In den zwölf Jahren seines Bestehens hat das mörderische Terrorinstrument der nationalsozialistischen Konzentrationslager (KL)[1] eine Entwicklung durchlaufen, die in der Forschung gut beschrieben und in vier Phasen systematisiert worden ist.[2] Die letzte Phase ist dabei einerseits gekennzeichnet durch die maximale Ausweitung des Außenlager-Systems, andererseits durch »Evakuierungen«, also Verlagerungstransporte per Zug oder Todesmärsche, mit denen die SS versuchte, eine Befreiung der Häftlinge zu verhindern. Wurde innerhalb dieser Phase ein Stammlager evakuiert bzw. von den Alliierten befreit, so wurde es »aus dem System der Lager gelöscht«.[3]
Der Fall des »KL Natzweiler«[4] ist dagegen anders gelagert und stellt insofern eine Besonderheit innerhalb des KZ-Systems dar. Die Evakuierung des Stammlagers wurde am 1. September 1944 befohlen, war jedoch erst am 22. November vollständig abgeschlossen;[5]am 23. November 1944 erreichten amerikanische Truppen das Gelände.[6] Doch auch nach diesem Auflösungsprozess bestand das Lager unter seinem alten Namen als administrative Größe weiter, losgelöst vom topografischen und namensgebenden Ort im Elsass, und zwar »als Verwaltungseinheit der SS für die weiterhin existierenden Außenlager des KZ Natzweiler«.[7] Zugespitzt formuliert, könnte man also von einer »Weiterexistenz trotz Auflösung« sprechen.
»Aufgelöst« im eigentlichen Sinn des Wortes wurden im Herbst 1944 nicht nur das Stammlager, sondern auch alle linksrheinischen Außenlager von Natzweiler-Struthof. Die zentrale Verwaltungsstruktur des Lagerkomplexes, also die Kommandantur, blieb hingegen erhalten, wurde aber geografisch verlagert, und zwar nach Osten, über den Rhein. Sie wurde, nach einer Zwischenphase, die im nächsten Kapitel beschrieben werden soll, Ende November 1944 neu etabliert, und zwar in den Dörfern Guttenbach und Binau am unteren Neckar. Dabei wurde der alte Name »KL Natzweiler« beibehalten, so dass die wiederum pointierte Formel »Natzweiler am Neckar«[8]den neuen Zustand griffig umschreibt.
Zunächst übernahm ab September 1944 das KL Dachau wichtige Aufgaben des in Auflösung begriffenen Stammlagers Natzweiler.[9] So gelangte Mitte September die Effektenkammer dorthin, auch die Ausbildungsfunktion für die der SS überstellten Wehrmachtssoldaten übernahm das KL Dachau[10]. Zwischen dem 5. und 14. September wurde die politische Abteilung nach Dachau verlagert, wenn auch möglicher Weise Funktionen dieser Abteilung an lokale Gestapo-Beamte an den diversen Außenlager-Standorten abgegeben oder von diesen einfach übernommen wurden. Christine Glauning spricht in diesem Zusammenhang von einer vermehrten Desorganisation und Dezentralisierung des KZ Natzweiler und einem Verlust des zentralen Leitungskomplexes.[11] Doch Lagerkommandant Fritz Hartjenstein, der am 11. oder 17. November das Stammlager Natzweiler-Struthof für immer verlässt, geht nicht etwa zum Lager Dachau, sondern nach Guttenbach an den Neckar.[12] Wenige Tage darauf folgt ihm der SS-Stab mit den noch verbliebenen wenigen, sämtlich deutschsprachigen Häftlingen dorthin nach; während dieser Überführung gelingt einigen Häftlingen die Flucht.[13] Auch die medizinische Abteilung des Stammlagers Natzweiler (Abt. V) erreicht am 25. November den Neckar, während das medizinische Depot ins Außenlager Schömberg wandert.[14] Gegen Ende des Jahres 1944 werden in Guttenbach einige Abteilungen mit Zentralitätsfunktion, die schon nach Dachau verlagert worden waren, mit solchen zusammengeführt, die bis Ende November im Elsass verblieben waren. So wandert die Effektenkammer in ein kleines Schloss im Dörfchen Binau.[15] Kurz vor Weihnachten, am 20. Dezember 1944, wird zumindest ein großer Teil der politischen Abteilung des KL Natzweiler vom Lager Dachau zur Kommandantur rückverlagert.[16]
Dort, in Guttenbach, war inzwischen ein neuer Hauptstab um die Kommandantur entstanden, als deren lokaler Kern das Gasthaus »Zum Karpfen« angesehen werden kann.[17] Später kam noch ein Verwaltungsstab im Binauer Schloss hinzu[18], in unmittelbarer Nachbarschaft der dort schon befindlichen Effektenkammer. Diese wurde ihrerseits noch ausgeweitet, und zwar durch Tausende von Häftlingsanzügen, Unterzeug, Handschuhen und Schuhen, die Hartjenstein in Oranienburg anforderte und am 30. Januar1945 auch erhielt.[19] Ein »Unbrauchbarkeitsnachweis für Häftlingskleidung« vom 29. Januar 1945, trägt den Briefkopf »Konz.-Lager Natzweiler/Verwaltung/17a Binau a. Neckar«.[20]
Die Fahrbereitschaft der SS befand sich im nahe gelegenen Dorf Neunkirchen. Sie umfasste sechs Lastwagen, die von zwölf in Privatquartieren untergebrachten Fahrern chauffiert wurden;[21] in der Reparaturwerkstatt arbeiteten drei KZ-Häftlinge, eine dörfliche Kochschule lieferte die Verpflegung.[22] Damit war der Leitungskomplex des Stammlagers auf drei Dörfer am Neckar aufgeteilt.
