Das 20. Jahrhundert gilt als das Zeitalter diktatorischer Systeme. Ihre Führer gaben vor, sich auf die Massen zu stützen. Dennoch schufen sie sich Überwachungs- und Terroreinrichtungen, denn sie mißtrauten der Bevölkerung, in deren Interessen und zu deren »Wohl« sie zu handeln vorgaben. Zugleich fürchteten sie sich vor denen, die sich durch die »Visionen« und »Utopien« der Diktatoren nicht beeindruckt zeigten und deren Versprechungen nicht glauben wollten. Dennoch: Widerstand war eine Ausnahme, Anpassung war die Regel, und nicht selten wurde Folgebereitschaft als ein »breiter Rückhalt« verzeichnet, den Diktatoren angeblich in der Bevölkerung fanden. Die Suche nach der Nische, die Anpassung der – mit einem Wort des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuß – »moralisch Anspruchslosen« machte es regimekritischen Menschen deshalb sehr schwer, sich in Diktaturen zu widersetzen. Sie mußten nicht nur ihre Furcht vor den Mächtigen überwinden, sondern sich auch über gesellschaftliche Blindheit und moralische Anspruchslosigkeit hinwegsetzen, die die Mehrheit der Zeitgenossen auszeichnete. Wer über Widerstand gegen diktatorische Systeme nachdenkt, darf deshalb die Anpassung nicht aus dem Blick verlieren. Das Zeitalter der Diktaturen ist aber stets entscheidend durch jene geprägt worden, die widerstehen konnten oder sich bewußt widersetzt haben.
An den Versuch, Deutschland aus eigener Kraft von der NS-Diktatur zu befreien, erinnern Gedenkveranstaltungen zum 20. Juli 1944, dem Tag des Attentat auf Hitlers.
Vergessen ist, dass der Weg zur Anerkennung des Widerstands im Umkreis des 20. Juli 1944 lang war, wesentlich länger und auch verworrener, als das offizielle Gedenken heute vermuten läßt. Für die Nachlebenden drückte sich erst seit den fünfziger Jahren im Attentatsversuch von Stauffenberg eine politische Hoffnung aus, die den überlebenden Regimegegnern zur Brücke wurde. Dies hatte Tresckow angedeutet, als er seinem Adjutanten Schlabrendorff unmittelbar vor seiner Selbsttötung seine Hoffnung mitgeteilt hatte, er hoffe, Deutschland möge gerade wegen dieser Tat, die den Zeitgenossen als Verrat galt, den Weg in den Kreis der zivilisierten Nationen zurück finden könnte.
Dieser Gedanke wurde in den frühen fünfziger Jahren immer wieder beschworen. Deshalb erinnerte bereits 1952 der damalige Regierende Bürgermeister Ernst Reuter an den 20. Juli und weihte ein Denkmal im Innenhof des Bendlerblocks, an der Hinrichtungsstätte der Attentäter, ein. Mitte der sechziger Jahre wurde dort eine kleine Ausstellung eröffnet, die der Zeithistoriker Friedrich Zipfel mit entwickelt6 hatte. Sie konnte in den achtziger Jahren erheblich ausgeweitet werden und sollte nun ein Gesamtbild des Widerstandes gegen den NS-Staat zeigen – in seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit, in seinen Grenzen und Hoffnungen, in seinem Scheitern, aber auch in seiner Nachwirkung.
In dem Zitat aus dem Munde Tresckows verbergen sich aber auch Gefahren. Sie liegen darin, daß sich aus der Hoffnung der Handelnden auf den Umbruch in dunkler Zeit sehr bald ein Anspruch der Nachlebenden, schließlich eine Behauptung werden konnte, auf die sich politische Ansprüche gründen konnten: der Widerstand habe die Existenz eines anderen und besseren Deutschland bewiesen. Deshalb seien die Deutschen unter Hinweis auf den Widerstand auch berechtigt, positive Erwartungen bei ihren Nachbarn zu wecken, ja der Widerstand gegen den Nationalsozialismus eigne sich zur Begründung des Anspruchs, neuen Respekt zu verlangen. So ist dieser Satz aber niemals gemeint gewesen. Dabei berief man sich immer wieder auf das bisher nicht verifizierte Zitat Churchills, der im Unterhaus behauptet haben soll, der Widerstand vom 20, Juli verkörpere den besten Teil der deutschen Geschichte.
