dass es in Zukunft eine Selbstverständlichkeit sein sollte, Führungsangebote für Menschen mit Behinderungen anzubieten. Als greifbarste Ergebnisse sind das Faltblatt und die Konzeption einer Führung zu werten. Darüber hinaus sind Erfahrungen in der Kooperation und weitere geplante Projekte als konkrete Ergebnisse zu nennen.
Faltblatt: Das Faltblatt14 ist in leichter Sprache verfasst. Inhalte sind Informationen über die historischen Ereignisse in Hadamar, die Gedenkstätte heute und die Besuchsmöglichkeiten und pädagogischen Angebote für Menschen mit Behinderungen. Bewusst wurden als Abbildungen ein historisches Foto aus Hadamar (rauchender Schornstein der Tötungsanstalt von 1941) und ein Foto der Workshopteilnehmern und -teilnehmerinnen (2003) gewählt.15
Empfehlungen für die Konzeption einer Führung: Folgende Aspekte nannten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer als für Sie wichtig: Zunächst einmal eine grundlegende Information über den Ort und die Geschehnisse während des Nationalsozialismus. Darüber hinaus sollten die Besuche der historisch bedeutsamen Örtlichkeiten, wie des Kellers und des Friedhofs an unterschiedlichen Tagen stattfinden.
Für die Arbeit in der Gedenkstätte muss ausreichend Zeit zur Verfügung stehen, damit das Team auf das Tempo der Teilnehmenden eingehen kann. Die Methodik ist auf die Fähigkeiten und Fertigkeiten der Gruppenteilnehmerinnen und -teilnehmer auszurichten und abwechslungsreich zu gestalten. Angeboten werden müssen – bei Bedarf – kommunikative Hilfen und Unterstützung bei der Mobilität. Die Diskussion über Alltagserlebnisse und Einschätzungen sollte unbedingt als Thema oder durchgängiges Prinzip eingeplant werden. Ein Ortswechsel von der Gedenkstätte zur Übernachtungsstätte ist sinnvoll, da damit die für den »Feierabend« nötige Distanz zur Thematik hergestellt und die Möglichkeit gegeben wird, sich näher kennen zu lernen. Die Gedenkzeremonie ist integraler Bestandteil des Workshops und sollte von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern mitgestaltet werden. Die historisch relevanten Orte, wie z. B. der Keller sollten, wenn möglich, durchgängig für alle zugänglich sein.
Für die Entwicklung und Durchführung eines Workshops wird die Zusammenarbeit mit einer Selbsthilfe- bzw. Selbstvertretungsorganisation von Menschen mit Behinderungen als unabdingbar angesehen und empfohlen.
Einordnung der Erkenntnisse in gedenkstätten- und behindertenpädagogische Konzepte
Die Initiatorinnen und die Kooperationspartner von People First sind gemeinsam der Ansicht, dass Projekte wie das beschriebene verstärkt angeboten werden sollten. Pädagogische Angebote für Menschen mit Behinderungen und/oder Lernschwierigkeiten sollten perspektivisch zum gängigen Repertoire von Gedenkstätten gehören. Als Einrichtungen der historisch-politischen Bildung und hinsichtlich ihres Selbstverständnisses sollten sich Gedenkstätten bestimmten Zielgruppen nicht verschließen, sondern im Gegenteil Ausgrenzung aufbrechen. Für die Gedenkstättenpädagogik stellt sich die Aufgabe, ihre Angebote so zu öffnen, dass Menschen mit Behinderungen daran teilhaben können. Das heißt, verwendete Texte müssen in leichter Sprache zur Verfügung stehen, Gedenkstättenmitarbeiter/innen müssen lernen, die Sachverhalte mit einfachen Worten zu erklären, es müssen kreative Methoden angewendet werden. Menschen mit Behinderungen haben ein Recht auf politische Bildungsangebote und formulieren inzwischen auch ihren Anspruch darauf. Damit eröffnen sich für die Behindertenpädagogik neue Optionen. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer brachten ihr Interesse an den historischen Ereignissen und ihre individuellen Vorkenntnisse und Erfahrungen mit. Mit ihren Erwartungen an den Gedenkstättenbesuch unterschieden sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen nicht von Besuchsgruppen nicht-behinderter Menschen.