Aufgaben der Kommandantur in Guttenbach waren die Verwaltung sämtlicher noch existierender Natzweiler-Außenlager, Abwicklung der Häftlingstransporte, Führung der Häftlingskartei, Anordnung von Strafen, Kontrolle des Arbeitseinsatzes der Häftlinge und die Abrechnung mit den beteiligten Firmen.[23] Auch erfolgte die Abrechnung der Verpflegungseinkäufe aller Natzweiler-Außenlager zentral in Binau. Der Einkauf wurde an den jeweiligen Lagerstandorten durch »Lagerverpflegungsführer« in Zusammenarbeit mit den Kreisernährungsämtern durchgeführt.[24]
Neben Obersturmbannführer Fritz Hartjenstein, der bereits am 12. Mai 1944 als Nachfolger von Josef Kramer Lagerkommandant des KL Natzweiler geworden, residierte in Guttenbach auch der SS-Hauptscharführer Wolfgang Seuß, der in Natzweiler-Struthof Schutzhaftlagerführer gewesen war, doch nunmehr die Funktion eines Rapportführers ausübte.[25] Kommandant Hartjenstein wurde am 23. Januar 1945 nach einer Beschwerde wegen »Unfähigkeit« zu einer Kampfeinheit an die Front versetzt;[26] ihm folgte Heinrich Schwarz, der nach der Evakuierung von Auschwitz von dort nach Guttenbach kam und ab 18. Februar als letzter Kommandant von »Natzweiler« fungierte, ohne den entsprechenden geografischen Ort je gesehen zu haben. Ihm oblag vor allem die Organisation der Evakuierungen der Außenlager und der Todesmärsche im März[27]. Auch Rapportführer Wolfgang Seuß wurde ersetzt, und zwar im Februar durch Franz Hofmann, den Kommandanten des Außenlager-Komplexes »Wüste«, der im Februar 1945, ebenfalls strafweise, aus dem Lager Bisingen nach Guttenbach versetzt wurde.[28] Der Kommandanturstab bestand aus 15 bis 20 Mann: »Fernschreibkräften, Telefonistinnen, Adjudanten (sic) und Schreibkräften.«[29]
Mit der medizinischen Abteilung war im November der SS-Arzt Werner Rohde an den Neckar gekommen; Chef der aus dem KL Dachau zurückgekehrten politischen Abteilung, die auch mindestens fünf Häftlinge beschäftigte, war der Gestapomann Magnus Wochner.[30]
Insgesamt arbeiteten an drei Standorten der verlagerten Kommandantur zwischen 40 und 50 Häftlinge,[31] also weit mehr als die vierzehn von Natzweiler an den Neckar Umgezogenen.[32] Der Rest stammte aus dem Natzweiler Außenlager Neckargerach im gleichnamigen, nahe gelegenen Dorf, das von Guttenbach nur durch den Neckar getrennt ist. Die Häftlinge kehrten am Abend dorthin zurück.
Damit wird klar, dass die Kommandantur-Verlagerung keineswegs ins „Niemandsland“ erfolgte, sondern eine Region anvisierte, die den entscheidenden Dienststellen bereits als Standort eines größeren Außenlager-Komplexes bekannt war. Es handelt sich um sechs Orte in der Region Mosbach/Baden mit den Lagern Neckarelz I, Neckarelz II, Neckargerach, Asbach, Neckarbischofsheim und Bad Rappenau. Diese werden im Folgenden meist mit dem Sammelbegriff »Neckarlager« umschrieben, der vor allem in der französischen wissenschaftlichen Literatur zu diesem Thema verwendet wird.
