Besançon, eine Stadt in ungewöhnlicher Lage
Am Fuße des französischen Jura, im Herzen der einstigen Freigrafschaft Burgund, heute »Franche-Comté«, liegt die Regionalhauptstadt Besançon. Die Stadt wurde bereits von Julius Cäsar im Gallischen Krieg als natürliche Festung gerühmt, dies wegen ihrer außergewöhnlichen Lage an einem Felsmassiv in einer Flußschleife des Doubs.
So hat Besançon lange militärische Bedeutung gehabt. Zur Sicherung der französischen Ostgrenze hat Ludwig XIV. gegen Ende des 17. Jahrhunderts auf dem Felsmassiv von seinem Baumeister Vauban eine ausgeklügelte Festungsanlage errichten lassen, die in der Folge als beinahe uneinnehmbar galt. Zum letzten Male wurde diese Zitadelle von den deutschen Besatzern zwischen 1940 und 1944 zu Verteidigungszwecken genutzt. Außerdem sind in diesen Jahren auf der Zitadelle etwa hundert Angehörige verschiedener regionaler Widerstandsgruppen hingerichtet worden. Dies verleiht dem Ort einen Symbolwert, der für das weitere Schicksal der Zitadelle von entscheidender Bedeutung sein wird.
Zur Entstehung des Musée de la Résistance et de la Déportation
Im Rahmen der Feierlichkeiten zum zwanzigsten Jahrestag der Befreiung Besançons von der deutschen Besatzung am 8. September 1944 entwickeln Verbände ehemaliger Widerstandskämpfer und Deportierter 1964 die Idee einer Ausstellung über ihre Erfahrungen und deren historischen Zusammenhang. Das Projekt der Zeitzeugen wird von den politisch Verantwortlichen sofort aufgenommen: Bürgermeister Jean Minjoz, selbst Angehöriger des Widerstands, schlägt vor, der Résistance auf der Zitadelle eine Dauerausstellung zu widmen. Er macht dabei zur Bedingung, daß in der neu zu schaffenden Einrichtung der Vielfalt der Résistance Rechnung getragen werden solle. In der Tat haben Vereine gaullistischer, kommunistischer oder christlicher Widerständler (um nur einige der wichtigsten Tendenzen zu nennen) die französische kollektive Erinnerung an den Widerstand jeweils auf spezifische Weise geprägt.1 Deshalb werden die verschiedenen regionalen Freundeskreise und Ehemaligenverbände der Résistance in der Gründungsphase des Museums durchgehend von den Initiatoren zu Rate gezogen. Die in Bergen-Belsen inhaftiert gewesene Jüdin Denise Lorach und der Vorsitzende eines Verbandes ehemaliger Partisanen Armand Jabœuf definieren im Jahre 1967 die Zielsetzung des zukünftigen Museums folgendermaßen: es soll darum gehen, »eine Gedenkstätte zu schaffen für die Heldentaten des Widerstandes, das Martyrium der Deportation und den Opfertod der Hingerichteten in der Franche-Comté«. Das Museum wird 1969 eröffnet und 1971 durch den Minister der ehemaligen Frontsoldaten offiziell eingeweiht.
Bis hierhin ähnelt die Entstehungsgeschichte des Museums von Besançon der anderer französischer Widerstandsmuseen dieser Jahre. Aber Denise Lorach geht einen Schritt weiter, indem sie einen der ersten Historiker der Résistance von Anfang an bei der Gestaltung des Museums zu Rate zieht. Diese Zusammenarbeit mit Henri Michel, dem Vorsitzenden des »Komitees Zweiter Weltkrieg«, schlägt sich in vielfältiger Einbeziehung von Bildmaterial, Quellen und Objekten nieder, sowie in der bewußten Erarbeitung eines historischen Gedankenganges, der dem Besucher durch die Ausstellung vermittelt werden soll. Anfang der siebziger Jahre hat François Marcot, damals junger Doktorand, später Historiker an der Universität Besançon, die Nachfolge von Henri Michel angetreten; er übt die Funktion eines wissenschaftlichen Betreuers des Museums bis heute aus. Für andere, thematisch ähnlich gelagerte Museumsprojekte hatte das Museum von Besançon in den siebziger und achtziger Jahren Modellfunktion, da hier erstmals Zeitzeugen und Historiker Hand in Hand an einer Ausstellungskonzeption gearbeitet haben. Daher ist diese ausdrücklich sehr weit angelegt und anspruchsvoll.2
Ein vielfaches Anliegen: Widerstand, Deportation und noch viel mehr
Im Anschluß an das Anliegen der Zeitzeugen, auf deren Initiative die Museumsgründung zurückgeht, wollte die Ausstellung ursprünglich vor allem den vielfältigen Aktivitäten des französischen Widerstandes und den Leiden der Deportierten Rechnung tragen. Aber darüber hinaus haben die beteiligten Historiker darauf hingewirkt, das Ausstellungskonzept wesentlich zu erweitern, um dem Besucher ein umfassendes Verständnis des Problemkreises zu ermöglichen. Es geht daher auch um eine allgemeine Darstellung des Nationalsozialismus und der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Der französische Rumpfstaat von Vichy wird dabei ausdrücklich miteinbezogen. Zum Zeitpunkt der Konzeption des Museums war dies noch als kühn anzusehen, da die gaullistische Legende der »40 Millionen Résistance-Kämpfer« erst in den siebziger Jahren langsam aufgeweicht und das Schweigen über Vichy-Frankreich gebrochen wird.3 Heute erweisen sich Anspruch und Charakter eines in den sechziger und siebziger Jahren entwickelten Ausstellungskonzeptes in mancher Hinsicht als problematisch, wie im folgenden noch zu zeigen sein wird. Aber zuvor soll kurz skizziert werden, was dem Besucher bei einem Gang durch das Musée de la Résistance et de la Déportation geboten wird.