Dieses Zitat, das in fast keiner Erinnerungsrede fehlt, macht eine grundlegende Schwierigkeit der Widerstandsdeutung in der Nachkriegszeit deutlich: In den immer spürbaren Neigungen der Nachlebenden, die nicht selten Überlebende waren und den Widerstand deuten konnten, wird ein grundlegendes Dilemma sichtbar. Es kann nicht darum gehen, durch den Hinweis auf die Regimegegner zu versuchen, einen positiven Posten auf dem deutschen Leistungs- oder – kirchlich gesprochen – Widerstand geleichsam auf dem »nationalen Gnadenkonto« zu verzeichnen.
Wenn man sich vergegenwärtigt, daß sich im Widerstand Handlungsalternativen zur verbreiteten Anpassungs- und Folgebereitschaft verkörperten, wird man in der Auflehnung gegen den NS-Staat sichtbar machen können, daß es in Deutschland nicht nur Anpassung, Mitmachen, Folgsamkeit, Gehorsam und den Versuch zur Rettung der eigenen Haut gab – dann wiegen die Lasten der deutschen Geschichte noch schwerer. Widerstand im NS-Staat wird so zum Exempel anderer Verhaltensmöglichkeiten, die Menschen hatten und haben werden, die in Diktaturen leben – dies ist wohl die bleibende Bedeutung dieses Bereichs deutscher Geschichte, die so arm ist an Beispielen der Selbstbehauptung ist und die sich so schwer tut mit dem Respekt vor jenen, die couragiert der Bürgergesellschaft den Geist durch beispielhaftes Verhalten nahebringen wollten.
Wollte man den Widerstand nach dem Krieg hüben wie drüben benutzen, um die im Zuge des Systemkonflikts entstandenen beiden deutschen Teilstaaten moralisch zu legitimieren, so hatte das wenig Erfolg. Nach der Deutung des bürgerlich-militärtischen Widerstands als »Aufstand des Gewissens« und der Einbeziehung des Widerstands des 20. Juli 1944 in die faktische Vorgeschichte der Bundesrepublik Deutschland blieben schmerzende Nachfragen nicht aus: Das Wogegen war klar, das Wofür aber nicht. Denn es wurde deutlich, in welchem Maße der Widerstand gegen den NS-Staat auch von Bewegungen geleistet wurden, die sich nach 1945 mit der zweiten deutschen Diktatur verbanden. So sehr deshalb des Widerstand gegen den NS-Staat einen Bezugspunkt der Erinnerung in beiden deutschen Staaten darstellte, so unübersehbar schlug sich in diesem Thema auch die Teilung deutscher Geschichtsbilder nieder. Dem stellte sich die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, denn sie wollte eine Gedenkstätte aller Deutschen an den Widerstand sein, und dies lange vor dem Fall der Berliner Mauer und dem europäischen Umbruch.
Es ging dabei um die Verfolgung verschiedener Ziele historisch-politischer Bildung: Tief verwurzelt in der Struktur der obrigkeitsstaatlich geprägten Gesellschaft, teilte der aus der »Vollmacht des Gewissens« legitimierte und gedeutete Widerstand zwar vor 1945 viele Prägungen der deutschen politischen Kultur. Zugleich aber wies er über die Horizonte seiner eigenen Zeit hinaus. Dies gilt in besonderem Maße für den militärischen Widerstand. Nur nach den politischen Ordnungsvorstellungen der Regimegegner, nicht aber nach ihren Nachwirkungen zu fragen, hieße aber, die jeweils individuellen Voraussetzungen eines rigiden und nicht nach der eigenen Person fragenden Widersetzens nicht erfassen zu können.
Widerstand im Umkreis des 20. Juli – dieses Thema darf aber keinesfalls dazu verleiten, den Widerstand vor allem, wie es immer wieder versucht wird, auf den militärischen Bereich zu beschränken. Die Gefahren dieser Überhöhung sind immer wieder betont worden. Dabei hat man auch vor dem Versuch einer krampfhaften Traditionsbildung gewarnt. Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand stellt sich diesem Problem, indem sie sich jeder parteipolitischen Verengung und Einvernahme widersetzt. Deutscher Widerstand in seiner Breite und Vielfalt auf der einen, Erinnerung an den 20. Juli 1944 auf der anderer Seite – hier liegt ein Spannungsfeld, das prinzipielle Dimensionen politischen Lebens im Zeitalter der Diktaturen erschließen kann.
Deshalb darf die Beschäftigung mit dem Widerstand gegen Hitlers System nicht dazu führen, daß wir nicht mehr nach den Menschen fragen, die außerhalb dieses engen Verschwörer-Kreises nicht dem Nationalsozialismus erlegen sind, sondern die sich behaupten konnten, ohne daß wir ihre Spuren heute schon in allen Fällen genau verfolgen konnten. Der Ausstellung kommt es gerade deshalb an, Regimegegner in ihrem persönlichen Umfeld, als Ehepartner, Familienväter, Kameraden, zu zeigen, um so deutlich zu machen, was sie riskierten.