Der Komplex der Neckarlager entstand im Frühjahr/Sommer 1944 rund um für die Rüstung bedeutsame Verlagerung der Motorenfertigung des Daimler-Benz-Motorenwerks Genshagen unter Tage in die Gipsstollen am Neckarhang bei Obrigheim. Sowohl das Rüstungsprojekt als auch der Lagerkomplex verdanken ihre Entstehung unmittelbar (zeitlich wie organisatorisch) einem neuen Management-Instrument der Luftrüstung, dem sogenannten »Jägerstab, das im März 1944 entwickelt wurde, um die Produktion von Abfangjägern zu forcieren«.[33] Charakteristisch für den Jägerstab ist die enge und unbürokratische Zusammenarbeit zwischen der Verwaltungsebene (Reichsluftfahrtministerium sowie Ministerium für Rüstung und Kriegsproduktion), der Flugzeug-Industrie und den Organisationen, welche für die Bereitstellung zusätzlicher Arbeitskräfte zuständig waren – vor allem die Organisation Todt und die SS.
Von den rund 170 Verlagerungs- und Untertage-Projekten, welche der Jägerstab nach den zerstörerischen alliierten Bombardements[34] unter hohem Zeitdruck plante, wurden reichsweit indes nur 20 Baustellen der SS zugewiesen.[35] Sie lagen als »Sonderbauvorhaben« sämtlich in der Zuständigkeit von Dr. Hans Kammler, der sich bereits 1943 bei der Verlagerung der V2-Produktion von Peenemünde nach Nordhausen und dem Aufbau des dafür geschaffenen Konzentrationslagers Mittelbau-Dora einschlägig bewährt hatte.[36] Das Projekt im Obrigheimer Stollen erhielt in der SS-Verwaltung die Bezeichnung »A 8« und zusätzlich den militärischen Decknamen »Goldfisch« für alle zivilen Zusammenhänge als Firma.[37]
Nach seiner Beauftragung durch den Chef des SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamts, Oswald Pohl, war Kammler als Verantwortlicher der Sonderbauvorhaben unter Jägerstab-Ägide nur dessen Leitern, Albert Speer und Eberhard Milch, direkt unterstellt,[38] er gewann dadurch Handlungsspielräume gegenüber dem Wirtschaftsverwaltungshauptamt (WVHA).
Das Sonderbauvorhaben »A 8« hatte zur Aufgabe, die Produktion der für die Luftrüstung wichtigen Daimler-Flugmotorenreihe DB 603 und DB 605 zu sichern; entscheidende Teile des Fertigungskreises wurden nach Obrigheim verlagert, die Endmontage erfolgte nach wie vor in Genshagen. Der Umbau der beschlagnahmten Gipsgrube Obrigheim zur Produktionsstätte für Motoren erforderte in seinem Verlauf Tausende von Arbeitskräften. Sie wurden vom »SS-Führungsstab A 8« unter Leitung des SS-Untersturmführers Kurt Glaser aus den Konzentrationslagern geholt und in dem neu entstehenden Natzweiler Außenlager-Komplex bei Neckarelz untergebracht.
So wurde im März 1944 das KZ Neckarelz I in der Grundschule des gleichnamigen Dorfes mit zunächst 500 Häftlingen errichtet und stetig dichter belegt. Das Lager Schule bildete das Verwaltungszentrum des Komplexes, der sich im Frühjahr durch die jeweils über 1000 Mann starken Nebenlager Neckargerach (April) und Neckarelz II (Alter Bahnhof) erweiterte. Als dann ab Juli 1944 die Maschinen von Genshagen in den (halbfertig) umgebauten Stollen gebracht wurden, mussten die rund 3 000 jeweils in der Region präsenten KZ-Häftlinge (die Gesamtzahl lag höher, nämlich bei über 5 100 Männern) für die mitverlagerten Arbeiterinnen und Arbeiter, deren Zahl auf über 4 300 anstieg, auch Unterkunftsbaracken bauen. Die Verlagerung zweier Hallen der »Flugmotorenwerke Genshagen« aus Ludwigsfelde bei Berlin, die das Werk »Goldfisch« der Daimler-Benz AG in Obrigheim am Neckar bildeten, vollzog sich ab Juli 1944. Etwa 500 »Gefolgschaftsangehörige« als deutsche Stammbelegschaft wurden in Privatquartieren in der Region Mosbach untergebracht, etwa 3 000 Zwangsarbeiter mussten in unzureichend ausgestatteten Baracken die Zeit verbringen, die neben der zwölf-stündigen Schichtarbeit verblieb. Die werkseitigen Planungen gingen von 7 500 Barackenplätzen aus, von denen im Januar 1945 über 6 000 als bezugsfertig gemeldet wurden. Wie viele Zwangsarbeiter tatsächlich verlagert wurden, lässt sich nur teilweise rekonstruieren. Zum 31. 3. 1945 erfolgte eine »Listenabmeldung der Gefolgschaftsmitglieder der Firma Goldfisch G.m.b.H.« mit 4 343 Namen.[39]