Ein Gang durch die Ausstellung
Bevor der Besucher das Museumsgebäude betritt, wird er durch ein Mahnmal bereits daran erinnert, daß die Zitadelle von Besançon zur Besatzungszeit ein Ort der Unterdrückung gewesen ist. Das Mahnmal besteht aus einer Gedenktafel, drei Nachbildungen von Hinrichtungspfählen und einer Skulptur von Georges Oudot aus dem Jahre 1950 mit dem Titel »Der Zeuge«.
Kommt man dann in den ersten der zwanzig Ausstellungsräume, wird man unmittelbar von der sehr nüchternen Atmosphäre gefangengenommen, die Bewegung über das Dargestellte nicht ausschließt, sondern vielleicht im Gegenteil gerade fördert: im abgedunkelten Raum ein überlebensgroßes Portrait eines Lagerhäftlings, ein Zitat des Philosophen George Santayana (1863–1952) »Wer sich der Vergangenheit nicht erinnern will, ist dazu verdammt, sie wiederzuerleben« und eines aus unbekannter Quelle: »Kein Zeugnis abzulegen wäre Verrat«. Diese Leitgedanken entsprechen dem Anliegen der Gründer und ebenso dem Tenor des Museums, das sowohl Kenntnisse vermitteln als auch Verständnis wecken will für eine hochkomplizierte historische Entwicklung, deren dramatische Konsequenzen in ausdrücklich pädagogischem Sinne als Mahnung verstanden werden.
Die Entwicklung des Nationalsozialismus
So geht es zunächst um die schwierigen Anfänge der Weimarer Republik und den Ursprung des Nationalsozialismus aus einer vielschichtigen Krisensituation in Deutschland. Geldscheine aus der Inflationszeit, Graphiken und Zahlen zur sozioökonomischen Entwicklung illustrieren den Ausstellungstext und erklären, wie wirtschaftliche Not und eine verletzte deutsche Identität nach 1918 zum Nährboden des Nationalsozialismus werden konnten.
Anschließend wird die NSDAP vorgestellt: Organisation, Propaganda, Statistiken zur Mitgliederzahl und zur Analyse der sozialen Gruppen, die die Partei unterstützen oder ihr eher feindlich gegenüberstehen. Nicht zuletzt veranschaulichen zahlreiche Gegenstände wie Gürtelschnallen, HJ-Abzeichen und BDM-Wimpel oder auch Liederbücher die Arbeit der nationalsozialistischen Jugendorganisationen. Wieder sind die Wände im Hintergrund mit überlebensgroßen Photos, z. B. von enthusiastischen Jugendlichen beim Hitlergruß, ausgefüllt, vor die jeweils kürzere Zitate, Statistiken oder andere Dokumente gesetzt sind. Alle kleineren Objekte befinden sich in Vitrinen.
Deutsche Besucher, insbesondere Historiker, zeigen gelegentlich Überraschung angesichts dieser ausführlichen und profunden Erläuterungen zum Aufschwung des Nationalsozialismus in Deutschland in einem französischen Museum. Die Vorgehensweise beleuchtet einmal mehr die gedankliche Konzeption der Gründer. Sie hielten es für unabdingbar, vor der Betrachtung des Widerstandes und seiner Konsequenzen zunächst zum Nachdenken anzuregen über die Situation, die den Widerstand hervorgerufen hat, d. h. die Genese, Ausbildung und Expansion des nationalsozialistischen Unterdrückungsregimes. Aus demselben Grunde wird die vom Vichy-Regime ab 1940 propagierte »Révolution nationale« und »collaboration« mit Hitler-Deutschland ebenfalls detailliert behandelt und durch zahlreiche Dokumente wie Photographien, Zeitungsartikel und Flugblätter veranschaulicht. Ebenso erfährt der Besucher anhand von Plakaten und Gesetzestexten, daß Pétain und seine Regierung schon ab Sommer 1940 die Initiative zu diskriminierenden Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung ergriffen haben, ohne daß die deutschen Machthaber sie in irgendeiner Weise dazu veranlaßt hätten. Ebenso undramatisch wie unmißverständlich benennt die Ausstellung hier Aspekte, die in der öffentlichen Diskussion Frankreichs lange verdrängt worden sind.
Die Geschichte des Zweiten Weltkrieges in ihren militärischen Aspekten kann natürlich nicht ausgespart bleiben, aber sie bildet keinesfalls das Zentrum und ebensowenig einen Schwerpunkt der Ausstellung. Die verschiedenen Phasen des Krieges werden jeweils summarisch dargestellt, anhand von Karten, Photographien und chronologischen Übersichten. Objekte wie Uniformen, ein Zelt oder ein amerikanischer Jeep ziehen die Aufmerksamkeit vor allem jugendlicher Besucher auf sich.
Aber es sind nicht solche spektakulären Ausstellungsobjekte, die die eigentliche Aussagekraft des Museums ausmachen. Das Schwergewicht der Darstellung liegt einerseits auf den Formen, die der Widerstand gegen das totalitäre Unterdrückungsregime des Nationalsozialismus und seine Ableger angenommen hat. Andererseits werden die verschiedenen Stufen und Dimensionen der Repression dargestellt. Das Wort »Déportation« steht hier für die gesamte Bandbreite der Verfolgungsmaßnahmen, die in der minutiösen Organisation der Vernichtungslager kulminieren.