Wenn man beginnt, widerstandsgeschichtliche Handlungsmöglichkeiten zu reflektieren, stellt man sich unvermeidlich die Frage, ob es spezifische Faktoren individueller Widerständigkeit gegeben hat. Bei näherem Hinsehen stellt sich dann heraus, daß diese Faktoren weniger soziostrukturell bedingt als vielmehr Traditionen und Deutungsbezüge spiegeln, die ein Lebensgefühl oder ein Milieu hervorbringen, also einen Lebensbereich, der durch eine spezifische Weltsicht, durch ein ganz spezifisches Weltverständnis und durch eine ganz charakteristische Weltdeutung geprägt wird. Milieus sind keine festen Gebilde, sondern Deutungssysteme, eine Art Filter der Wahrnehmung, durch den Lebenswirklichkeiten, Traditionen, aber auch Zukunftshoffnungen an die Angehörigen dieser Milieus herankommen. Diese Filter werden geschaffen, sei es durch Sozialisationsmuster, sei es durch Erfahrungen, auch durch bewußte Aneignung von Prinzipien und Traditionen, also durch Weltzugänge und Deutungssysteme. Vereine, Zeitungen, Parteien, Zirkel, Kirchengemeinden schaffen diese Filter, und wenn es zur Kreuzung von Einflüssen kommt, dann verändern sich die Perspektiven. Dies muß man wollen, wenn man in Diktaturen widerstehen will, denn man wird in den Gegensatz nur selten hineingetrieben. Man entscheidet sich vielmehr für ein Leben im Widerspruch, weil man in der Wahrheit leben will.
Diese Einflüsse können Ergebnis politischer Entwicklungen sein – etwa, wenn wir erwarten, daß durch die offensichtliche Entrechtung und Verfolgung, durch Unterdrückung und proklamierten Mord Menschen aufwachen und die Koordinaten ihrer Wahrnehmung verändern. Sie sind aber an die Voraussetzung gebunden, daß überhaupt Sensibilitäten herausgebildet worden, die das Schreckliche, so offensichtlich Wahrnehmbare, dem später Geborenen bewußt machen.
Wer sich immer eingeredet hatte, daß Späne fallen müßten, wo gehobelt wird, der hatte keine Chance, sich zu empören. Es müssen bei den Widerständigen gleichsam Antennen der Wahrnehmung entstehen, die empfänglich machen für das, was man sieht, für das, an dem man beteiligt ist. Es müssen aber auch Koordinaten ausgebildet werden, die das Wahrgenommene deuten helfen – Koordinaten, die sich auf Prinzipien der Menschlichkeit beziehen, etwa auf Menschenwürde, Toleranz, Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit. Diese Tugenden entstammen nun keineswegs soldatischer Tradition. So gesehen, will die Gedenkstätte Deutscher Widerstand daran erinnern, daß die Fähigkeit zur Empörung nicht der Endpunkt einer automatischen Entwicklung, sondern Ausdruck einer Entscheidung ist – in der Einsamkeit, für den Anstand, für Wahrhaftigkeit.
Wenn wir an katholische oder protestantische Milieus denken, an sozialdemokratische und kommunistische – dann haben wir alle wohl keinerlei Schwierigkeiten, diese Funktion von Milieus als gedeuteten Lebenszusammenhängen und Wirklichkeiten zu verstehen; wir können akzeptieren, daß die Milieus über den Zugang zur Welt, zur Wahrnehmung der Wirklichkeit entscheiden, daß sie aber auch die Fähigkeit zur Empörung beeinflussen. Milieuspezifische Einflüsse sind entscheidend, wenn es darum geht, Konsequenzen einer wahrgenommenen Wirklichkeit zu ziehen.
