Walter Wuttke zum 60. Geburtstag

08/2001Gedenkstättenrundbrief 102, S. 33-34
Silvester Lechner

Lieber Walter, am 14. Februar 2001 hast Du Deinen 60.Geburtstag gefeiert. Da wir vom DZOK bei der sehr eindrucksvollen, wissenschaftlich orientierten Geburtstagsfeier samt Festschrift (vgl. Besprechung im Anschluss) in der Volkshochschule nicht dazu kamen, Deine Verdienste bezüglich unserer Einrichtung öffentlich zu würdigen, will ich das jetzt nachtragen.

Und ich tu das in Form eines Briefes, da ja unsere Beziehung in gut 20 Jahren auch eine ziemlich persönliche geworden ist. Und schließlich gehören wir einer Generation an: der Generation der Söhne von Opfern und Tätern des Nationalsozialismus.

Drei Aspekte Deiner Verdienste ums DZOK will ich hervorheben:

Als erster hauptamtlich angestellter wissenschaftlicher Mitarbeiter im Trägerverein hast Du von 1982 bis 1985 die erste Dauerausstellung in unserer Gedenkstätte erarbeitet. Sie ist seit Ihrer Eröffnung - zusammen mit Deiner bedeutenden Rede - am 19. Mai 1985 bis heute in ihren Inhalten seriös und »gültig«. Dass sie jetzt abgebaut und durch eine neue Ausstellung ersetzt wird, bedeutet prinzipiell keine Revision ihrer Aussagen. Die Ausstellung hat sich nach 15 Jahren materiell und formal abgenutzt, und wird deshalb ersetzt. Außerdem hat sich die historische Situation verändert.

• Du hast die Grundlagen geschaffen für ein ulmspezifisches, wissenschaftlich fundiertes Dokumentationszentrum zur Periode des Nationalsozialismus. Und zwar damals in den 80er Jahren ebenso wie in den späten 90er Jahren mit Deinen das Thema »Ulmer KZ-Geschichte« weit überschreitenden Recherchen.

Beispielgebend bis heute hast Du dabei die biographische Einzelüberlieferung vieler damals noch lebender Zeitzeugen verknüpft mit der Überlieferung in Archiven und Bibliotheken.

• Mit Deinem Hauptthema, der Geschichte der Medizin im Nationalsozialismus, hast Du weit über Ulm hinaus - als »Einzelkämpfer« aber gerade auch in Ulm - etwas gesucht und gefunden, das zu Deinen markantesten und bleibenden Leistungen zählt: die biographischen und ideologischen Spuren des biologischen Rassismus in Deutschland bis hin zu den lokalen Verästelungen; und vor allem auch die Spuren der Opfer, deren namenloses Leid durch Dich neu benannt werden konnte. Ein jüngstes Beispiel dafür war die Ausstellung »Ausgesondert« zur Geschichte der Ulmer »Euthanasie«-Stätte Oberer Riedhof.

Zum Schluss:

Walter, es entspräche nicht ganz der Wahrheit, wenn wir heute so tun würden als wäre alles ganz locker gelaufen. Du hast es vor allem Dir, aber auch Deinen Bezugspersonen nie leicht gemacht; und natürlich, wirst Du einwerfen, auch die haben Dirs nicht leicht gemacht. Zu Dir gehört die Rolle des »Paria«, wie Du selber schreibst, des Außenseiters um fast jeden Preis.

Aber: nur von außen, unabhängig, unbequem, provokant, so lässt sich heute feststellen, waren viele Deiner »Entdeckungen« in dieser deutschen und auch Ulmer Gesellschaft möglich. Denn im Inneren der Menschen und ihrer Institutionen dominierten dichteste Tabus bei der NS-»Bewältigung«.

Ich glaube, Walter, Du kannst auch bei Deinen Ulmer Arbeiten selbstbewusst vom Gipfel Deiner 60 Jahre zurückblicken. Und wir vom Dokumentationszentrum können froh und stolz sein, dass wir einen wie Dich hatten. Und hoffentlich noch lange haben!

Herzlich, Silvester Lechner

Dem Wissenschaftler Walter Wuttke zu Ehren

Christoph Kopke, Hrsg., Medizin und Verbrechen. Festschrift zum 60. Geburtstag von Walter Wuttke, Ulm (Klemm und Oelschläger) 2001; DM 49,80, 320 S.

Eine »kleine Überraschung«, wie Herausgeber Chrsitoph Kopke sagte, wurde Walter Wuttke am 14. Februar im Ulmer EinsteinHaus zu seinem 60. Geburtstag überreicht. Die »kleine Überraschung« ist eine gewichtige wissenschaftliche Publikation zur - im weitesten Sinn - Medizingeschichte des Nationalsozialismus geworden. 17 renommierte Wissenschaftler haben Beiträge geleistet; so zum Beispiel zu ideologischen Kernbegriffen des NS wie »Rasse und Gesellschaftsfeinde«, »Volksgesundheit«, »Euthanasie«; zu Persönlichkeiten, Bereichen, »Aktionen« im Rahmen von Konzentrationslagern, Zwangsarbeit, psychiatrischen Anstalten.

Den Abschluss bilden Aufsätze von Willi Dressen und Günther Wieland zum Umgang mit den NS-Euthanasie-Verbrechen in der Justiz von BRD und DDR.

Von kompetenter Eindringlichkeit ist Friedemann Pfäfflins (Ulmer Psychotherapie-Professor) biographischer Einführungsaufsatz »Sprechen, worüber es einem die Sprache verschlagen kann«. In ihm wird Walter Wuttke mit seinen Arbeiten zu »Heilen und Vernichten« (ein von ihm gefundenes Begriffspaar) in der NS-Medizin seit den 70er Jahren als Bahnbrecher für eine kritische Medizingeschichte gewürdigt.

Der Band wird mit einer Auswahl-Bibliographie von Wuttkes wichtigsten Aufsätzen und Büchern abgeschlossen.

Dr.Silvster Lechner ist Leiter des Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg/KZ-Gedenkstätte, Ulm.

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