»Warum schweigt die Welt?!«

Häftlinge im Berliner Konzentrationslager 
Columbia-Haus – Beispiele jüdischer Biografien 
in der Ausstellung der Gedenkstätte 
Deutscher Widerstand
06/2014Gedenkstättenrundbrief 174, S. 16-18
Karoline Georg

Seit der Schließung des Flughafens Tempelhof im Herbst 2008 wird in der Berliner Öffentlichkeit rege um die Zukunft des Tempelhofer Feldes debattiert. Neben Vorschlägen zur Nutzung des Geländes als Baugrund oder Naherholungsgebiet wird auch ein angemessenes Gedenken an die dort während des Nationalsozialismus verübten Verbrechen gefordert. Denn hier, am nördlichen Rand des Tempelhofer Feldes, befand sich zwischen Sommer 1933 und November 1936 das Gestapo-Gefängnis und Konzentrationslager Columbia-Haus.

Fast genau 80 Jahre, nachdem die ersten Häftlinge in das Columbia-Haus gebracht wurden, erinnerte die Gedenkstätte Deutscher Widerstand mit der Ausstellung »›Warum schweigt die Welt?!‹ Häftlinge im Berliner Konzentrationslager Columbia-Haus 1933 bis 1936« im Rahmen des Themenjahrs »Zerstörte Vielfalt« 2013 an die mehr als 8000 Männer, die die Haft dort durchlitten haben.[1]

Das Columbia-Haus wurde in einer ehemaligen Militärarrestanstalt eingerichtet, die aus einem Arrestgebäude mit 156 Zellen und einigen Nebengebäuden bestand. Aus Berichten ehemaliger Gefangener wissen wir, dass die oft mit drei bis fünf Häftlingen überbelegten Einzelzellen nur spärlich ausgestattet waren: eine Pritsche mit Strohsack, ein Essnapf und ein Becher. Die Verpflegung war schlecht und unzureichend und in den Zellen waren keine sanitären Einrichtungen vorhanden.[2] Das Columbia-Haus war ein Ort völliger Rechtlosigkeit in der Verantwortung der Geheimen Staatspolizei. Die Gefangenen wurden von den SS-Wachmannschaften erniedrigt, misshandelt, gefoltert und eine unbekannte Zahl ermordet. Von den Misshandlungen und Demütigungen waren in besonderem Maße Gefangene betroffen, die im rassistischen Weltbild der Nationalsozialisten als Juden galten. Es ist bekannt, dass im Columbia-Haus namhafte jüdische Persönlichkeiten inhaftiert waren – genannt seien hier der Politiker Ernst Heilmann, Rabbiner Leo Baeck, der Arzt Georg Benjamin und Max Naumann, Ehrenvorsitzender des Verbands nationaldeutscher Juden.

Viele der Häftlinge, die von den SS-Wachmannschaften als Juden gedemütigt wurden, verstanden sich in erster Linie als Kommunisten, Sozialisten, Gewerkschafter oder Sozialdemokraten – ihre jüdische Herkunft spielte für sie oft eine untergeordnete oder gar keine Rolle. So schreibt etwa der Sozialist Erich Drucker in seinen Memoiren: »Wenn die SS-Männer die Juden als minderwertig hinstellten und verhöhnten, konnten sich die religiös oder national eingestellten Juden sagen oder wenigstens denken, dass sie stolz darauf wären, Juden zu sein. Wir Dissidenten, Atheisten, Internationale empfanden weder Stolz noch Scham, als Juden oder von Juden in die Welt gesetzt zu sein.«[3]

In der Ausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand werden insgesamt 30 Biografien ehemaliger Häftlinge des Columbia-Hauses dokumentiert, darunter auch einige von jüdischen Häftlingen: Der promovierte Jurist und Schriftsteller Kurt Hiller war überzeugter Pazifist und setzte sich seit den 1920er-Jahren für die Abschaffung des Paragrafen 175 Reichsstrafgesetzbuch ein, der männliche Homosexualität unter Strafe stellte. Er war im Juli 1933 einer der ersten Häftlinge im Columbia-Haus und der erste Gefangene, von dem wir heute wissen. Unter dem Titel »Schutzhäftling 231« veröffentlichte er 1934/35 in der Wochenzeitschrift »Die Weltbühne« einen ausführlichen Bericht über seine Haftzeit, der bis heute eine der eindrücklichsten Schilderungen der Lebensbedingungen im Columbia-Haus ist.