Formen des Widerstandes
Hinsichtlich des Themas »Widerstand« ist zuallererst von Deutschland die Rede, von den Regimegegnern, die in den Anfangsjahren der Naziherrschaft die ersten Konzentrationslager gefüllt haben. Dann werden natürlich die Attentäter gegen Hitler, die »Weiße Rose«, der »Kreisauer Kreis« und die »Rote Kapelle« erwähnt. In diesem Punkt ist keinesfalls Vollständigkeit oder gar Originalität der historischen Aussage angestrebt. Bevor die Thematik des vielfältigen französischen Widerstandes angeschnitten wird, soll im Gegenteil kurz, aber explizit gezeigt werden, daß es auch in Deutschland Widerstand gegeben und warum dieser keine größeren Ausmaße angenommen hat.
Das Museum interessiert sich ebenfalls für den Widerstand in anderen europäischen Ländern, wie z. B. in Polen, Jugoslawien oder Griechenland, wo der Partisanenkampf die militärische Lage entscheidend beeinflußt hat.
Der französischen Résistance gilt aus verständlichen Gründen besondere Aufmerksamkeit. Die Darstellung bewegt sich auf zwei Ebenen: zum einen wird die allgemeine Entwicklung der französischen Résistance skizziert, zum anderen werden die Charakteristika der Résistance in der Franche-Comté genauer beleuchtet.
So geht es zunächst um die Anfänge der Résistance außerhalb Frankreichs, d. h. um die Truppen der France libre unter Charles de Gaulle, die nach der französischen Niederlage gegen Deutschland im Juni 1940 den militärischen Kampf weiterführen, insbesondere in Nordafrika. De Gaulles berühmter Appell vom 18. Juni 1940 im Radio der BBC, der konkret und symbolisch den Grundstein zur Bildung der Résistance gelegt hat, ist hier als Tondokument zu hören.
Mehrere Ausstellungsräume sind anschließend der Résistance im Innern Frankreichs gewidmet. Die Vorgehensweise ist im wesentlichen chronologisch. Zunächst werden allgemeine Informationen zur Aufteilung und Teilbesetzung Frankreichs nach dem Waffenstillstand mit Deutschland geliefert, das Alltagsleben in der Franche-Comté wird veranschaulicht. Die Ausstellung erwähnt dann die ersten, isolierten Aktionen von Einzelpersonen, die an verschiedenen Orten in Frankreich auf ganz unterschiedliche Weise eine Verweigerungshaltung zum Ausdruck gebracht haben. In der Franche-Comté wird z. B. ab 1940 erneut eine alte Durchhalteparole zitiert: Comtois, rends-toi – nenni, ma foi! = in etwa: »Comtois, ergib Dich – bei meinem Leben: nein!«
Die »Passeure«
Ein regional spezifischer Aspekt der Résistance, der durch die geographische Lage der Franche-Comté bedingt ist, soll nicht unerwähnt bleiben. Die Gegend befindet sich nämlich insofern in einer besonderen Situation, als sie ab Juni 1940 von der »Demarkationslinie« zwischen der besetzten Zone im Norden und der »freien« Zone, d. h. dem Gebiet des Staates von Vichy, durchquert wird. Daraus ergibt sich eine der ersten Formen des Widerstandes, unspektakulär und so weitgehend unbekannt: es handelt sich um die Aktivität der »Passeure«. An unzugänglichen Stellen des Juragebirges haben manche Menschen anderen dazu verholfen, die Demarkationslinie unbemerkt zu »passieren«, und sei es nur, indem sie jemanden vor Überschreiten der Linie beherbergt haben. Diese verschwiegene Solidarität der Landbevölkerung ist in einem Museum schwer greifbar zu machen. Die Ausstellung bezieht gefilmte Interviews mit ehemaligen Passeuren ein, die von diesem Aspekt des Widerstands Zeugnis ablegen. Einige Passeure, die von den Behörden entlarvt, gefoltert und getötet worden sind, werden heute noch als Lokalhelden verehrt; Folter und Begräbnis von Paul Koepfler zum Beispiel werden durch ganze Serien von Photos dokumentiert.
Die Résistance weitet sich aus
Die Ausstellung zeichnet die stufenweise Entwicklung der Résistance bis zur Befreiung 1944/45 nach. Anhand von Diagrammen, Statistiken und Originaldokumenten kann der Besucher die Entstehung größerer Organisationen, der »Mouvements« wie Combat, Libération und Défense de la France, und ab 1943 die Ausbildung eines regelrechten Untergrundstaates nachvollziehen. Den Aktivitäten Jean Moulins, der in Lyon von Klaus Barbies Schergen zu Tode gefoltert wurde, ohne irgendeine Information preisgegeben zu haben, gilt dabei besonderes Augenmerk. Diese herausragende und vieldiskutierte Persönlichkeit gibt Gelegenheit, sowohl die Brutalität der Repression vor Augen zu führen, als auch die Zwistigkeiten, die es während und nach der Untergrundtätigkeit zwischen Angehörigen des französischen Widerstands gegeben hat, zu erwähnen. Nach 1945 wollten nämlich einige der Rivalen Jean Moulins, die ebenfalls Führungsrollen in der französischen Résistance innehatten, in diesem Vertreter de Gaulles einen verdeckten Kommunisten sehen, was sich inzwischen aber als unhaltbare These herausgestellt hat.