Widerstand setzt überdies die Distanzierung von den Sogströmungen der Zeit voraus. Auch in dieser Hinsicht zielt die Gedenkstätte auf mehr als lediglich auf die Dokumentation der Ereignisse und Fakten. Ziel Politik nicht selten auf die Konstruktion einer Wirklichkeit, nicht selten durch massive Beeinflussung von Stimmungen geglaubt wird, so strebt sie zugleich die Erzeugung von Fraglosigkeiten, also Spiralen des Schweigens, an. Sie will Bereiche schaffen, in denen das Schweigen näher liegt als ein Protest. Der Widerstand gegen den NS-Staat läßt sich somit auch als ein Versuch deuten, der Spirale des Schweigens zu entkommen. Einige Menschen haben gewagt, sich gegen den Sog der Stimmungen zu stemmen, den die Nationalsozialisten durch Reden, Plakate, Reportagen, durch Fahnen, Musik, Zeremonien und Paraden, durch Frack und Pickelhaube, durch Reichskriegsflagge und Deutschlandlied, durch Versöhnungsangebot und Betonung des eigenen Herrschafts- und Gestaltungswillens erzeugt haben. Sie stellen sich gegen verbreitete Emotionen und verdienen Erinnerung und Respekt.
Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand erschließt mit der Breite und Vielfalt des Widerstands eine Fülle von Milieus der Resistenz. In den Milieus halten sich Traditionen, die auch dem einzelnen die Chance eröffnen können, sich gegen seine Zeit zu stellen, hier bewahren sich Reste einer anderen als der vorherrschenden Deutung von Wirklichkeiten, hier behauptet sich deshalb die Kraft zur Distanzierung von Zeitströmungen. Hier entwickelt sich eine Moral, die gerade nicht durch den weltanschaulichen Führungsanspruch der Diktatoren geprägt wird.
In den frühen Jahren nationalsozialistischer Herrschaft sind viele Zugänge zur Weltdeutung und zum Weltverständnis zunächst durch die Weltdeutungsansprüche der Parteien aus der Arbeiterbewegung, der Gewerkschaften und der Intellektuellen geprägt, die von den Nationalsozialisten immer zu Gegnern, zu Feinden, zu Fremden erklärt worden waren. In Kreisen der KPD, der SPD, der Publizisten finden wir deshalb die Regimegegner der ersten Stunden, aber auch die ersten Opfer – unter ihnen der militärpolitische Experte der SPD-Fraktion im Reichstag Julius Leber, der in Lübeck zusammengeschlagen, inhaftiert, aber auch von seinen Anhänger in die Freiheit demonstriert wird. Zigtausende versammelten sich vor Lebers Gefängnis und bekamen ihn frei, ihn, der wie kein anderer Sozialdemokrat die Fähigkeit hatte, die Militärs zu verstehen. Deshalb ist es ein Zeichen besonderer Ehrung dieses Sozialdemokraten und wichtigsten Vertrauten von Stauffenberg, daß das Berliner »Quartier Napoleon« heute »Julius-Leber-Kaserne« genannt wird.
Zu den Regimegegnern der zweiten Stunden gehörten Christen beider Konfessionen. Sie machen deutlich, wie wichtig Traditionen der Wahrnehmung und Weltdeutung sind, wenn sie Prinzipien begründen, die eine Distanzierung von der Gegenwart erleichtern. Aus diesen Prinzipien werden nicht selten Traditionen, Brücken zwischen Vergangenheit und Zukunft, die sich in der Gegenwart zu bewähren haben. Nachdem aber die Regimegegner der zweiten Stunde auch gescheitert waren, weil sie das Blatt weder in den Bereichen, in denen sie wirkten, noch in der deutschen Gesellschaft wenden konnten, wurde die Rolle des einzelnen immer wichtiger – nach der Phase des Protestes und der Demonstration der abweichenden Meinung und der Phase einer aktiv begründeten Nonkonformität mit den nationalsozialistischen Wertvorstellung, von Distanz aus Dissidenz begann eine neue Phase der Regimegegnerschaft, die aus zentralen Bereichen des Staates selbst einsetzte, eines Widerstands »aus dem Zentrum der Macht heraus« erfolgte und deshalb in besonderer Weise durch das Dilemma von Kooperation mit dem Regime und Konfrontation mit seinen »Zumutungen« geprägt war. Auch dieses Handlungsdilemma, das Handlungsspielräume schafft, wird in der Ausstellung stets auf neue reflektiert.
Die Elemente der vorangegangenen Phasen und Stufen der Regimegegnerschaft prägten somit auch die Phase des militärisch bestimmten Widerstands – von Verwaltungsbeamten, von Diplomaten, von Militärs – sie kamen überwiegend aus Kreisen des Bürgertums und des Militärs, auch aus dem Adel, allerdings sehr oft aus einem Adel, der sich sozial geöffnet hatte – Kennzeichen dieser Öffnung ist z.B. die Tatsache, daß Menschen wie Trott, Moltke, Yorck, Haeften Ehepartner suchen und finden, die fest in den Wertvorstellungen des Bürgertums verankert waren.