Nach der Evakuierung des Stammlagers Natzweiler entstanden ab September 1944 als weitere Standorte die Lager in Asbach (geplant für 1400 Zwangsarbeiter, realisiert etwa 140 Plätze, die mit KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern belegt waren), Neckarbischofsheim (geplant für 1000 KZ-Häftlingen, realisiert eine Baracke, die mit 100 KZ-Häftlingen belegt war) und Bad Rappenau (mit 50 – 150 KZ-Häftlingen belegtes umgebautes Haus).[40] Von den heute bekannten über 5100 KZ-Häftlingen waren etwa 4200 »politische« Häftlinge, 426 »Arbeitszwang Ausland«, 118 »Kriminelle/BVer«, 39 »Asoziale«, 40 Russische Kriegsgefangene, 39 NN-Häftlinge, 150 Juden, über 70 Sinti und Roma, 4 Bibelforscher, 12 Homosexuelle, 4 »Sonderaktion Wehrmacht«.[41]
Welche Gründe, welche Logiken stecken hinter den verschiedenen Verlagerungsprozessen nach dem Ende des Stammlagers Natzweiler? Sind überhaupt Logiken erkennbar?
Hier tut sich ein neues Forschungsfeld auf; bisher gibt es wenig Systematisches. In den letzten Jahren konzentrierte sich die Forschung eher auf den Nachweis der »Vielköpfigkeit«[42] des Lagers Natzweiler, da die Bedeutung der Außenlager lange Zeit quantitativ wie qualitativ unterschätzt worden war.[43]
Zu unterscheiden sind zunächst zwei verschiedene Aspekte der Verlagerung: die der Häftlinge und die der Kommandantur.
Im Zuge der Evakuierung des Stammlagers Natzweiler-Struthof wurde die Mehrzahl der im September 1944 dort befindlichen Häftlinge ins KZ Dachau verbracht und dort auch registriert. Robert Steegmann nennt als Gesamtzahl 5517 Menschen. Aber dann übernahm »Natzweiler« ein Fünftel der Häftlinge wieder, und zwar in die rechtsrheinischen Außenlager.[44] Möglicherweise hat das mit einer beginnenden Überlastung des Lagers Dachau oder der Einschränkung der Kommunikationsfähigkeit durch die Kriegsereignisse zu tun.
Die Folge war, dass diese – überwiegend im heutigen Baden-Württemberg gelegenen - Außenlager eine bedeutende Ausweitung erfuhren. Es wurden sowohl bestehende Außenlager belegungsmäßig vergrößert[45] als auch neue Lager geschaffen. Bei der Auflösung der im Elsass und in Lothringen gelegenen linksrheinischen Außenlager wurden auch Häftlinge direkt, ohne den »Umweg« über Dachau, in rechtsrheinische Außenlager überstellt.[46] Allerdings speist sich die Vergrößerung der Lager auf der rechten Rheinseite auch durch Häftlingstransporte aus dem Osten.[47]
Die Beibehaltung des Gesamtnamens »Natzweiler« für die noch bestehenden Außenlager kann praktische Gründe (Nummerierung) gehabt haben; vielleicht greift auch eine psychologische Erklärung, weil man sich seitens des WVHA die Preisgabe und den Verlust des einzigen linksrheinischen Stammlagers – außer Herzogenbusch in den Niederlanden – so lange wie möglich nicht eingestehen wollte.
Diese »Ostverschiebung« des Lagers »Natzweiler« in seine Außenlager auf der rechten Rheinseite ist vermutlich gespeist von der Hoffnung, die Alliierten an der Überschreitung des Rheins hindern zu können. Damit verknüpft sind sicherlich rüstungspolitische Überlegungen. Denn als sich die Westfront dem Elsass näherte, wurden die Häftlinge von den dort begonnenen Rüstungsproduktionsprojekten in solche »verschubt«, die rechtsrheinisch bestanden oder begonnen wurden. Zu konstatieren ist jedenfalls, dass die SS die Häftlinge aus einem Gebiet von bis zu 50 km westlich des Rheins in eines von 50 km östlich des Rheins wieder »in die Produktion« bzw. in den Ausbau der entsprechenden Stätten verbrachte: Häftlinge kamen in den Lagerkomplex »Wüste« (Treibstoffgewinnung aus Ölschiefer) und zum Stollenausbau in Salz- und Gipsformationen zwecks Untertage-Verlagerung von Rüstungsproduktion am unteren Neckar (Heilbronn-Neckargartach, Kochendorf und Obrigheim).