Die Untergrundpresse
Die Untergrundpresse stellt einen zentralen Aspekt der Tätigkeit des französischen Widerstandes dar, durch die im Laufe der Kriegsjahre immer weitere Bevölkerungskreise erreicht werden. In dieser Hinsicht erweist sich die Ausstellung als besonders eindrucksvoll. Sie kommt mehrfach auf dieses Thema zurück und zeigt die verschiedenen Entwicklungsstadien der Propagandatätigkeit der Untergrundkämpfer. Vom handgeschriebenen kleinen Zettel über maschinenschriftlich per Durchschlag erzeugte Flugblätter bis zur professionnell gedruckten und beinahe regelmäßig erscheinenden Zeitung: der Besucher hat Arbeitsmaterial und Zeitungen vor Augen und kann nur staunen, wie ausgeklügelt die Organisation der Widerstandsgruppen diesbezüglich gewesen ist. Geriet der Lärm der Druckmaschinen in falsche Ohren, konnte das für die Beteiligten die Todesstrafe bedeuten. Und doch sind die wichtigsten Untergrundzeitungen gegen Ende der Besatzungszeit in mehreren hunderttausend Exemplaren erschienen! Ebenso bewundernd steht man vor der Perfektion der Ausweisfälscher, deren Werkzeug zusammen mit Beispielen gefälschter Papiere ausgestellt ist.
Angesichts dieser Massenproduktion an Druckerzeugnissen der Résistance wird für deutsche Besucher die gewaltige Kluft spürbar, die die einsamen Grüppchen des deutschen Widerstandes von den stetig anwachsenden Organisationen in Frankreich unterscheidet, die zunehmend auf wohlwollendes Schweigen der Bevölkerung hoffen konnten.
Die Maquis
Diese Feststellung gilt ebenso und ganz besonders für einen weiteren Aspekt des Widerstandes, der gegen Ende des Krieges große Bedeutung erhält und im Museum einen wichtigen Platz einnimmt. Es handelt sich um das Phänomen der Maquis. Auf deutschen Druck verpflichtet im Februar 1943 ein Erlaß des Vichy-Regimes junge Franzosen zur Zwangsarbeit in Deutschland. Diese Maßnahme stößt in der Bevölkerung auf massive Ablehnung und führt zur Bildung der »Maquis», wörtlich »Gebüsch«. Die unübersichtlichen Hänge und Täler des Jura eignen sich besonders, um Flüchtlingen vor der Zwangsarbeit oder anderen Untergrundkämpfern Unterschlupf zu bieten. So nimmt vom Frühjahr 1943 an in den Wäldern der Franche-Comté die Zahl der illegalen Lager zu, in denen sich die jungen Männer auf den Befreiungskampf vorbereiten. Die Maquis werden von der Bevölkerung mit Lebensmitteln versorgt und sind daher ein besonders gutes Beispiel für die Verflechtung des französischen Widerstandes mit seinem sozialen Umfeld, das sich je länger, desto mehr mit den Anliegen des Widerstandes solidarisiert. Die zumeist schlecht ausgerüsteten und kaum ausgebildeten Truppen der Maquis nehmen 1944 an der Befreiung der Franche-Comté teil und defilieren anschließend stolz in ihren Heimatorten. Zahlreiche Photos illustrieren die wichtige Funktion der Maquis in der Endphase der Résistance; das Leben in den Maquis ist durch Zelte und Alltagsgegenstände dokumentiert.
Die Maquis leiten die Phase des bewaffneten Widerstandes ein und organisieren Attentate oder Sabotageakte z. B. gegen Eisenbahnlinien. Damit setzen sie sich natürlich der Verfolgung aus. Das Museum zeigt eindrücklich, auf wie grausame Weise gegen manche Maquis vorgegangen worden ist und welch erbarmungslose Vergeltungsmaßnahmen umliegende Orte nach Aktionen der Maquisards treffen konnten. Oradour-sur-Glane heißt eines dieser heute noch in ganz Frankreich bekannten Dörfer, dessen gesamte Bevölkerung Opfer einer Vergeltungsaktion geworden ist. Als regionales Beispiel zitiert die Ausstellung Saint-Claude im Jura, das 1944 ein »blutiges Ostern« erleben mußte. Hinsichtlich dieser massiven Repressalien sprechen viele Photos für sich und verfehlen ihre Wirkung auf den Besucher nicht.
Letzte Briefe einiger in Besançon zum Tode verurteilter und hingerichteter Widerstandskämpfer, von denen manch einer erst sechzehn Jahre alt war, gehören zu den bewegendsten Ausstellungsstücken des Museums.
Das nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungssystem
Was die nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungsmaschinerie betrifft, bemühen sich die Konzeptoren der Ausstellung sehr um fundierte Erklärungen. Sie zitieren ausführlich die führenden Ideologen des Dritten Reiches und erläutern dann, wie sich das Netz der Lager auf das gesamte deutsche Herrschaftsgebiet ausgedehnt hat. Es wird sorgfältig zwischen den verschiedenen Lagertypen (Durchgangslager, Arbeitslager, Vernichtungslager etc.) unterschieden.
Das Leben der Lagerinsassen wird veranschaulicht durch Photos, Gegenstände, Briefe, heimliche Notizen und Zeichnungen. Der Widerstand in den Lagern findet ebenso Erwähnung wie Konzerte und Theateraufführungen, die die Häftlinge zu organisieren imstande waren. Darüber hinaus wird anhand von Quellen die Frage aufgeworfen, warum die Alliierten gegen Ende des Krieges nicht die zu den Lagern führenden Eisenbahngleise bombardiert haben. Dadurch hätten einige der letzten Transporte ihr Ziel nicht oder nicht so schnell erreicht, und Hunderten von Deportierten wäre vielleicht das Leben gerettet worden.
