Wegzeichen II

Erinnerungsstelen für einen der Wege des Todesmarsches der Frauen von Ravensbrück
04/1998Gedenkstättenrundbrief 82, S. 33-34
Wolf Leo

Das erste Lehm-Beton-Projekt »Ravensbrück 1945–1995« hatte zum Ergebnis neun von Fürstenberger und Granseern Schülern gestaltete Erinnerungssteine, die anläßlich des 50. Jahrestags der Befreiung an der Lagerstraße und in der Gedenkstätte aufgestellt wurden.

Als Fortsetzung des Projektes hat mit Förderung der Regionalen Arbeitsstelle für Ausländerfragen Brandenburg im Sommer 1997 das Projekt »Wegzeichen II« stattgefunden. Schüler aus Brandenburg, Berlin und Mecklenburg, zwischen 14 und 18 Jahren alt, haben sich auf die Spuren der Todesmärsche, die vom KZ Ravensbrück im Frühjahr 1945 nach Nordwesten geführt hatten, begeben.

Die Jugendlichen haben aus Lehm und Ton menschliche Körper geformt und diese in Beton gegossen. Lehm und Beton sind zwei sehr symbolische Materialien. Der erweichende Lehm und der ewig harte Beton. Das Modellieren von menschlichen Körpern und Übergießen mit Beton heißt, einen Zustand zu konservieren, Leben in seiner momentanen Form festzuhalten. Wenn die Jugendlichen ihre Figuren aus dem gehärteten Beton kratzen, passiert in ihnen eine Erfahrung: Kopf und Hand oder Hand und Bauch erleben etwas, das tiefer geht und bleibt. So sind sehr individuell gestaltete Stelen entstanden, die auf dem Weg des Todesmarsches von Ravensbrück bis Mirow als »Lebens-Zeichen« mit mehrfacher Bedeutung gesehen werden.

Wenn die dritte und vierte Generation die Möglichkeit wahrnimmt, Augenzeugen zu den Vorgängen des Todesmarsches zu befragen und ihre kreativen Fähigkeiten zu mobilisieren, ist das nicht nur symbolisch. Die Jugendlichen vom »Wegzeichen II«-Projekt haben eine Verantwortung übernommen. Sie haben Bewohner der Orte befragt und von fast allen, die damals vor Ort wohnten, eine Auskunft erhalten. Sie wurden vom einen zum anderen geschickt: »Die weiß noch was«; »Den könnte man fragen«. Meist waren es die alten Frauen – weil die Männer im Krieg waren oder heute nicht mehr leben – die von den furchtbar anzusehenden Gestalten erzählten, die durch ihre Dörfer getrieben wurden: »Es gab keinen Anfang und kein Ende, die ganze Breite der Straße war voll mit diesen Gestalten. Es war so furchtbar in diese Augen zu sehen. Wir haben ihre Sprache nicht verstanden. Sie bettelten um Wasser, Kartoffeln. ›Hunger‹, ›Durst‹ waren ihre mühseligen Worte – und dann die Aufseherinnen, die mir den Wassertopf aus der Hand schlugen, mich fragten, ob ich da mit will... .«

Häufig waren die Jugendlichen die ersten, die die »Frauen hinter den Gardinen« befragt haben. Die Berichte der Einwohnerinnen über die Ohnmacht in den Momenten, wenn der Todesmarsch durch den Ort zog, der Gewalt ausgeliefert und dabei durch Zusehen mitschuldig geworden zu sein, waren sehr eindrücklich.

Die Tatsache, daß die Gruppe der Jugendlichen einige Male in den Dörfern auftauchte, sich nach Zeitzeugen erkundigte, in der Dorfgaststätte aß, später die Stelen aufstellte, war eine vertrauensbildende Maßnahme. Nur so konnte das komplizierte Geflecht der Erinnerung freigelegt werden. Bei vielen Passagen der Erzählungen ist sehr unsicher, wo hört die Erinnerung auf und wo beginnt die Phantasie. Vieles wird durch Wiederholungen ungenau oder das lange Schweigen macht die Bilder unscharf: Eben noch sagt ein alter Mann, daß er erst nach Kriegsende in diese Gegend kam, um fünf Minuten später die Bilder vom Todesmarsch zu erzählen. Trotz aller Fragezeichen sind die Erzählungen »merk-würdig«.

Gerade bei alten Leuten sind die »Wegzeichen« positiv aufgenommen worden. Das Erkennungswort, das auf fast allen Stelen steht, »Ravensbrück« haben alle sofort mit dem Todesmarsch assoziiert. Mit jungen Leuten kamen die Gruppe weniger ins Gespräch. Sie sind offenbar auch selten von den Älteren über dieses Thema informiert worden.

So ist das »Wegzeichen II«-Projekt ein Angebot. Es wird gesehen. Die natürliche Neugier kann auch die jungen Menschen fragen lassen, was das da soll – und vielleicht ist das ein bescheidener Beitrag zum Gespräch zwischen den Generationen.