»Weil das, was sie trieben, so unmenschlich war«

Menschenrechte im Blick - ein deutsch-polnisches Filmprojekt der KZ-Gedenkstätte Mannheim-Sandhofen mit Jugendlichen und ehemaligen Zwangsarbeitern
06/2012Gedenkstättenrundbrief 166, S. 42-45
Patricia Degueldre und Susanne Schlösser

Angesichts der Tatsache, dass die Stimmen der Zeitzeugen allmählich verstummen, steht die Vermittlungsarbeit der Gedenkstätten vor vielen Herausforderungen. Neue Formen der Auseinandersetzung sind gefordert, um verstärkt junge Menschen ohne Vorkenntnisse anzusprechen, zu interessieren und zu einer vertieften Anteilnahme anzuregen. So auch in der KZ-Gedenkstätte Mannheim-Sandhofen, die an ein Außenlager des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof im Elsass erinnert. Das Lager wurde in der damaligen Friedrichsschule im Herbst 1944 zur Unterbringung von KZ-Häftlingen eingerichtet, die für Daimler-Benz Mannheim arbeiten mussten. In dem Außenkommando, das sich mitten in einem Wohngebiet befand, litten 1 060 polnische Männer und Jugendliche, die während des Warschauer Aufstands im Sommer 1944 aus ihrer Heimatstadt verschleppt wurden.

Die wenigen noch heute in Warschau lebenden ehemaligen Häftlinge, deren Erinnerungen an Zwangsarbeit und Haft im Mittelpunkt der vor zwanzig Jahren in mehreren Kellerräumen der heutigen Gustav-Wiederkehr-Grundschule eingerichteten Dauerausstellung stehen, sind mittlerweile weit über achtzig Jahre alt. Als diese Männer bei ihrem letzten Besuch in Deutschland von ihren Enkelkindern begleitet wurden, entstand die Idee zu einem Filmprojekt: Deutschen und polnischen Jugendlichen sollte noch einmal die Möglichkeit gegeben werden, die ehemaligen Häftlinge zu treffen und sich gemeinsam auf die Spuren dieser Vergangenheit zu begeben.

»Das kann man nicht vergessen, aber niemand erinnert sich daran« – so lautet der Titel des dreißigminütigen Dokumentarfilms, den die Jugendlichen nach Abschluss des Projektes der Öffentlichkeit präsentierten und der nun regelmäßig bei Führungen in der Gedenkstätte gezeigt wird. Er ist das Ergebnis zweier erlebnisreicher und arbeitsintensiver Begegnungswochen in Worms/Mannheim und Warschau.

Im Rahmen des vom Programm EUROPEANS FOR PEACE der Stiftung EVZ geförderten Projektes setzten sich elf polnische und sieben deutsche Jugendliche im Alter von 15 bis 20 Jahren intensiv mit dem Thema Menschenrechte im Kontext des Zweiten Weltkriegs auseinander und reflektierten den Gegenwartsbezug dieser Thematik. Ausgehend von der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte beschäftigten sie sich mit den Menschenrechtsverletzungen, denen die 1944/45 im KZ Mannheim-Sandhofen inhaftierten polnischen Zwangsarbeiter ausgesetzt waren. Dazu fanden zwei Workshops statt, der eine vor und der andere nach der Besichtigung der KZ-Gedenkstätte, bei der die Jugendlichen erstmals mit der prekären Lage der damaligen Häftlinge konfrontiert wurden.

Ging es bei dem ersten Workshop darum, gemeinsam zu überlegen, welche ­Artikel der Menschenrechtserklärung den Jugendlichen in ihrer aktuellen Lebenssituation als besonders bedeutsam erschienen, richtete sich im zweiten Schritt das Augenmerk darauf, welche Artikel für die damaligen KZ-Häftlinge wichtig gewesen wären, hätte es die Menschenrechtserklärung 1944 schon gegeben und hätten sie sich darauf berufen können. Angesichts der täglichen Bedrohung von Leib und Leben, denen die polnischen Männer im letzten Kriegsjahr ausgesetzt waren, rückten schnell andere Artikel ins Zentrum der Betrachtung als zuvor, da es um die eigene Erfahrungswelt gegangen war. Plötzlich schienen Rechte wie das der Versammlungsfreiheit, der freien Meinungs­äußerung, der freien Berufswahl und das auf Erholung und Freizeit zwar nicht unwichtig, aber doch weniger zentral als die Artikel 3, 4 und 5, in denen das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person, das Verbot von Sklaverei und Sklavenhandel sowie das Verbot von Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe postuliert werden.

Nach dieser schrittweisen Annäherung an die bedrohte Lebenssituation der Mannheimer KZ-Häftlinge machten sich die Jugendlichen mit den Biografien der ehemaligen Zwangsarbeiter vertraut, die sich zu einem Interview bereit erklärt hatten und die während ihrer Haft in Sandhofen selbst im Alter unserer Teilnehmenden gewesen sind. Außerdem übten dies sich in der Kunst des Filmemachens – von der Handhabung der Kamera über die richtige Beleuchtung bis hin zu ersten Überlegungen zum inhaltlichen Konzept des Filmes.