Die Räume, die die Thematik der Konzentrations- und Vernichtungslager behandeln, sind sehr dunkel; nur Vitrinen und Ausstellungstafeln sind beleuchtet. Sicherlich treffen wandfüllende Photos von Häftlingsgesichtern oder Szenen der Zwangsarbeit heute kaum einen Besucher mehr unvorbereitet. Dennoch hat die Ausstellung in diesem Punkt eine starke emotionale Wirkung. Dies liegt vielleicht gerade an der Sparsamkeit der Kommentare. Die Bilder und Dokumente der Lagerwirklichkeit werden mit Gegenständen konfrontiert, die von der Erfindungsgabe, Feinfühligkeit, kurz: der Menschlichkeit der Lagerinsassen und ihrer Familien zeugen: Spielkarten in Miniaturformat mit Portraits der Aufseher, aus Stroh gebastelte Puppen, selbstgenähte Kinderkleidung in den Farben der Trikolore, zum würdigen Empfang des Vaters bestimmt, der aus dem Lager nie zurückkehren wird, und vieles andere.
Die Zeichnungen von Jean Daligault, Léon Delarbre und Jeannette Lherminier, oft auf winzigen Papierfetzen oder Stoffstücken angefertigt, sind ein besonders eindrucksvolles Zeugnis des Lagerlebens. Die Sammlungen der ersten beiden Künstler gehören zum Teil dem Musée d’Art moderne in Paris, werden aber dauerhaft in Besançon aufbewahrt. Sie bilden eine besondere Attraktion des Museums. Wegen der Empfindlichkeit der Zeichnungen sind sie aber nicht permanent, sondern nur auf Wunsch zu betrachten und befinden sich die übrige Zeit in völlig abgedunkelten Räumen.
Es stellt sich grundsätzlich die Frage, inwieweit ein Museum über die unsagbare Lagerrealität tatsächlich etwas aussagen kann. Die Antworten auf diese Frage sind vielfältig; jedes Museum zu diesem Thema bietet hier seinen eigenen Lösungsvorschlag. Die Stärke des Museums von Besançon in seiner heutigen Form liegt wohl in seiner Nüchternheit. Die nötigen Fakten werden durch Dokumente oder den Ausstellungskommentar benannt; die Lebenswirklichkeit der Lager, die durch die Vorstellungskraft des Besuchers nur erahnt werden kann, wird durch Aussparung oder Kontrast eher suggeriert. Besançon befindet sich in dieser Hinsicht in diametralem Gegensatz zum Mémorial von Caen, das die Sinne des Besuchers durch großen technischen Aufwand in den Bann schlägt. Welcher Museumskonzeption die Zukunft gehört, wird im folgenden noch zu diskutieren sein.
Die letzten Ausstellungsräume behandeln die Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft und das Kriegsende. In diesen Räumen wird es nach der Finsternis der Todeslager buchstäblich wieder heller, und das Tageslicht schafft eine deutlich andere Atmosphäre als in allen vorigen Räumen. Es geht sowohl um die unvergleichliche Euphorie der »Libération«, als dann auch um die Frage der Bestrafung der Täter und die Möglichkeit, »Lehren« aus der Vergangenheit zu ziehen. Der Nürnberger Prozeß und derjenige gegen Klaus Barbie (1987) werden ausführlich dokumentiert, neben Belegen über ehemalige Nationalsozialisten, die in Deutschland oder anderswo friedlich ihren Lebensabend verbracht haben, ohne jemals behelligt worden zu sein. Das letzte Wort des Museums haben jedoch die Widerstandskämpfer, deren Zeitungen, jetzt nicht mehr im Untergrund, sondern öffentlich, in hunderttausenden von Exemplaren die Libération begrüßen.
Am Ausgang schlägt der Text der Erklärung der Menschenrechte die Brücke zum Eingangszitat über die Notwendigkeit der Erinnerung. Der durch diese Zitate geschaffene Rahmen verleiht dem Museum einen nicht nur historischen, sondern darüber hinaus zeitlos ethischen Gehalt.
Das Museumspublikum
Durchschnittlich 65 000 Menschen aus aller Welt sehen jährlich die Ausstellung im Musée de la Résistance et de la Déportation von Besançon. Für Besucher, die des Französischen nicht mächtig sind, stehen Tafeln mit zusammenfassenden Übersetzungen oder Tonbandführungen zur Verfügung. 8000 Sekundarstufenschüler pro Jahr besichtigen das Museum im Rahmen des Geschichtsunterrichts. Darüber hinaus weckt der nationale Wettbewerb zu Themen des Widerstands in Frankreich und Europa, der sich an Schüler der Mittel- und Oberstufe richtet, jedes Jahr erneut das Interesse der jungen Generation an der Geschichte der Résistance. Und für die Vorbereitung zur Teilnahme an diesem Wettbewerb steht den Schülern nicht nur die Ausstellung zur Verfügung.
Dokumentationszentrum und Archiv
Hinter dem Namen Musée de la Résistance et de la Déportation verbirgt sich mehr als das eigentliche Museum. Zunächst konnte bei der Erstellung der Ausstellung natürlich nicht alles verfügbare Material in den Räumen Platz finden. Es eignen sich auch nicht alle Dokumente in gleicher Weise zur Veranschaulichung des einen oder anderen Themas. Quellen über die Arbeit der Nachrichtendienste des Untergrunds, hektographierte Unterrichtsmaterialien zur Ausbildung der jungen Männer in den Maquis, Photosammlungen, die dem Museum von Zeitzeugen überlassen worden sind, Hunderte von Karteikarten mit Informationen über die nach Ravensbrück deportierten Französinnen etc.: all dies gehört zum reichen Bestand des Archivs, das für Forschungszwecke zur Verfügung steht. Es wird vom Personal des Dokumentationszentrums verwaltet und auf Anfrage individuell zugänglich gemacht.