Es geht also bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Widerstands nicht um die Wahrnehmung und Betonung zufälliger Verbindungen von Lebenslinien und Bekanntschaften der Regimegegner, um die Betonung ihrer Verwandtschaften, Kameradschaften und Nachbarschaften, sondern es geht um die Frage, wie es trotz der Überlagerung von überkommenen Strukturen der Wahrnehmung und der Verarbeitung von Wirklichkeit durch eine diktatorisch geprägte Vorstellungen von Welt, Geschichte, Politik und Zukunft zur Behauptung einer Eigenständigkeit kommt, die dem Einzelnen in die Verantwortung für die öffentlichen Dinge stellt.
Sich empören zu können über Verfassungsverletzungen, Entsetzen zu empfinden angesichts der Übergriffe gegen Mitmenschen, Widerstände zu entwickeln bei der Planung des Unrechts und sich der Vorbereitung des Krieges zu versagen, dies setzt die Kraft zur Unabhängigkeit der Urteilsbildung voraus, die nur ganz selbstständige, »unbedingte« Naturen entwickeln können.
Im Widerstand finden wir deshalb zunächst »geborene Regimegegner«, die sich aus ihrer eigener politischer Überzeugung den Ansprüchen der Diktatur widersetzen. Aber wir finden auch einzelne Verwaltungsbeamte, Richter, Militärs und Angehörige des Bildungsbürgertums, die nicht im Sinne der Diktatur funktionieren wollen. Sie wollen sich nicht begeistern oder lähmen lassen, deshalb können sie in zunehmendem Maße die Versuche von Diktatoren durchschauen, mit allen Mittel Massenbegeisterung zu erzeugen, die Zeitgenossen ständig in Unruhe und Bewegung zu halten und sie so vergessen zu lassen, daß selbst die Not ein Gebot kennt.
Weil die Regimegegner sich anderen Zielen verpflichten, lassen sie sich nicht immer auf die Anforderungen des Regimes ein. Entscheidend ist es, im Nachvollzug den Punkt zu erfassen, an dem Folgebereitschaft in Gegensätzlichkeit und Verweigerung umschlägt. Widerständige Militärs ahnen und wissen schließlich, daß die Zugehörigkeit zur Nation nicht alles erlaubt und alles gestattet, was die nationalsozialistischen Deuter (und »Umdeuter«) dieser Nation als »nationale Verpflichtung« hinstellen. Deshalb wissen sieauch , daß sehr wohl ein Punkt kommen kann, an dem begangenes Unrecht den »Bestand der Nation« (Ludwig Beck) gefährdet. Sie entwickeln konkurrierende Maßstäbe, sie werben bei anderen dafür, wollen Mitmenschen, Kameraden, Freunde und Verwandte aufrütteln und so von denen distanzieren, die den Vaterlandsbegriff monopolisiert haben. Angesichts der Verbrechen gelingt es einigen von ihnen immer wieder, sich von vorherrschenden Stimmungen unterscheidende Sichtweisen zu vermitteln. So können manche, die sich dann im Widerstand finden, einem flächigen patriotischen Denken entgehen und zum Vertreter eines anderen Deutschland werden.
Geschichte fällt demjenigen, der sich erinnern will, aber nicht automatisch in den Schoß, sondern die Erinnerung muß erarbeitet werden. Diesem Ziel dienen die Gedenkstätten – auch die Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Jährlich kommen fast 100 000 in ihre Räume, unter ihnen viele junge Menschen, viele angehende Soldaten, immer wieder Schüler und Studenten. Sie konfrontieren sich mit einer Lebenswirklichkeit, die durch Diktaturen geprägt war, aber in der nicht alle sich dem Bösen unterwarfen, sondern dessen Maskerade durchschauten. Und auch die Web-Seiten der Gedenkstätten werden hunderttausendfach aufgesucht.
Geschichte wird gewiss oftmals auch aus geschichtspolitischer Absicht als Tradition konstruiert – das ist dann richtig und verständlich, wenn sich die historische Erinnerung dem Willens verschreibt, in der Vergangenheit die Gefährdung des Individuums deutlich zu machen – gefährdet durch Ideologen, die im Menschen nicht mehr die Menschenwürde betonten, sondern ihn zum Gegenmenschen werden ließen und so den Boden einer Zivilisation verließen, die ihren Reichtum gerade in der Vielfalt der Menschen und in der menschenwürdigen Ordnung des Zusammenlebens fand.
Prof. Dr. Peter Steinbach, Lehrstuhlinhaber für neuere und neuste Geschichte der Universität Mannheim, ist Wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und Vorsitzender des internationalen Beirats der Stiftung Topographie des Terrors.