Was die Kommandantur betrifft, so kann angenommen werden, dass die Verlagerung nach Guttenbach mit der bereits erprobten lokalen Infrastruktur und der guten Zusammenarbeit mit örtlichen Behörden im Rahmen des Außenlager-Komplexes um Neckarelz zusammenhängt; auf WVHA-Ebene auch mit der Hochrangigkeit von »A8« als SS-Sonderbauvorhaben, das besonderer Geheimhaltung unterlag und in einer eigenen Gestapo-Außenstelle Spionageabwehr betrieb.[48] Zudem war A8 oder »Goldfisch« das einzige von Kammlers »A«-Projekten, für das zum Zeitpunkt der Kommandatur-Verlagerung noch keine Evakuierung geplant war.[49] Ein weiterer Hinweis darauf ist der Umstand, dass der im Februar 1945 in Guttenbach zum Rapportführer bestellte SS-Hauptsturmbannführer Franz Hofmann von Mai 1944 bis Oktober 1944 Kommandant der »Neckarlager« gewesen war. Festzustellen sind partielle Vermischungen der Strukturen von Haupt- und Nebenlager, die noch zu untersuchen sind. Denn auch Büros in Neckarelz waren in übergreifende Aufgaben eingebunden; so wurde mit Wirkung vom 15. November1944 Neckarelz zur »Poststelle KL Natzweiler (Bearbeitung der Häftlingspost)« bestimmt.[50] Zumindest vorübergehend übernahmen auch lokale Gestapo-Beamte, etwa Willy Schmidt in Neckarelz, für mehrere Natzweiler Außenkommandos Aufgaben der politischen Abteilung, so zum Beispiel die Vernehmung von Häftlingen des KZ Heilbronn-Neckargartach.[51]
Trotz des Verlustes des Hauptlagers und einer Phase der vor allem geografischen Reorganisation erlebte das System des »KL Natzweiler« nochmals für einige Monate eine regelrechte Glanzzeit. Dazu trug einerseits die feste Grenze des Rheins bei, andererseits aber auch die militärische Disziplin und das organisatorische Geschick des Kommandanten Hartjenstein.[52] Straff wickelte er die Evakuierung des Hauptlagers und, trotz mancher Pannen, der linksrheinischen Außenlager ab. Über 15 Außenlager – wobei ein Großteil schon vorher geplant war – wurden neu eröffnet, zahlreiche Häftlingstransporte organisiert und dabei mindestens nochmals 17.345 Häftlinge[53] ins KL Natzweiler übernommen.
Genauer zu untersuchen wäre das Verhältnis von Zentralität und Dezentralität in diesem System, das die Autoren »Natzweiler am Neckar« genannt haben.
Angesichts der Reorganisation und Ausweitung des KL Natzweiler spricht Robert Steegmann von einer »Flucht nach vorne«, auf Seiten der SS möglicher Weise geleitet von der Überzeugung, dass die Produktivkraft des KZ-Systems den Lauf der Ereignisse noch beeinflussen könne.[54]
Die Auflösung des KZ-Komplexes Neckarlager (bezogen sowohl auf die Nebenlager- wie die Kommandantur-Strukturen) vollzog sich im Laufe des Monats März 1945. Die US-Armee hatte den Rhein überschritten, der Daimler-Benz-Konzern stoppte Produktion und Maschineneinlagerung im Stollen. Die Zwangsarbeiter wurden in den Raum Stuttgart verbracht oder sich selbst überlassen. Die KZ-Häftlinge sollten nach Dachau evakuiert werden, nur ein Teil kam dort wirklich an. Über 800 nicht mehr gehfähige Gefangene gerieten in einem Transportzug zwischen die Fronten und wurden nach mehrtägiger Irrfahrt bei Osterburken, nur 30 km von Neckarelz entfernt, von den amerikanischen Truppen befreit.