Das Dokumentationszentrum besteht aus einem Arbeitsraum in einer Freihandbibliothek mit über 8000 Bänden zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges und den daran angrenzenden Themen. Zeitgenössische Veröffentlichungen sind reichlich vorhanden, aber auch wissenschaftliche Neuerscheinungen werden trotz knapper Finanzmittel im Rahmen des Möglichen angeschafft. Ebenso kann der Besucher hier alle einschlägigen französischen nebst einigen fremdsprachlichen Zeitschriften einsehen.
Aber die Stärke des Dokumentationszentrums liegt nicht nur in seiner materiellen Ausstattung begründet. Ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit des Personals besteht in der individuellen Betreuung der Besucher, die mit ganz verschiedenen Anliegen an die Bibliothek herantreten. Regelmäßig gibt es Anfragen von Einzelpersonen z. B. zum Schicksal eines deportierten Familienmitgliedes zu bearbeiten, was für die »Documentaliste« mit großem Aufwand verbunden sein kann. Zahlreiche Schülergruppen gilt es zu empfangen und behutsam anzuleiten, ohne daß die Arbeit anderer Bibliotheksbenutzer gestört wird.
Außerdem arbeitet das Dokumentationszentrum eng mit der zeitgeschichtlichen Abteilung der Universität zusammen. Die Autorin dieses Beitrags hat als Teilnehmerin am Erasmus-Austauschprogramm ihre erste französischsprachige Hausarbeit über eine der wichtigsten Zeitungen des Untergrunds geschrieben, die im Dokumentationszentrum auf Mikrofilm verfügbar ist. Heute betreut sie selber Magisterarbeiten über Quellen des Archivbestandes. François Marcot, einer der Gründer des Museums und Professor für Zeitgeschichte, verweist die Studierenden des Hauptstudiums regelmäßig auf Museum und Dokumentationszentrum, die mit den Themen seiner Lehrveranstaltungen in direkter Verbindung stehen. Unter seiner Leitung werden Doktorarbeiten und pro Jahr bis zu sechs Magisterarbeiten zu Themen der Résistance angefertigt. Die Unterstützung des Personals des Dokumentationszentrums ist hier unabdingbar, denn die Bibliothekarinnen helfen, Antwort zu finden auf die unzähligen Detailfragen, auf die die Studierenden im Laufe ihrer Quellenarbeit stoßen.
Universität und Dokumentationszentrum organisieren gemeinsam internationale Kongresse, deren letzter im September 2003 französische, italienische und deutsche Historiker in Besançon zusammengeführt hat. Das Thema lautete »Widerstände als Spiegel der Unterdrückungsregime (Deutschland, Italien, Frankreich)«. In den neunziger Jahren hat eine Reihe von Kongressen verschiedene Aspekte der französischen Résistance beleuchtet und mosaikhaft Antworten auf die sehr komplexe Frage nach einer Definition dessen, was »Widerstand« und »Widerständler« ausmacht, formuliert. Die Zusammenarbeit mit der Universität Besançon, dem Pariser Institut für Gegenwartsgeschichte I.H.T.P. und anderen historischen Instituten im In- und Ausland macht das Dokumentationszentrum zu einer echten Forschungseinrichtung.
Diese Verflechtung mit der historischen Forschung erweist sich heute zugleich als Trumpf und als Schwierigkeit für die Zukunft des Museums.
Zukunftsperspektiven
Aktueller Stand
Wie bereits erwähnt, wurde die Konzeption des Musée de la Résistance et de la Déportation von Besançon am Ende der sechziger Jahre erarbeitet und Ende der siebziger Jahre anläßlich eines Umzuges innerhalb der Zitadelle erweitert. Den kulturpolitischen Tendenzen nach 1968 entsprechend will diese Ausstellung im Grunde einen erzieherischen Auftrag erfüllen: die an der Museumsgründung beteiligten Historiker und Zeitzeugen waren eindeutig von dem Impetus geleitet, dem Besucher differenzierte Erklärungen zum besseren Verständnis der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft zu liefern und spektakuläre Vereinfachungen oder Allgemeinplätze zu vermeiden.
Heute löst dieser pädagogische Ansatz kritische Stellungnahmen und Diskussionen über notwendige Veränderungen aus. Anläßlich einer offiziellen Expertise im März 2000 hat sich Nicolas Georges, Inspektor der staatlichen Museumsaufsicht (Direction des musées de France), folgendermaßen über das Museum geäußert: »Weil die Museumsgestalter unablässig darum bemüht sind, der historischen Arbeitsweise treu zu bleiben, ähnelt die Ausstellung zwangsläufig einem großen Geschichtsbuch. Eine solche Museumskonzeption birgt die Gefahr, übermäßig ‚didaktisch‘ zu wirken. Die historische Verankerung des präsentierten Gedankenganges ist zugleich seine Stärke und sein Schwachpunkt.«4
Im Umfeld des beginnenden 21. Jahrhunderts ist das Musée de la Résistance et de la Déportation mehr als ein pädagogisches Hilfsmittel. Zwar wird es sich wohl auch in Zukunft grundsätzlich vom Mémorial in Caen unterscheiden, das auf spektakuläre Weise einer Art Erinnerungstourismus huldigt und dabei mit der historischen Genauigkeit des öfteren etwas großzügig umgeht. Es darf in Besançon auch nicht darum gehen, dem Besucher eine bestimmte Lesart der Vergangenheit sozusagen konsumfertig aufzudrängen, indem die Ausstellungsobjekte in lebensnahe Szenen eingebettet werden. Vor dieser Gefahr wird von der Direction des musées de France ausdrücklich gewarnt.5 Aber das Museum von Besançon befindet sich auf dem Gelände der Zitadelle, die die touristische Hauptattraktion der Stadt darstellt und pro Jahr 240 000 Besucher meist jüngeren Alters zählt. Diese wollen nicht unbedingt – und das ist ihr gutes Recht – in jedem der 20 Ausstellungsräume mehr als eine Stunde mit der Lektüre der ausgestellten Dokumente und ihrer Kommentare verbringen, wie es die Autorin als Geschichtsstudentin zu Beginn ihres Aufenthaltes in Besançon getan hat.