Fazit
Die Erfahrungen des Workshops haben gezeigt, dass historisch-politische Bildungsangebote von Gedenkstätten bei Menschen mit Behinderungen auf Interesse stoßen. Notwendig für die Umsetzung eines solchen Angebotes sind bestimmte Unterstützungsleistungen, aber keine besonderen Konzepte. Selbstverständlich muss ein Seminar für Menschen mit Behinderungen bei der Methodenwahl auf ihre speziellen Fertigkeiten und Fähigkeiten eingehen, aber diese Anforderung stellt sich bei jeder anderen Gruppe auch. Entscheidend ist vor allem die persönliche Einstellung und die Bereitschaft, Menschen mit Behinderungen als gleichberechtigt – sei es als Mitorganisatoren, sei es als Besucherinnen und Besucher, anzunehmen. Damit das gelingt, empfehlen wir die Zusammenarbeit mit einer Selbstvertretungsorganisation.
Diskussionen im Vorfeld des Workshops mit Tätigen in Gedenkstätten und Historikern und Historikerinnen haben starke Ressentiments gegenüber einem solchen Angebot deutlich gemacht. So wurden Argumente laut, ein Kennenlernen der Gedenkstätte und eine Beschäftigung mit dem Thema NS-»Euthanasie«-Verbrechen sei für Menschen mit Behinderungen grundsätzlich nicht verkraftbar und deshalb abzulehnen. Menschen mit Behinderungen würden durch diese Arbeit instrumentalisiert. Häufig wird auch die Einschätzung geäußert, dass die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen sehr schwierig und kompliziert sei.16
Durch die gemeinsame Durchführung des Workshops ist allerdings deutlich geworden, dass es sich bei diesen Ressentiments vor allem um Vorurteile der nicht behinderten Menschen handelt. Mit Menschen mit Behinderungen zu arbeiten war keinesfalls schwieriger als die Arbeit mit anderen Gruppen. Durch die Kooperation mit einer Selbstvertretungsorganisation konnte bei dem Pilotprojekt ausgeschlossen werden, dass a) die Teilnehmer und Teilnehmerinnen instrumentalisiert wurden und dass b) Menschen mit Behinderungen emotional überfordert wurden. Im Sinne von Normalisierung17, ein formuliertes Ziel der bundesdeutschen Behindertenpolitik, ist es hingegen selbstverständlich, dass Menschen mit Behinderungen Zugang zu den von ihnen gewünschten Bildungsangeboten haben.
Die Kooperation zwischen People First und dem Förderverein der Gedenkstätte wird fortgesetzt. Neben einem weiteren Workshop sind auch längerfristige Projekte angedacht, um die Gedenkstätte Hadamar für Menschen mit Behinderungen zu einem attraktiven Bildungsangebot zu machen. Der Verein zur Förderung der Gedenkstätte Hadamar und das Netzwerk People First Deutschland sind gerne bereit, Gedenkstätten, Gruppen oder Institutionen, die ein vergleichbares Projekt planen, zu beraten.
1 Das Netzwerk People First e.V. schreibt in seiner Mitgliederwerbung: »Wir sind Menschen mit .Lernschwierigkeiten. […] Wir werden oft geistig behindert genannt. Das finden wir von People First nicht gut. Wir sind Menschen wie alle anderen auch.«
2 Dem Hessischen Sozialministerium, dem Landeswohlfahrtsverband Hessen, dem Bundesverband Evangelische Behindertenhilfe, dem Landeskirchenamt Kassel, dem VdK Hessen, sowie einzelnen Spendern wird für die Finanzierung des Projektes gedankt.
3 Wir danken Udo Keidel-George, Gottfried Kößler, Bärbel Maul, Petra Mumme und Christa Schelbert für freundliche redaktionelle Hinweise.
4 Im Rahmen der so genannten »Aktion T4« wurden 1940/41 ca. 70 000 Menschen getötet, in den Jahren 1941–1945 noch einmal weitere ca. 130 000 in unterschiedlichen dezentralen Tötungsaktionen. Vgl. z. B.: Landeswohlfahrtsverband Hessen (Hg.): Verlegt nach Hadamar. Die Geschichte .einer NS-»Euthanasie«-Anstalt, Kassel 1994, 2. Auflage; Ernst Klee: »Euthanasie« im NS-Staat. .Die »Vernichtung lebensunwerten Lebens«, Frankfurt 1985.
5 Schon 1953 wurde mit einer Gedenktafel im ehemaligen Mordgebäude an die Opfer erinnert. 1964 wurde das anonyme Massengrab auf dem Friedhof in eine Gedenklandschaft umgewandelt. 1983 wurden die historischen Räumlichkeiten der Gasmordphase der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Seit 1991 gibt es in der Gedenkstätte eine Dauerausstellung und Büro- sowie Seminarräume.
6 Vgl. Claudia Hoffman; Wolfram Kulig; Georg Theunissen: Bildungsangebote für Erwachsene mit geistiger Behinderung an Volkshochschulen, in: Geistige Behinderung. Fachzeitschrift der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e. V., 39. Jg., Nr. 4 (2000), S. 346–359; Vgl. außerdem: ausserschulische bildung. Materialien zur politischen Jugend- und Erwachsenenbildung, Menschen mit Behinderungen in der politischen Bildung, Nr. 3 (2002), besonders S. 145–165.