»Natzweiler am Neckar«, also die Kommandantur in Guttenbach, bestand nach Aussagen des dort beschäftigten Häftlings Walter Conrad Schultz bis 22. März 1945. Schulz gelang bei der Evakuierung die Flucht, er kam später nach Guttenbach zurück und händigte der amerikanischen Militärpolizei die während seiner KZ-Zeit gesammelte Dokumente aus.[55] Nach Aussagen eines anderen Häftlings wurde »die Kommandantur … nach Stuttgart verlegt. Von Stuttgart aus ging es dann nach Dürmendingen im Saulgau.«[56]
Während zum Ende der »Neckarlager« zahlreiche Berichte von Zeitzeugen vorliegen, gibt es über den weiteren Verbleib der Kommandantur und vor allem der dort aufbewahrten Dokumente (oder deren mögliche Vernichtung) nur vage Angaben. Ob diese Lücke quellenmäßig noch geschlossen werden kann, muss offen bleiben.
Seit 1998 besteht auf dem Gelände der Grundschule von Neckarelz, die 1944/45 als »Konzentrationslageraußenkommando Neckarelz des KL Natzweiler« zweckentfremdet genutzt worden war, eine Gedenkstätte, die im öffentlichen Leben der Region angekommen ist und als ehrenamtlich betreuter Erinnerungs- und Lernort das jahrzehntelange Schweigen über die »Neckarlager« beendet hat.
Baumängel des Gebäudes erfordern nunmehr eine Neuerrichtung der KZ Gedenkstätte Neckarelz. Sie wird im leer stehenden Gebäude der früheren Comenius-Förderschule entstehen, direkt am Schulhof, der 1944/45 Appellplatz war.
Der Verein KZ-Gedenkstätte Neckarelz hat ein wissenschaftlich, museologisch und gedenkstättenpädagogisch fundiertes Konzept erarbeitet, das auf der Arbeit und Erfahrung der vergangenen 11 Jahre aufbaut. In dieser Zeit gab es zahlreiche Veröffentlichungen; jährlich rund 2 000 Besucher werden gezählt. Das Konzept, die Kompetenzen und die Gedenkstättenarbeit sind inzwischen öffentlich anerkannt und begründen die finanzielle Beteiligung der Stadt Mosbach – zu der Neckarelz heute als Stadtteil gehört – am geplanten Umbauprojekt.
Die neue Gedenkstättenkonzeption ist dem gesamten »KZ-Komplex Neckarlager« gewidmet, also den Außenlagern um das Verwaltungszentrum Neckarelz I, aber auch dem Gebilde »Natzweiler am Neckar«, somit der Verlagerung der Kommandantur- und SS-Verwaltungsstrukturen nach Guttenbach und Binau (auf einer zweiten Ebene hat die Rede vom »Komplex« im Sinne einer Verdrängungsgeschichte auch einen psychologischen Sinn). Damit knüpft die Gedenkstätte in Neckarelz genau an dem Punkt an, an welchem die Dauerausstellung im Lagermuseum der heutigen französischen nationalen Gedenkstätte »Struthof« endet. Auch das Stammlager selbst sowie der mit »Ostverschiebung« umschriebene Prozess der Verlagerung der Außenlager auf das rechte Rheinufer sowie ihre dortige Erweiterung sollen museografisch fassbar gemacht werden.
Für den auf insgesamt 500 000 Euro geschätzten Umbau wird von der Stadt ein Antrag auf Finanzmittel aus einem europäischen Förderprogramm gestellt. Weitere Gelder sollen aus weiterer öffentlicher Förderung, Spenden von Privatpersonen und Firmen, Eigenmitteln sowie auch einer hohen arbeitsmäßigen Eigenleistung des Vereins »KZ-Gedenkstätte« aufgebracht werden (Nähere Informationen zur Gedenkstätte und zum Bauprojekt unter www.kz-denk-neckarelz.de).
Zum ersten Mal in Deutschland wird damit ein »Stammlager beim Außenlager« in komplexer historischer Schichtung museografisch erzählt; die KZ-Gedenkstätte Neckarelz erhält somit neben der regionalgeschichtlichen eine nationale und – durch die Kooperation mit dem haut-lieu de mémoire Struthof in Natzwiller/Frankreich – zusätzlich eine internationale Dimension.
Georg Fischer, Dr., freiberuflich tätiger Erwachsenenbildner, ehrenamtliches Vorstandsmitglied des Vereins KZ-Gedenkstätte Neckarelz
Arno Huth, Heilerziehungspfleger, ehrenamtliches Vorstandsmitglied des Vereins KZ-Gedenkstätte Neckarelz
Dorothee Roos, Historikerin, ehrenamtliche 1. Vorsitzende des Vereins KZ-Gedenkstätte Neckarelz.
[1] Die nationalsozialistische Terminologie spricht üblicher Weise von »KL«; die Autoren verwenden, wenn die heutige wissenschaftliche Perspektive angewandt wird, die Abkürzung »KZ«.