»Warum schweigt die Welt?!« Diese Frage stellte 1936 der Publizist und Pazifist Berthold Jacob in Erinnerung an seine Haftzeit im Columbia-Haus.[4] Jacob war Anfang März 1935 von der Gestapo aus der Schweiz nach Berlin entführt worden. Nach diplomatischen Protesten wurde er im Herbst 1935 an die Schweizer Behörden übergeben und floh 1941 mit seiner Ehefrau weiter nach Lissabon. Dort erneut von NS-Agenten entführt, wurde er im Geheimen Staatspolizeiamt in der Prinz-Albrecht-Straße 8 festgehalten. Er starb im Februar 1944 an den Folgen der Misshandlungen durch die Gestapo im Jüdischen Krankenhaus in Berlin.

Der Arzt Dr. Hans Goldberg galt im NS als Jude und war in sogenannter »Mischehe« verheiratet. Der Katholik lebte mit seiner Ehefrau in Berlin-Schöneberg und führte seine Praxis im Wedding. Dort überklebte Anfang des Jahres 1935 ein Bewohner des Hauses das Praxisschild mit dem antisemitischen Hetzblatt »Der Stürmer«. Der Arzt erwirkte daraufhin vor Gericht eine einstweilige Verfügung gegen den Nachbarn. Kurze Zeit später wurde Goldberg aus seiner Sprechstunde heraus von der Gestapo verschleppt und für vier Wochen im KZ Columbia inhaftiert. Von der schlechten Verpflegung und Unterbringung sowie den Misshandlungen trug er bleibende gesundheitliche Schäden davon.[5]

Das KZ Columbia war das einzige Lager in Berlin, das von Beginn an unter Aufsicht der SS stand und zum Ausbildungszentrum für viele spätere KZ-Kommandanten wurde.[6] Nach 1945 geriet die Geschichte des Columbia-Hauses ebenso wie die der Rüstungsproduktion und der Zwangsarbeitslager während des Zweiten Weltkriegs auf dem Tempelhofer Feld fast in Vergessenheit. An der Stelle des früheren Gefängnisses befinden sich heute eine Freifläche und der Teil eines Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Gegenüber dem ursprünglichen Standort des Gefängnisses erinnert seit 1994 ein Denkmal an die dort verübten Verbrechen.
 

Die Politologin Karoline Georg kuratierte gemeinsam mit Kurt Schilde und Johannes Tuchel diese Ausstellung. Sie promoviert derzeit an der Forschungsstelle Widerstandsgeschichte der Freien Universität Berlin zu den jüdischen Häftlingen im Berliner Konzentrationslager Columbia-Haus.

Die Ausstellung kann bei der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Stauffenbergstraße 13–14, 10785 Berlin, ausgeliehen werden. Nähere Informationen erhalten Sie hier:
www.gdw-berlin.de/fileadmin/bilder/austlg_pdf/Wanderaus_Leihbedin_KZ_Columbia-Haus.pdf
Die Ausstellung wird vom 27. Mai bis 31. Juli 2014 im Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße, Werner-Voß-Damm 54A, 12101 Berlin, gezeigt.
 

[1] Siehe auch den Katalog zur Ausstellung: Karoline Georg/Kurt Schilde/Johannes Tuchel: »Warum schweigt die Welt?!« Häftlinge im Berliner Konzentrationslager Columbia-Haus 1933 bis 1936, Berlin 2013.

[2] Vgl. Irene Mayer-von Götz: Terror im Zentrum der Macht. Die frühen Konzentrationslager in Berlin 1933/34–1936, Berlin 2008, S. 186ff.

[3] Erich Drucker: Mein letztes Kapitel zur Familien-Chronik meines Grossvaters, Part II, 1969, Leo Baeck Institute Archives, New York, ME 728/2a, S. 31.

[4] Berthold Jacob (Hrsg.): Warum schweigt die Welt, Paris 1936.

[5] Entschädigungsakte Dr. Hans Goldberg, Reg.-Nr. 2124, Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Berlin.

[6] Vgl.: Kurt Schilde/Johannes Tuchel: Columbia-Haus. Berliner Konzentrationslager 1933–1936, Berlin 1990, S. 62ff.