In Warschau war es dann soweit – der Film wurde gedreht: Jeweils vier bis fünf Jugendliche interviewten vier Zeitzeugen. Anschließend wurde das Ergebnis von allen angeschaut. Was die ehemaligen Häftlinge aus ihrer Jugend erzählten, berührte die deutschen und polnischen Teilnehmenden gleichermaßen: Sie sprachen vom Aufstand der Warschauer Bevölkerung gegen die deutsche Besatzung, während dessen sie im August 1944 verhaftet wurden, von Dachau, wo sie ausgesondert wurden, um bei Daimler-Benz in Mannheim-Waldhof Zwangsarbeit zu leisten, von der Schule in Sandhofen, eilig umgewandelt in ein KZ, vom Hunger, von Läusen, von Kälte, von Schlägen, von Schikanen, aber auch von kleinen Gesten der Menschlichkeit. Und nicht zuletzt davon, wie diese Erfahrung in jugendlichem Alter ihr weiteres Leben geprägt hat. In den darauffolgenden Tagen lauschten die Jugendlichen noch oft diesen eindringlichen Erinnerungen. Denn sie mussten sich diese immer wieder anhören, um auswählen zu können, was davon zu ihrem Film passte, der als Ergebnis des Projektes entstehen sollte. Eine intensive Auseinandersetzung über die Inhalte begann: Welche Szenen, welche Bilder waren geeignet, auf welche musste – manchmal schweren Herzens – verzichtet werden?

Besonders schwierig gestaltete sich die Diskussion darüber, welchen Stellenwert der Warschauer Aufstand in dem Film einnehmen sollte. In der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland noch immer weitgehend unbekannt und oft mit dem jüdischen Aufstand im Warschauer Getto verwechselt, zählt das brutal niedergeschlagene Aufbegehren der Warschauer Bevölkerung gegen die deutsche Besatzungsmacht im August 1944 in Polen zu den zentralen und allseits erinnerten Ereignissen der eigenen Geschichte. Die vier Zeitzeugen waren alle als Beteiligte am Warschauer Aufstand verhaftet und nach Deutschland verschleppt worden. Einige der polnischen Teilnehmenden wünschten sich deshalb, dass diese Tatsache im Film mehr Raum einnehmen sollte als dies letztlich zu realisieren war. Denn zugleich waren sich alle Beteiligten einig, dass die Aussagen der Zeitzeugen und ihre Erinnerungen an die menschenverachtende Behandlung, die ihnen widerfuhr, eine eigene Sprache sprechen und deshalb im Mittelpunkt des Films stehen sollten, ohne allzu viele erklärende Zwischenkommentare der jungen Filmemacher. Die Erinnerungen der Zeitzeugen an den Warschauer Aufstand stellten sich aber als weit weniger selbsterklärend dar als das, was sie über ihre Haft in Deutschland berichteten, sodass – vor allem für ein deutsches Publikum – viele zusätzliche Informationen zum Verständnis notwendig gewesen wären.

Ähnlich kontrovers war die Diskussion über einen Titel für den Film. Es gab sehr viele, sehr unterschiedliche Vorschläge, die in mehreren Abstimmungsrunden reduziert werden mussten – eine gute Lehrstunde über Mehrheitsentscheidungen und Minderheitsmeinungen, da sich einige Teilnehmenden sehr für »ihren« Titelvorschlag einsetzten und hart darum kämpften. Am Ende wurde mit »Das kann man nicht vergessen, aber keiner erinnert sich daran« der Spannungsbogen thematisiert, den die Jugendlichen immer wieder bemerkt hatten: Einerseits sind den Zeitzeugen ihre schweren Erlebnisse unvergesslich ins Gedächtnis eingebrannt – »es wird erst mit mir sterben«, beschrieb es einer von ihnen. Andererseits zögern die Nachgeborenen oder lehnen es sogar ab, sich mit diesen Erinnerungen zu konfrontieren, wie es einer der Teilnehmer, der die Gustav-Wiederkehr-Schule in Sandhofen als Grundschüler besuchte, in der Eingangssequenz des Films eindrücklich schildert.

Die Begegnung der Jugendlichen mit den vier Zeitzeugen, die individuell äußerst unterschiedlich, aber alle sehr beeindruckend vom Leben und Überleben in unmenschlichen Zeiten berichteten, machte deutlich, wie wichtig die Beachtung und das aktive Eintreten für Menschenrechte sind und was es konkret bedeutet, wenn sie mit Füßen getreten werden.
 

Patricia Degueldre ist Historikerin M.A. Sie engagiert sich ehrenamtlich im Arbeitskreis der KZ-Gedenkstätte Sandhofen e.V. Hier war sie an der Planung, Organisation und Durchführung des Filmprojektes »Menschenrechte im Blick« beteiligt, das im Programm EUROPEANS FOR PEACE der Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft gefördert wurde.

Dr. Susanne Schlösser ist Historikerin und Archivarin. Sie leitet im Stadtarchiv Mannheim – ISG die Abteilung »Historisches Archiv«, in der auch die wissenschaftliche Begleitung der KZ-Gedenkstätte Mannheim–Sandhofen angesiedelt ist. In dieser Funktion war sie an der Planung, Organisation und Durchführung des Filmprojektes »Menschenrechte im Blick« beteiligt.
 

Verein KZ-Gedenkstätte Sandhofen e.V.
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