Wenn es attraktiv bleiben will, muß das Museum den heutigen Erwartungen eines breiten Publikums entgegenkommen und folglich behutsam verändert werden.
Neue Wege für ein Museum des 21. Jahrhunderts
In ihrer Bestandsaufnahme benennt die Museumsdirektorin von Besançon verschiedene Faktoren, die bei einer Umgestaltung zu berücksichtigen sind 6:
• Es gilt, das ursprüngliche Anliegen der Zeitzeugen und Gründer zu respektieren. Die ethisch-moralische Dimension einer Gedenkstätte für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft muß gewahrt bleiben und mit ihr der Charakter eines Mahnmals zur Verteidigung der Menschenrechte. Nun befinden wir uns gegenwärtig an der Scheidelinie zwischen persönlicher Erinnerung und Geschichte, denn in nicht allzu ferner Zeit wird es keine Überlebenden aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs mehr geben. An uns Nachgeborene stellt sich damit die Aufgabe, das Erbe der Zeitzeugen im kollektiven Gedächtnis zu bewahren, d. h. wachsam zu bleiben und Gefährdungen der Werte, für die die Widerstandskämpfer ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, nicht hinzunehmen.
• Die Verbindung zum Erziehungswesen ist von Vorteil für das Museum und garantiert in gewissem Maße seine Besucherzahlen.7 Aber die Konzentration auf die Schüler und ihre Bedürfnisse darf keinesfalls so weit gehen, daß sie ein breiteres Publikum vom Besuch des Museums abhält. So ist es von allergrößter Bedeutung, darüber nachzudenken, wie sich verschiedenste Gruppen der Bevölkerung durch das Museum angesprochen fühlen können. Es gehört zur sozialen Pflicht eines Museums, sein Anliegen über Spezialistenkreise hinaus an diejenigen zu vermitteln, die dazu spontan keinen Zugang haben.8 Daraus zieht die bereits erwähnte Expertise von Nicolas Georges die Schlußfolgerung, daß das Museum von Besançon seinen heutigen Archivcharakter zugunsten einer lebendigeren Gestaltung abwandeln solle. Natürlich können und sollen weiterhin Zeitungen, Flugblätter, offizielle Bekanntmachungen und andere Texte ausgestellt werden, aber der Anteil der Gegenstände an der Gesamtzahl der Ausstellungsobjekte muß erhöht werden.
• In diesem Sinne bedarf der Fundus des Museums neuer Interpretationen aus aktueller Sicht. Die meisten ausgestellten Gegenstände sind dem Besucher aus dem Alltagsleben vertraut. Sie sprechen unmittelbar an und erhalten ihren Sinn z. B. durch den impliziten Kontrast zwischen einem Leben in Freiheit ohne materielle Not und einer Situation, in der die Befriedigung aller fundamentalen Bedürfnisse verweigert wird. Hier kann auf die Vorstellungskraft des Besuchers vertraut werden. – Um die Bedeutung der Texte zu erfassen, braucht der Leser dagegen oft zusätzliche Informationen. Bei der Erstellung eines stimulierenden Kommentars handelt es sich jedoch um eine Gratwanderung: der Kommentar darf sich nicht auf unzusammenhängende Informationen beschränken, die den Leser weiterhin über den Sinn der Quelle im Dunkeln tappen lassen, aber er sollte auch nicht eingleisig eine Lesart des Textes aufdrängen, die den Leser hindert, eigene Interpretationsideen zu entwickeln. François Marcot umreißt seinen Standpunkt zu diesem Thema auf folgende Weise: »das Museum muß ein Dokument für den Besucher ›dechiffrieren‹, was nicht bedeutet, ihn zu einer Sichtweise zu verpflichten, sondern sich einfach daraus ergibt, daß Kenntnisse nicht angeboren sind, sondern erworben werden müssen.« Diese scheinbar simple Maxime in anregende Kommentare umzusetzen, ist eine der Aufgaben, die sich in den nächsten Jahren in Besançon stellen wird.
• Schließlich ist relativierend zu bedenken, daß es das endgültig ideale Museum natürlich nie geben wird, sondern daß jedes neue Ausstellungskonzept zwangsläufig wieder durch die Anliegen seiner Zeit geprägt und irgendwann erneuerungsbedürftig ist. Der Reichtum eines Museums liegt unter anderem in der Vielzahl der Möglichkeiten, die es dem Besucher bietet, sich mit der behandelten Thematik zu beschäftigen: Gedenkstätte und Mahnmal, Ausstellung, Bereitstellung von Informationsmaterialien, Begegnung und Austausch mit Zeitzeugen, Historikern oder anderen am Thema Interessierten, Durchführung von Forschungsvorhaben.
Die Phase der Bestandsaufnahme ist in Besançon in etwa abgeschlossen, während noch weitgehend unklar ist, wie die Ausstellung im einzelnen umgestaltet werden soll. Und die Bemühungen um Modernisierung betreffen natürlich nicht nur das hiesige Museum, sondern eine ganze Reihe von französischen Ausstellungen zum Thema Widerstand.