[2] Eine übersichtliche Zusammenfassung des Phasenmodells findet man in Awosusi/Pflock: Sinti und Roma im KZ Natzweiler-Struthof. Anregungen für einen Gedenkstättenbesuch, Heidelberg 2006, S. 5 ff.
[3] So formuliert Edith Raim in ihrer Rezension von Robert Steegmann, Le Struthof . Struthof. Le KL Natzweiler et ses kommandos. Strasbourg 2005, in: sehepunkte 5, 2005, Nr. 10; URL: www.sehepunkte.de/2005/10/9255.html (1. 3. 09)
[4] Grundlegend zm Lager: Steegmann: Struthof. Le KL Natzweiler et ses kommandos. Strasbourg 2005
[5] vgl. zur Evakuierung Steegman, Artikel Natzweiler-Stammlager, in: Benz/Distel, Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, München 2007, Bd. 6, S. 40 ff.
[6] zu diesem Datum vgl. Awosusi/Pflock, S. 27
[7] Steegmann, Natzweiler-Stammlager, in Benz/Distel, Bd. 6, S. 42
[8] Selbstverständlich taucht diese Formulierung in keinem historischen Dokument auf. Sie ist eine heutige, pointierte Zuschreibung.
[9] Vgl. Glauning, Entgrenzung und KZ-System. Berlin 2006, S. 152
[10] ebenda.
[11] Glauning, Entgrenzung S. 156/157
[12] Steegmann, Natzweiler-Stammlager in Benz/Distel Bd. 6. S. 42
[13] vgl. Interview Heiny Halsdorf, * 1919, Häftling KZ Natzweiler 3789, am 22.11.1944 nach Neunkirchen verlagert. Archiv der KZ-Gedenkstätte Neckarelz.
[14] Glauning, Entgrenzung, Anm. 126
[15] Steegmann, Struthof, S. 210
[16] vgl. Steegmann, Struthof, S. 36
[17] Glauning, Entgrenzung, S. 151
[18] Ziegler, Mitten unter uns. Natzweiler-Struthof: Spuren eines Konzentrationslagers. Hamburg 1986, S. 266
[19] ebenda
[20] abgebildet in Ziegler, Mitten unter uns, S. 267
[21] Steegmann, Natzweiler-Stammlager, in: Benz/Distel Bd. 6, S. 42
[22] ebenda
[23] Glauning, Entgrenzung, S. 151
[24] Glauning, Entgrenzung, S. 225
[25] Steegmann, Struthof, S. 333
[26] Steegmann, Struthof S. 330
[27] Steegmann, ebenda
[28] Glauning, Entgrenzung, S. 252
[29] Zeitzeugenaussage, zitiert bei Ziegler, Mitten unter uns, S. 262
[30] Zu Wochner siehe Steegmann, Struthof, S. 36 und S. 335
[31] BA Berlin, NS 4 Na, Nr. 93 bis 98 (Amerik. Sign. EAP 164-a-12/2 ff). Konzentrationslager Natzweiler.
[32] Laut dem Erlebnisbericht von François Kozlik (Der Berg des Grauens, Strasbourg 1945, S. 43) gelang zwei der 16 Häftlinge, die am 22.11.1944 vom Hotel Struthof aus evakuiert wurden, die Flucht. »Diese sechzehn setzten sich wie folgt zusammen: vier Mann SS-Küche, zwei Autogarage, ein Schreiner, ein Schuhmacher, drei Schreiber, ein Schreiber der Verwaltung, ein Elektriker, ein Pfleger, ein Kalfaktor, ein Friseur. Nationalitätenweise waren wir sieben Luxemburger, sieben Reichsdeutsche, ein Lothringer, ein Österreicher.«
[33] Zum Jägerstab vgl. Markowitsch/Rautnig, Goldfisch und Zebra. Das Konzentrationslagerkommando Neckarelz, Elztal 2005, S. 28–38
[34] Diese lange geplanten strategischen Bombardements galten der deutschen Luftrüstung: 28 Flugzellen- und Flugzeugmotorenwerke sowie 9 urbane Standorte von Zulieferindustrien wurden mit heftigen Einsätzen angegriffen. Die Folge war ein Einbruch in Produktion und Planung. Vgl. hierzu Markowitsch/Rautnig, Goldfisch und Zebra S. 28 f.
[35] vgl. Markowitsch/Rautnig, Goldfisch und Zebra, S. 39
[36] hierzu Sellier, André: Zwangsarbeit im Raketentunnel. Lüneburg 2000.