7 Die 1. Vorsitzende (Bettina Winter) und die Geschäftsführerin (Uta George) des Vereins zur Förderung der Gedenkstätte Hadamar e. V.
8 Weitere Informationen unter www.isl.de
9 Weiter Informationen unter www.people1.de Der Verein hat sich nach amerikanischem Vorbild gegründet, daher der Name. Er hat in einigen Bundesländern schon Regionalgruppen.
10 Zur Begrifflichkeit: Assistenz: »Der wichtigste Unterschied zwischen persönlicher Assistenz und dem alten Pflegebegriff ist, dass Assistenznehmerinnen und -nehmer nicht Objekt sondern handelndes Subjekt sind. Persönliche Assistenz ist: jede Form der personellen Unterstützung, die Assistenznehmerinnen und -nehmer befähigt selbstbestimmt leben zu können; die Delegierung von Aufgaben, die Menschen auf Grund ihrer Behinderung nicht oder nur unzureichend ausführen können […].« Aus: Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen: Eckpunktepapier für eine integrationsorientierte Gesundheitsreform aus Sicht chronisch kranker und behinderter Menschen, Berlin 2002, S. 40, 41, 47, 48.
»Unterstützung geht über die Aufgaben von persönlicher Assistenz hinaus. Menschen, die persönliche Assistenz in Anspruch nehmen, verfügen über eine Anleitungskompetenz. Das heißt, sie bestimmen, wie die konkrete Hilfeleistung, die sie brauchen, aussehen muss. […] In Abgrenzung dazu beschreiben Menschen mit Lernschwierigkeiten nicht unbedingt bis ins Detail, welche konkrete Hilfeleistung sie gerade brauchen, sondern benennen sehr oft die Dinge, die sie nicht oder nicht so gut können. Daran erkennt die Unterstützungsperson den Hilfebedarf.« Aus: Susanne Göbel; Martina Puschke: Was ist Unterstützung für Menschen mit Lernschwierigkeiten in Abgrenzung zu Assistenz? Informationsblatt, Kassel Mai 2000, o. S.
11 Dies waren: Uta George (Geschäftsführerin, Förderverein), Stefan Göthling (Geschäftsführer, People First), Paul Juen (Zivildienstleistender, Gedenkstätte), Ulrich Holzapfel (Förderverein), Arnd Kunau (Vorstand, People First), Christoph Munzert (Vorstand, People First), Bettina Winter (1. Vorsitzende, Förderverein), Gustav Zechmeister (Unterstützer, People First).
12 »Ein Film […] über die Aussonderung von geistig und körperlich behinderten Menschen. Im Faschismus waren es ›Propagandafilme‹, die – mit den Theorien der Eugeniker – die Massenvernichtung der ›Nicht-normalen-Menschen‹ vorbereiteten. Damals wurde das Objektiv der Kamera durch die Nazis umfunktioniert zum ‚gesellschaftlichen Auge’, zum Glasauge der Gesellschaft. […]« Aus dem Kurztext zum Film. Regie: Didi Danquart, ein Film der Medienwerkstatt Freiburg, 90 Min., 16 mm, Farbe & s/w, 1991.
13 Bericht von Stefan Göthling, veröffentlicht auf der Homepage von People First: www.people1.de
14 Erscheint Anfang 2004. Herausgabe: Netzwerk People First Deutschland e. V. und Verein zur Förderung der Gedenkstätte Hadamar e. V.
15 Einschließlich Teamer/innen.
16 Vgl. auch Jürgen Fiege: Normalisieren statt gettoisieren. Menschen mit Behinderungen in Medienseminaren, in: ausserschulische bildung (Anm. 6). Er beschreibt darin ähnliche Reaktionen.
17 Hinter diesem Begriff steht ein Konzept: »Ein Leben , so normal wie möglich«. Menschen mit Behinderungen sollen in die Normalität der Lebens- und Arbeitswelt integriert werden.
Uta George ist seit 1994 pädagogische Mitarbeiterin der Gedenkstätte Hadamar und seit 2000 Geschäftsführerin des Vereins zur Förderung der Gedenkstätte Hadamar.
Bettina Winter:1989-1995 Leitung der Gedenkstätte Hadamar beim Landeswohlfahrtsverband Hessen. 1997-2003 im hessischen Sozialministerium verantwortlich für die ambulanten und stationären Angebote der Behindertenhilfe in Hessen. Seit 2001 Vorsitzende des Fördervereins der Gedenkstätte Hadamar.