Wie so oft in Frankreich verspürt man auch hier das Bedürfnis nach zentraler Lenkung. Denn nach 1945 sind unzählige Ausstellungen durch lokale Initiativen von Vereinen und Einzelpersonen ins Leben gerufen worden, und viele dieser kleinen Strukturen halten der heutigen Konkurrenz im Freizeitsektor nicht mehr stand. Die Neuorganisierung der französischen Museumslandschaft kann nach Ansicht der Verantwortlichen nur unter staatlicher Oberaufsicht, nach allgemeinverbindlichen Richtlinien und in Abstimmung mit den großen nationalen Verbänden wie der Fondation de la Résistance stattfinden.9
All dies steckt zwar einen formalen Rahmen zur Umstrukturierung der Museen ab, sagt aber immer noch nichts über die inhaltliche Substanz der Veränderungen. Elizabeth Pastwa zufolge müssen im Vorfeld mehrere Grundsatzfragen diskutiert werden10:
Inwieweit soll und muß im Rahmen einer historischen Ausstellung das Bedürfnis der heutigen Gesellschaft nach Erinnerung und Verankerung in der Vergangenheit in Aktualisierung und Anwendung auf die Gegenwart münden? Kann ein Museum im Gegenzug die Geschichte wiederauferstehen lassen, oder bleibt das »Nachempfinden« der Vergangenheit zwangsläufig eine Illusion?
Müssen im Gedanken an ein immer internationaleres Publikum die regionalgeschichtlichen Elemente der Ausstellung ausgeschieden werden? Oder sind die örtlichen Besonderheiten gerade ein Trumpf, der Besucher aus der Gegend anspricht und für Auswärtige allgemeinere Anliegen auf spezifische Weise illustriert? Hat es einen Sinn, Einzelschicksale nachzuzeichnen?
Welche Werte sollen im Mittelpunkt stehen: Verantwortung des Bürgers, Zivilcourage, Engagement des Einzelnen und der Gemeinschaft, wie es bisher der Fall war? Welcher Stellenwert soll dem Patriotismus zukommen? Sollen Nationalismus und Identitäten einzelner Gruppen zur Diskussion gestellt werden?
Um welche Anliegen kann es hier gehen:
• die Bedeutung der Kriege für die europäische Einigung?
• die Einrichtung internationaler Institutionen, wie z. B. des Gerichtshofs zur Verfolgung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder zukünftig auch zur Verteidigung anderer Grundwerte?
• die Rolle des Krieges in der heutigen Gesellschaft in Europa und der Welt?
Friedensstiftung durch Erinnerung an Krieg?
All diese Aspekte lassen mosaikhaft erahnen, in welche Richtungen sich das Musée de la Résistance et de la Déportation in den nächsten Jahren weiterentwickeln könnte.
Die Autorin dieses Beitrags hofft ihrerseits, daß die Verantwortlichen in Besançon dem gegenwärtigen Multimedia-Trend widerstehen und die Ausstellung nicht in ein Freizeitspektakel verwandeln werden. Sicherlich muß die Masse der Texte reduziert, auf Veranschaulichung und ansprechende Darstellung geachtet werden. Dennoch sollte der Tenor eines Museums bewahrt werden, das nicht durch spektakuläre Effekte, sondern durch Nuancen und leise Töne an die Menschen des Widerstandes erinnert. Im Konzert der Museen des 21. Jahrhunderts darf diese Stimme nicht fehlen.
1 Zur Geschichte der Résistance vgl. die handliche Gesamtdarstellung von MURACCIOLE (François), Histoire de la Résistance en France, Paris 1993. Zum kollektiven Gedächtnis der verschiedenen Gruppierungen der Résistance nach 1945 vgl. NAMER (Gérard), La commémoration en France de 1945 à nos jours. Paris 1987.
2 Zur Geschichte des Museums vgl. PASTWA (Elizabeth), »Le musée de la Résistance et de la Déportation de Besançon«, in: CABANELL (Patrick), GERVEREAU (Laurent), La Deuxième Guerre mondiale, des terres de refuge aux musées. Le Chambon-sur-Lignon 2003 (S. 335–343).
3 Zur Verdrängung der Erinnerung an Vichy im gaullistischen résistancialisme und zum Ende des Tabus vgl. ROUSSO (Henry), Le syndrome de Vichy de 1944 à nos jours. Paris 1987, insbesondere S. 77–117 und 118–136.
4 GEORGES (Nicolas), »Rapport sur le musée de la Résistance et de la déportation de Besançon«, in: Inspection générale des musées. Paris, Ministère de la culture et de la communication/Direction des musées de France, 2000.
5 Vgl. GEORGES (Nicolas), a.a.O.
6 Vgl. PASTWA (Elizabeth), a.a.O., S. 338–340.
7 Zu den Beziehungen zwischen Erziehungswesen und Museum vgl. BUFFET (Françoise), »Entre école et musée: le temps du partenariat culturel éducatif?«, in: Publics et musées n° 7 (Januar–Juni 1995), S. 47–66.
8 Zur sozialen Breitenwirkung und Rezeption einer Museumsdarstellung vgl. L’interaction sociale au musée, Publics et musées n° 5 (Januar–Juni 1994), 130 S. Speziell zum Publikum der Museen zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs vgl. FRANÇOIS (Emmanuelle), Les musées d’histoire de la Seconde Guerre mondiale. Rapport au Ministère de la Culture, Paris, Direction des Musées de France, 1996, S. 73–94.
9 GEORGES (Nicolas), a.a.O.
10 PASTWA (Elizabeth), a.a.O., p. 341/2.