[37] Wichert, H.W. (Hg.): Decknamenverzeichnis deutscher unterirdischer Bauten, Ubootbunker, Ölanlagen, chemischer Anlagen und WifO-Anlagen des zweiten Weltkrieges. Marsberg 1993
[38] Organigramm bei Markowitsch/Rautnig, Goldfisch und Zebra, S. 52.
[39] ITS Arolsen, AFN/K-NKZ-Formblattlisten (neu) amerikanische Zone, LK Mosbach, Ord. 141.
[40] Zu den einzelnen Lagern vgl. Benz/Distel, Der Ort des Terrors, Band 6, S. 48 ff, 51 ff, 135 ff, 141 ff, 147 ff, 150 ff. ebenso: Markowitsch/Rautnig, Goldfisch und Zebra, sowie Fischer/Herr: KZ-Komplex Neckarlager, 2. erw. Auflage, Mosbach- Neckarelz 2006 (CD)
[41] vgl. Huth/Fischer: Polnische Zwangsarbeiter im Elzmündungsraum. Neckarelz 2007
[42] Vgl. Robert Steegmann, Struthof, S. 101 ff (L’éclatement: vers un camp multicéphale)
[43] Der Bedeutung der Außenlager wird insbesondere bei Benz/Distel, Bd. 6 Rechnung getragen, wo die Darstellung des Stammlagers 24 Seiten, die der Außenlager 142 Seiten umfasst.
[44] Vgl. Steegmann, Artikel Natzweiler-Stammlager, in Benz/Distel Bd. 6, S. 42
[45] Fischer/Huth: Slowenische Häftlinge in der Konzentrationslagern am unteren Neckar. Neckarelz 2004. Vgl. z.B. Opfermann, Artikel Schömberg in Benz/Distel, Bd. 6, S. 164
[46] Vgl. z.B. Steegmann, Artikel Markirch (Sainte-Marie-aux-Mines) in Benz/Distel, Bd. 6, S. 130
[47] vgl. z.B. Glauning, Artikel Bisingen in Benz/Distel, Bd. 6, S. 59, Wein/Mall/Roth, Artikel Hailfingen ebenda, S. 100
[48] Vgl. Markowitsch/Rautnig, Goldfisch und Zebra, S. 49: »Entgegen der üblichen Konzentrationslagerorganisation, die die Institution der Politischen Abteilung nur im Stammlager vorsah, wurden für alle Kammler’schen Sonderbauvorhaben ein Mitglied der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) zur Abwehr von Spionage und Sabotage abgestellt.«
[49] Vgl. Markowitsch/Rautnig, Goldfisch und Zebra, S. 105.
[50] Kommandanturbefehl 8/44 vom 17.10.1944: »Die Teil-Poststelle in Neckarelz übernimmt SS-Strm. [Sturmmann] Nikolaus Brunner mit SS-Uscha. [Unterscharführer] Kretschmar, SS-Uscha. Edmund Hofmann, SS-Rttf. [Rottenführer] Peissler (?) [Was bedeutet das ? ?, Bitte auflösen!], SS-Schtz. [Schütze] Huber. Die Kommandoführer sind dafür verantwortlich, dass sämtliche Häftlinge mit Natzweiler Nummern versehen werden. Die Häftlinge sind anzuhalten, ihre Angehörigen zu verständigen, künftig die Häftlingspost an die Poststelle des KL Natzweiler nach Neckarelz in Baden zu adressieren. Dienstpost ist weiterhin an Kommandantur KL Natzweiler zu richten. Hartjenstein. SS-Sturmbannführer und Kommandant.« (Barch B 162/419 AR-Z 188/76 Kopie aus Sammlung USA Film 4).
[51] Vgl. Glauning, Entgrenzung, S. 153, Heinz Risel: KZ in Heilbronn, Nordheim 1987, Dokumente S. 39, S. 151.
[52] Vgl. Steegmann, Struthof, S. 329, S. 331
[53] Vgl. Steegmann, Struthof, S. 103 (Steegmanns Berechnungen von 52. 000 Häftlingen des KL Natzweiler lassen eher auf rund 20 000 ab September 1944 schließen.)
[54] Vgl. Steegmann, Struthof, S. 102: »..dans une fuite en avant peut-être guidée par la conviction que les forces de production du système concentrationnaire peuvent peser sur le cours des évènements »
[55] Handgeschriebener Lebenslauf von W.C. Schultz, als Kopie im Archiv der KZ-Gedenkstätte Neckarelz
[56] Zitiert nach Ziegler, Mitten unter uns, S. 262. Der Name der Ortschaft lautet richtig »Dürmentingen«.
Literatur